Probiotika: Was die Wissenschaft wirklich über die Darmbakterien sagt
Eine „dauerhafte Linderung und Ausgeglichenheit für eine Vielzahl von Beschwerden“, soll das im Internet angebotene Probiotikum bringen. Für solch wunderbare Aussichten ist die Monatspackung für 18 Euro geradezu ein Schnäppchen. Probiotika sind lebendige Bakterien oder Hefen, die man in Form von Pulver, Flüssigkeit, Kapseln oder süßen Gummibärchen kaufen kann. Sie sollen das Wachstum potentiell krankmachender Keime bremsen und die gesunde, schützende Darmflora fördern.
Was ein gesundes Darm-Mikrobiom ist, ist nicht definiert, aber es sollte möglichst verschiedene Bakterienarten und die richtige Menge jeder Spezies enthalten. Bei bestimmten Krankheiten fand sich ein weniger vielfältiges Mikrobiom– als da wären: Übergewicht und Diabetes, chronisch entzündliche Darmkrankheiten, Depressionen, bipolare Störung bis zu Krebs. Sehr sinnvoll scheint daher die Idee, seine „Bakterien-WG“ im Darm diverser zu machen, indem man Probiotika schluckt.
Ernüchternd kommt jedoch eine Metaanalyse nun zu dem Schluss: Probiotika verändern die Vielfalt des Darmmikrobioms kaum oder gar nicht. Die Forscher hatten 22 Studien mit insgesamt 1068 Probanden ausgewertet und die Diversität mit drei Standard-Formeln berechnet. Zwischen den drei Probiotika-Ansätzen wurde kein Unterschied gefunden, egal welche Probiotika die Betroffenen eingenommen hatten oder wie lange. Dirk Haller, Lehrstuhlinhaber für Ernährung und Immunologie an der TU München und Leiter des dortigen Sonderforschungsbereichs Mikrobiom-Zusammensetzungen, wundert sich nicht über das Ergebnis.
„Ein Tropfen auf den heißen Stein“
„Wenn man Probiotika nimmt, ist das quasi nur wie ein Tropfen auf den heißen Stein“. sagt Haller. Damit meint er, dass in einem gesunden Darm hunderte verschiedener Spezies leben, aber in den meisten Probiotika-Präparaten sind nur wenige unterschiedliche Bakterienarten enthalten, oft sind es mehrere Stämme der gleichen Spezies. Haller: „Warum sollte sich die Vielfalt im Mikrobiom maßgeblich ändern, wenn ich zu meinen hunderten verschiedenen Spezies zwei oder drei dazutue?“.
Zwar bescheinigen einige Studien den Probiotika durchaus eine Wirksamkeit. Aber es gibt auch solche, die genau das Gegenteil zeigen. Das hat diverse Gründe. Manchmal wird die Wirksamkeit aber mit subjektiven Kriterien beurteilt, also etwa wie wohl sich der Patient fühlt. Das ist viel unsicherer als objektive Laborwerte, denn ein Patient mit Darmkrankheit fühlt sich vielleicht schon mit ein bisschen weniger Bauchschmerzen wohler, der andere aber nicht. Auch wurden mitunter Marker gemessen, deren Relevanz unklar ist. Zum Beispiel, wenn bei Gesunden der Entzündungsmarker CRP mit bestimmten Probiotika unbedeutend sinkt, aber den Bakterien trotzdem eine antientzündliche Wirkung bescheinigt wird.
Studien mit widersprüchlichen Ergebnissen
Probiotika werden zudem in unterschiedlichsten Studien getestet, das reicht von Versuchen im Labor oder mit Tieren bis zu Menschenstudien. Doch selbst in guten Studien mit Menschen wirkten die Probiotika, die gegen ausgewählte Beschwerde eingesetzt werden, einmal sehr gut und ein andermal kaum. Dass kann daran liegen, dass unterschiedliche Bakterien-Stämme verwendet wurden und dass Menschen individuell verschieden auf Probiotika reagieren, abhängig von Alter, Ernährung, Genetik oder ihrem eigenen Mikrobiom. „Probiotika liefern keine Garantie für ein langes, gesundes Leben”, sagt Andreas Stallmach, Direktor der Uniklinik für Gastroenterologie, Hepatologie und Infektiologie in Jena. „Man muss für jede Krankheit, jede Beschwerde jeweils schauen, ob und welcher Bakterienstamm in Studien die Symptome linderte.” Ein Stamm half etwa gegen eine Krankheit, gegen eine andere aber nicht. Und selbst nah verwandte Stämme konnten unterschiedliche Effekte haben.
Was die Wissenschaft hergibt, ist nicht viel: Gewisse Stämme können nachweislich vor Reisedurchfall schützen oder vor Antibiotika-assoziiertem Durchfall. Manche lindern die Beschwerden von Reizdarm oder Colitis ulcerosa. Auch Durchfall und Koliken bei Kindern können die Keime bessern und bei der Beseitigung des Magenkeims Helicobacter pylori helfen. Dafür, dass Probiotika antiallergisch sind oder das Immunsystem angeblich „ausgeglichener“ machen, wie ein Hersteller online suggeriert, gibt es dagegen kaum Belege. Die Leitlinie zur Allergie-Vorbeugung rät deshalb auch explizit davon ab.
Allergische Symptome bei Heuschnupfen, Asthma, Neurodermitis oder Nahrungsmittelallergien konnten manche Stämme mildern. Aber auch hier widersprechen sich die Studien, und es mangelt an der Qualität der Studien. Ähnlich bei „Wohlstandskrankheiten“: Zwar besserten bestimmte Pro- und Präbiotika ein bisschen Entzündungs- und Stoffwechselwerte und führten zu einer etwas geringeren Gewichtszunahme. Aber ob sich das langfristig oder überhaupt auf den Krankheitsverlauf bei Diabetikern, Übergewichtigen und Menschen mit nichtalkoholischer Fettleber auswirkt oder ob man sich damit vor diesen Problemen schützen kann, ist unklar.
Erwartungen werden nicht erfüllt
Die allermeisten Ergebnisse kommen ohnehin bloß von Tierexperimenten. Ebenso überzeugten die Untersuchungen zur Vorbeugung und Behandlung von Depressionen, Angststörungen, Alzheimer und Parkinson bisher nicht. Enttäuschend ebenso die zu Krebs. Zwar hemmten Probiotika das Tumorwachstum in manchen Tierversuchen und können auch Symptome einer Chemo- oder Strahlentherapie lindern. In anderen Studien zeigten sie aber keine Effekte oder verursachten gar ernsthafte Nebenwirkungen.
Probiotika werden meist recht gut vertragen. Doch vor allem in hohen Dosen können sie Bauchschmerzen, Krämpfe und Blähungen verursachen. Bestimmte Menschen sollten Probiotika nicht nehmen, sagt der Internist Stallmach, vor allem die mit geschwächtem Immunsystem. „Sind Sie sich unsicher, besprechen Sie das vorab mit Arzt oder Ärztin.”
Werbebegriff „Probiotikum“ nicht mehr erlaubt
Die mangelnde Datenlage hat vor Jahren offenbar auch schon die Politik erkannt. Rechtlich ist nämlich der Begriff „Probiotikum“ oder „probiotisch“ seit 2014 nicht erlaubt. „Die Bezeichnungen suggerieren, dass man mit den Produkten seine Gesundheit verbessern kann“, sagt Christian Karle, Fachanwalt für gewerblichen Rechtsschutz in Hamburg. Gesundheitsbezogene Angaben dürfen Hersteller aber nur auf ihre Packung schreiben, wenn diese Behauptung behördlich geprüft wurde. Aber warum kann man dann „Probiotika“-Produkte im Internet kaufen? „Da die Mittel nach Deutschland geliefert werden sollen, spricht viel dafür, dass hier ein Verstoß gegen das Gesetz vorliegt“, sagt Karle. „Dem Hersteller drohen eine Geldstrafe bis zu ein Jahr Gefängnis.”
Der Biologe Jens Puschhof sieht noch zwei große Forschungs-Hürden. Er leitet eine Forschergruppe am Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg, die den Einfluss von Bakterien auf Tumoren untersucht. „Erstens ist es schwierig, das Mikrobiom langfristig zu verändern.” Probiotika fügen sich nämlich oft nicht gut in eine existierende „Darm-WG” ein. „Dann werden sie rausgeekelt wie manchmal im echten Leben und können weder präventiv noch therapeutisch wirken”, sagt Puschof. Zweitens sei noch nicht geklärt, wann der beste Zeitpunkt für eine Probiotika-Behandlung sei und wann man sie etwas vorbeugend einnehmen müsste. Mikrobiom-Forscher Dirk Haller glaubt trotzdem an eine Mikrobiom-basierte Therapie. „Aber nicht mit den jetzt bekannten Probiotika – das ist eine Sackgasse.”
Er und andere Forscher arbeiten daran, individuell zugeschnittene Strategien zu entwickeln, mit denen man sein Mikrobiom pflegen und hoffentlich gesünder werden kann. Untersucht werden unter anderem eine individualisierte Ernährung, Bakteriophagen, also Viren, die krankheitsverursachende Bakterien im Mikrobiom verändern. Auch wird versucht, gezielt definierte Mischungen ausgewählter Bakterienstämme zu entwickeln. „Mikrobiom-Behandlungen werden irgendwann Teil von Prävention und Therapie sein“, ist Haller überzeugt. „Aber es wird noch Jahre dauern, bis wir wissen, welche Behandlungen wirken“, sagte er – und vermutlich noch Jahrzehnte bis diese neuen Ansätze auch zugelassen seien.

