Die tschechische Schriftstellerin Alice Horáčková beleuchtet in ihrem neuen Roman die komplexe Geschichte des Sudetenlandes und das Schicksal deutsch-tschechischer Familien.
Die tschechische Autorin Alice Horáčková thematisiert in ihrem 880-seitigen Roman „Geteiltes Haus“ die Geschichte des Sudetenlandes, die Vertreibung der Deutschen nach 1945 und die schwierige Aufarbeitung deutsch-tschechischer Identitäten in Familien.
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Der Roman behandelt die Geschichte des Sudetenlandes von der K.-u.-k.-Monarchie über die Annexion durch Hitler bis zur Vertreibung der Deutschen nach 1945.
Heute muss man die Männer vom Handy weglocken, vor 30 Jahren vom Fernseher, und vor mehr als 100 Jahren aus dem Wirtshaus. Mit einer wunderbaren Szene, in der Kinder von ihren Müttern und Großmüttern losgeschickt werden, um die Familienväter vom Kartenspielen heimzuholen, weil zu Hause das Abendessen fertig ist, eröffnet die tschechische Schriftstellerin Alice Horáčková ihren Roman „Geteiltes Haus“.
Es ist das interessanteste Buch zum Gastland-Auftritt Tschechiens auf der Frankfurter Buchmesse, denn es spielt im Sudetenland, dieser einst habsburgischen, seit 1918 tschechoslowakischen und nach 1938 von Hitler annektierten Region, die seit der Vertreibung der Deutschen nach 1945 rein tschechisch wurde. Hier, auf der böhmischen Seite des Riesengebirges, lebten traditionell Kleinbauern und Waldarbeiter, Glasbläser und andere Handwerker, natürlich auch Postboten, Pfarrer, Dorfschullehrer sowie einige Unternehmer. Ob man hier Emil Hollmann oder Zdenka Honcu hieß, ob man Deutsch oder Tschechisch sprach, spielte jahrhundertelang kaum eine Rolle. Benetzko ist eines der wenigen Dörfer mit tschechischer Mehrheit, und nichts hindert Zdenka Honcu daran, einen der Hollmann-Jungs aus dem Dorf zu heiraten.
Schon mit den ersten Kapiteln fächert Horáčková ein reichhaltiges Familienpanorama auf. Dorfleben heißt nicht Idylle. Schon gar nicht in dieser rauen Gegend im Schatten der Schneekoppe, wo die eine Hälfte des Jahres Winter herrscht, während es in der anderen Hälfte kalt ist.
Die Handlung setzt um 1900 ein, als man noch zur K.-u.-k.-Monarchie gehört und die Errungenschaften der Moderne auch hier ankommen, etwa „diese Bretter aus dem Ausland“. Wie Zdenka Skifahren lernt und die Erotik dazu, wird so filigran geschildert, dass man bei diesem Buch – trotz seiner 880 Seiten – früh weiß: Auf diese Figuren will man sich einlassen, in diese Familiensaga möchte man sich versenken. Horáčková hält die meisten Kapitel vignettenkurz. Sie kann flotte Dialoge und kompakte, prägnante Szenen.
In Benetzko gibt es „keine Hochzeit, keine Taufe und kein Tanzfest ohne Keilerei“, aber das hat nichts mit ethnischer Zugehörigkeit zu tun, sondern mit ganz normalen Nachbarschaftsfehden, wie man sie seit Gottfried Keller kennt. Politisch wird es erst, als die Menschen im neuen Staat Tschechoslowakei ihre Zugehörigkeit in Volkszählungen vereindeutigen sollen. Horáčková schildert, durchaus mit Sinn für Tragikomik, wie dabei – auf beiden Seiten – betrogen und manipuliert wurde. Im Kampf ums eigene Schulhaus zeichnet sich der (von Funktionären aus fernen Hauptstädten befeuerte) Kulturkampf schon früh ab. Nach dem Münchner Abkommen 1938 wird Benetzko plötzlich geteilt. Der obere (deutsche) Teil darf nur noch mit Passierschein betreten werden, was Dorfleben und Post vor absurde Herausforderungen stellt.
Durch die Multiperspektive seiner Figuren ergreift „Geteiltes Haus“ keine nationale Partei, sondern erzählt: tschechische und deutsche Figuren, Opfer, Täter, Mitläufer – und alles, was dazwischen ist. An einer Figur wie Hans Hollmann, dem Textilhändler, wird erzählt, dass und wie auch nicht ideologische Deutsche nach Anschluss des Sudetenlandes und deutscher Okkupation der „Rest-Tschechei“ die Gelegenheit ergriffen, sich durch Arisierungskredite zu bereichern. Reinhard Heydrich, Hitlers Statthalter im „Protektorat Böhmen und Mähren“, und seine Frau Lina, sind als Personen der Zeitgeschichte mit in die Romanhandlung eingewoben. Jahreszahlen und zeitgeschichtliche Ereignisse bringt Horáčková sehr dosiert in den Roman ein, womit sie ihre Familiensaga nicht zur bloßen Staffage zeithistorischer Ereignisse degradiert.
Ähnlich wie viele Deutsche es während der Nazijahre für sich ausnutzten, dass sie im Kleinen das Sagen hatten, agierten nach der deutschen Niederlage am Ende des Zweiten Weltkriegs einige Tschechen, die noch vor der offiziellen Ausweisung bei Nachbarn plündern: „Ihr habt drei Stunden Zeit zu packen. Die Schlüssel lasst ihr draußen im Schloss stecken.“ Am Ende bleibt Bitterkeit auf beiden Seiten: bei den Vertriebenen, die in ihrer neuen Heimat, oft Bayern, als „Böhmacken“ beschimpft werden. Und bei den Verbliebenen, die nun „so tun, als wären sie Tschechen“. Was aber wurde aus den gemischten Existenzen?
Horáčková, 1980 geboren, gehört zu den jüngeren Tschechen, die das Deutsche, das lange Teil von Böhmen war, heute suchen. Ihre eigene Familie hatte einen deutschen (Hollmann-)Zweig, der nach 1945 einen tschechischen Namen angenommen und seine deutsche Identität bis in die übernächste Generation totgeschwiegen hat. Mit den Beneš-Dekreten haben die Tschechen nicht nur die Deutschen vertrieben, sondern auch alles Deutsche aus sich selbst. Dass es in der Geschichte immer dann garstig wird, wenn nurmehr das Sortenreine und Eindeutige etwas gilt, ist eine Erfahrung, von der in diesem Herbst auch der Historiker Andreas Kossert am Beispiel seiner Großmutter erzählt („Elsas Welt“).
Horáčková hat für ihr Buch bei Verwandten, in Archiven und Pfarrchroniken recherchiert. Weil jeder Verwandte ihr seine Version der Dinge erzählte, wusste sie früh: Das muss ein Roman werden. Kein Medium bietet mehr Möglichkeiten für Zwischentöne und Uneindeutigkeiten.
Dass Tschechen auch Täter und Deutsche auch Opfer sein können, hat vor knapp 20 Jahren, als Radka Denemarkovás Roman „Ein herrlicher Flecken Erde“ erschien, noch Debatten ausgelöst. Heute bearbeiten in Tschechien viele Historiker und Schriftsteller das Thema, nur in „Familien wird immer noch geschwiegen“, sagte Horáčková bei einer Veranstaltung zu „Geteiltes Haus“. Ihrem Roman sind viele Leser zu wünschen – und vielleicht sogar eine Verfilmung.
Alice Horáčková: Geteiltes Haus. Aus dem Tschechischen von Sophia Marzolff. Diogenes, 880 Seiten, 28 Euro
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