
Thomas Lillelund, Chef von Allianz Commercial, sieht durch Künstliche Intelligenz wachsende Kumulrisiken und fordert öffentlich-private Partnerschaften.
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Allianz Commercial vereint das Industrieversicherungsgeschäft der Allianz. Das Unternehmen erzielte 2025 Bruttoprämieneinnahmen von rund 17,3 Milliarden Euro.
München. Künstliche Intelligenz (KI) könnte nach Einschätzung von Thomas Lillelund, Vorstandschef von Allianz Commercial, Risiken hervorbringen, die „nicht vollständig versichert werden können“. Für umfassende Großschäden, die viele Kunden auf einmal träfen, seien öffentlich-private Lösungen oder Partnerschaften notwendig, sagt Lillelund, der seit gut anderthalb Jahren Chef des Industrieversicherungsgeschäfts der Allianz ist, im Handelsblatt-Gespräch.
Sorgen bereitet Lillelund vor allem die wachsende Abhängigkeit der Unternehmen von wenigen Anbietern großer KI‑Modelle. „Diese Abhängigkeit könnte noch steigen“, warnt Lillelund. Fällt einer dieser Anbieter aus oder schränkt seine Dienste ein, könnten zahlreiche Unternehmen betroffen sein – und zum Beispiel wichtige Geschäftsprozesse plötzlich nicht mehr umsetzen. Risiken, die viele Unternehmen zeitgleich treffen, nennt man Kumulrisiken.
Das Thema beschäftigt auch Vertreter anderer Versicherer. Clemens Jungsthöfel, Vorstandsvorsitzender des weltweit drittgrößten Rückversicherers Hannover Rück, warnte im Interview mit dem Handelsblatt vor der wirtschaftlichen Abhängigkeit von digitalen Infrastrukturen durch den zunehmenden KI‑Einsatz. Die Prämien spiegelten diese Risiken in der Rückversicherung nicht wider, sagte er.
„Als Versicherer müssen wir überlegen, wie wir solche Kumulrisiken absichern können“, sagt Lillelund. Zugleich müsse sich die Gesellschaft fragen, ob sie eine solche Konzentration überhaupt wolle. Allianz Commercial habe ein eigenes Zentrum gegründet, das KI-Schäden untersuchen und mögliche Kumulrisiken identifizieren soll.
Unter der Marke Allianz Commercial vereint die Allianz das Geschäft der Tochtergesellschaft Allianz Global Corporate & Specialty SE (AGCS) für große Unternehmenskunden und das Geschäft der operativen Einheiten der Allianz, die in verschiedenen Ländern mittelgroße Firmen versichern. Im Jahr 2025 erzielte Allianz Commercial weltweit Bruttoprämieneinnahmen in Höhe von rund 17,3 Milliarden Euro.
Die Risiken, die von KI ausgehen, sowie die potenzielle Häufigkeit und Schwere von KI-bedingten Schäden nehmen aus Lillelunds Sicht zu. „Bei KI sehen wir viele Parallelen zu den Entwicklungen im Cyberbereich, besonders was die sogenannten stillen Schäden angeht“, erklärt Lillelund.
Die Versicherungsindustrie müsse dabei für Schäden aufkommen, für die die Verträge ursprünglich nicht vorgesehen gewesen seien. Lillelund weiter: „KI-Risiken durchdringen mittlerweile viele andere Produkte und müssen transparenter gezeichnet werden. Ich halte es für möglich, dass KI-Risiken in Zukunft eine eigene Versicherungssparte werden.“
Konkret verändere KI das Risikoprofil von Unternehmen auf drei Arten, erklärt Lillelund. Erstens könne sie unmittelbar einen Schaden verursachen – zum Beispiel, wenn ein KI-gestütztes System einen physischen Schaden oder eine direkte Verletzung verursacht. Noch beobachtet Allianz Commercial laut Lillelund in diesem Bereich wenige Schadenmeldungen. Sie dürften künftig aber zunehmen.
Zweitens könne KI indirekt Schäden auslösen. Als Beispiel nennt Lillelund Rechtsstreitigkeiten, zum Beispiel wenn ein Unternehmen seine eigenen KI-Fähigkeiten besser darstellt, als sie tatsächlich sind – etwa im Rahmen eines Börsengangs.
KI sei dabei nur eines von mehreren bedeutenden Risiken für die Kunden von Allianz Commercial. Daneben spielten der Klimawandel, Cyberangriffe, Lieferkettenstörungen und Betriebsunterbrechungen eine wichtige Rolle. „Geopolitische Spannungen sind die neue Normalität, gleichzeitig steigt die Komplexität der Risiken“, sagt Lillelund.
Auch eine aktuelle Analyse des Rückversicherers Swiss Re und der London School of Economics kommt zu dem Ergebnis, dass Risiken heute stärker miteinander verknüpft seien als noch vor ein paar Jahren. Dadurch entstünden neue Wege, über die sich zunächst begrenzte Störungen schneller und weiter in der Wirtschaft ausbreiten könnten. KI und Lieferketten entwickelten sich dabei zu wichtigen Knotenpunkten.
Ivan Gonzalez, Chef von Swiss Re Corporate Solutions, sagt: „Ein Unternehmen kann gut diversifiziert erscheinen, bis sich zeigt, dass Lieferanten, Technologie und Kunden auf dieselbe Infrastruktur zugreifen.“ Eine einzige Störung könne dann mehrere Bereiche gleichzeitig treffen. „Wer diese Abhängigkeiten kennt, kann Risikokonzentrationen reduzieren und besser entscheiden, welche Risiken selbst getragen und welche übertragen werden sollen“, so Gonzales weiter.
Unterdessen nutzt auch Allianz Commercial selbst Künstliche Intelligenz, um die eigenen Abläufe zu beschleunigen. Mit einem Tool zur Überprüfung von Umwelt-, Sozial-, Führungs- und Reputationsrisiken habe das Unternehmen die Bearbeitungszeit für Versicherungspolicen von 20 Minuten auf zwei Minuten verkürzt, sagt Lillelund. Auch die Antwortzeit für eine erste Einschätzung komplexer Fälle sei von fünf Tagen auf einen Tag gesunken.
Für Lillelund ist ein verstärkter KI-Einsatz im eigenen Unternehmen auch deshalb wichtig, damit die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mehr Freiräume erhalten, um die Wachstumsstrategie von Allianz Commercial umzusetzen. Vorantreiben will Lillelund vor allem die internationale Expansion.
„Wir haben eine bedeutende Marktposition in Deutschland und machen dort etwas mehr als ein Fünftel unseres Geschäfts“, erklärt er. In den USA, dem größten Versicherungsmarkt der Welt, sei der Marktanteil aber zum Beispiel noch relativ gering. „Vor allem im Geschäft mit besonders komplexen Spezialrisiken wollen wir noch zulegen.“
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