Amundi lanciert BIP-gewichteten Welt-ETF als Alternative zu marktkapitalisierungsgewichteten Fonds
Quick Look
- Amundi bietet seit Mitte Mai den FTSE All World GDP-Weighted Ucits ETF an, der das US-Aktiengewicht von über 62 auf etwa 31 Prozent halbiert und stattdessen Schwellenländer wie China und Indien stärker gewichtet.
- Experten sehen Vorteile bei der Risikostreuung, warnen aber vor höheren Kosten, politischer Exponierung gegenüber China und der Frage, ob Wirtschaftsleistung tatsächlich die investierbaren Aktien abbildet.
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Why It Matters
Standard-ETFs wie jener tracking den MSCI World oder FTSE All World gewichten Aktien nach Marktkapitalisierung, was zu einer starken Übergewichtung der USA und insbesondere von Technologieaktien führt. Amundi bietet seit Mitte Mai einen ETF an, der stattdessen nach Bruttoinlandsprodukt gewichtet, um eine breitere Darstellung der globalen Wirtschaftsleistung zu erreichen.
Frankfurt. Standard-Börsenfonds folgen meist einer simplen Regel: Je höher der Wert der frei gehandelten Aktien, desto größer der Anteil am Portfolio. Steigen etwa US-Titel stärker als jene aus dem Rest der Welt, wächst auch das US‑Gewicht. Beim Industrieländerindex MSCI World beträgt es aktuell mehr als 70 Prozent.
Der französische Fondsriese Amundi bietet Anlegerinnen und Anlegern seit einigen Wochen eine Alternative: einen nach dem Bruttoinlandsprodukt (BIP) gewichteten Welt-ETF. Das mindert das Konzentrationsrisiko, vor allem am US‑Aktienmarkt. Experten sehen aber neue Probleme – und eine Alternative.
Mit dem „Amundi FTSE All World GDP-Weighted Ucits ETF“ (ISIN: IE000KCKFHE8) können Anleger seit Mitte Mai in ein nach dem Bruttoinlandsprodukt gewichtetes Portfolio investieren. Der ETF bildet dafür den Börsenindex FTSE All-World GDP-Adjusted nach. Das Portfolio wird in drei Schritten aufgebaut:
Laut dem Anbieter ist es der erste nach dem BIP gewichtete ETF, der nach den verbreiteten Ucits-Richtlinien aufgelegt wurde. Ganz neu ist der Ansatz trotzdem nicht. Der Vermögensverwalter Gerd Kommer bietet mit dem „L&G Gerd Kommer Multifactor Equity“ (ISIN: IE0001UQQ933) einen Börsenfonds, der die staatliche Wirtschaftskraft zumindest teilweise berücksichtigt. Auch der „Arero“-Fonds der Deutsche-Bank-Tochter DWS orientiert sich beim Aktieninvestment am regionalen Bruttoinlandsprodukt.
Die Idee: Der Ansatz soll den tatsächlichen Einfluss auf die Realwirtschaft widerspiegeln und jene Länder höher gewichten, die gemessen an ihrer Wirtschaftskraft in anderen ETFs unterrepräsentiert sind. Gleichzeitig soll das Konzentrationsrisiko sinken. Arne Scheehl, Produktentwickler bei Amundi, sagt: „Das Produkt ist hoch diversifiziert, investiert in Industrie- und Schwellenmärkte und ist nicht so kopflastig wie normale Welt-ETFs.“
Manche Anlageexperten warnen seit Langem vor dem hohen Anteil von US‑Aktien und Einzeltiteln bei globalen Standard-ETFs. Im Vergleich zum FTSE-All-World-Index ergeben sich beim BIP-gewichteten FTSE-Ansatz deutliche Unterschiede. So halbiert sich der Anteil von US-Aktien mit Stand Ende August von mehr als 62 auf etwa 31 Prozent. Dafür steigt der Anteil von Schwellenländern wie China und Indien. Der Anteil deutscher Aktien steigt ebenfalls, von knapp zwei auf knapp fünf Prozent.
Damit sinkt auch die Bedeutung von Tech-Aktien. Der Sektor macht nach Anbieterangaben beim BIP-Ansatz statt einem Drittel weniger als ein Viertel des Portfolios aus – und kommt damit auf den gleichen Anteil wie Finanztitel. Auch das Gewicht der größten Einzelaktie, Nvidia, war mit etwas mehr als zwei Prozent zuletzt nur halb so groß wie im FTSE-All-World-Index.
Jannes Lorenzen, Geschäftsführer des Portals JustETF, weist vor allem auf die „sehr deutliche Verschiebung“ bei US-Aktien hin. Der Amundi-ETF ist seiner Meinung nach grundsätzlich sinnvoll und vor allem für Anleger interessant, die den Anteil von US-Aktien senken wollen.
Gerechnet hätte sich der BIP-Ansatz in den vergangenen Jahren indes nicht. Über fünf Jahre wäre der entsprechende FTSE-Index laut Anbieter zuletzt auf eine Dollar-Rendite von durchschnittlich 9,3 Prozent gekommen. Beim FTSE-All-World-Index waren es 11,4 Prozent. In dem Zeitraum sind US-Aktien, vor allem aus dem Technologiebereich, besonders stark gestiegen, während Schwellenländeraktien schwächer abschnitten.
Zwei Perioden sprechen trotzdem für den Ansatz: Vor der Finanzkrise hätte der BIP-Index die Standardversion deutlich geschlagen, wie die FTSE-Analysten Andreas Schroeder und Janki Khatri ausgewertet haben. Und auch 2025 lief der BIP-Ansatz besser. In beiden Perioden sind Schwellenländeraktien vergleichsweise stark gestiegen.
Während auf der Marktkapitalisierung basierende Ansätze jenen Aktienmärkten mehr Kapital zuteilen, die schon gestiegen sind, agiert der BIP-Ansatz laut den FTSE-Analysten umgekehrt und senkt das Gewicht von Ländern, deren Aktienmärkte schneller wachsen als die Wirtschaft. Der BIP-Ansatz kann also antizyklisch wirken.
Ali Masarwah, Chef des Fondsberaters Envestor, betrachtet den Ansatz dennoch skeptisch. Er sieht in einem BIP-ETF einen sogenannten One-Stop-Shop, mit dem Anlegern ein einzelnes Produkt für das gesamte Portfolio versprochen werde. „Bei dem Bestreben, etwas zu optimieren, macht man andere Baustellen auf“, sagt er.
Zwar senke man mit dem BIP-Ansatz das US‑Gewicht. Dafür erhalte China aber einen großen Anteil. Im Amundi-ETF beträgt er derzeit mehr als 15 Prozent. „Investitionen in chinesische Aktien sind mit ganz anderen politischen Risiken behaftet als Investitionen in vielen anderen Ländern“, sagt Masarwah. Das gelte vor allem für staatlich kontrollierte Banken.
Den hohen Anteil chinesischer Aktien räumt auch Amundi-Produktentwickler Scheehl ein. „Wenn Anleger auf einen BIP-gewichteten Ansatz setzen, kommen sie auf weniger USA und mehr China“, sagt er. „Anleger sollten diese Effekte kennen.“
Lorenzen sieht noch zwei weitere Nachteile. Zum einen seien die Gebühren höher als bei anderen großen Welt-ETFs. Der Amundi-ETF kommt auf Verwaltungsgebühren von jährlich 0,3 Prozent. Der nach Angaben von JustETF größte Börsenfonds für den FTSE-All-World-Index kommt auf 0,14 Prozent. Hinzu kommen noch Transaktionskosten, die Amundi auf 0,1 Prozent schätzt. Auch dieser Wert ist höher als beim Standard-ETF von Vanguard.
Der Unterschied bei den Verwaltungsgebühren sei über einen Anlagezeitraum von 20 oder 30 Jahren „nicht nichts“, sagt Lorenzen. „Das kostet Rendite.“
Zum anderen sage die Wirtschaftskraft nichts darüber aus, wie viele Unternehmen in einem Land tatsächlich über die Börse investierbar seien, sagt Lorenzen. „Deshalb besteht die Gefahr, in einem wirtschaftsstarken Land mit einem niedrigen Anteil börsennotierter Unternehmen sehr konzentriert in diese Aktien zu investieren.“
Masarwah sieht eine bessere Alternative: „Anleger können mit mehreren ETFs gezielter investieren als mit einem BIP-gewichteten ETF.“ Mit fünf Börsenfonds könne man Industrie- und Schwellenländer separat abbilden, Nebenwerte abdecken, Europa beimischen und mit einem Ex-USA-ETF das US-Gewicht senken. Dann könnten Anleger die einzelnen Komponenten so gewichten, dass sie zu den eigenen Präferenzen passten. Ex-USA-ETFs bieten etwa Zugang zu einem nach Marktkapitalisierung gewichteten Portfolio, bei dem die USA ausgeschlossen sind.
Gegen den Ansatz, mit mehreren ETFs das US-Gewicht zu senken, spricht laut Scheehl, dass Anleger ihr Portfolio dann regelmäßig neu gewichten müssen. Für Privatanleger habe das auch einen Steuereffekt. „Der BIP-gewichtete ETF hat hier Vorteile in der Handhabung“, sagt er.
„Nur wegen einer Hoffnung auf Outperformance sollte niemand einen BIP-ETF kaufen“, sagt Lorenzen. Wer aber Risiken im Portfolio senken wolle, könne sich das Amundi-Produkt anschauen: „Bei BIP-gewichteten Indizes wird die extreme Konzentration einzelner Länder abgemildert. Ein Einbruch von US-Aktien würde einen BIP-gewichteten ETF aktuell deutlich weniger stark treffen als Standard-ETFs.“
What to Watch
AI outlook — possibilities, not facts
Bei anhaltender Schwellenländer-Stärke könnte der BIP-ETF langfristig bessere risikoadjustierte Renditen bieten als marktkapitalisierungsgewichtete ETFs.
Possible · Within years
Open Questions
- Wie wird sich die Performance des BIP-ETF bei einer längeren Phase von Schwellenländer-Outperformance entwickeln?
- Wird die höhere Kostenstruktur des Amundi-ETF durch bessere Risikoadjustierung langfristig kompensiert?
- Wie liquide ist der BIP-ETF im Vergleich zu etablierten Standard-ETFs?






