Archäologische Funde in Sachsen-Anhalt belegen römische Militärpräsenz im 3. Jahrhundert
Neue Entdeckungen von Marschlagern in Niedersachsen, Thüringen und Sachsen-Anhalt stützen antike Berichte über römische Feldzüge tief in Germanien.
Quick Look
- Archäologen haben in Sachsen-Anhalt vier römische Marschlager entdeckt.
- Die Funde, darunter Feldbacköfen und Keramik, stützen historische Berichte über römische Militäroperationen im 3.
- Jahrhundert n.
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Why It Matters
Lange Zeit galten Berichte römischer Autoren über Siege im Inneren Germaniens als kaiserliche Propaganda. Neue archäologische Funde in Mitteldeutschland belegen nun die tatsächliche Präsenz römischer Legionen.
Lange Zeit galten viele Zeugnisse römischer Autoren, die im 3. Jahrhundert von großen Siegen in Germania magna, im Inneren Germaniens, berichten, als Ausflüsse kaiserlicher Propaganda. Denn Schriftstellern wie Herodian oder dem Autor der „Historia Augusta“ wurde keinerlei Quellenkritik zugebilligt, geschweige denn Erfahrungen in Politik oder Kriegsführung. Zwar nahmen die Kaiser gern den Ehrentitel eines „Germanicus Maximus“ an, aber ob sie jenseits des Limes jemals weiter als einige Dutzend Kilometer gekommen waren, schien doch sehr fraglich.
Spektakuläre Funde in Niedersachsen, Thüringen und unlängst in Sachsen-Anhalt korrigieren diese Ansicht. So gab das Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt Anfang 2026 die Entdeckung von vier römischen Marschlagern unweit der Elbe bekannt. Begehungen und Sondierungsgrabungen hätten bestätigt, was Meldungen ehrenamtlicher Denkmalpfleger sowie Luftbilder vermuten ließen: In Aken (Landkreis Anhalt-Bitterfeld), Trabitz (Salzlandkreis) und Deersheim (Landkreis Harz) lagerten wahrscheinlich im frühen 3. Jahrhundert n. Chr. Legionäre.
Jüngste Grabungen bei Deersheim unweit der Grenze zu Niedersachsen förderten weitere Spuren eines Marschlagers ans Licht. Dazu gehören die Überreste von zwei Feldbacköfen. „Die Form der Öfen ist ganz typisch für diese Marschlager“, sagt Martin Freudenreich vom Landesamt. Erhalten sind vor allem Strukturen aus gebranntem Lehm. Zu erkennen seien die eigentliche Ofenkammer, der Platz für das Brennmaterial und die Zone vor dem Ofen.
Anhand von Holzkohle aus den Brenngruben wollen die Forscher die Öfen nun genauer datieren. Dafür wurden Proben entnommen, die mit der Radiokohlenstoffmethode untersucht werden. In den Öfen könnten zudem noch Keramikfragmente entdeckt werden. Größere Funde seien dort allerdings nicht zu erwarten, bremst Freudenreich die Erwartungen.
Zu den bislang geborgenen Gegenständen zählen das Fragment einer sogenannten Elbefibel, Eisennägel und Bruchstücke römischer Keramik. Darunter befindet sich auch „Terra Sigillata“, eine rotgebrannte Feinkeramik, die damals als Luxusware im Imperium gehandelt wurde.
Untersucht wurde auch der für römische Marschlager typische Spitzgraben. Bei Deersheim ist er rund einen Meter tief und etwa 1,10 Meter breit. Insgesamt erstreckt sich das Hindernis nach bisherigen Erkenntnissen über anderthalb bis zwei Kilometer. Dass sich im Graben kaum Funde befinden, führen die Forscher auf die kurze Nutzungsdauer zurück. Die römischen Einheiten blieben dort vermutlich zwischen einem Tag und höchstens einer Woche.
Insgesamt umfasste das Lager rund 20 Hektar, was auf die Anwesenheit von einer Legion, rund 6000 bis 8000 Mann, schließen lässt. Die Marschlager in Aken und Trabitz boten mit einer Größe von 60 Hektar dagegen wohl zwei Legionen samt Hilfstruppen Platz.
Geht man davon aus, dass die Legionen in parallelen Kolonnen marschierten, also getrennte Lager anlegten, sind das Größenordnungen, wie sie für ein Heer unter Führung eines Kaisers angenommen werden können. Die lange vertretene These, Berichte über erfolgreiche Vorstöße im frühen 3. Jahrhundert tief nach Germanien hinein könnten allein mit Propaganda aus dem Palast erklärt werden, verliert damit weiter an Gewicht.
Schon 2009 war in Hachelbich (Kyffhäuserkreis) in Thüringen ein römisches Marschlager entdeckt worden, das größenmäßig der Anlage in Deersheim entspricht, möglicherweise – bislang konnte nicht der ganze Umfang ermittelt werden – aber auch zwei kriegsstarken Legionen diente. Wenige Kleinfunde bieten ein breites Datierungsspektrum zwischen dem 1. und 3. Jahrhundert.
Sollte sich die frühe Ansetzung erhärten, würde das zum Germanienfeldzug des Domitian (reg. 81–96) im Jahr 83 passen. Zusammen mit den neuen Funden in Sachsen-Anhalt werden jedoch zwei kaiserliche Operationen wahrscheinlich, die nach Auskunft der Quellen im frühen 3. Jahrhundert durchgeführt wurden. So soll 213 Caracalla (reg. 211–217) aus der Severer-Dynastie einen erfolgreichen Vorstoß gegen die Alamannen unternommen haben. Da diese aber im Main-Gebiet lokalisiert werden, rückt ein anderes Unternehmen in den Fokus.
235/36 führte Maximinus Thrax (reg. 235–238) das Heer, das ihn zuvor in Mogontiacum (Mainz) zum (ersten Soldaten-)Kaiser proklamiert hatte, tief nach Germanien hinein. Viele Forscher verbinden die Schlacht, deren zahlreiche Spuren seit 2008 am Harzhorn (Landkreis Northeim) am Westrand des Harzes ergraben werden, mit diesem Feldzug.
Die Rekonstruktion der Kämpfe hat gezeigt, dass hier Germanen ein römisches Heer attackierten, von diesem aber unter Einsatz von Artillerie und orientalischen Bogenschützen (die oft den Kaiser begleiteten) zurückgeschlagen wurden. „Es wurde praktisch das gesamte Heer der Barbaren vernichtet, und der Kaiser war der vorderste Mann auf dem Schlachtfeld. Der Sumpf war mit Leichen übersät, und das Moor war rot vom Blut“, berichtet Herodian.
Dass die Römer am Harzhorn offenbar auf dem Rückmarsch Richtung Mainz waren, macht eine Route über Thüringen und Sachsen-Anhalt bis nach Niedersachsen, also einmal um den Harz herum, plausibel. Das würde die Anlage der fünf Marschlager in Thüringen und Sachsen-Anhalt erklären.
Open Questions
- Können die Öfen mittels Radiokohlenstoffmethode exakt datiert werden?
- Welche weiteren Funde verbergen sich in den Marschlagern?


