Studie zeigt: Persönlichkeit wird durch Gene und Umwelt geprägt
Quick Look
- Eine Auswertung von Daten von 1,1 Millionen Menschen zeigt, dass rund 1200 genetische Varianten mit den Big Five Persönlichkeitsmerkmalen verbunden sind.
- Der genetische Anteil liegt zwischen fünf und 13 Prozent, während Umweltfaktoren und andere Einflüsse den Rest erklären.
- Bestimmte genetische Profile korrelieren mit Gesundheitsverhalten und Wohnortwahl.
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Why It Matters
Die Forschung hat lange Zeit angenommen, dass die Umwelt die Persönlichkeit formt. Neue genetische Datensätze ermöglichen nun die Analyse von Zusammenhängen zwischen DNA und Persönlichkeitsmerkmalen.
Die Umwelt formt die Persönlichkeit eines Menschen. Das glaubte die Forschung lange Zeit. Neue Forschungsergebnisse zeichnen jedoch ein komplexeres Bild: Zusätzlich zu Umwelteinflüssen spielen auch die Gene eine Rolle. Das zeigen Auswertungen von riesigen genetischen Datensätzen, die mittlerweile verfügbar sind.
Viele Merkmale eines Menschen sind an bestimmten Stellen der DNA angelegt. Ein Forschungsteam der University of Michigan ging der Frage nach, wie viele Stellen auf der DNA eines Menschen mit einem Persönlichkeitsmerkmal zusammenhängen. Sie werteten dazu insgesamt die Daten von rund 1,1 Millionen Menschen aus und veröffentlichten die Studie im Fachmagazin „Nature“.
Die Teilnehmer hatten zuvor Fragebögen ausgefüllt, mit denen die „Big Five“ der Persönlichkeitsmerkmale erfasst wurden. Denn jahrzehntelange Forschung hat gezeigt: Menschliche Persönlichkeitsmerkmale lassen sich durch diese fünf Faktoren zusammenfassen.
Dazu zählen:
Offenheit für Erfahrungen: Menschen, die offen für Neues sind, zeigen sich erfinderisch und neugierig. Sie streben nach Abwechslung im Alltag und möchten neue Dinge ausprobieren. Menschen mit einer niedrigen Ausprägung dieser Dimension handeln eher konservativ und vorsichtig. Sie bevorzugen das bereits Bekannte und Vertraute.
Gewissenhaftigkeit: Gewissenhafte Menschen handeln organisiert, sorgfältig und zuverlässig – und neigen teils zu einem übermäßigen Perfektionismus. Personen, die eine niedrige Ausprägung in dieser Dimension aufweisen, handeln eher unbekümmert, spontan und manchmal auch nachlässig.
Extrovertiertheit: Während extrovertierte Menschen gesellig, sozial aktiv und herzlich sind, gewinnen introvertierte Personen hingegen ihre Energie in ruhigen Umgebungen, allein oder mit wenigen Personen.
Verträglichkeit: Ein hohes Maß an Selbstlosigkeit und Hilfsbereitschaft trifft auf verlässliche Menschen zu. Sie agieren empathisch und wohlwollend. Weniger verträgliche Menschen sind tendenziell konfliktbereiter, misstrauischer gegenüber anderen Menschen und wettbewerbsorientiert.
Neurotizismus: Emotionalität und Verletzlichkeit stehen einem selbstsicheren und ruhigen Gemüt gegenüber. Menschen mit einer geringen Ausprägung lassen sich weniger schnell durch externe Ereignisse irritieren und haben auch seltener negative Emotionen.
Die Analyse zeigte, dass es rund 1200 genetische Varianten gibt, die mit den Ausprägungen dieser Persönlichkeitsmerkmale zusammenhängen. Es sind Stellen im Erbgut, die statistisch mit Unterschieden in der Persönlichkeit zusammenhängen.
Die Forscher identifizierten dabei insgesamt 1194 unabhängige genetische Signale, die mit den Big Five zusammenhängen. Einige Merkmale seien überraschenderweise mit mehreren genetischen Varianten verknüpft, schreiben die Wissenschaftler in der Studie.
So wurden zum Beispiel die Stellen auf der DNA, die mit der Gewissenhaftigkeit verbunden waren, von drei auf 131 erweitert. Zudem wurden dem Neurotizismus zuvor 224 genetische Varianten zugeschrieben. Auch hier erweiterten die Forscher den genetischen Fund um weitere 482 Stellen im Erbgut. Das zeigt, wie komplex die genetischen Grundlagen der Persönlichkeit sind: Statt eines Gens tragen viele verschiedene genetische Varianten dazu bei.
Der Anteil der Unterschiede, die genetisch bedingt waren, lag je nach Persönlichkeitsmerkmal zwischen rund fünf und 13 Prozent in den populationsbasierten Analysen. Der verbleibende Anteil lässt sich durch diese genetischen Varianten nicht erklären und kann unter anderem auf Umweltfaktoren, andere genetische Faktoren und Messfehler zurückgehen.
Anschließend zeigte sich, dass dieselben genetischen Faktoren auch mit verschiedenen Facetten des Lebens korrelieren.
So fand man heraus, dass gewissenhafte Menschen genetisch bedingt häufiger Verhaltensweisen an den Tag legen, die ihrer Gesundheit zugutekommen. Dazu gehören mehr Sport, weniger Substanzkonsum, eine Vorliebe für kalorienärmere Lebensmittel, ein niedrigerer BMI und weniger Krankenhausaufenthalte.
Genetische Varianten, die mit stärkerem Neurotizismus zusammenhängen, waren auch mit einem höheren Risiko für verschiedene psychische Erkrankungen verbunden. Bei Menschen, die als verträglicher gelten, wiesen die genetischen Variationen ein geringeres Risiko für psychische Erkrankungen auf.
„Die Persönlichkeit spielt eine zentrale Rolle für alle möglichen menschlichen Verhaltensweisen“, sagt Michel Nivard gegenüber dem Fachmagazin „Nature“. Nivard ist genetischer Epidemiologe an der Universität Bristol und hat die Studie begleitet.
Demnach zogen Menschen mit einer genetischen Neigung zu höherer Offenheit im späteren Erwachsenenalter häufiger in kosmopolitische, städtisch geprägte Gegenden. Eine höhere Offenheit korrelierte zudem mit einer Vorliebe für erworbene Geschmäcker wie Kaffee, würzigen Käse und Essiggurken. Menschen mit einer genetischen Neigung zu höherer Gewissenhaftigkeit zogen dagegen häufiger in wohlhabende Vororte.
Einige dieser Schlussfolgerungen stammen aus Studien zur „Mendelschen Randomisierung“ (MR), einem epidemiologischen Instrument, das versucht, den kausalen Zusammenhang zwischen Merkmalen und Gesundheitsergebnissen zu ermitteln. Nivard mahnt jedoch zur Vorsicht bei der Interpretation der MR-Ergebnisse seines Teams als Indiz für einen Kausalzusammenhang.
What to Watch
AI outlook — possibilities, not facts
Weitere Studien werden die Wechselwirkung zwischen genetischen Faktoren und Umweltbedingungen bei der Persönlichkeitsentwicklung untersuchen.
Likely · Within months
Open Questions
- Wie genau interagieren die identifizierten genetischen Varianten mit Umweltfaktoren?
- Können die Ergebnisse zur Vorhersage von Verhaltensweisen oder Erkrankungen genutzt werden?
- Wie stark variieren die Ergebnisse zwischen verschiedenen Bevölkerungsgruppen?


