Argentinier protestieren gegen steigende Verschuldung unter Milei
Quick Look
- In Buenos Aires demonstrieren Hundert Argentinier gegen die steigende Verschuldung unter Präsident Javier Milei.
- Oscar, ein Bauarbeiter, schuldet fast eine Million Peso wegen Lebensmittelkrediten mit hohen Zinsen.
- Die Lebenshaltungskosten sind nach Streichung von Subventionen gestiegen, während Kreditausfälle besonders bei jungen Menschen und im Supermarktsektor zunehmen.
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Why It Matters
Unter Präsident Javier Milei wurden Subventionen für Strom und öffentlichen Nahverkehr gestrichen, um die Staatsausgaben zu reduzieren. Dies führte zu steigenden Lebenshaltungskosten, während die Inflation zwar gesunken, aber weiterhin hoch bleibt. Kredite wurden wieder zugänglicher, aber die Rückzahlung wird durch hohe Zinsen und wirtschaftliche Unsicherheit erschwert.
Buenos Aires. Oscar ist extra zwei Stunden in die Stadt gefahren, um dabei zu sein. Zusammen mit Hunderten Landsleuten protestiert der Argentinier an einem sonnigen Mittwoch im September vor dem Parlament in Buenos Aires. Die Demonstranten sind verschuldet – und fordern Unterstützung von der Regierung.
Oscar hat allein in diesem Jahr Schulden in Höhe von fast einer Million Peso angesammelt, umgerechnet mehr als 500 Euro – und das nur, um Lebensmittel kaufen zu können, wie er betont. Und natürlich wolle er die Kredite auch zurückzahlen. „Aber die hohen Zinsen sind ein Verbrechen.“ Bisher musste Oscar 200.000 Peso im Monat zurückzahlen, im September stieg die Summe auf 400.000 Peso.
Zu viel für Oscar, der nur monatsweise für wenig Geld auf dem Bau arbeitet. Und er steht nicht allein: Für viele Argentinier sind die Lebenshaltungskosten massiv gestiegen, seitdem die Regierung von Präsident Javier Milei wie angekündigt viele Subventionen für Stromkosten oder den öffentlichen Nahverkehr gestrichen hat. Mehr als 20 Millionen der 46 Millionen Einwohner des Landes haben offiziell erfasste Schulden.
Das inflationsbereinigte Kreditvolumen hat sich seit Mileis Amtsübernahme Ende 2023 mehr als verdoppelt. Besonders hoch ist die Verschuldung im sogenannten Conurbano, den Vorortregionen von Buenos Aires, wo auch Oscar lebt.
Dabei sei die Zahl der Verschuldeten allein zunächst noch kein Problem, sagt der Ökonom Hans-Dieter Holtzmann, der die Friedrich-Naumann-Stiftung in Buenos Aires leitet. Im Gegenteil: Die Verschuldung sei sogar ein Zeichen wirtschaftlicher Normalisierung nach Jahren des – selbst für argentinische Verhältnisse – wirtschaftlichen Ausnahmezustands.
„Die Hyperinflation unter der peronistischen Vorgängerregierung hatte den Kreditmarkt in Argentinien praktisch zum Erliegen gebracht“, erläutert Holtzmann. Die Banken hätten kaum noch Kredite an Privatpersonen und Unternehmen vergeben und so die wirtschaftliche Belebung behindert.
Unter Milei ist die Inflation zwar deutlich gesunken; Kredite sind dadurch wieder kalkulierbarer. Sie bleibt aber hoch, weshalb die Lebenshaltungskosten weiter steigen, was die Rückzahlung erschwert. Innerhalb von zwei Jahren sei das inflationsbereinigte Volumen der Kredite mit mehr als 90 Tagen Zahlungsrückstand um fast 775 Prozent gestiegen, erklärt Julia Irupé Arndt vom Centro de Estudios para la Ciudad (CEC), einer Partnerorganisation der Friedrich-Ebert-Stiftung.
Mehr als fünf Millionen Argentinier gehören zu diesen säumigen Zahlern. „Jüngere Altersgruppen sind besonders stark betroffen“, sagt Arndt. Die Zentralbank registriere knapp 1,6 Millionen verschuldete Personen, die unter 25 Jahre alt sind. Von denen wiesen 39 Prozent größere Zahlungsrückstände auf.
Während ältere Argentinier eher bei Banken und traditionellen Geldgebern verschuldet sind, leihen sich Jüngere häufiger Geld außerhalb des klassischen Finanzsektors. Dort sind Kredite einfacher und schneller erhältlich, aber eben auch deutlich teurer. Und gerade diese Kredite sind häufiger von Zahlungsausfällen betroffen.
Die schnellsten Kredite gibt es wahrscheinlich im argentinischen Supermarkt, denn Ratenzahlung ist dort eine gängige Option. Gerade Haushalte der unteren Mittelschicht können so auch nach einem Jobverlust weiter einkaufen. „Die Zahlungsrückstände haben hier seit Ende vergangenen Jahres sehr stark zugenommen, da sich die Wirkung der Arbeitslosigkeit verstärkt hat“, erläutert Arndt.
Seit Mileis Amtsantritt gibt es im Land rund 30.000 registrierte Arbeitgeber weniger. Kritiker wie Oscar werfen Präsident Milei eine schleichende Deindustrialisierung des Landes vor. „Milei hat die Arbeiter ruiniert“, sagt Oscar. In diesem Jahr habe er bisher nur fünf Monate gearbeitet. „Jetzt bin ich ohne Arbeit und muss warten, bis sie ein neues Bauprojekt beginnen.“
Zur Wahrheit gehört aber auch: Viele Unternehmen müssen schließen, weil sie ohne staatliche Subventionen nicht wettbewerbsfähig sind. Und Milei hatte angekündigt, genau diese Subventionen zu streichen. Hinzu kommt, dass gelockerte Einfuhrbeschränkungen die Wettbewerbsbedingungen verändern.
Viele importierte Produkte sind inzwischen günstiger für die Argentinier als Waren aus heimischer Produktion und werden entsprechend eher gekauft. Das kostet argentinische Arbeitsplätze, soll langfristig aber – so zumindest die Logik Mileis – auf dem Weg zur wirtschaftlichen Gesundung helfen.
Den akut verschuldeten Argentiniern hilft das derzeit wenig. In gut einem Jahr sind Präsidentschaftswahlen. Und die Opposition wittert eine Chance, hochverschuldete Argentinier gegen Milei mobilisieren zu können. In den Ausschüssen des Parlaments werden in den kommenden Wochen 50 Gesetzesinitiativen zur aktuellen Schuldenlage beraten.
Ob die Opposition damit Erfolg haben wird, ist aber zweifelhaft. Ob die Kreditausfälle zu einem dauerhaften Problem für Milei werden, hänge von dessen Erfolg auf anderen Feldern der Wirtschaftspolitik ab, sagt Ökonom Holtzmann: „Mit zunehmender Stabilität, zunehmendem Wettbewerb im Finanzsektor und zunehmender Einkommenserholung wird sich die Qualität des Kreditportfolios verbessern, und ein Teil der Kreditausfälle sollte daher ein vorübergehendes Phänomen sein.“
Auch der Internationale Währungsfonds (IWF) ist derzeit noch nicht besorgt. Die aktuelle Verschuldung entspreche etwa acht Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP), was im Vergleich zu anderen Ländern Lateinamerikas relativ wenig ist. Die Finanzstabilität sei dadurch deshalb nicht gefährdet.
Trotzdem hat sich nun auch Milei zum Thema geäußert – allerdings mit ernüchterndem Ton für Betroffene wie Oscar. Kredite seien rein private Entscheidungen, sagte Milei, niemand werde mit der Pistole am Kopf dazu gezwungen, sich zu verschulden. Einen Grund für staatliches Eingreifen sieht der Präsident deshalb nicht, sehr zum Unmut von Oscar: „Am Monatsende reicht es einfach nicht. Es reicht nicht, es reicht nicht, es reicht nicht."
What to Watch
AI outlook — possibilities, not facts
Die Opposition wird versuchen, hochverschuldete Argentinier gegen Milei bei den bevorstehenden Präsidentschaftswahlen zu mobilisieren.
Likely · Within months
Ein Teil der aktuellen Kreditausfälle wird ein vorübergehendes Phänomen sein, wenn sich die Wirtschaftsstabilität und Einkommenserholung verbessern.
Possible · Within months
Open Questions
- Wie wird sich die Verschuldung langfristig auf die argentinische Wirtschaft auswirken?
- Welche konkreten Maßnahmen plant die Opposition zur Entschuldung der Bevölkerung?
- Wie effektiv sind die aktuellen Wirtschaftsreformen von Milei bei der Schaffung von Arbeitsplätzen?
- Wird der IWF seine Einschätzung zur Finanzstabilität Argentiniens aktualisieren?






