
Die belgische Regierung hebt den Atomausstieg auf und verhandelt mit Betreiber Engie über Laufzeitverlängerungen und mögliche Reaktivierungen stillgelegter Reaktoren.
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Belgien hatte 2003 den Atomausstieg beschlossen. Die neue Regierung unter Bihet hat diesen Plan revidiert, um die Energieversorgung langfristig zu sichern.
Brüssel. Fast wäre es zu spät gewesen. Im belgischen Atomkraftwerk Tihange 1, rund 70 Kilometer von Aachen entfernt, stand der Betreiber Engie vor dem nächsten Schritt des Rückbaus. Das Kernkraftwerk war im Oktober 2025 vom Netz genommen worden. Bereits ab November 2026 wollte der Betreiber in dem stillgelegten Reaktor die sogenannten „Fingerhutrohre“ zersägen. Dann jedoch griff Mathieu Bihet ein.
Der Energieminister der neuen Mitte-rechts-Regierung hatte den Atomausstieg aufgehoben und verlangte, dass jegliche Arbeiten, die eine mögliche Verlängerung der Laufzeit von Atomkraftwerken gefährden könnten, gestoppt werden. Weil die Fingerhutrohre für die Messungen des Neutronenflusses wichtig sind, gehört ihre geplante Zerstörung in diese Kategorie.
„Wenn ein Land ein Kernkraftwerk schließt, verliert es nicht nur Produktionskapazität“, sagt Bihet dem Handelsblatt. Es verliere nach und nach auch Kompetenzen und ein industrielles Ökosystem. „Wenn diese Elemente einmal verloren sind, ist es viel schwieriger und teurer, eine Branche wieder aufzubauen.“ Bihets Überlegungen treffen auf eine Diskussion, die auch in Deutschland immer wieder aufflammt: War der Atomausstieg ein Fehler? Und könnte man ihn zumindest in Teilen rückgängig machen?
Belgien war eines der ersten Länder weltweit, das 2003 den Atomausstieg beschlossen hat. Bis 2025 sollten die sieben Kernreaktoren schrittweise abgeschaltet werden. Vier von ihnen stehen am Standort Doel bei Antwerpen und drei in Tihange bei Lüttich.
Bei fünf Reaktoren wurde die Stilllegung umgesetzt. Zwei jedoch – Doel 4 und Tihange 3 – sind weiterhin aktiv. Denn zwischenzeitlich wurde der Ausstiegsplan mehrfach verschoben und durch Laufzeitverlängerungen aufgeweicht. Nun ist vorgesehen, dass die beiden Kraftwerke bis mindestens 2035 weiterhin Strom liefern. Im Mai 2025 wurde der Atomausstieg aufgehoben, per „Bihet-Gesetz“, wie es die meisten nennen. Der Energieminister hatte es maßgeblich vorangetrieben.
Als Betreiber aller belgischen Atomkraftwerke muss auch das französische Unternehmen Engie umplanen. Eigentlich wollte sich der Konzern aus dem Nukleargeschäft in Belgien ganz zurückziehen. Fehlender Strom sollte stattdessen aus dem französischen Atompark importiert werden. Auf Anfrage des Handelsblatts wollte sich Engie zur Rückabwicklung des Atomausstiegs nicht äußern und verwies auf die laufenden Verhandlungen mit dem belgischen Staat.
Bis zum 1. Oktober will die belgische Regierung mit Engie ein Rahmenabkommen für die Übernahme des Atomparks vereinbaren. Es geht um die sieben Reaktoren, aber auch um Pflichten aus Stilllegung und Rückbau und um das Personal, das die Anlagen noch kennt.
Engie-Chefin Catherine MacGregor sagte bei der Vorlage der Halbjahreszahlen am 31. Juli, die Gespräche liefen „konstruktiv“ und inzwischen „auf Hochtouren“. Beide Seiten hätten eigene Projektteams eingesetzt. Ziel sei, sich bis zum 1. Oktober auf die Eckpunkte einer Vereinbarung zu verständigen.
Engies Ton ist damit deutlich optimistischer als noch im Frühjahr. Ein entscheidender Grund dafür dürfte sein, dass die belgische Regierung dem Unternehmen in einer zentralen Streitfrage entgegenkommt. Nach einem Bericht der Zeitung „De Tijd“ vom 7. August müsste Engie unter dem derzeit diskutierten Modell weniger Geld für mögliche Mehrkosten beim Rückbau der belgischen Kernkraftwerke zurückstellen. Fallen die tatsächlichen Kosten höher aus als bislang angenommen, würde demnach der belgische Staat das zusätzliche Risiko übernehmen.
Dabei geht es um erhebliche Summen: Die belgische Kommission für nukleare Rückstellungen hatte zuletzt verlangt, weitere rund 2,9 Milliarden Euro zurückzustellen – zusätzlich zu den bereits von Engie vorgesehenen rund acht Milliarden Euro. Engie bestreitet, dass diese zusätzlichen Rückstellungen notwendig sind. Die Verteilung dieses Risikos gilt deshalb als einer der zentralen Punkte der Verhandlungen.
Eine Vereinbarung könnte dadurch erleichtert werden, dass es neue europäische Haushaltsregeln für Investitionen in Kernenergie gibt. Sie könnten Belgien mehr Spielraum geben, die Kosten trotz der angespannten Staatsfinanzen zu stemmen.
Ob sich die Verlängerung der Atomenergie für Belgien lohnt, hängt entscheidend davon ab, welche Meiler das Land reaktivieren kann. Im Zentrum stehen neben Tihange 1 die Reaktoren Doel 1 und Doel 2, die erst 2025 vom Netz gegangen sind. Schwieriger wird es bei Doel 3 und Tihange 2. Diese wurden 2022 und 2023 vom Netz getrennt, ihr Rückbau ist schon weit fortgeschritten.
„Ein abgeschalteter Reaktor ist kein Reaktor, den man einfach per Knopfdruck wieder einschaltet“, sagt Bihet. Entscheidend sei nicht nur die Sicherheit, sondern auch, zu welchen Kosten ein Reaktor wieder in Betrieb genommen werden kann.
Bereits die Laufzeitverlängerung von Doel 4 und Tihange 3 kostete nach früheren Schätzungen mindestens 1,6 bis zwei Milliarden Euro. Für die Wiederinbetriebnahme der fünf abgeschalteten Reaktoren wären nach Schätzungen der französischen Zeitung „Le Monde“ weitere drei bis vier Milliarden Euro nötig. Eine Modernisierung wäre wohl dennoch günstiger als ein Neubau.
Trotzdem schließt Bihet auch den Bau neuer Kernkraftwerke nicht aus: „Wir wollen wieder eine belgische Atompolitik aufbauen, die langfristig angelegt ist. Es geht nicht mehr um eine Übergangsenergie“, sagt er. „Das Bihet-Gesetz hat den Rahmen geschaffen, um neue nukleare Kapazitäten aufzubauen.“
Das Abkommen sehe einen Pfad zu rund vier Gigawatt nuklearer Kapazität im Strommix vor, sagt Bihet. Dafür prüfe er auch den Bau neuer Reaktoren, insbesondere sogenannter Small Modular Reactors (SMR). Diese vorgefertigten, kleineren Reaktoren sollen schneller und flexibler installiert werden können als klassische Großkraftwerke. Ob sie rechtzeitig und zu wettbewerbsfähigen Preisen auf den Markt kommen, ist allerdings noch offen.
„Ich mache mit Energie keine Ideologie“, sagt Bihet. „Ich treffe Entscheidungen auf Grundlage der Realität.“ Belgien ist hoch verschuldet, seine energieintensive Industrie braucht wettbewerbsfähigen Strom. Der Ausbau der Erneuerbaren hält allerdings nicht mit der Nachfrage mit. 2025 erreichten die belgischen Netto-Stromimporte 13,4 Terawattstunden, ein Rekordwert.
Die belgische Regierung begründet ihre Atomenergie-Wende auch mit der veränderten geopolitischen und wirtschaftlichen Lage. Belgien habe seine Energiepolitik zwanzig Jahre lang auf den schrittweisen Ausstieg aus der Kernkraft ausgerichtet, sagt der Minister, „er dogmatisch als wissenschaftlich“. Doch „dann kamen mehrere Energiekrisen, der Krieg in der Ukraine und der wachsende Strombedarf“ durch die Elektrifizierung von Industrie, Verkehr und Gebäuden, Rechenzentren und Künstliche Intelligenz.
Für Bihet ist Kernkraft deshalb wieder Teil der Standortpolitik. Unternehmen, die in Belgien investieren sollen, fragten nicht nur nach dem heutigen Strompreis, sagt er. Sie wollten wissen, ob sie in zehn, zwanzig oder dreißig Jahren genug Strom bekämen. „An diesem Punkt entscheidet Energiepolitik über Reindustrialisierung.“
Auch in Deutschland läuft vor dem Hintergrund der hohen Strompreise eine Diskussion dazu, ob sich ein Wiedereinstieg in die Atomkraft lohnen könnte. „Meiner Meinung nach ist es in Deutschland so nicht mehr umsetzbar“, sagt Alexander Wimmers, der an der Technischen Universität Berlin zum Rückbau von Atomkraftwerken forscht.
„In Deutschland wurde bei allen Kraftwerken die vollständige Systemdekontamination durchgeführt. Das greift eben auch die Komponenten selbst an und schränkt die Integrität dieser Komponenten ein.“ Dadurch seien sie für einen Wiederbetrieb nicht mehr nutzbar.
Beim Rückbau wird der Primärkreislauf – also das Kühlsystem um den Reaktorkern – mit starken Chemikalien behandelt, um radioaktive Rückstände zu entfernen. Genau diese Chemikalien greifen aber auch das Material der Rohrleitungen und Bauteile an und schwächen dadurch etwa die Wandstärke. „Und bei vielen anderen Kraftwerken ist man schon dabei, die Reaktoreinbauten abzumontieren.“
Die Frage nach den Kosten für eine Reaktivierung sei deshalb entscheidend: „Wenn Geld keine Rolle spielt, ist es sicherlich möglich: Dann müsste man diese Komponenten ersetzen und neu bestellen. Aber sinnvoll ist es nicht“, sagt Wimmers. Auch deswegen blickt der Experte mit Interesse auf den Fall im Nachbarland, wo Engie und die Regierung von Premier Bart De Wever um die Finanzierung ringen.
Damit einher gehe auch eine Abwendung von den erneuerbaren Energien, sagt Wimmers. „In Belgien hätte man die Möglichkeit, Offshore-Windanlagen maßgeblich auszubauen, aber seit zwei Jahren werden da die Ausschreibungen nicht herausgegeben. Das ist politisch gewollt.“ Energieminister Bihet widerspricht: Seine Regierung arbeite an einer neuen Ausschreibung für Offshore-Windkraft, wolle jedoch mehr Rechtssicherheit für Investoren schaffen.
Tachlich würde eine Wiederbelebung der deutschen Atomkraft auch auf eine andere Hürde treffen: fehlendes Personal. „Es gibt ja wenige oder eigentlich fast keine Reaktortechnik-Lehrstühle mehr an Universitäten. Da ist viel einfach eingestellt worden“, sagt Wimmers. Die Experten, die es noch gebe, näherten sich dem Rentenalter.
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Abschluss eines Rahmenabkommens zwischen Belgien und Engie bis zum 1. Oktober.
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