
Angesichts drohender Jobverluste und technologischer Krisen in der Automobilindustrie verlangt der Bosch-Gesamtbetriebsrat drastische industriepolitische Kurskorrekturen.
Arbeitnehmervertreter des Autozulieferers Bosch fordern eine nationale Taskforce und scharfe „Made in EU“-Regeln, um den Verlust von Zehntausenden Arbeitsplätzen sowie Kernkompetenzen in Europa zu verhindern.
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Der Bosch-Konzern spürt die Transformation zur Elektromobilität und den harten Wettbewerb mit chinesischen Anbietern, was zum Abbau von mehr als 20.000 Stellen in Deutschland führt.
Die Arbeitnehmervertreter des weltgrößten Autozulieferers plädieren für ein gemeinsames Vorgehen gegen den Niedergang der eigenen Industrie. „Made in Europe“-Regeln sollen zügig und verbindlich kommen.
Gesamtbetriebsratschef Frank Sell: „Die Zukunft ist elektrisch – aber nicht ausschließlich.“ Foto: Bernd Weißbrod/dpa
Gerlingen. Arbeitnehmervertreter des weltgrößten Autozulieferers Bosch fordern eine nationale Taskforce aus Arbeitgebern, Arbeitnehmern, Gewerkschaften und Politik. Sie soll den drohenden Verlust Zehntausender Arbeitsplätze und technologischer Substanz verhindern.
Der Gesamtbetriebsrat der Bosch-Mobilitätssparte vertritt rund 74.000 Beschäftigte an etwa 40 deutschen Standorten. In der Unternehmenszentrale in Gerlingen bei Stuttgart stellte er ein umfassendes Positionspapier vor.
„Die Transformation unserer Industrie gelingt nur, wenn wir Wertschöpfung und Arbeitsplätze in Europa halten“, sagte Gesamtbetriebsratschef Frank Sell. Nötig sei eine pragmatische und vor allem schnell umgesetzte Industriepolitik mit klaren „Made in EU“-Regeln. Diese müssten der Branche die Zeit verschaffen, sich gemeinsam wettbewerbsfähig aufzustellen.
Die Taskforce müsse tragfähige Lösungen erarbeiten, bei denen Partei- und kurzfristige Unternehmensinteressen zurückgestellt würden. Es gehe um das Schicksal von 13 Millionen Beschäftigten.
In seinem Positionspapier bekennt sich der Gesamtbetriebsrat von Bosch Mobility ausdrücklich zur Transformation hin zur Elektromobilität und zum Klimaschutz. Zugleich warnt er eindringlich vor den Folgen politischer und wirtschaftlicher Fehlsteuerungen.
Ohne verlässliche Rahmenbedingungen drohe Europa der Verlust von Kernkompetenzen. Die Arbeitnehmervertreter formulieren in dem Papier vier konkrete Kernforderungen.
Echte „Local-Content-Regeln“: Öffentliche Förderungen und Aufträge sollen künftig an Produktion und Beschäftigung in Europa geknüpft werden. Eine bloße Endmontage importierter Komponenten dürfe nicht als „Made in EU“ gelten. Zudem müssten die Zulieferer, die rund 75 Prozent der Wertschöpfung eines Fahrzeugs erbringen, besonders geschützt werden.
Realitätscheck für den Green Deal und die CO₂-Flottenregulierung: Die Zukunft ist elektrisch – aber nicht ausschließlich. Die Betriebsräte fordern Technologieoffenheit und die Förderung hocheffizienter Brückentechnologien wie Plug-in-Hybride (PHEV). Im schweren Nutzfahrzeugsegment müsse zudem der Wasserstoffverbrennungsmotor steuerlich gleichgestellt werden.
Schutz kritischer Schlüsseltechnologien: Europa darf sich nicht auf Standardkomponenten beschränken. Kritische Zukunftstechnologien wie Elektronik, Fahrassistenz- und Sicherheitssysteme sowie Software müssten gezielt in Europa gehalten werden, um die technologische Souveränität zu sichern.
Zügige Umsetzung des Industrial Accelerator Act (IAA): Content-Vorgaben für Elektronik- und Komponenten von Elektroantrieben müssten sofort gelten – ohne dreijährige Übergangsfrist. „Eine solche Frist können wir uns schlicht nicht leisten, wenn wir das Abwandern ganzer Fertigungslinien verhindern wollen“, sagte der Eisenacher Betriebsratschef Maik Freitag.
Brennstoffzellen-Antriebssystem: „Der wahre Kampf um die technologische Souveränität findet unter der Haube statt.“ Foto: Marijan Murat/dpa
„Sollen Deutschland und Europa auch künftig als Industriestandorte eine führende Rolle spielen, müssen wir unsere Spielregeln an den Markt und den Wettbewerb anpassen. Sonst sterben wir in Schönheit“, sagte Mario Gutmann, Aufsichtsratsmitglied und Betriebsratschef in Bamberg.
Wer die wirtschaftliche Substanz und die soziale Sicherheit der Menschen aufs Spiel setze, gefährde den gesellschaftlichen Zusammenhalt, warnte Gutmann. Er forderte pragmatische Übergangspfade statt eines starren Enddatums 2035 für die Verbrennertechnologie. Ohne eine Fortführung der Altersteilzeit sei zudem keine sozialverträgliche Anpassung der Belegschaft möglich.
Wer Zugang zum europäischen Markt will, muss hier zu fairen Bedingungen produzieren. Francesco Tramonti, Betriebsrat
Der Leonberger Betriebsrat Stefan Bischoff mahnte: „Der wahre Kampf um die technologische Souveränität findet unter der Haube statt – beim Antriebsstrang, bei autonomen Fahrfunktionen und bei KI-dominierter Elektronik- und Softwarearchitektur.“ Deshalb brauche es klare „Made in EU“-Regeln, die sowohl die Entwicklung als auch die Fertigung von Hightech-Komponenten europäischer Zulieferer schützten.
Der Bühler Betriebsratschef Francesco Tramonti betonte, der massive Stellenabbau an seinem Standort sei nicht auf das Aus für Verbrennungsmotoren zurückzuführen, sondern auf unfaire Wettbewerbsbedingungen. „Wer Zugang zum europäischen Markt will, muss hier zu fairen Bedingungen produzieren“, forderte Tramonti.
Die Lage in der deutschen Autoindustrie spitzt sich zu. Nach Gewerkschaftsangaben gingen im vergangenen Jahr 50.000 Arbeitsplätze verloren. Der Vorstoß der Bosch-Betriebsräte bildet den Auftakt zu bundesweiten Protesten in der Branche. Sie beginnen am kommenden Montag mit einem Aktionstag und Massendemonstrationen.
Der Druck auf die Bundesregierung – und insbesondere auf Kanzler Friedrich Merz (CDU) – dürfte damit in den kommenden Tagen deutlich zunehmen.
Der Bosch-Konzern bemüht sich seit Jahrzehnten, unabhängiger von der Autofertigung zu werden. Doch deren lang anhaltender Erfolg hielt den Umsatzanteil des Geschäfts mit der Fahrzeugbranche bei mehr als 60 Prozent. Mit der Transformation zur Elektromobilität ändern sich die Vorzeichen: Bosch hat den Abbau von mehr als 20.000 Stellen in Deutschland beschlossen.
Chinesische Wettbewerber drängen auf den Markt, zudem werden für die Produktion von Elektrokomponenten deutlich weniger Beschäftigte benötigt als für Verbrennungstechnik. Die Unternehmen verweisen außerdem auf hohe Arbeitskosten und verlagern zunehmend Fertigung ins Ausland.
Der bislang größte Schritt von Bosch zur Diversifizierung war die Übernahme des Heizungs-, Lüftungs- und Klimatisierungsgeschäfts für Wohn- und kleine Gewerbegebäude von Johnson Controls und Hitachi. Der Konzern zahlte dafür 2024 rund acht Milliarden Dollar – die größte Übernahme der Bosch-Geschichte.
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Bundesweite Proteste und Massendemonstrationen der Automobilbranche beginnen am kommenden Montag.
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