Brainlab-Gründer Stefan Vilsmeier: "Deutschland ist der beste Standort für digitale Gesundheit"
Im Interview spricht der Unternehmer über den Wirtschaftsstandort Deutschland, den Fachkräftemangel, die Rolle der Datenschutzgrundverordnung und seine Vision für eine globale Gesundheitsplattform.
Quick Look
- Stefan Vilsmeier, Gründer des Medizintechnikunternehmens Brainlab, äußert sich optimistisch zum Wirtschaftsstandort Deutschland.
- Trotz bürokratischer Hürden sieht er in strengen Datenschutzregeln eine Chance für den Aufbau einer vertrauenswürdigen digitalen Gesundheitsplattform.
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Why It Matters
Stefan Vilsmeier gründete Brainlab 1989. Das Unternehmen ist heute im Bereich der Medizintechnik tätig.
Herr Vilsmeier, Sie haben Ihr Unternehmen Brainlab, das mit Medizintechnik inzwischen rund 500 Millionen Euro Umsatz im Jahr macht, 1989 gegründet. Waren die Zeiten damals besser?
Wer das glaubt, verklärt die Vergangenheit. Als ich angefangen habe, wurde man in Deutschland als Gründer noch schief angeschaut. Das war damals überhaupt nicht positiv besetzt. Erst recht nicht, wenn man wie ich das Studium abgebrochen hatte. Ich erinnere mich daran, wie ich zum ersten Mal nach China gereist bin. Mitten in der Nacht bin ich am Gästehaus angekommen, tief in der Provinz. Es hat in Strömen geregnet, die Tür war zugesperrt, und ich bin in meinem Anzug halb im Schlamm versunken. Zum Glück hatte ich einen Akkuschrauber dabei und konnte in mein Zimmer einbrechen. Als ich drin war, war mir zum Heulen zumute. Es war früher wirklich nicht alles besser. Ich habe jedenfalls viel Zeit sehr unproduktiv vergeudet. Und wer kreativ ist, kann seine Ideen heute viel besser voranbringen.
Wie gefällt Ihnen die Bundesrepublik des Jahres 2026 insgesamt als Unternehmensstandort?
Es ist vielleicht nicht der leichteste Standort. Aber er liegt mir am Herzen. Und wir haben hier in München ein besonderes Pfund, mit dem wir wuchern können. Das ist die Technische Universität, die schlaue Köpfe aus aller Welt anzieht. 1989 war das noch längst nicht so.
Gehen die Schlausten nicht viel lieber nach Amerika oder nach China, weil sie dort mehr Geld verdienen können?
Amerika war vor 40 Jahren das große Ziel. Als ich mein Abi gemacht habe, wollten alle dorthin. Heute nicht mehr. Und von China haben die jungen Leute vor 20 Jahren geschwärmt, das ist auch längst vorbei. Wer heute jung ist, für den gibt es eigentlich keinen besseren Ort als Europa. Ich wüsste nicht, wo sonst es einen so breiten Zugang zur Bildung, so eine starke Mittelschicht, so ein gutes Gesundheitssystem zu vernünftigen Preisen gäbe.
Wird das die Talente aus aller Welt auch dann noch anlocken, wenn die Rechts-außen-Partei AfD ihren Siegeszug in Deutschland fortsetzt?
An den Wahlabenden habe ich ganz schön geschluckt. Aber jetzt denke ich: Da muss man als Unternehmer gegenhalten, um es wieder zurückzudrehen. Das spornt mich an. Wir fangen damit an, dass wir uns für Israel einsetzen. Dafür gehen wir zum Beispiel hier im Münchner Osten, wo heute sehr viele Migranten leben, an die Schulen und reden über das Attentat auf israelische Staatsbürger 1970 am damaligen Flughafen Riem. Was genau ist da passiert? Wie konnte es dazu kommen? Das passt nach meinem Verständnis übrigens sehr gut zum Unternehmen Brainlab, das sich mit dem menschlichen Gehirn beschäftigt, wo das Gedächtnis seinen Sitz hat.
Viele Manager und Unternehmer klagen, die Bürokratie in Deutschland schnüre ihnen die Luft ab, die Steuern seien zu hoch, gut ausgebildete Arbeitskräfte seien kaum mehr zu finden.
Ich finde, die Unternehmer jammern viel zu viel. Ich könnte mich jetzt auch lang und breit über die Politik beschweren, aber lieber überlege ich mir doch, was ich selbst besser machen kann. Natürlich hätte ich gern weniger Bürokratie und niedrigere Steuern. Aber davon darf der Erfolg oder Misserfolg eines Unternehmens doch nicht abhängen. Natürlich habe ich auch manchmal schlaflose Nächte. Aber das ist ja nicht immer schlecht. Der Blick in den Abgrund hilft, vergangene Erfolge zu relativieren, und Dinge, die früher immer so gelaufen sind, noch einmal ganz neu infrage zu stellen.
Führt Existenzangst nicht viel öfter zu Stillstand und Rückschritt?
Ich finde: Unsere Aufgabe als Unternehmer ist es, das Beste aus den Rahmenbedingungen zu machen und Ideen zu entwickeln, die in der Welt funktionieren, in der wir leben. Wenn Schwierigkeiten auftauchen, müssen wir eben kreativ werden. Das gilt auch für die Suche nach Mitarbeitern. Vor 25 Jahren, auf dem Höhepunkt der Internet-Euphorie, war es mindestens genauso schwer wie heute, neue Mitarbeiter zu finden. Wir haben damals, als Brainlab wirklich noch keine große Firma war, eine Fahrradtour mit dem gerade vom Krebs geheilten Tour-de-France-Sieger Lance Armstrong durch den Englischen Garten gemacht. Daraus wurde ein Kinospot mit dem Slogan „Come to Brainlab for the Ride of your Life“.
Armstrong wurde später des Dopings überführt.
Das hat uns nicht geschadet. Der Spot war ein Riesenerfolg. Mir haben noch Jahre später manche Bewerber gesagt, dass sie vor allem deshalb auf unsere Stellenanzeige reagiert haben, weil sie sich an diese Kinowerbung erinnerten.
Wollen die Bewerber noch hart arbeiten oder ist ihnen Freizeit wichtiger?
Ich höre das oft: Den jungen Leuten fehlt der Biss. Ich empfinde das aber überhaupt nicht so. Die jungen Leute sind viel weniger hierarchisch drauf, viel weniger kompliziert als früher, und sie arbeiten agiler, sind stärker vernetzt. Davon kann ich viel lernen, das motiviert mich, wenn ich morgens ins Büro komme. Man muss sich eben was einfallen lassen, um diejenigen anzuziehen, die zu einem passen.
Wie machen Sie das?
Zum Beispiel mit der Kunst, die ich im Brainlab-Firmengebäude zeige. Sie wirkt wie ein Filter, davon bin ich überzeugt: Wer damit etwas anfangen kann, bringt auch sonst die richtigen Voraussetzungen mit, um hier zu arbeiten. Ich sammle vor allem afrikanische und südamerikanische Kunst. Die aktuelle Ausstellung dreht sich um unsere menschlichen Wurzeln, um Fremdheit und Migrationserfahrungen. Als ich eines der Hauptwerke nach einer Weile wie geplant wieder abhängen wollte, haben die Mitarbeiter sogar dagegen protestiert, weil sie es so inspirierend finden.
Brainlab ist kein Kunsthandel. Es geht um ausgetüftelte Systeme für millimetergenaue chirurgische Eingriffe, also Hightech. Wie wollen Sie gerade auf diesem Feld noch mit den Konkurrenten aus China und Amerika mithalten, die Europa zunehmend abzuhängen scheinen?
Wir können es gern noch ein bisschen deutlicher machen. Bei meinem neuen Unternehmen Snke, eine Ausgründung von Brainlab, geht es um die Nutzung von medizinischen Daten. Da sagen alle: Deutschland ist die totale Katastrophe. Ich würde sagen: Deutschland ist das beste Land, um so etwas zu entwickeln, vielleicht sogar das einzige.
Wieso kommen Sie darauf?
Ganz einfach. Deutschland ist sehr kompliziert, was den Datenschutz angeht. Vielleicht sogar so kompliziert, dass ein ausländisches Unternehmen es nicht schafft, hier etwas aufzubauen. Ohne Deutschland wird es aber keine europäische Lösung für dieses Thema geben, und ohne Europa wird es nach meiner Überzeugung keine globale Lösung geben. Wenn man sich also fragt, wo man eine globale digitale Gesundheitsplattform entwickeln kann, spricht einiges dafür, dass die Antwort Deutschland sein muss.
Auf mich wirkt es eher so, als ob Ärzte, Patienten und Politiker hierzulande viel tun, damit es so eine Plattform niemals gibt.
Die Deutschen sind manchmal ein bisschen übergenau, was das angeht. Aber eigentlich bin ich stolz auf unsere Datenschutzgrundverordnung. Die Akribie, die sie uns abverlangt, ist doch die Voraussetzung dafür, dass wir wirklich das Vertrauen der Patienten gewinnen können. Und was die Widerstände betrifft, die Sie ansprechen: In Deutschland werden in den nächsten zehn Jahren etwa 30 Prozent der Beschäftigten im Gesundheitswesen in den Ruhestand gehen. Gleichzeitig steigt das Durchschnittsalter der Bevölkerung. Das System droht also zu kollabieren.
Sie sagen das so ruhig, dabei ist das ein gewaltiges Problem.
Wir werden das lösen. Die Widerstände gegen die Nutzung der Gesundheitsdaten werden weichen, eben um einen solchen Kollaps zu verhindern. Die Ärzte haben viel zu viel zu tun, um sich auch noch darum kümmern zu können. Deshalb werden die Patienten selbst eine entscheidende Rolle spielen, und wir entwickeln jetzt das richtige Werkzeug dafür.
Für ähnlich klingende Projekte haben Großkonzerne wie IBM, General Electric und Google schon sehr viel Geld ausgegeben, ohne dass es zum Ziel geführt hätte. Warum sollte es bei Ihnen besser laufen?
Innovation ist eben nicht immer nur eine Frage des Geldes. Und von Größe darf man sich sowieso nicht einschüchtern lassen. Wenn man kleiner ist, muss man ein bisschen früher aufstehen und sich etwas einfallen lassen. Dann bringt man das schon hin. Bildlich gesprochen, liefen die Versuche bisher immer darauf hinaus, erst einmal das Zollhäuschen zu besetzen, durch das die Daten durchmüssen, und dafür Geld zu verlangen. Wir machen es anders. Ich will für die Gesundheitsdaten ein liberales, freies System entwickeln, das allein vom Patientenwillen gesteuert wird und in dem wir die einmal gesammelten Daten für all diejenigen medizinischen Zwecke nutzbar machen, denen der Patient vorher zugestimmt hat. So etwas wie das Gegenteil von Palantir, nämlich ohne all die gruseligen Strukturen dahinter, dafür mit europäischen Werten und tiefem klinischen Verständnis. Das ist ein dickes Brett. Aber ich bin überzeugt davon, dass Deutschland gerade wegen seiner strengen Gesetze genau der richtige Ort dafür ist.
Wie soll das konkret funktionieren?
Ein Beispiel: Wer als Patient ein Hüftimplantat eingesetzt bekommt, ist gewöhnlich bereit dazu, dem Hersteller dieses Implantats fortlaufend Daten zurückzuspielen, damit das Produkt verbessert werden kann, vielleicht auch eine längere Lebensdauer erhält. Aber diese Daten werden bisher nicht so erfasst, dass sie auch für andere medizinische Zwecke genutzt werden könnten. Da sehe ich unser Geschäftsmodell. Wir wollen solche Daten zum Zeitpunkt ihres Entstehens so feinkörnig und gut strukturiert erfassen, dass sie später ihren ganzen Nutzen entfalten können. Angefangen haben wir jetzt mit einem Register für die Deutsche Wirbelsäulengesellschaft. Nach vier Monaten ist es schon in mehr als hundert Kliniken ausgerollt, das geht richtig schnell. Und für die Patienten bringt es viele Vorteile. Wer beispielsweise seine Daten für die Forschung freigibt, wird fortlaufend darüber informiert, was die Wissenschaftler herausgefunden haben und welchen Einfluss das auf die eigene Therapie haben könnte.
Apropos Therapie: Gehen Sie als waschechter Münchner aus dem Umland zum Oktoberfest oder scheuen Sie das Getümmel?
Das Oktoberfest ist in meinen Augen auch ein Stück Kultur. Außerdem ist die Stimmung positiv, die Leute sind gut drauf, das gefällt mir. Also: Ich geh hin. Aber es artet bei mir nicht aus. Nach der zweiten Maß schmeckt mir das Bier nicht besser als davor, dann gehe ich wieder heim.
Open Questions
- Wie wird die Akzeptanz der digitalen Gesundheitsplattform bei Patienten sein?
- Können die regulatorischen Hürden tatsächlich überwunden werden?





