Brasilien steht vor wahrscheinlicher Stichwahl zwischen Lula und Bolsonaro
Quick Look
- Bei den brasilianischen Präsidentschaftswahlen zeichnet sich laut Umfragen eine Stichwahl zwischen Luiz Inácio Lula da Silva und Flávio Bolsonaro ab, da keiner der Kandidaten die notwendige 50-Prozent-Marke im ersten Wahlgang erreicht.
- Der Wahlkampf war von Polarisierung, Pessimismus und geringem Enthusiasmus geprägt, während wirtschaftliche Stabilität und demokratische Herausforderungen im Vordergrund stehen.
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Why It Matters
Die Präsidentschaftswahl in Brasilien findet zwischen Luiz Inácio Lula da Silva, der eine vierte Amtszeit anstrebt, und Flávio Bolsonaro, dem Präsidentschaftskandidaten der Rechten, statt. Der Wahlkampf war geprägt von Polarisierung, gegenseitigen Angriffen und geringem Enthusiasmus bei den Wählern.
Kaum hatte Flávio Bolsonaro seine Stimme am Sonntagmorgen abgegeben, erklärte er eine „Bewegung der Revolte“ zu seinen Gunsten. Wähler anderer Kandidaten liefen zu ihm über, sagte der Präsidentschaftskandidat der Rechten nach seiner Stimmabgabe in Rio de Janeiro. „Brasilien braucht Veränderung, und die einzige Möglichkeit zur Veränderung ist Flávio Bolsonaro.“
Gut eine Stunde später gab sich auch Präsident Luiz Inácio Lula da Silva nach seiner Stimmabgabe in São Bernardo do Campo siegesgewiss. „Was auf dem Spiel steht, ist die Entscheidung über ein Projekt für Brasilien“, sagte der 80 Jahre alte Präsident, der seine vierte Amtszeit anstrebt. Das Land müsse sich zwischen der „Stärkung der Demokratie und der Barbarei“ entscheiden. Dass sein Herausforderer in den jüngsten Umfragen aufgeholt hatte, spielte Lula herunter. Entscheidend sei das Ergebnis der Wahl.
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Wahrscheinliche Stichwahl
Mehr als 158 Millionen Brasilianer sind an diesem Sonntag zur Wahl aufgerufen. Seit 8 Uhr Ortszeit sind die Wahllokale im ganzen Land geöffnet. Die letzten Umfragen lassen für die Präsidentenwahl jedoch einen zweiten Wahlgang am 25. Oktober wahrscheinlicher erscheinen als den von beiden Kandidaten beschworenen sofortigen Sieg. Die Umfrage von Datafolha sah Lula am Samstag bei 45 Prozent der gültigen Stimmen und Bolsonaro bei 42 Prozent. Bei Quaest lagen die beiden mit 46 zu 45 Prozent praktisch gleichauf. Auch andere Institute sahen keinen der beiden sicher über der für einen Sieg im ersten Wahlgang nötigen Marke von 50 Prozent.
Was einige der Umfragen ebenfalls zutage förderten, war die geringe Begeisterung der Brasilianer. Die Wahl beendet einen Wahlkampf, der stark polarisiert und zugleich bemerkenswert lustlos wirkte. Lula und Bolsonaro trafen kein einziges Mal in einer Fernsehdebatte direkt aufeinander. Beide setzten in der Schlussphase auf Risikovermeidung. Konkrete Vorschläge für die kommenden vier Jahre traten in den Hintergrund. Persönliche Angriffe, Korruptionsvorwürfe und politische Affären dominierten den Wahlkampf.
Unmut und Pessimismus
In der Umfrage von Datafolha gaben 69 Prozent der Befragten an, sie fühlten sich unsicher, wenn sie an ihr Land denken. 62 Prozent sind entmutigt, 61 Prozent traurig und 57 Prozent haben Angst vor der Zukunft. Der Pessimismus hat in den letzten Wochen des Wahlkampfs rasant zugenommen.
Auch eine Untersuchung des Instituts Travessia für die Zeitung „O Estado de S. Paulo“ zeichnet das Bild einer Wahl aus Ablehnung. 46 Prozent der Befragten sagen, sie wählten ihren Kandidaten vor allem, damit ein anderer nicht Präsident werde. Zwar nennen 42,5 Prozent „Hoffnung“ als das Gefühl, das sie mit der Wahl verbinden. Dahinter folgen jedoch Verachtung, Revolte und Entmutigung. Fast 60 Prozent geben an, die Wahlwerbung in Fernsehen und Radio habe sie überhaupt nicht erreicht.
Die Krise, in der Brasilien steckt, ist nicht wirtschaftlich. Die Arbeitslosigkeit liegt bei gut fünf Prozent und damit historisch niedrig. Die Einkommen sind gestiegen, die Ungleichheit ist gesunken. Trotzdem hat sich die Wahrnehmung der Lage zuletzt verschlechtert. Hohe Lebensmittelpreise belasten die Haushalte, viele Familien sind verschuldet, hohe Zinsen bremsen Konsum und Investitionen. Die Industrieproduktion ist zuletzt zurückgegangen. Gleichzeitig liegt die Staatsverschuldung bei mehr als 80 Prozent der Wirtschaftsleistung. Wer im Januar in den Präsidentenpalast einzieht, muss deshalb die Konjunktur stützen und zugleich die öffentlichen Finanzen stabilisieren.
Hinzu kommen Probleme, die sich nicht in Konjunkturdaten messen lassen. Die Angst vor Kriminalität ist groß. Das organisierte Verbrechen dringt zunehmend in die legale Wirtschaft und die Institutionen vor. Hinzu kommt der Skandal um die zusammengebrochene Banco Master. Die Ermittlungen der brasilianischen Bundespolizei in diesem milliardenschweren Betrugsfall haben ein Netzwerk von Kontakten, Geschäften und Zahlungen offengelegt, das namhafte Politiker und selbst Richter des Obersten Gerichtshofes umfasst. Ermittelt wird auch gegen Flávio Bolsonaro.
Das Oberste Gericht, das in den vergangenen Jahren selbst immer stärker in politische Konflikte eingegriffen hat, ist längst Teil der Polarisierung. Einer aktuellen Erhebung zufolge vertrauen nur 34 Prozent der Brasilianer dem Gericht, 49 Prozent tun dies nicht. Diese Unzufriedenheit kommt jedoch nicht den Kandidaten zugute, die einen Bruch mit den beiden dominierenden Lagern versprechen. Je größer die Ablehnung der jeweils anderen Seite ist, desto stärker wird der Anreiz, bereits im ersten Wahlgang Lula oder Bolsonaro zu wählen. Die Wahl wird somit weniger darüber entscheiden, welches Brasilien die Wähler wollen, als darüber, welches sie auf keinen Fall wollen.
What to Watch
AI outlook — possibilities, not facts
Es wird eine Stichwahl zwischen Lula und Bolsonaro am 25. Oktober geben.
Very likely · Within weeks
Open Questions
- Wird es tatsächlich zu einer Stichwahl am 25. Oktober kommen?
- Wie werden die Wähler auf die wirtschaftlichen Herausforderungen reagieren?
- Welchen Einfluss wird das Urteil im Banco-Master-Skandal auf die Wahl haben?



