Bundesregierung lehnte 2022 Finanzierung eines Frühwarnsystems für Sturzfluten in Nepal ab
Quick Look
- Die Bundesregierung lehnte 2022 die Finanzierung eines von deutschen Wissenschaftlern entwickelten Frühwarnsystems für Sturzfluten in Nepal ab, obwohl es nach der Katastrophe mit fast 1000 Todesopfern viele Leben hätte retten können.
- Das System basiert auf einem landesweiten Seismographennetzwerk und würde rund acht Millionen Euro kosten.
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Why It Matters
Das GFZ entwickelte gemeinsam mit der Universität von Grenoble und nepalesischen Behörden ein Frühwarnsystem für Sturzfluten in Nepal auf Basis eines landesweiten Seismographennetzwerks. Das System wurde 2021 in der Zeitschrift 'Science' publiziert und hätte bei der Sturzflut im August 2023 viele Leben retten können.
Die Bundesregierung hat es 2022 abgelehnt, ein federführend von deutschen Wissenschaftlern entwickeltes Frühwarnsystem für Sturzfluten in Nepal zu finanzieren. Dies bestätigte das Bundesforschungsministerium auf Anfrage. Nach der Sturzflut in Nepal hatte der Geomorphologe Niels Hovius vom Helmholtz-Zentrum für Geoforschung in Potsdam (GFZ) kritisiert, dass ein fertig entwickeltes Frühwarnsystem seit sechs Jahren an Geldmangel scheitere.
Das Forschungsministerium teilte mit, das GFZ habe damals das Projekt auf Eigeninitiative außerhalb von offiziellen Förderprogrammen eingereicht: „Eine Finanzierung des Vorhabens konnte durch das damalige Bundesministerium für Bildung und Forschung leider nicht realisiert werden.“ Die Frage, ob die Bundesregierung nach der Flutkatastrophe mit fast 1000 bestätigten Todesopfern und mehr als 4000 Vermissten das Projekt erneut prüfen werde, ließ das Ministerium unbeantwortet.
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Unter dem Eindruck häufiger derartiger Katastrophen in Nepal hat das GFZ schon ab 2020 in Kooperation mit der Universität von Grenoble und nepalesischen Behörden ein neuartiges Verfahren entwickelt und 2021 eine Studie dazu im Journal „Science“ publiziert.
Netzwerk von Seismographen
Das Verfahren setzt darauf, ein landesweites Netzwerk von Seismographen aufzubauen, das bei speziellen seismischen Wellen Alarm auslöst. Es wäre möglich, den Ort des Ereignisses zu lokalisieren. Bewohner betroffener Regionen bekämen dann unmittelbar eine Warnnachricht auf ihre Handys.
Der Ansatz unterscheidet sich von Methoden, bei denen ein schnell steigender Wasserpegel gemessen wird. „Solche Systeme sind zu unzuverlässig, weil sie im Katastrophenfall oft sofort zerstört werden“, sagt Hovius. In Nepal hatten am 26. August abbrechendes Gletschereis und Gestein, die fast einen Kilometer in die Tiefe fielen, ein Beben ausgelöst, das 40 Minuten später auch in Deutschland gemessen werden konnte.
Ein Frühwarnsystem hätte bei der aktuellen Naturkatastrophe viele Menschenleben retten können, sagt Hovius. Das Gemisch aus Geröll und Schmelzwasser habe zwar weniger als zehn Minuten gebraucht, um im Flusslauf vom Ort des Felssturzes zur ersten größeren Ortschaft zu kommen. Aber „man hätte diese Zeit durchaus nutzen können, um die Menschen zu warnen“. Dies gelte umso mehr für Menschen weiter flussabwärts. „Es macht mich beim Anblick der Bilder extrem traurig, dass das System noch immer nicht installiert werden konnte“, sagt der Forscher.
Die Kosten für den Aufbau und Betrieb des Sofortwarnsystems würden sich auf rund acht Millionen Euro belaufen. Die Regierung von Nepal, das zu den ärmsten Ländern Asiens zählt, setzte bisher darauf, dass Deutschland die Kosten als Teil der Entwicklungshilfe bezahlt. „Die Regierung steht auf dem Standpunkt, dass westliche Länder die Kosten des Systems tragen müssen, weil sie es sind, die hauptsächlich den Klimawandel verursachen“, sagt Hovius.
„Die Prioritäten änderten sich“
Hovius zufolge war 2022 der russische Angriff Russlands auf die Ukraine ausschlaggebend dafür, dass das Bundesforschungsministerium den Förderantrag abgelehnt hat: „Die Prioritäten änderten sich, was man ja auch nachvollziehen kann.“ Das Auswärtige Amt unterstütze das Vorhaben über die deutsche Botschaft in der nepalesischen Hauptstadt Kathmandu, sage aber, dass es bisher kein Budget dafür gefunden habe. Nepal unterstrich sein Interesse im Juni 2024 durch den Besuch des Präsidenten des Landes, Ram Chandra Paudel, am Geoforschungszentrum in Potsdam.
Um das Sofortwarnsystem zu realisieren, sind rund 80 Seismometer nötig, die über Nepal verteilt installiert würden. Die Software der Geräte wird darauf trainiert, die für eine Sturzflut typischen Wellen zu erkennen. Um das Potential des Verfahrens voll zu nutzen, sei auch ein besserer Zugang der Wissenschaft zu seismischen Daten nötig, sagt Hovius. „Viele Länder behandeln seismographische Daten als Staatsgeheimnisse, das hat Tradition und zum Beispiel mit Militär und Rohstoffen zu tun“, sagt Hovius. Es gehe darum, viel Leid zu verhindern. „Deshalb hoffen wir auf ein Umdenken nicht nur bei den potentiellen Geldgebern, sondern auch beim Umgang mit seismischen Daten.“
Wie viele andere Geowissenschaftler hält Hovius es für wahrscheinlich, dass es durch die menschengemachte Erderwärmung häufiger zu Sturzfluten kommen wird und diese stärker ausfallen können. Felsabbrüche und Sturzfluten habe es im Himalaja schon immer gegeben, da es sich um eine geologisch instabile Region handle. Auch durch Erdbeben könnten sich Felsen oder Teile von Gletschern lösen. Aber es liege auf der Hand, dass die Erderwärmung das Risiko solcher Katastrophen deutlich erhöhe: „Die Gletscher schmelzen, der Permafrost taut, die Nullgradgrenze steigt an.“
Hovius hat sich mehrfach zu Forschungszwecken in Nepal aufgehalten, auch in der nun betroffenen Region. Für den Wiederaufbau rät er dazu, Häuser und Straßen statt wie bisher im unmittelbaren Talbereich eher in Hanglage zu errichten. Zudem sollten spezielle markierte Fluchtkorridore geschaffen werden, über die sich die Bevölkerung im Notfall schnell auf höher liegendes Terrain retten kann: Es tue weh, „auf den Videos der jetzigen Sturzflut zu sehen, wie Menschen talabwärts fliehen“. Die einzige Überlebenschance bestehe darin, seitwärts den Hang hochzulaufen. Sekunden könnten über Leben oder Tod entscheiden. „Idealerweise würden künftig Katastrophenschutzübungen abgehalten, bei denen das trainiert wird“, sagt der Wissenschaftler.
What to Watch
AI outlook — possibilities, not facts
Die Bundesregierung wird das Frühwarnsystem nach der Flutkatastrophe erneut prüfen.
Possible · Within months
Nepal wird weiterhin darauf bestehen, dass Deutschland die Kosten des Frühwarnsystems als Teil der Entwicklungshilfe übernimmt.
Likely · Within months
Open Questions
- Wird die Bundesregierung das Frühwarnsystem nach der Flutkatastrophe erneut prüfen?
- Findet das Auswärtige Amt ein Budget für das Frühwarnsystem über die deutsche Botschaft in Kathmandu?
- Werden seismographische Daten in Zukunft international besser zugänglich gemacht?



