Bundestag debattiert über Pflegereform
Angelina Kusterer pflegt ihre kranke Mutter seit 15 Jahren und hat dafür ihren Job aufgegeben. Die geplante Pflegereform sieht höhere Beiträge und Leistungskürzungen vor.
Quick Look
- Angelina Kusterer pflegt ihre an Multiple Sklerose erkrankte Mutter rund um die Uhr und hat dafür ihren Job aufgegeben.
- Die geplante Pflegereform sieht höhere Beiträge für Kinderlose und Gutverdiener sowie Kürzungen vor, etwa den Wegfall des Entlastungsbeitrags im Pflegegrad 1.
- Gesundheitsminister Carsten Linnemann schließt weitere Einsparungen nicht aus, während die Pflegeversicherung allein im kommenden Jahr mehr als sieben Milliarden Euro fehlen soll.
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Why It Matters
Rund 85 Prozent der Pflegebedürftigen in Deutschland werden zu Hause von Angehörigen versorgt. Die Pflegeversicherung leidet unter einer strukturellen Finanzierungsproblematik. Eine Expertenkommission erarbeitet Vorschläge für eine umfassende Strukturreform, deren Ergebnisse Gesundheitsminister Linnemann bis Ende Januar erwartet.
Angelina Kusterer ist in der Drogerie unterwegs, um Pflegeprodukte für ihre Mutter zu kaufen. "Wir nehmen hier unser Wundspray. Was auch immer wichtig ist, ist ein Puder, falls sie eine feuchtere Wunde hat." Angelina Kusterers Mutter hat Multiple Sklerose und ist rund um die Uhr auf Hilfe angewiesen.
Kusterer pflegt ihre Mutter seit 15 Jahren. In der ARD-Doku "Pflegende Angehörige am Rande der Erschöpfung" erzählt sie, dass sie dafür inzwischen ihren Job aufgegeben hat und Grundsicherung bekommt. Auch ihr Vater ist zunehmend auf Hilfe angewiesen. "Ich würde mir wünschen, dass das Ganze endlich aufhört. Diese Angst: Was ist morgen, was ist übermorgen? Und dass wir nicht dauernd am Existenzminimum leben müssen."
Ohne pflegende Angehörige wie Angelina Kusterer würde das Pflegesystem nicht funktionieren. Denn die allermeisten Menschen in Deutschland werden zu Hause versorgt - rund 85 Prozent. Für Angehörige ist das oft eine enorme, jahrelange Belastung. Und viele machen sich Sorgen, wenn sie auf die anstehenden Reformen schauen.
Das weiß auch Gesundheitsminister Carsten Linnemann (CDU): "Das sind Menschen, die nicht jeden Tag in der Öffentlichkeit stehen. Die im Verborgenen arbeiten und die halten unsere Gesellschaft zusammen."
Aber den Pflegekassen fehlt Geld. Allein im kommenden Jahr wohl mehr als sieben Milliarden Euro. "Wir werden Einsparungen vornehmen müssen", sagt Linnemann. Einnahmen und Ausgaben müssten in eine Balance gebracht werden."
Was die Reform ändern soll
Das Gesetz sieht vor, dass die Pflegeversicherung für Menschen ohne Kinder noch mal teurer wird und auf 0,9 Prozent steigt. Außerdem soll die Beitragsbemessungsgrenze um 300 Euro angehoben werden, Gutverdiener also mehr bezahlen.
Verschiedene Leistungen der Pflegeversicherungen sollen neu sortiert und teilweise zusammengelegt werden. Außerdem sind Kürzungen in verschiedenen Bereichen vorgesehen. Im Pflegegrad 1 soll zum Beispiel der so genannte Entlastungsbeitrag von bis zu 131 Euro im Monat wegfallen. Insgesamt wird es schwieriger, überhaupt als pflegebedürftig eingestuft zu werden oder einen höheren Pflegegrad zu erhalten.
Anders als ursprünglich geplant soll die Pflegeversicherung aber die Rentenversicherungsbeträge für pflegende Angehörige weiter voll übernehmen. Etwas, das auch Minister Linnemann besonders wichtig war: "Da dürfen wir nicht zulassen, dass sie weniger Rentenpunkte bekommen, als wenn sie vergleichsweise in der Verwaltung oder in der Wirtschaft arbeiten würden." Nicht die einzige Kürzung, die zunächst gestrichen worden war.
"Strukturelle Finanzierungsproblematik" bleibt bestehen
Das Gesetz ist allerdings höchstens eine Art Erste-Hilfe-Maßnahme für die Pflegeversicherung. Obwohl der Bundestag es längst noch nicht beschlossen hat, ist schon klar: Es wird ohnehin nicht reichen, um die Finanzen in den Griff zu bekommen.
Das weiß auch der SPD-Gesundheitspolitiker Christos Pantazis. "Vor diesem Hintergrund brauchen wir ein zweites Gesetz. Weil: Die Pflege leidet unter einer strukturellen Finanzierungsproblematik, und die müssen wir adressieren. Ich mach keinen Hehl draus: Die Sozialdemokratie hätte das gleich in einem Schwung gemacht."
Doch darauf konnte sich die schwarz-rote Regierung nicht einigen. Und so diskutieren die Abgeordneten im Bundestag über den ersten Teil der Pflegereform, während eine Expertenkommission Vorschläge für eine umfassende Strukturreform erarbeitet.
Linnemann schließt weitere Kürzungen nicht aus
Gesundheitsminister Linnemann will bis Ende Januar Ergebnisse von der Kommission sehen. "Aber ich finde, es ist auch kein Hexenwerk. Und dann müssen wir als Politik den Mut auch haben, diese Dinge möglichst größtenteils umzusetzen." Dass es dann zu weiteren Kürzungen bei der Pflegeversicherung kommen wird, will Linnemann angesichts der Finanzsorgen nicht ausschließen.
Angelina Kusterer hadert schon vor weiteren Reformen mit dem System. Mit dem Wissen von heute würde sie ihre Mutter wohl nicht mehr in diesem Umfang pflegen, sagt sie.
What to Watch
AI outlook — possibilities, not facts
Die schwarz-rote Regierung wird ein zweites Gesetz zur Strukturreform der Pflegeversicherung vorlegen müssen.
Likely · Within months
Es werden weitere Kürzungen bei der Pflegeversicherung vorgenommen.
Possible · Within months
Open Questions
- Wann genau tritt die Pflegereform in Kraft?
- Welche konkreten Einsparungen plant die Expertenkommission für die Strukturreform?
- Wie viele pflegende Angehörige sind direkt von den geplanten Kürzungen betroffen?






