Das neue Geben: „Sie sind ja eh nur Sozialarbeiterin“
Auf den Konten deutscher Stiftungen und Vereine liegen Milliarden Euro fast ohne Zinsen. Banken behandeln den Sektor oft herablassend – und machen damit ein schlechtes Geschäft.
Quick Look
- Gemeinnützige Organisationen in Deutschland lassen rund 45 Milliarden Euro auf kaum verzinsten Konten liegen.
- Kolumnist Felix Oldenburg kritisiert mangelnde Zinserträge, fehlendes Selbstbewusstsein der Vereine und den Umgang der Banken.
AI-generated summary
Why It Matters
Private Organisationen ohne Erwerbszweck hatten Ende 2025 rund 74 Milliarden Euro an Bargeld und Einlagen bei Banken, davon 45 Milliarden auf Sichtkonten.
Auf den Konten gemeinnütziger Organisationen liegen 45 Milliarden Euro fast unverzinst. Die Banken spenden dem Sektor ab und zu. Als Kunden nehmen sie ihn selten ernst.
In Sandesneben, eine halbe Stunde von Hamburg, fahren unmarkierte weiße Transporter über die Dörfer. Wer einen sieht, denkt an Handwerker. Aber innen werden gewaltbetroffene Frauen beraten, auf dem Parkplatz vor dem Supermarkt oder der Schule. Auf dem Dorf betritt niemand unbemerkt eine Beratungsstelle, also kommt die Beratung zu den Frauen.
Miriam Peters hat die Land-Grazien 2020 gegründet. Weil der Bedarf so groß ist, ist die Organisation schnell gewachsen. Vor einem halben Jahr ist die Sozialarbeiterin aus den Transportern ins Büro umgestiegen, um sich um das Geld zu kümmern. Da gab es zu tun: Die Kontogebühren ihrer Organisation waren höher als die Zinsen. Sie fragte bei zwei Banken nach einer Anlage. Bei der Sparkasse bekam sie zu hören: „Sie sind ja eh nur Sozialarbeiterin.“
Der Satz ist unverschämt. Er ist aber auch ein schlechtes Geschäft. Private Organisationen ohne Erwerbszweck (Vereine, Stiftungen, Kirchen und Verbände) hatten Ende 2025 rund 74 Milliarden Euro an Bargeld und Einlagen bei Banken liegen. 45 Milliarden davon auf Sichtkonten, täglich verfügbar und so gut wie unverzinst.
Zur Einordnung: Für solche Einlagen zahlten Banken im Euro-Raum Unternehmen im Juli 0,6 Prozent. Die Banken selbst bekommen für dasselbe Geld bei der Europäischen Zentralbank über Nacht 2,5 Prozent.
Und die gemeinnützigen Organisationen? Leider gibt es dazu keine verlässlichen Statistiken, aber nach einer Befragung im Umfeld der Spendenplattform Bcause bekommen fast vierzig Prozent höchstens ein Prozent Zinsen. Ähnlich viele wissen es nicht einmal. Repräsentativ ist das nicht. Es passt aber zur Statistik der Bundesbank.
Rechnen wir das mal durch: Die Differenz von 1,9 Prozentpunkten auf 45 Milliarden Euro sind rund 850 Millionen Euro im Jahr. Alle Privatpersonen in Deutschland zusammen haben 2025 gut 4,6 Milliarden Euro gespendet. Was an Zinsen fehlt, entspricht also fast einem Fünftel aller Spenden. Oder dem Jahresbudget von 2800 Organisationen wie den Land-Grazien.
Warum bleibt in einem Sektor, der praktisch alle Menschen in Deutschland tief berührt, so viel Geld ungenutzt liegen? Ich sehe drei Erklärungen, aber keine davon entlastet die Banken.
Erstens sind gemeinnützige Organisationen gesetzlich verpflichtet, Spenden innerhalb von zwei Jahren auszugeben. Oder sie müssen komplizierte Rücklagen bilden. Eine wirklich attraktive Vermögensanlage ist da schwierig, aber Festgeld und Geldmarktfonds sind natürlich möglich.
Zweitens sind die meisten klein. Mehr als die Hälfte der 657.000 Organisationen in Deutschland nimmt weniger als 10.000 Euro im Jahr ein. Für sie lohnt sich der Aufwand nicht. Für alle anderen schon.
Drittens sind sie aber oft as Kunden weder anspruchsvoll noch selbstbewusst. In vielen Vereinen führt die Kasse, wer sich nicht rechtzeitig gewehrt hat. Aber genau dafür gibt es Beratung.
Gleichzeitig werben viele Banken mit ihrem Engagement. Die erste Zusage, die Miriam Peters jemals bekam, stammte von einer Sparkassenstiftung: 2500 Euro. (Die durfte sie aber nicht so ausgeben, wie sie wollte, sondern nur für Sachkosten.) Die Sparkassen-Finanzgruppe hat 2025 etwa 136 Millionen Euro für soziale Zwecke gespendet. Was dem Sektor an Zinsen (auch bei anderen Banken) entgeht, ist mehr als das Sechsfache dieser Summe. Als Bittstellerin war Miriam Peters willkommen. Als Kundin war sie nur Sozialarbeiterin.
Eine Finanzindustrie ist produktiv, wenn sie Ideen finanzierbar macht, die es ohne sie nicht gäbe. So ist sie für die Wirtschaft wertvoll. Für Organisationen wie die Land-Grazien leistet sie das Gegenteil. Sie verwahrt ihr Geld, bis es weniger wert ist. So geht man vielleicht mit einer Spendenempfängerin um. Aber nicht mit einer Kundin.
Open Questions
- Wie reagieren Banken auf die Kritik an ihren Zinskonditionen für gemeinnützige Organisationen?
- Werden Stiftungen künftig aktiver in Geldmarktfonds investieren?







