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BackDer Fall Arday: Wenn Diversitätspolitik zur Falle wird
Der Fall Arday: Wenn Diversitätspolitik zur Falle wird
Politics
FAZ7 hours agoPolitics5 min readGermanyView translation

Der Fall Arday: Wenn Diversitätspolitik zur Falle wird

Der tragische Tod des Cambridge-Professors Jason Arday wirft Fragen über Identitätspolitik, universitäre Rekrutierung und die Instrumentalisierung von Biographien auf.

Quick Look

  • Der Tod des Cambridge-Professors Jason Arday markiert das Scheitern einer auf Identität fokussierten Diversitätspolitik.
  • Die Universität instrumentalisierte Ardays Biographie, was den Fall politisierte und zu einer gesellschaftlichen Spaltung führte.

AI-generated summary

Why It Matters

Nach den Black-Lives-Matter-Protesten 2020 verstärkten britische Eliteuniversitäten ihre Bemühungen zur Erhöhung des Anteils nichtweißer Professoren. Der Fall Arday wurde durch Plagiatsvorwürfe und die Infragestellung seiner Biographie ausgelöst.

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Um es gleich vorweg zu sagen: Der Fall Arday ist so komplex, dass niemand ernsthaft einen einzelnen Schuldigen für den tragischen Tod des zurückgetretenen Cambridge-Professors wird ausmachen können. Da ist Jason Arday selbst, der seinen Aufstieg auf Lügen baute und diejenigen, die ihm auf die Schliche kamen, bei der Polizei anzeigte. Da ist die Universität Cambridge, die ihn auf einen Posten setzte, für den er nicht qualifiziert war, und Warnungen lange ignorierte. Und da sind Teile der britischen Medien, die Arday auch dann noch mit mehreren Artikeln pro Tag ins Kreuzfeuer nahmen, als dieser längst zurückgetreten war.

Über allen Verantwortlichkeiten schwebt jedoch die Frage, welche Rolle Ardays Identität als Schwarzer in der Angelegenheit spielte. Erst diese Frage macht aus der Geschichte eines Hochstaplers, dem Versagen einer Universität und der Kampagne einiger Zeitungen ein Thema, das eine gesamte Gesellschaft umtreibt, längst nicht mehr nur in Großbritannien. Und tatsächlich lässt sich an dem Fall exemplarisch ablesen, wie die Diversitätspolitik aufgestiegen ist, woran sie krankt und warum sie sich verändern sollte.

Cambridge wollte unbedingt den Anteil von Schwarzen erhöhen

Es begann mit den Black-Lives-Matter-Protesten im Jahr 2020. Die angelsächsischen Eliteuniversitäten, wo fortschrittliche Studenten auf alte Traditionen treffen, waren von ihnen besonders betroffen. Statuen wurden gestürzt, Flaggen gehisst, Redner gecancelt und Petitionen unterzeichnet.

So auch an der Pädagogischen Fakultät in Cambridge, von der 152 Studenten und Alumni in einem offenen Brief eine veränderte Rekrutierungspraxis und eine größere Präsenz nichtweißer Wissenschaftler forderten. Zu jenem Zeitpunkt waren nur 0,4 Prozent der Professoren in Cambridge schwarz, im Vergleich zu vier Prozent der britischen Gesamtbevölkerung. Das, so bekundeten Universitätsvertreter bei jeder Gelegenheit, wolle man baldmöglichst ändern. Schon 2019 hatte Cambridge einen Aktionsplan beschlossen, um den Anteil nichtweißer Professoren zu erhöhen.

Wie die meisten universitären Stellen jener Tage wurde also auch die Professur für Bildungssoziologie Ende 2022 mit einigen Zusätzen ausgeschrieben, die wenig mit akademischer Qualifikation, aber viel mit den Diversitätszielen der Universität zu tun hatten. Der Ausschreibungstext, den der „Telegraph“ wiedergefunden hat, betont zunächst, dass Bewerbungen von Menschen aus allen Bevölkerungsgruppen willkommen seien. Dann wird suggestiv hinzugefügt, dass einige Gruppen derzeit unterrepräsentiert seien: Frauen, Menschen mit einem schwarzen, asiatischen oder ethnisch minoritären Hintergrund (englisch: BAME) sowie Menschen mit Behinderung (Arbeiterkinder offenbar nicht). Ein „essenzielles“ Auswahlkriterium sei zudem die Fähigkeit, „equality, diversity and inclusion“ innerhalb der Fakultät zu fördern.

Die fachfremden Spezifika der Ausschreibung mögen den Bewerberkreis eingegrenzt und Arday der Professur ein Stück weit näher gebracht haben. Sie allein erklären aber noch nicht, warum Cambridge für einen solch prestigeträchtigen Lehrstuhl einen Kandidaten auswählte, der nur eine äußerst bescheidene Publikationsliste mitbrachte und noch nie einen Doktoranden zu Ende betreut hatte. Selbst wenn die Fakultät, was nicht gesichert ist, damals unter allen Umständen einen Nichtweißen einstellen wollte, hätte es zweifellos qualifiziertere Bewerber als Arday gegeben. Die „New York Times“ berichtet unter Berufung auf Mitglieder der Berufungskommission, in der Endauswahl hätten neben Arday zwei nichtweiße Wissenschaftlerinnen mit zahlreicheren und besseren Veröffentlichungen gestanden.

Arday repräsentierte Cambridges Diversitätsanstrengungen

Der Verdacht liegt nahe, dass die Universität sich vor allem mit Ardays außergewöhnlicher Biographie schmücken wollte. Dazu gehörte nicht nur sein Aufwachsen als Kind ghanaischer Einwanderer in einer Londoner Sozialbausiedlung, sondern auch sein Analphabetentum noch in später Jugend und Heldentaten, die in den vergangenen Wochen infrage gestellt worden sind, wie 30 absolvierte Marathons in 35 Tagen oder 5 Millionen Pfund eingeworbener Spenden für karitative Zwecke.

Es ist diese Geschichte, die das Kommuniqué der Fakultät erzählte. Es ist diese Geschichte, die in Fernsehbeiträgen und Zeitungsporträts begierig aufgegriffen wurde. „Der Mann, der erst mit 18 lesen lernte, wird der jüngste schwarze Cambridge-Professor aller Zeiten“, lautete eine typische Schlagzeile.

Ardays Geschichte stand dabei selten für sich allein. Es ging hier nicht einfach um ein einzigartiges Supertalent. Stattdessen präsentierte die Universität die Berufung eines in vielerlei Hinsicht Benachteiligten bei jeder Gelegenheit als Ausweis der eigenen Diversitätsbemühungen. Ardays Erfahrungen würden „die Herausforderungen verdeutlichen, denen viele unterrepräsentierte Gruppen“ im Bildungswesen ausgesetzt seien, sagte der Studiendekan anlässlich der Ernennung. Cambridge wolle diese Unterrepräsentation nun angehen, und Arday werde erheblich dazu beitragen.

Ob Arday dies durch seine Forschung oder seine bloße Identität tun sollte, blieb unklar. Überhaupt war in all den Berichten über Person und Ernennung von seinem wissenschaftlichen Wirken nur selten die Rede. Vielleicht schaute auch deshalb lange niemand genauer darauf, was Arday denn eigentlich so geschrieben hatte. Wenn seine Forschung doch einmal Platz fand, so ging es auch hier um Diversitätsziele: „Meine Arbeit konzentriert sich in erster Linie darauf, wie wir mehr Menschen aus benachteiligten Verhältnissen Türen öffnen und die Hochschulbildung demokratisieren können“, wird der frisch gekürte Professor von der Fakultät zitiert.

Die Diversitätspolitik hat den Fall politisiert

Mit dieser identitätsgetriebenen Darstellung Ardays – und ihrer bereitwilligen Aufnahme in den Medien – war der entscheidende Fehler gemacht. Es war das eine, den Angehörigen von strukturell benachteiligten Gruppen im Auswahlverfahren punktuelle Vorteile einzuräumen, um Chancengleichheit herzustellen: Das konnte man als Versuch werten, die besten Voraussetzungen für eine faire akademische Bewertung herzustellen. Etwas anderes war es, einen erfolgreichen Kandidaten aus einer solchen Gruppe in erster Linie als Gruppenvertreter zu präsentieren. Wer sollte sich dann noch des Eindrucks erwehren, er sei auch in erster Linie als Gruppenvertreter eingestellt worden?

Von nun an war Ardays Fall untrennbar mit Diskussionen um die Förderung von Minderheiten verbunden. Deswegen war es mit Nathan Cofnas ein selbst ernannter „race realist“ und Eugeniker, der die Plagiatsvorwürfe gegen Arday vor wenigen Wochen öffentlich machte und damit die Richtigkeit seiner These demonstrieren wollte, dass Schwarze in solch herausgehobenen Positionen eigentlich nichts verloren hätten (am Donnerstag wurde er von der Universität Gent suspendiert). Deswegen gab es sogleich Proteste prominenter Politiker, Wissenschaftler und Universitätsvertreter, die hinter den Anschuldigungen nichts als eine rassistische „Schmutzkampagne“ erkennen wollten. Deswegen richtete sich, als die Vorwürfe sich erhärteten, die Kritik von rechter Seite gegen Diversitätsbestrebungen als ganze.

Aus diesem Grund läuft jedoch auch der Versuch fehl, Rassismus für die Generalisierung des Falles überhaupt erst verantwortlich zu machen, nach dem Motto: Bei weißen Wissenschaftlern spreche man über Individuen, bei schwarzen immer gleich über alle Schwarze. Denn es waren nicht zuerst rechte Medien und Influencer, es war vielmehr die Universität, die Arday unter seiner bereitwilligen Mitwirkung zum Repräsentanten seiner Gruppe und Symbol der eigenen Diversitätsbestrebungen gemacht hat. Wenn ein solches Symbol gestürzt wird, ist es nur natürlich, dass auch das System hinterfragt wird, in dem es seine Bedeutung gewann. Es war die Diversitätspolitik, die den Fall Arday zuallererst politisiert hat.

Heißt das im Umkehrschluss, wie manche nicht nur auf der äußersten Rechten nun meinen, dass man Gleichstellungsmaßnahmen lediglich beseitigen müsste, und schon wäre die Meritokratie wieder etabliert? Die Probleme, auf welche die Diversitätspolitik antworten sollte, bleiben bestehen. Den Universitäten und der gesamten Gesellschaft gehen Talente verloren, weil sich Gleich gerne zu Gleich gesellt und Eliten sich bewusst oder unbewusst reproduzieren. Wem an meritokratischen Standards gelegen ist, dem darf das nicht egal sein.

Doch die Antwort darauf kann nicht lauten, dass man Identitätsmerkmale unter veränderten Vorzeichen noch stärker betont und aus der latenten Bevorzugung von Weißen eine manifeste Bevorzugung von Schwarzen macht. Die Förderung von Benachteiligten darf nicht dazu führen, dass diese auf ihre Benachteiligung reduziert werden. Hier gilt es, nach dem doppelten Furor der Woken und der Antiwoken ein neues Gleichgewicht zu finden. Sonst führt der Fall eines Einzelnen zur Entzweiung der Gesellschaft, in der der Einzelne nur zerrieben werden kann.

Open Questions

  • Wie wird Cambridge die Rekrutierungspraxis künftig anpassen?
  • Welche Auswirkungen hat der Fall auf die akademische Integrität?

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This article was originally published by FAZ.

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