Der unzerstörbare Reisesommer: Warum Krisen den Tourismus kaum bremsen
Trotz Klimakatastrophen, Waldbränden und geopolitischer Spannungen bleibt der globale Tourismus widerstandsfähig. Warum Urlauber ihre Pläne kaum ändern.
Quick Look
- Trotz Rekordhitze, Waldbränden und geopolitischer Krisen bleibt der globale Tourismus stabil.
- Urlauber lassen sich kaum von medialen Schreckensmeldungen beeinflussen; Spanien steuert trotz lokaler Krisen auf neue Besucherrekorde zu.
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Why It Matters
Der Artikel analysiert das Reiseverhalten im Kontext von Klimaveränderungen und geopolitischen Spannungen. Trotz medialer Präsenz von Krisen bleibt das touristische Reiseaufkommen hoch.
Hatten Sie einen schönen Urlaub? Wer seinen Mitmenschen diese Frage angesichts eines Sommers der klimatischen Katastrophen und geopolitischen Apokalypsen stellt, ist weder ein Narr noch ein Provokateur und schon gar kein Zyniker, sondern ein Realist. Denn die meisten Menschen werden antworten, dass ihr Sommerurlaub ungeachtet aller Desaster, aller verstörender Fernsehbilder brennender Wälder, ausgetrockneter Flüsse und explodierender Bomben kaum anders gewesen sei als in den Jahren zuvor. Schrecken und Finsternis sind medial omnipräsent, im Alltag jedes Einzelnen aber marginal. Und genau deswegen ist das Armageddon des Reisens auch in diesem Sommer wieder einmal vertagt worden.
Dabei schienen alle Voraussetzungen für ein touristisches Fiasko gegeben zu sein, allein schon wegen der Rekordhitze. Wir haben in Europa gerade den heißesten Juni und Juli seit Menschengedenken erlebt, um 2,79 Grad Celsius lag die Durchschnittstemperatur über dem Referenzwert und erreichte spektakuläre 21,62 Grad – da wird das Reisen eigentlich zur Qual. Auch bei den Waldbränden gab es schaurige Rekorde: Nahe der kastilischen Stadt Ávila vernichtete die bisher größte Feuersbrunst in der Geschichte Spaniens eine Fläche von 50.000 Hektar und bedrohte zeitweise sogar die Vororte von Madrid.
Die Zahl der Großfeuer liegt in Spanien schon jetzt dreimal so hoch wie in den vergangenen Jahren, auch wegen des regenreichen Frühjahrs, das außergewöhnlich viel Biomasse in den Wäldern wachsen und zum idealen Brandbeschleuniger in den trockenen Sommermonaten werden ließ. Genauso dramatisch war die Lage in Frankreich. Der Brand in der Gironde nahe Bordeaux war der größte seit 75 Jahren, 42.000 Hektar Waldfläche fielen ihm zum Opfer. In ganz Europa sind seit Jahresbeginn 5000 Quadratkilometer Wald verbrannt, und keine Region scheint mehr vor der Heimsuchung sicher. Selbst in Skandinavien, am Gardasee und im Hohen Venn an der deutsch-belgischen Grenze wüteten Feuer.
Existentiell, dramatisch und mitunter auch tödlich
Wahr ist aber auch, dass mit Ausnahme des südwestfranzösischen Badeortes Arcachon und seiner Umgebung keine Urlaubsregion unmittelbar von den Bränden betroffen war und die touristische Routine kaum gestört wurde. Selbst in Spanien konnten die allermeisten Touristen problemlos ihre Ferien verbringen – etwa an der Costa Brava, obwohl es in deren Hinterland bei La Bisbal d’Empordà lichterloh brannte. Doch davon bekamen die Badegäste in Lloret de Mar, Empuriabrava oder Roses nichts mit. Existentiell, dramatisch und mitunter auch tödlich waren die Brände für die Einheimischen, nicht aber für die hochmobile Spezies der Touristen.
Selbst die politischen Verwerfungen dieses Jahres haben erstaunlich geringe Auswirkungen auf den Reisesommer gezeigt. Die Pessimisten sollten nicht recht behalten, die Schreckensmeldungen des Frühjahrs verpufften, es war wieder einmal viel Lärm um nichts: Trumps und Netanjahus Irankrieg mit der Sperrung der Straße von Hormus hat das Kerosin nicht versiegen lassen, der globale Luftverkehr ist nicht zum Erliegen gekommen, jeder, der wollte – und es sich noch leisten konnte –, hat sein Urlaubsziel mit dem Flugzeug erreicht. Selbst die zentralen Drehkreuze in der Golfregion konnten sich erstaunlich schnell vom Schock der Komplettsperrung erholen.
Dubai, Abu Dhabi und Doha sind schon wieder bei fast 100 Prozent ihrer Kapazität, Emirates, Etihad und Qatar Airways transportieren wie vor den Krisenmonaten ihre Fluggäste zuverlässig nach Asien und Ozeanien – und selbst in der Hoch-Zeit des Krieges bewies der globale Luftverkehr seine Widerstandsfähigkeit und fand für die Flugrouten über den Golf genügend Ausweichstrecken. Dann ging es eben über Bangkok, Singapur, Seoul oder Taipeh nach Bali und Phuket, Australien und Neuseeland.
Die große touristische Völkerwanderung gen Norden ist ebenfalls vertagt worden – sofern sie denn jemals stattfinden wird. Reiseveranstalter und Ferienfluggesellschaften registrieren nur eine moderate, aber keine tektonische Verschiebung der Reiseströme vom Mittelmeer an die Nordsee oder Ostsee. Das schlägt sich zum Beispiel in Dänemark mit einem Plus von zwei Prozent bei den Besucherzahlen im ersten Halbjahr nieder. Die skandinavischen Länder bleiben aber nach massentouristischen Maßstäben weiterhin Exotenziele. Sie hätten auch gar nicht die Kapazitäten, um all die Urlauber aus Benidorm, Torremolinos oder Rimini in ihren Ferienhäuschen und Campingplätzen unterzubringen.
Ferien in Daunenjacke und Ostfriesennerz
Damit bleibt eines der populären Schlagworte dieses Hitzesommers zumindest für den Massen- und Pauschaltourismus eine Worthülse: „Coolcation“, Urlaub in angenehm kühlen Gegenden, ist kein massiver Trend, sondern ein Randphänomen. Das Reiseportal lastminute.com stellt sogar eine gegenteilige Tendenz fest: Die Buchungen für Nordeuropa sind auf der Plattform in den vergangenen drei Jahren um 16 Prozent rückläufig, während Urlaubsziele, die vergleichsweise viel für wenig Geld bieten wie Albanien, Marokko und Tunesien, ungeachtet ihrer Temperaturen kräftig zugelegt haben.
Die Menschen achten im Urlaub eher auf das Portemonnaie als auf das Thermometer, Ferien in Daunenjacke und Ostfriesennerz scheinen ohnehin nicht jedermanns Sache zu sein. Und als kürzlich der Tourismusverband des Schwarzwalds einen Anstieg der Übernachtungszahlen spanischer Besucher um 3,6 Prozent vermeldete, erweckte das den Eindruck, dass der Titisee die neue Costa del Sol sei. Der Schwarzwald wird bei Spaniern tatsächlich immer beliebter, doch stecken hinter diesem Zuwachs weniger Menschen, als am Flughafen von Palma de Mallorca in der Hochsaison während noch nicht einmal einer Stunde landen.
Der Schwarzwald kann sich zwar auch über immer mehr inländische Gäste freuen, doch verblüffend ist, dass Deutschland insgesamt kaum von den globalen Krisen dieses Jahres profitiert hat. Nicht einmal die Deutschen selbst kommen in nennenswerter Zahl auf den Gedanken, im Banne mediterraner Hitzewellen und weltpolitischer Minenfelder vorsichtshalber im eigenen Land Urlaub zu machen – im ersten Halbjahr stieg die Zahl der Übernachtungen inländischer Gäste nur um 0,3 Prozent und sank im Juni sogar um 3,6 Prozent. Und die schrumpfende Zahl von Auslandsreisen, die 2025 im Vergleich zum Vorjahr um 8,3 Prozent zurückgingen, hängt in erster Linie mit schmaleren Urlaubsbudgets in Wirtschaftskrisenzeiten zusammen.
So bleiben die wahren Profiteure des boomenden Tourismus jene Länder, die es auch in den vergangenen Jahren gewesen sind – allen voran das schwarzwald-affine Spanien, das 2026 wohl zum ersten Mal in seiner Geschichte die Marke von 100 Millionen Besuchern pro Jahr erreichen wird. Weder 45 Grad in Sevilla noch Großfeuer an der Costa del Azahar können die spanische Rekordjagd stoppen. Und selbst eine Stadt wie Barcelona, die im Hochsommer kaum auszuhalten ist, konnte in diesem Juli das Passagieraufkommen an ihrem mittlerweile siebtgrößten Flughafen Europas um 2,9 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat steigern.
Allerdings ist in Spanien bei den Besuchern aus Frankreich und vor allem aus Deutschland eine Sättigung festzustellen. Die Zahl der deutschen Urlauber, die immer häufiger den Hochsommer meiden und auf Frühjahr oder Herbst ausweichen, steigt zum ersten Mal seit vielen Jahren nicht mehr, sondern ist in den ersten sechs Monaten sogar um ein Prozent zurückgegangen – eine gesunde Stagnation angesichts der Bilder verzweifelter Demonstranten, die gegen die massentouristischen Auswüchse in Barcelona oder Palma de Mallorca protestieren. Doch ein Atemholen bedeutet das noch lange nicht für die Spanier, denn andere Nationen springen mit Vergnügen in die Bresche, allen voran die Amerikaner. Ihre Zahl ist von Januar bis Juni um zehn Prozent gestiegen, und jetzt können sie sogar nonstop von New York nach Mallorca fliegen.
Die Psychologie kennt inzwischen Begriffe wie Klimaangst und Klimatrauer. Der Anblick brennender Wälder und verdorrender Landschaften schlägt sensiblen Menschen aufs Gemüt und lässt sie ihre Zukunftszuversicht verlieren. Mitunter wird in diesem Zusammenhang sogar von prätraumatischen Belastungen gesprochen: Allein die Möglichkeit eines irgendwann zu erleidenden Traumas verschlechtert schon die seelische Gesundheit. Zum Glück ist das noch keine Volkskrankheit, zum Glück ist der reisende Mensch dann doch klüger, als man manchmal glauben will. Er lässt sich nicht so leicht abschrecken, ordnet die Gefahren richtig ein und macht sich auf den Weg, um die Welt persönlich in Augenschein zu nehmen. Etwas Besseres kann uns in diesen hypermedialen Zeiten fortschreitender Hysterisierung gar nicht geschehen. Welche Schuld an der Klimakatastrophe der Tourist indes durch sein Tun selbst auf sich lädt, ist eine ganz andere Frage.
Open Questions
- Wie beeinflussen langfristige Klimaveränderungen die Tourismus-Infrastruktur?
- Wann erreicht der Massentourismus in Südeuropa seine Belastungsgrenze?





