Devisen: Der Yuan soll steigen – aber nicht auf Geheiß des Westens
Während Peking westliche Forderungen nach einer Yuan-Aufwertung zurückweist, diskutieren Teile der chinesischen Elite intern über eine moderate Anpassung zur Stärkung der Kaufkraft.
Quick Look
- Peking weist westliche Forderungen nach einer Yuan-Aufwertung zur Reduzierung von Exportüberschüssen zurück.
- Intern gibt es jedoch Stimmen in der chinesischen Elite, die eine moderate Aufwertung für verkraftbar und ökonomisch sinnvoll halten.
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Why It Matters
Der Yuan ist im Kapitalverkehr nicht frei konvertierbar und wird von der chinesischen Zentralbank innerhalb eines Rahmens gesteuert. Westliche Staaten kritisieren den Kurs als unterbewertet.
Im Westen gilt der unterbewertete Yuan als Schlüsselfaktor für Chinas Exportüberschüsse. Peking weist das zurück – doch einflussreiche Stimmen diskutieren durchaus über einen stärkeren Yuan.
Shanghai. Es gibt Sätze, die in China sofort historische Erinnerungen wecken. Als Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) nach dem EU-Gipfel im Juni eine Unterbewertung des Yuans beklagte und eine Art Währungsdialog indirekt ins Spiel brachte, fiel die Reaktion in China scharf aus. Einen solchen Dialog brauche es nicht, so die Botschaft der nationalistischen „Global Times“.
Europas Problem seien nicht die chinesische Währung, sondern hausgemachte Themen wie Energiekosten, zu wenig Innovation und eine schwache Industriepolitik. Chinas Exportstärke beruhe hingegen auf Lieferketten, innovativen Technologien und Skaleneffekten. Vor wenigen Tagen teilte die Zentralbank mit, Ziel der Behörden sei es, die Währung auf einem anpassungsfähigen Niveau „im Wesentlichen stabil“ zu halten. Viel Spielraum für eine Aufwertung sieht Peking also nicht.
Doch Pekings Abfuhr an den Westen bedeutet nicht zwingend, dass China jede Aufwertung verhindern will. In der Volksrepublik wird durchaus über einen stärkeren Yuan diskutiert.
Konkret brachte Merz einen Dialog nach dem Vorbild des Plaza-Abkommens von 1985 ins Spiel. Dies war eine Vereinbarung der führenden Industriestaaten, darunter Deutschland. Im New Yorker Plaza Hotel verständigten sie sich 1985 auf Devisenmarktinterventionen und politische Maßnahmen, um den US-Dollar gegenüber dem japanischen Yen und der deutschen Mark zu schwächen. Ziel war es, das damalige US-Handelsdefizit zu verringern.
Solche Verhandlungen könnten auch das aktuelle Ungleichgewicht verringern helfen, glauben manche. Chinas Warenhandelsüberschuss erreichte 2025 mit knapp 1,2 Billionen US-Dollar einen Rekordwert – trotz eines Einbruchs der Exporte in die USA um rund 20 Prozent. Dieser Rückgang wurde durch steigende Ausfuhren unter anderem nach Europa, in die südostasiatischen Asean-Staaten und nach Afrika ausgeglichen.
In der innerchinesischen Debatte wird deutlich: Peking will sich vom Westen nicht vorschreiben lassen, wie mit dem Überschuss umzugehen ist. Schon gar nicht mit einem Verweis auf ein Abkommen, das in China auch mit der erzwungen wirkenden Aufwertung des Yens und den anschließenden wirtschaftlichen Verwerfungen in Japan – noch dazu einem politischen Gegner – verbunden wird. Die chinesische Reaktion ist deshalb vor allem als Zurückweisung der Forderung zu verstehen, den Yuan aufzuwerten, um die Überschüsse zu verringern.
Das ist allerdings nicht dasselbe wie eine grundsätzliche Absage an eine moderate Aufwertung. Während chinesische Staatsmedien gegen Plaza-Vergleiche polemisieren, wird in Teilen der chinesischen Wirtschafts-, Politik- und Finanzelite durchaus über einen stärkeren Yuan diskutiert. So beschreibt ein Beitrag des chinesischen Finanz-Thinktanks China Finance 40 Forum aus diesem Jahr die Währung als „signifikant unterbewertet“. Eine Aufwertung sei demnach die Rückkehr zu einem langfristigen Gleichgewicht. Zuletzt wertete der Yuan gegenüber dem Euro leicht auf.
Das dahinterstehende Narrativ ist in Chinas zensierter Debattenlandschaft anschlussfähig. Weder die USA noch die EU könnten die Volksrepublik zu einer Korrektur zwingen. Peking würde seinen Kurs vielmehr aus eigenem Antrieb verändern. Der Yuan ist im Kapitalverkehr nicht frei konvertierbar. Die chinesische Zentralbank steuert den Wechselkurs innerhalb eines Rahmens, er bildet sich nicht frei nach Angebot und Nachfrage. Eine Anpassung wäre also machbar.
Auch in der chinesischen Finanzpresse wird vorsichtig für eine stärkere Währung argumentiert. So erwartete Hui Shan, Chefökonomin von Goldman Sachs für China, in einem Interview mit der staatsnahen chinesischen Finanzzeitung „Securities Times“ im September eine schrittweise und moderate Aufwertung von etwa drei bis fünf Prozent pro Jahr. Dies sei verkraftbar, ohne die Wettbewerbsfähigkeit der Industrie spürbar zu beeinträchtigen.
Ähnlich argumentierte Chen Dingding, Professor für Internationale Beziehungen an der Jinan-Universität im südchinesischen Guangzhou, im September auf einem Podium der Konrad-Adenauer-Stiftung in Shanghai. Eine stärkere Währung würde der chinesischen Bevölkerung seiner Meinung nach mehr Kaufkraft im Ausland geben. Ob daraus tatsächlich mehr Konsum folgt, hängt allerdings auch vom Einkommen, der Konsumneigung und den Beschränkungen des chinesischen Kapitalverkehrs ab.
Chen empfahl europäischen und amerikanischen Verhandlern zudem, ihre Argumentation gegenüber China stärker an den Interessen der Volksrepublik auszurichten. Die Frage sollte demnach lauten: Was liegt in Chinas eigenem Interesse? Ein Vorschlag, der Europas Verhandlungsstrategen sicherlich bekannt vorkommen dürfte.
So reiste EU-Handelskommissar Maros Sefcovic vor wenigen Tagen zu Gesprächen nach China. Vor den Gesprächen und dem folgenden EU-Gipfel Mitte Oktober hatten Bundeskanzler Merz und Frankreichs Präsident Emmanuel Macron den Druck auf Peking erheblich erhöht.
In einem gemeinsamen Schreiben an EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen forderten sie neue Instrumente, mit denen sich die EU-Staaten gegen marktverzerrende Handelspraktiken und Abhängigkeiten wehren können. Im Zentrum der westlichen Kritik an Chinas Exportgeschäft steht immer wieder ein unterbewerteter Yuan.
Aus chinesischer Sicht sind die Anreize für eine Kursumkehr in Währungsfragen allerdings begrenzt. Der Shanghaier Wirtschaftsprofessor Zhu Tian ist kein Freund davon, die Währung politisch nach oben zu drücken. Für eine große Volkswirtschaft wie China sollte der Wechselkurs kein zentrales wirtschaftspolitisches Instrument sein, sagte er dem Handelsblatt.
Zwar erhöhe eine stärkere Währung die Kaufkraft chinesischer Verbraucher und Unternehmen im Ausland und steigere den Wert chinesischer Vermögensanlagen in Dollar, so Zhu. Die makroökonomischen Effekte seien jedoch begrenzt.
Der Wirtschaftswissenschaftler fordert deshalb eine „ausreichend expansive Fiskalpolitik, um die gesamtwirtschaftliche Nachfrage wiederherzustellen“. Dadurch würden sich Wirtschaftswachstum und Unternehmensgewinne seiner Meinung nach erholen. Die Deflation würde einer moderaten Inflation weichen, die Zinsen könnten steigen und chinesische Vermögenswerte würden attraktiver werden. All diese Faktoren würden tendenziell einen stärkeren Yuan stützen.
Die chinesische Wirtschaft steckt derzeit in einer Wachstumsschwäche. In der ersten Jahreshälfte schwächte sich das Wachstum auf 4,7 Prozent ab. Das offizielle Ziel für das laufende Jahr liegt bei 4,5 bis fünf Prozent, nach rund fünf Prozent im Vorjahr. „Eine Aufwertung würde neben einer unterstützenden Wirkung gleichzeitig Exporte verteuern“, sagte Johannes Petry, Finanzwissenschaftler an der Goethe-Universität Frankfurt. Das Exportgeschäft ist derzeit einer der wenigen Wachstumstreiber in der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt.
Für die politischen Spitzen Europas und viele Wirtschaftsinstitute ist der unterbewertete Yuan ein Schlüsselfaktor hinter Chinas hohen Exportüberschüssen. Je nach Modell und Bezugsgröße reichen die Schätzungen in der westlichen Debatte von gut zehn bis mindestens 30 Prozent. In einem im Februar veröffentlichten Bericht wies auch der Internationale Währungsfonds auf eine erhebliche Fehlbewertung hin.
China stellt sich dieser Sichtweise jedoch entgegen. Zwar gibt es Stimmen wie die von Chen Dingding, der einräumte, dass die chinesischen Überschüsse auf Dauer nicht nachhaltig sind. Das offizielle Narrativ betont jedoch, dass China nie bewusst einen Überschuss gegenüber Europa angestrebt habe. Stattdessen sei die chinesische Wirtschaft wettbewerbsfähiger geworden.
Der schwache Binnenkonsum wird auch in China als Problem interpretiert. Gegen eine leichte Anpassung der Währung gibt es deshalb nicht unbedingt Widerstand, wohl aber gegen einen großen Währungssprung. Peking will eine Aufwertung nicht zum Ziel erklären, scheint eine moderate Anpassung aber auch nicht um jeden Preis verhindern zu wollen.
Das mögliche Kalkül: Wenn der Yuan wegen des hohen Überschusses, der gestiegenen chinesischen Wettbewerbsfähigkeit oder eines schwächeren Dollars aufwertet, kann China dies tolerieren – solange der Anstieg langsam bleibt, die Exportwirtschaft stabil bleibt und China die Kontrolle über Tempo und politische Erzählung behält.
Deshalb wird Druck aus Brüssel mit Gegendruck aus Peking beantwortet, wie so häufig. Die Abfuhr gilt dabei weniger einer stärkeren chinesischen Währung als dem Versuch, dass ihre Entwicklung von außen vorgeben werde.
Open Questions
- Wird Peking tatsächlich eine schrittweise Aufwertung zulassen?
- Wie reagiert die EU auf die chinesische Ablehnung eines Währungsdialogs?







