Elbvertiefung: Der tägliche Newsletter aus Hamburg: Dieser Mittwoch ist ein schwarzer Samstag
Quick Look
- Die ZEIT empfiehlt Maxim Billers Roman Schwarze Samstage über das Massaker vom 7.
- Oktober 2023 in Israel.
- Gleichzeitig berichtet sie über die Festnahme des ehemaligen BND-Präsidenten August Hanning wegen Spionageverdachts, den Appell der Gymnasien gegen Einsparungen, die Auszeichnung von Gottfried Lorenz mit dem Bundesverdienstkreuz, den Ausbau der E-Busflotte in Hamburg, die steigende Erwerbstätigkeit älterer Menschen und die neue Pflicht zum Besuch von NS-Gedenkstätten in Hamburger Schulen.
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Why It Matters
Der 7. Oktober 2023 markiert den Tag des Terrorangriffs der Hamas auf Israel, bei dem etwa 1.200 Menschen getötet wurden. Dieses Ereignis hat globale repercussions, einschließlich in Deutschland, wo es zu Diskussionen über Sicherheit, Erinnerungspolitik und den Nahostkonflikt geführt hat. Gleichzeitig wird in Hamburg über Bildungsausgaben, den Ausbau umweltfreundlicher Verkehrsmittel und die Verpflichtung zum Besuch von NS-Gedenkstätten debattiert.
Liebe Leserin, lieber Leser,
es gibt Erlebnisse, die so groß und einschneidend sind, dass sie sich an das Datum heften, an dem sie passiert sind. Im besten Fall sind es schöne Ereignisse: die Geburt eines Kindes, der erste Kuss, das Coming-out. Jahr für Jahr belegen sie diesen Tag mit Erinnerungen, vielleicht ein bisschen blasser als zuvor, und doch da.
Allerdings sind unsere Kalender nicht nur mit erfreulichen, sondern auch mit düsteren Erfahrungen gespickt: ein Unfall, eine schlimme Diagnose, der Tod eines nahestehenden Menschen. Und manchmal ist ein Datum nicht nur für den Einzelnen, sondern kollektiv mit Schmerz verknüpft. So wie heute. Seit drei Jahren ist der 7. Oktober kein einfacher goldener Herbsttag mehr. Denn an diesem Tag wurden 2023 in Israel 1.200 Menschen von Terroristen ermordet. Es war ein Samstag.
Auch Ari aus Hamburg entsetzt das Massaker. Er ist der Protagonist in Maxim Billers neuem Buch Schwarze Samstage. ZEIT-Redakteur Volker Weidermann schreibt darüber (Z+), es sei »ein tieftrauriger und angriffslustiger, mitunter ungerechter, eigentlich immer überraschender und oft auch lustiger Roman«.
Damit qualifizierte sich Schwarze Samstage für die Literatur-Spezialausgabe der ZEIT, die seit dieser Woche am Kiosk liegt. Unter anderem werden darin 100 Bücher empfohlen (Z+), die – wie meine Kolleginnen und Kollegen schreiben – »diesen Herbst besonders wichtig sind, ausnehmend gut, aufwühlend, preiswürdig, berührend oder zur scharfen Diskussion tauglich«.
Der 7. Oktober ist Teil eines der komplexesten und schwersten Konflikte unserer Zeit. Mich hat der Kommentar (Z+) von Politikredakteur Christian Vooren berührt, der über die Traumata schrieb, die Kinder und Jugendliche seit dem Massaker erlitten haben und weiterhin erleiden, in Israel und Gaza.
Für mich werden solche Texte auch von einem gewissen Gefühl der Ausweglosigkeit begleitet. Trotzdem möchte ich an einem kleinen Alltagsidealismus festhalten: Wie soll etwas besser werden, wenn wir nicht bei uns beginnen? Wir wissen nie, was unser Gegenüber gerade durchmacht. Menschen wohlwollend zu begegnen, birgt sicher ein Risiko, aber viel häufiger auch eine Chance für ein besseres Miteinander. Egal, wer vor uns steht und welcher Tag gerade ist.
Bis morgen,
Ihre Viola Diem
Was heute wichtig ist
Der ehemalige BND-Präsident August Hanning (im Bild) ist unter Spionageverdacht festgenommen worden – ebenso sein ehemaliger Büroleiter. Die Ermittlungen kamen durch den Block-Fall ins Laufen. Demnach wird Hanning unter anderem des versuchten Landesverrats und der geheimdienstlichen Agententätigkeit verdächtigt.
Die Leitungen der Gymnasien appellieren an den Bürgermeister, geplante Einsparungen zurückzunehmen. Die Pisa-Studie zeige, dass das Leistungsniveau auch an Gymnasien sinke, schreibt der Verband VLHGS in einem offenen Brief. Es gebe keine Grundlage dafür, diese Schulform stärker zu besparen als andere (wir berichteten, Z+). Auch die Schüler:innenkammer meldete sich zu Wort. Sie fordert grundsätzlich »keine Einsparungen im Bildungsbereich«.
Der Historiker und pensionierte Lehrer Gottfried Lorenz ist gestern mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet worden. Lorenz’ Recherchen trugen unter anderem dazu bei, dass mehr als 300 Stolpersteine in Hamburg an Menschen erinnern, die im Nationalsozialismus wegen ihrer Homosexualität verfolgt wurden. Er war außerdem eine der treibenden Kräfte hinter dem neu entstehenden Denk-Ort für sexuelle und geschlechtliche Vielfalt. Am Sonntag wird »Für Capri und Roxi«, eines der zwei geplanten Kunstwerke, auf dem Enckeplatz eingeweiht.
Der Anteil an E-Bussen auf Hamburgs Straßen liegt aktuell bei 36,9 Prozent. Das zeigt eine Studie der Deutschen Umwelthilfe, die die kommunalen Busflotten in den 40 größten deutschen Städten untersucht hat. Damit liegt Hamburg auf Rang sechs. Bis zum Jahr 2031 will die Hochbahn den Anteil auf bis zu 60 Prozent steigern.
Im Jahr 2025 waren in Hamburg rund 31.000 Menschen im Alter von 65 bis 75 Jahren erwerbstätig. Das entspricht laut Statistikamt Nord etwa 19 Prozent der Menschen dieses Alters; 2015 waren es nur rund neun Prozent.
Nachricht des Tages
Jeder Hamburger und jede Hamburgerin soll während der Schullaufbahn mindestens eine NS-Gedenkstätte besuchen. Das gaben Bildungssenatorin Ksenija Bekeris und Kultursenator Carsten Brosda (beide SPD) gestern bekannt. Alle Gymnasien und Stadtteilschulen müssen den Besuch in ihren Lehrplänen verankern und im Unterricht vor- und nachbereiten. Für welchen Jahrgang sie das einplanen, bleibt ihnen überlassen.
»Es gibt die Erinnerung zu Hause am Küchentisch nicht mehr«, sagte Senatorin Bekeris zur Begründung. Sie meinte damit den zeitlichen Abstand zu den Verbrechen des Nationalsozialismus, aber auch den Umstand, dass viele Kinder und Jugendliche, die heute in Hamburg zur Schule gingen, nicht Nachfahren der damaligen Täter seien. Zugleich erfordere die Geschichtsverfälschung in sozialen Medien ein kritisches Bewusstsein. Kann man junge Menschen dazu verpflichten, zu erinnern? Er sei zunächst skeptisch gewesen, sagte Senator Brosda: »Aber die Alternative, es nicht zu versuchen, ist auch nicht besser.«
Rund 80 Prozent aller weiterführenden Schulen in Hamburg besuchten bereits historische Orte wie das KZ Neuengamme oder die neugestaltete Israelitische Töchterschule (Z+). Meist finde das in den Jahrgängen 9 bis 12 statt. Eine ähnliche Besuchspflicht gebe es bereits in Bayern und im Saarland.
Von Oskar Piegsa
Aus Hamburg
Gut und günstig kochen – wie schafft man das?
Lange arbeitete Frederik Pavlik in Spitzenrestaurants weltweit. Dann bewarb er sich in der Kantine der Hochschule für Bildende Künste (HFBK) – und entwickelt nun Gerichte für 4,50 Euro. Beim Interview mit ZEIT-Autorin Verena Carola Mayer erzählt er, warum ihm das Arbeiten hier sehr viel mehr gibt. Lesen Sie hier einen Auszug.
DIE ZEIT: Herr Pavlik, waren Sie schon immer ein Kantinenfan?
Frederik Pavlik: Es gibt auf jeden Fall eine familiäre Vorbelastung. Meine Oma hat die Cafeteria an meinem Gymnasium betreut. Sie hat mich zum Kochen inspiriert, weil ich viel Zeit in ihrer Küche verbracht habe. Ansonsten war ich nicht viel in Kantinen essen. Wenn doch, haben sich immer die klassischen Vorurteile bestätigt: kaum Gewürze an der Soße. Zu lang gekochtes, maddeliges Gemüse. Alles ziemlich simpel und eindimensional.
ZEIT: Dennoch haben Sie die Spitzengastronomie gegen die Großküche getauscht. Wie kam es dazu?
Pavlik: Als ich eines nachts durch Instagram scrollte, sah ich zufällig einen Post der HFBK: ein Foto der Kantine und die Frage »Do you want to run this canteen?« Ich habe direkt eine Mail geschrieben, dass ich Interesse hätte.
ZEIT: Das müssen Sie erklären. Zuvor waren Sie in Toprestaurants in aller Welt. Was hat Sie an der Kantine gereizt?
Pavlik: Ich wollte etwas Sinnstiftendes tun: Was wir hier auf den Teller bringen, hat für mich auch was von bildender Kunst: Es kann Menschen inspirieren, Wohlbefinden erzeugen und damit besser durch den Tag bringen.
ZEIT: Ein Menü in der Spitzenküche kann das nicht?
Pavlik: Das waren schöne Produkte, alles sehr hochwertig. Aber es war irgendwie spießig. Alles so akkurat. Du nimmst zum Beispiel eine Kartoffel und stichst nur kleine Bolzen aus, die zu winzigen Kartoffelchips gehobelt und wie Schuppen aufs Fischfilet gelegt werden. Wer braucht das? 2014 bin ich durch Laos gereist. In abgelegenen Dörfern habe ich bei Familien gewohnt, die mir gezeigt haben, wie sie mit der Natur leben und kochen. Da habe ich mich zum ersten Mal gefragt: Wonach strebe ich eigentlich im Job? Nach dieser High-End-Cuisine? Nein. Ich wollte zurück zum Ursprung von Geschmack. Kochen, um etwas Gutes auf den Teller zu bringen, nicht, um Menschen zu beeindrucken.
Wie Pavlik Fine-Dining-Prinzipien auf das Kantinenessen überträgt, lesen Sie weiter in der ungekürzten Fassung. → Zum Interview (Z+)
Schon gelesen?
Das Geisterschiff
Ein Tanker der russischen Schattenflotte liegt vor Rügen fest, an Bord: 100.000 Tonnen Öl. Deutschland will die wertvolle Fracht. Aber es geht um viel mehr als um Geld. Christoph Heinemann und Jakob Milzner haben den Fall aufgeschrieben. → Zum Artikel (Z+)
Darauf können Sie sich freuen
In der Gesprächsreihe »Wir müssen Reden« trifft Sascha Chaimowicz, Chefredakteur des ZEITmagazins, dieses Mal auf Doris Dörrie, eine der bekanntesten deutschen Filmregisseurinnen, um mit ihr über unser Zusammenleben zu reden. Im Anschluss wird das Gespräch in den Foyers fortgesetzt. Dazu gibt es für Publikum und Team die Lieblingssuppe der Gäste.
Wir verlosen fünfmal zwei Tickets für kommenden Sonntag, 11. Oktober, um 11.00 Uhr im Thalia Theater. An der Verlosung können Sie über dieses Formular teilnehmen. Teilnahmeschluss ist Freitag. Die Gewinnerinnen und Gewinner werden von uns benachrichtigt. Viel Glück!
Meine Stadt
Hamburger Schnack
Neulich beim Bäcker in Eimsbüttel. Vor mir in der Warteschlange unterhalten sich zwei Männer um die 30. Sagt der eine überglücklich: »Letzten Montag habe ich einen Parkplatz direkt vor unserer Haustür erwischt. Seitdem mach’ ich nur noch Carsharing. Sonst ist der schöne Parkplatz weg.«
Gehört von Hartmut Lankau
What to Watch
AI outlook — possibilities, not facts
Der Anteil an E-Bussen auf Hamburgs Straßen wird bis 2031 auf 60 Prozent erhöht.
Likely · Within years
Die Pflicht zum Besuch von NS-Gedenkstätten wird in weiteren deutschen Bundesländern eingeführt.
Possible · Within years
Open Questions
- Wie wird die neue Pflicht zum Besuch von NS-Gedenkstätten in der Praxis umgesetzt?
- Welche konkreten Schritte plant die Hochbahn, um den Anteil an E-Bussen bis 2031 auf 60 Prozent zu erhöhen?
- Wie wird die Festnahme von August Hanning die Arbeit des BND beeinflussen?
- Welche langfristigen Auswirkungen hat das Massaker vom 7. Oktober auf die israelisch-palästinensischen Beziehungen?




