
Florian Walberg hat den deutschen E-Scooter-Markt geprägt. Heute drängen chinesische Giganten wie Xiaomi und Segway seine Marke Egret an den Rand. Ein Überlebenskampf im Premiumbereich.
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Private E-Scooter in Deutschland wachsen rasant, werden jedoch stark von den chinesischen Marken Xiaomi und Segway dominiert.
Florian Walberg ist Pionier bei privaten E-Scootern. Heute drohen Xiaomi und Segway seine Marke zu verdrängen. Um das zu verhindern, geht er an die Grenzen seines Qualitätsversprechens.
Florian Walberg streicht mit den Fingern über die gemaserten Gummigriffe seines neuen E-Scooters, gleitet weiter über das Bedienfeld – plus, minus, Hupe. „Das geht alles ineinander über“, sagt er. Dann bückt er sich zum Schutzblech. „Nicht Plastik, sondern Alu. Da geht mir einer ab.“
Walberg ist einer dieser Menschen, dessen Zunge sich gefühlt so schnell bewegt wie die Räder seiner E-Scooter. 45 km/h darf das neueste Modell seines Unternehmens Egret fahren: ein E-Scooter mit eingebautem Sitz. Er habe das erste Premiummodell herausgebracht, sagt Walberg. Und er steht unter dem Druck, bei Innovationen mithalten zu müssen.
Sonst ist er abgehängt. Also noch abgehängter als ohnehin schon. In einem Markt, der rasant wächst. Dabei ist Walberg eigentlich einer der Pioniere seiner Branche.
Dass private E-Scooter in Deutschland überhaupt rollen dürfen, geht laut Eigendarstellung und Medienberichten auf ihn zurück. Wirtschaftlich gesehen ist der Privatmarkt für E-Roller längst interessanter als der für sogenannte Shared Scooter, die sich Nutzerinnen und Nutzer bei Anbietern wie Lime und Bolt ausleihen können.
Der Markt für E-Scooter, die sich Kundinnen und Kunden privat anschaffen, ist in Deutschland eines der am schnellsten wachsenden Felder im Mobilitätssektor überhaupt. Zahlen des Gesamtverbands der Versicherer zeigen: Rollten 2022 noch 571.000 private E-Scooter auf den Straßen, waren es im vergangenen Jahr schon 1,36 Millionen. „Der Markt wächst immer noch jährlich um 20 bis 30 Prozent“, sagt Darius Scurtu, Mobilitätsexperte beim Beratungskonzern McKinsey.
Auch wenn das Fahrrad das mit Abstand beliebteste Verkehrsmittel ist und Roller im Vergleich ein Nischenprodukt sind: 60 Prozent aller zurückgelegten Wege seien kürzer als fünf Kilometer. Genau diese Wege sind geeignet für Formen der Mikromobilität, worunter das Fahren mit dem E-Scooter fällt. „Der Markt ist zumindest theoretisch bei Weitem nicht ausgeschöpft. Das macht den Markt um E-Scooter sehr interessant“, sagt Scurtu.
Bis 2030, schätzt der McKinsey-Experte, werde sich der europäische Markt für private E-Scooter zu einem Ein- bis Zwei-Milliarden-Markt entwickeln. Das Problem: Er gehört fast ausschließlich den chinesischen Marken Xiaomi und Segway.
Egret-Gründer Walberg will beweisen, dass für einen deutschen Hersteller trotzdem noch Platz bleibt.
Bevor Florian Walberg Roller vertrieb, war er Sänger der 90er-Boyband Bed & Breakfast, moderierte bei Bravo TV, versuchte sich an einem Musiklabel, an einem Verlag und arbeitete als Tourleiter. „Da hast du nach draußen eine tolle Position, aber im Alltag bist du Laufbursche. Du holst das Taschentuch für den Künstler oder das Kabel für den Elektriker“, sagt Walberg.
In dieser Zeit schenkten ihm Freunde einen E-Scooter. Er konnte die Laufwege als Tourleiter nun rollen. Nur ging der Roller ständig kaputt. Walberg begann, selbst an ihm herumzuschrauben. Er kontaktierte die Hamburger Importeure des Fahrzeugs und reparierte irgendwann bei ihnen seinen Roller. In der Werkstatt standen auch andere kaputte E-Scooter, die Walberg einfach mit reparierte.
Weil er sich irgendwann so in die Materie eingearbeitet hatte, fragten die Importeure ihn, ob er sie auf einer Reise zu ihrer Produktionsstätte in China begleiten wolle. Dort schlug Walberg dem Hersteller diverse Verbesserungen vor. „Das war für mich ein mega Moment. Ich habe keine Ausbildung und hatte auf einmal eine Funktion in der Produktion, wo ich durch meine Arbeit mit meinen Händen Probleme lösen konnte.“
Das war im Jahr 2003. Acht Jahre lang arbeitete er daraufhin für die Firma. Then wollte er etwas Eigenes machen.
Damals hätten alle Roller einen Sitz gehabt, erzählt Walberg. Er war aber der Meinung, für Kurzstrecken und im hektischen Alltag brauche es den nicht, Hauptsache, der Roller sei kompakt. Nur waren Modelle zum Stehen nicht auf deutschen Straßen zugelassen. Seine verpflichtenden Bremstests durfte der TÜV deswegen nur für die Roller mit Sitz durchführen – nicht für die neue Fahrzeugklasse ohne.
Walberg recherchierte, dass für die technischen Standards von Fahrzeugklassen die EU zuständig ist. Nur gab es in Brüssel für seine neue Fahrzeugklasse noch keine Arbeitsgruppe. Er kontaktierte daraufhin das chinesische Unternehmen Segway, das ebenfalls an der Zulassung von E-Scootern interessiert war. Segway wiederum lobbyierte gerade mit dem Sportartikelhändler Decathlon in Brüssel für die Zulassung der Stehroller.
Schließlich gründete Walberg gemeinsam mit Mitarbeitern von Decathlon, Segway, Honda und Toyota gemeinsam eine Arbeitsgruppe. Sie schrieben eine Prüfnorm für die neuen E-Scooter. Der Erstentwurf wurde im August 2017 veröffentlicht. Die technischen Standards waren festgelegt. Der Weg für E-Scooter war aber noch immer nicht ganz frei.
Steht die Norm, müssen deutsche Gesetzgeber im nächsten Schritt über eine etwaige Helmpflicht oder Höchstgeschwindigkeiten entscheiden und die Frage verhandeln, ob E-Scooter auf der Straße oder dem Radweg fahren sollen. Walberg dauert das alles zu lange. Er baut trotzdem erste Roller. „Seit 2011 habe ich Roller verkauft, aber die waren nicht legal.“ Zumindest nicht auf deutschen Straßen. Kunden habe er stets gesagt: Du darfst die Roller nur auf Privatgelände fahren. So war er nicht haftbar.
2019 dann wurden E-Scooter offiziell auf deutschen Straßen zugelassen. Walberg war vorbereitet. Weil er so eng an der Gesetzgebung beteiligt war, wusste er laut eigener Aussage genau, wann es so weit sein würde. Schon vor 2019 habe er ein bis zwei Millionen Euro Umsatz mit seinen Rollern gemacht. „Aber ich wusste, wenn sich die Gesetze ändern, dann kommt die ganze Welt.“ Und so ähnlich kam es auch. Zunächst.
Noch im selben Jahr schoss sein Umsatz auf knapp acht Millionen Euro. Damals sei seine Rollermarke Egret der „einzige ernstzunehmende Player“ im Markt für private E-Scooter gewesen. Egret konzentrierte sich auf den Verkauf im Fachhandel, vor allem in Fahrradläden.
Wäre es nach Walberg gegangen, hätte es so weiterlaufen können. Doch dann brach die Coronapandemie aus. Und sein Geschäft ein. Walbergs Produktion befand sich in China. Die Lockdowns zerstörten seine Lieferketten. 2021 wies seine Bilanz einen Verlust von 2,7 Millionen Euro aus. Die Pandemie schluckte das Investorengeld. „Ich musste diverse Leute entlassen, das war furchtbar.“
Dass Egret diese Zeit überlebte, lag vor allem an Glück. Zwei Monate, bevor die Pandemie begann, stieg ein Investor mit einem Anteil von 30 Prozent ein. „Hätte ich den nicht gehabt, hätte ich aufgeben müssen.“
Walberg steckt seit jeher in einem Dilemma, das viele andere deutsche Unternehmen ebenfalls kennen: Seine Marke Egret lebt von dem Qualitätsversprechen, besser zu sein als die Konkurrenz aus Billiglohnländern. Gleichzeitig produziert er in China.
Bei Google wirbt Egret mit dem Slogan „Engineered in Germany“. Auf der Website heißt es: „Entwickelt in Hamburg. Design, Konstruktion und Qualitätssicherung kommen aus Deutschland. Für E-Scooter, die nicht nur gut aussehen, sondern lang halten sollen.“ Was das bedeutet, bringt Walberg so auf den Punkt: „Jede Schraube ist geil.“
Nur wie viel ist solch ein Qualitätsversprechen wert? Welchen Mehrwert hat ein Kunde dadurch, dass er bei einer deutschen Marke kauft, wenn parallel die Ware chinesischer Anbieter immer besser wird – und selbst ein deutsches Unternehmen wie Egret in China produzieren lässt?
Man merkt Walberg an, wie er mit dieser Frage hadert. Die Produktentwicklung in Deutschland sei unverzichtbar, sagt er. Das Gleiche gelte aber für die chinesische Produktion. Er würde ja gern in Deutschland produzieren, sagt er. „Ich habe es immer wieder versucht.“ Aber es sei keine Option.
Walberg gibt ein Beispiel, das illustrieren soll, warum: Für einen Controller, das „Gehirn“ des E-Scooters, habe ein Hersteller aus Süddeutschland einmal 750.000 Euro Entwicklungsgeld vorab und zwei Jahre Zeit verlangt, bei Kosten von 150 bis 200 Euro je Bauteil. Zu teuer. Viel zu langsam. „Nach zwei Jahren hat sich der Markt wieder komplett gedreht“, sagt Walberg.
Ein chinesischer Hersteller liefere ein vergleichbares Teil für 30 bis 40 Dollar und entwickle es auf eigenes Risiko mit. „So hast du ein fertiges Bauteil innerhalb von zwei Monaten.“ Was Walberg mit alldem wohl sagen will: Wenn man nicht schnell genug ist, bringt auch ein Qualitätsversprechen „Made in Germany“ nichts mehr.
Und Walberg war schon einmal zu langsam, nach der Pandemie. Denn auch wenn diese damals die E-Scooter-Einfuhr verlangsamte: Das Marktpotenzial der Roller blieb bestehen. Und während Walberg seit jeher auf den Fachhandel gesetzt hatte, hatte die chinesische Konkurrenz die Masse und damit einen ganz anderen Absatzmarkt im Blick: den Consumer-Electronics-Markt, die Mediamarkts und Saturns der Republik. Während Walberg Fahrradmessen besuchte, waren Segway und Xiaomi auf der IFA präsent – einer der weltweit wichtigsten Messen für Consumer-Electronics.
Nach Corona wuchs der private E-Scooter-Markt stark. Gekauft wurden die Roller allerdings nicht im Fachhandel, sondern in Elektronikmärkten. Walberg war zwar vielleicht Pionier in seiner Branche, Platzhirsch aber war nach der Pandemie die Konkurrenz aus Asien. Seit dem Ende der Pandemie versucht der Hamburger nur noch, überhaupt einen Platz im Markt zu erhalten.
Spätestens at dieser Stelle hätte er das Feld räumen können. „Aber diese Perspektive von Aufgeben, die hat überhaupt keinen Platz in meinem Kopf“, sagt er.
In Walbergs Büro in der Speicherstadt stehen Regale voller Comics, da hängen zwei Wände voller bunter Sneakers, mitten im Raum steht ein großer Ledersessel, es gibt zwei hüfthohe Lautsprecher, einen alten Kaugummiautomaten, verschiedene Bilder. Walberg will sich am Arbeitsplatz wie in seinem Wohnzimmer fühlen, sagt er. Er verbringe hier immerhin zehn Stunden am Tag, um im Markt nicht unterzugehen.
Xiaomi und Segway teilen sich den deutschen Markt heute quasi unter sich auf. Walbergs Rollermarke Egret hatte 2025 einen Marktanteil von ein bis zwei Prozent. Immerhin sei Egret der einzige europäische Hersteller, der überhaupt nennenswerte Marktanteile habe, sagt der Unternehmer.
Doch zufriedengeben wollte er sich damit nicht. Also entschloss Walberg sich zu einer „aggressiven Maßnahme“, wie er sagt. Um auch in Mediamärkten die billigeren Roller zu verkaufen, kündigte Walberg Anfang 2024 eine Kooperation an: mit Yadea, einem chinesischen Giganten, der als einer der größten Hersteller von E-Zweirädern weltweit gilt. Yadea soll den Großteil an Entwicklung und Fertigung übernehmen, die letzten fünf Prozent Walberg, also Zulassung und Kundenservice. Für 2025 peilte er mit Yadeas Hilfe „ungefähr 100.000“ verkaufte Roller an, hieß es damals in einem Artikel des „Manager Magazins“. Der Markt gebe das Wachstum her.
Erreicht haben sie das Ziel nicht. Denn Yadea stellte seine gesamte E-Scooter-Abteilung kurzfristig ein, erzählt Walberg. Eine Fortführung der Kooperation war nicht mehr möglich. Bis dahin führte die Zusammenarbeit ihn aber zumindest teilweise zu Erfolgen. Im Juli 2026 stieg sein Marktanteil wieder auf 3,8 Prozent, verdoppelte sich also. „Ich muss nicht so tun, als hätte ich den Längsten. Aber ein bisschen mitspielen will ich schon“, sagt er.
Walberg hat das Talent, in Misserfolgen Chancen zu sehen. „Zum Glück habe ich mein Ego jetzt wieder gut im Griff“, sagt er. Andere Absatzkanäle als der Massenmarkt bei Saturn und Media Markt bringen ihm ohnehin mehr. So verkauft er im Fachhandel, also in Fahrradläden und speziellen E-Scooter-Geschäften, zwar nur acht Prozent seines Rollerangebots. Diese acht Prozent machen aber knapp die Hälfte seiner Marge aus.
„Diesen Bereich wollen wir jetzt skalieren.“ Auch McKinsey-Experte Scurtu sagt, dass deutsche Anbieter eigentlich nur im Premiumsegment eine Chance haben. Aktuell sucht Walberg nach Investoren. Er plant, im August kommenden Jahres, profitabel zu sein, sagt er. Sein Vorteil, so sieht er es, sei, dass er den deutschen Markt kenne. Aber tun das die Chinesen nicht ganz offensichtlich auch?
Segway habe angekündigt, in den Fachhandel vorzudringen, sagt Walberg. Er regt sich nicht darüber auf, er könne es ohnehin nicht verhindern. Im nächsten Jahr will er Stellen im Außendienst aufbauen. Egret liefere sich jetzt einen Wettbewerb mit den Chinesen, um neue Fachhändler für ihre E-Scooter zu gewinnen. Zu glauben, dass er diesen Wettbewerb gewinnen könne, sei „albern“. „Wenn ich zehn Millionen Euro aufreiße, reißen die 100 Millionen auf. Die haben immer den Längeren.“
Es ist eben auch eine Durchhaltestrategie, das Verlieren schon vorherzusehen und daraus eine positive Botschaft zu formulieren.
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Egret sucht weiterhin nach Investoren und plant im August kommenden Jahres profitabel zu sein.
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