
Durch Digitalisierung, Überbauung und flexibles Lastmanagement könnten Verteilnetzbetreiber bis 2045 rund 66 Milliarden Euro einsparen.
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Verteilnetzbetreiber müssen bis 2045 rund 250 Milliarden Euro investieren. Am 31. Oktober stehen neue Netzausbaupläne zur Veröffentlichung an.
Die Energiewende wird immer teurer, Stromnetzanschlüsse sind zunehmend schwieriger zu bekommen. Beides aber ließe sich ändern. Das zeigt eine Untersuchung, die dem Handelsblatt vorliegt.
Verteilnetzbetreiber könnten bis 2045 fast ein Viertel ihrer Ausgaben von rund 250 Milliarden Euro einsparen, was rund 66 Milliarden Euro entspricht. Das zeigt eine Studie von Agora Energiewende, FfE und Consentec.
Die Studie empfiehlt eine stärkere Digitalisierung und neue Regeln für Netzbetreiber. Langfristig muss sich laut der Studie vor allem auf der Seite der Stromnachfrage viel verändern.
Düsseldorf. Von den rund 250 Milliarden Euro, die Verteilnetzbetreiber bis 2045 unter konventionellen Bedingungen ausgeben müssen, könnte fast ein Viertel eingespart werden. Das ist das Ergebnis einer Studie der Denkfabrik Agora Energiewende in Kooperation mit der Forschungsstelle für Energiewirtschaft (FfE) und der Beratung Consentec. Die Studie lag dem Handelsblatt vor der Veröffentlichung vor.
Die Autoren haben detailliert ausgewertet, welche Fortschritte beim Stromnetzausbau wie viel Geld einsparen würden. Das Ergebnis: Rund 66 Milliarden Euro könnten eingespart werden.
Damit adressiert die Studie eines der aktuell wichtigsten energiepolitischen Themen: Am 31. Oktober müssen die Verteilstromnetzbetreiber ihre neuen Netzausbaupläne veröffentlichen. Die Pläne haben eine besondere politische Tragweite, denn durch den massiven Stromnetzausbau im Zuge der Energiewende entstehen hohe Kosten für alle Stromverbraucher.
Gleichzeitig scheint der Ausbau dringend notwendig, denn das Stromnetz gerät schon jetzt an seine Grenzen. Immer mehr Solarparks, Batteriespeicherbetreiber oder Industrieunternehmen warten vergeblich auf einen Netzanschluss. Dabei könnte eine Reihe von Maßnahmen Abhilfe schaffen. Beim möglichen Einsparpotenzial spielen vor allem zwei Veränderungen eine wesentliche Rolle.
Bei einer wesentlichen Veränderung geht es darum, dass der Anteil erneuerbarer Energie an der deutschen Stromerzeugung weiter steigen kann. Dazu soll es möglich werden, dass mehr Stromerzeuger ans Netz angeschlossen werden.
Aktuell sind viel mehr Wind- und Solarprojekte geplant, als das Stromnetz aufnehmen könnte. Bei Edis, einem der größten deutschen Verteilnetzbetreiber, haben nach Unternehmensangaben Erneuerbare-Energie-Projekte mit einer Gesamtleistung von 110 Gigawatt Netzanschlüsse beantragt. Das entspräche 110 konventionellen Großkraftwerken.
Die maximale Stromnachfragelast im Netzgebiet von Edis beträgt allerdings gerade einmal 2,3 Gigawatt. Dennoch würde es nicht ausreichen, 2,3 Gigawatt Windräder und Solaranlagen anzuschließen, um alle Stromkunden zu versorgen. Zwar speisen Anlagen wie diese zu windigen oder sonnigen Zeiten sehr viel Strom ins Netz ein, bei ungünstigeren Wetterbedingungen aber teils nur sehr wenig.
Genau diesen Effekt sollten Netzbetreiber laut der Agora-Studie besser nutzen: Die Studienautoren empfehlen, an einen Stromnetzanschluss mehr Erzeugungsleistung anzuschließen, als das Netz tatsächlich aufnehmen kann. Die meiste Zeit über würden Solar- und Windanlagen ohnehin nicht ihre Spitzenleistung einspeisen. Für die seltenen Situationen, in denen das doch der Fall wäre, müsste man die Anlagen dann drosseln.
Durch eine solche Überbauung müssten Netzbetreiber laut der Studie bis 2030 in der Mittelspannungsebene 59 Prozent weniger Netz ausbauen und in der Hochspannungsebene 31 Prozent weniger.
Allerdings ist das Stromnetz nicht nur für all die neuen Solar- und Windanlagen zu klein. Mit Konzepten wie der Überbauung könnte man das Problem auch nur vorübergehend verringern. Mareike Herrndorff, Projektmanagerin Strom bei Agora Energiewende, sagt: „Maßnahmen auf der Einspeiseseite verschaffen uns vor allem Zeit.“ Es gebe aber noch eine größere Aufgabe.
Denn langfristig muss sich laut der Studie vor allem auf der Seite der Stromnachfrage – der sogenannten Last – etwas verändern. Bis zum Jahr 2045 würden Optimierungen auf der Stromeinspeiseseite demnach nur 22,5 Milliarden Euro einsparen können, während 43,5 Milliarden Euro Einsparungen durch die Last-Seite entstünden.
Konkret geht es darum, den Stromverbrauch bestimmter Geräte kurzzeitig zu beschränken. Im Hochspannungsnetz wäre das etwa möglich, wenn große Batteriespeicher dynamische Netzentgelte bezahlen würden. Das bedeutet: Für Strom, den sie aus dem Netz ziehen, würden sie je nach aktueller Netzauslastung mal mehr und mal weniger bezahlen.
Der zweite wichtige Faktor sind die privaten Haushalte. Bei ihnen müssten Geräte wie Wärmepumpen oder Elektroautos im Extremfall kurzzeitig gedimmt werden. Die Folgen wären nach Ansicht der Studienautoren überschaubar, weil Häuser nicht sofort abkühlen und viele Elektroautos ohnehin über Stunden an der Ladesäule hängen.
In der Theorie sind viele dieser Maßnahmen bereits angedacht. Teilweise gibt es sogar bereits gesetzliche Grundlagen dafür. So regelt etwa Paragraf 14a des Energiewirtschaftsgesetzes (EnWG), dass Stromnetzbetreiber die Stromzufuhr bei Elektroautos oder Wärmepumpen im Notfall drosseln dürfen.
Allerdings lässt sich vieles in der Praxis bislang kaum umsetzen, was auf adäquate Netzausbaupläne hinderlich wirkt. Herrndorff erklärt: „Betreiber können ihr Netz nur kleiner dimensionieren, wenn vorab klar geregelt ist, wann sie die Leistung im Engpassfall begrenzen dürfen.“
Vorrang sollten allerdings Anreize haben, so fährt sie fort, die die Verbraucher dazu bringen, ihre Stromnachfrage freiwillig in Zeiten mit wenig Netzbelastung zu verschieben.
Gleichzeitig zählen auch die Netzbetreiber zu den Problemverursachern. Für sie ist es nämlich derzeit wenig attraktiv, das Netz zu digitalisieren und intelligente Maßnahmen einzuführen. Denn die Unternehmen verdienen umso mehr Geld, je mehr neue Netzkilometer sie aufbauen. Die Ersparnis, die ein geringerer Netzausbau mit sich brächte, würde also nicht den Netzbetreibern zugutekommen, sondern den Stromkunden.
Dass gute Konzepte in der Praxis bislang großflächig scheitern, erlebt auch Jochen Schwill. Er ist Gründer und Geschäftsführer des Unternehmens Spot my Energy, das Stromanbieter ist und außerdem intelligente Stromzähler – sogenannte Smart Meter – in Haushalten einbaut.
Wer als Haushalt über einen intelligenten Stromzähler verfügt, kann demnach schon heute theoretisch beantragen, je nach Netzsituation mal mehr, mal weniger Stromnetzgebühren zu bezahlen (dynamische Stromnetzentgelte). Kunden, die dann ihren Stromverbrauch geschickt in die richtigen Tageszeiten legen oder ihre Wärmepumpe und ihre Ladesäule intelligent steuern, könnten auf diese Weise Geld sparen.
In der Praxis aber gelingt es den zuständigen Netzbetreibern laut Schwill selten, tatsächlich die gesetzlich vorgesehene Möglichkeit für Haushalte freizuschalten. Er sagt: „Fast alle unsere Kunden wünschen sich dynamische Stromnetzentgelte. Aber wir konnten bislang nur fünf bis zehn Prozent von ihnen darauf umstellen, weil die Netzbetreiber das nicht umsetzen.“
AI outlook — possibilities, not facts
Veröffentlichung neuer Netzausbaupläne am 31. Oktober.
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