Energieversorgung: Wegen Tankrabatt und Niedrigwasser: Ersten Tankstellen geht der Sprit aus
Hohe Nachfrage durch Steuersenkung trifft auf logistische Probleme durch niedrige Rheinpegel
Quick Look
Die Kombination aus gestiegener Nachfrage durch den neuen Tankrabatt und logistischen Problemen aufgrund des Niedrigwassers am Rhein führt in mehreren deutschen Städten zu zeitweisen Versorgungsengpässen an Tankstellen.
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Why It Matters
Seit dem 1. Oktober gilt eine befristete Senkung der Energiesteuer auf Benzin und Diesel. Gleichzeitig behindert ein historisches Niedrigwasser des Rheins die Binnenschifffahrt und damit die Kraftstofflogistik.
Düsseldorf. Der neue Tankrabatt sorgt offenbar für einen ungewöhnlich starken Ansturm auf die Tankstellen – und trifft ausgerechnet auf eine Versorgungskette, die wegen des Niedrigwassers am Rhein kaum noch Reserven hat. In mehreren Städten im Westen und Südwesten Deutschlands sind seit Wochenbeginn einzelne Stationen zeitweise leergelaufen. Betroffen waren nach Angaben des Tankstellen-Interessenverbands unter anderem Köln, Bonn, Koblenz, Mannheim, Heidelberg, Freiburg, Frankfurt und Aschaffenburg.
Seit dem 1. Oktober gilt die befristete Senkung der Energiesteuer auf Benzin und Diesel. Einschließlich des geringeren Mehrwertsteueranteils beträgt die Entlastung rund 17 Cent je Liter. Bereits zum Start fielen die Preise deutlich. Der ADAC registrierte bei Super E10 und Diesel Rückgänge im zweistelligen Centbereich. Das hat offenbar viele Autofahrer dazu gebracht, ihre Tanks früher oder stärker zu füllen als üblich.
Dabei geht es nicht um die Menge der Kraftstoffe selbst. „Es gibt keinen Spritengpass“, sagt Verbandschef Herbert Rabl, dessen Organisation nach eigenen Angaben rund 1300 Tankstellen und damit etwa zehn Prozent des deutschen Marktes vertritt. Das Problem liege vielmehr in der Versorgungskette. „Was wir sehen, ist ein Problem mit dem Rhythmus der Belieferung, der auf eine sehr hohe Nachfrage trifft.“
Genau vor diesem Effekt hatten Ökonomen bei der Einführung gewarnt: In angespannten Märkten dämpfen hohe Preise normalerweise die Nachfrage. Wird der Preis staatlich gesenkt, fällt ein Teil dieses Knappheitssignals weg – und der Verbrauch kann zusätzlich steigen.
Die Liefermengen orientierten sich am durchschnittlichen Verbrauch. Weil in den vergangenen Tagen deutlich mehr getankt worden sei, seien einzelne Stationen leergefallen, bevor die nächste reguläre Lieferung eingetroffen sei. Seit Montag beobachte der Verband das Phänomen vor allem bei Diesel, aber auch bei Super E10.
Oppositionspolitiker fühlen sich in ihrer Kritik bestätigt. Michael Kellner, energiepolitischer Sprecher der Grünen-Bundestagsfraktion, sagte dem Handelsblatt, der Tankrabatt sei eine ganz schlechte Idee. „In der Energiekrise mit niedrigem Rheinpegel müssen wir Benzin und Diesel einsparen und nicht den Verbrauch anreizen“, sagte Kellner.
Aral bestätigt gegenüber dem Handelsblatt vorübergehende Versorgungseinschränkungen. Auf das gesamte Netz mit rund 2400 Tankstellen bezogen gebe es zwar „aktuell keine größeren Versorgungsengpässe“. An einzelnen Tankstellen, insbesondere im Rheinland, habe es aufgrund des Niedrigwassers und der hohen Nachfrage jedoch zeitweise Einschränkungen gegeben, „vor allem beim Diesel“. Die Probleme seien entweder bereits behoben oder würden schnellstmöglich behoben.
Auch das Niedrigwasser reduziert nach Angaben des Unternehmens die Kapazitäten der Binnenschifffahrt erheblich. „Der Transport von Benzin, Diesel, Heizöl und Flugkraftstoff wird dadurch deutlich erschwert“, teilt Aral mit.
Damit zeigt sich erstmals auch an den Zapfsäulen, was Mineralölunternehmen und Logistiker seit Wochen beschäftigt: Die Raffinerien können zwar weiter produzieren, doch die großen Mengen lassen sich immer schwerer über den Rhein zu den Tanklagern und von dort zu den Kunden bewegen.
Am besonders kritischen Mittelrhein können selbst für Niedrigwasser geeignete Frachtschiffe derzeit teilweise nur noch rund 20 bis 25 Prozent ihrer maximalen Ladung transportieren. Das hat der Bundesverband der Deutschen Binnenschifffahrt dem Handelsblatt mitgeteilt. Am Niederrhein liegt die mögliche Beladung demnach bei maximal rund 30 Prozent.
Kann ein Schiff nur noch ein Viertel seiner normalen Ladung aufnehmen, sind für dieselbe Transportmenge vier Fahrten nötig. Gleichzeitig lässt sich die fehlende Kapazität nicht beliebig auf andere Verkehrsträger verlagern. Ein 110 Meter langes Binnenschiff transportiert nach Angaben des Verbands ungefähr so viel wie 150 Lastwagen.
Gerade bei Kraftstoffen ist die Größenordnung erheblich. Nach Angaben des Mineralölwirtschaftsverbands en2x wären rund vier Ganzzüge mit Kesselwagen oder etwa 188 Tanklastwagen nötig, um die Ladung eines Tankschiffs zu ersetzen. Doch zusätzliche Tankwagen, Fahrer und Kesselwagen stehen nur begrenzt zur Verfügung.
Der Zentralverband des Tankstellengewerbes hat bislang noch keine entsprechenden Meldungen von seinen Mitgliedern erhalten. Verbandschef Ziegner geht deshalb davon aus, dass es bei Einzelfällen bleibt. Zugleich bestätigt auch er den Druck auf die Lieferketten: „Die Versorgungslogistik ist tatsächlich wegen des Niedrigwassers weiterhin am Anschlag.“
Auch Shell führt aktuelle Einschränkungen nach Angaben des Verbands auf das Rhein-Niedrigwasser zurück. Am Raffineriestandort Wesseling weicht der Konzern teilweise auf Kesselwagen, Lastwagen und Pipelines aus. Aus Sicht Ziegners dürften bei den zeitweise leeren Tankstellen derzeit mehrere Faktoren zusammenkommen: die außergewöhnlich hohe Nachfrage und die durch das Niedrigwasser erheblich erschwerte Belieferung.
Davor, dass Tanklager entlang des Rheins teilweise nur noch sehr eingeschränkt per Schiff erreicht werden können, hatte bereits en2x gewarnt. Bislang sei die Versorgung von Tankstellen und anderen Mineralölkunden zwar angespannt, aber nicht grundsätzlich eingeschränkt. Hält das Niedrigwasser jedoch an, können die Alternativen über Schiene und Straße zunehmend an Grenzen stoßen.
Open Questions
- Wie lange hält das Niedrigwasser am Rhein an?
- Können alternative Transportwege die Kapazitätslücken langfristig schließen?






