
Nach fast einem Jahrzehnt kehrt ein Familienmitglied an die Spitze des weltgrößten Fleischproduzenten zurück, während das Unternehmen mit geopolitischem Druck und Skandalen kämpft.
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JBS ist der weltweit größte Fleischproduzent mit 280.000 Mitarbeitern. Der Konzern war in der Vergangenheit in massive Korruptionsskandale verwickelt.
Nach einem knappen Jahrzehnt übernimmt wieder ein Familienmitglied die Führung beim weltgrößten Fleischproduzenten. Doch Wesley Batista Filho steht bei JBS von mehreren Seiten unter Druck.
Salvador. Wesley Batista Filhos Großvater schlachtete Mitte des vergangenen Jahrhunderts Rinder in der Savanne im Westen Brasiliens. Als beim Bau der neuen Hauptstadt Brasília Tausende Arbeiter verpflegt werden mussten, eröffnete er ein Schlachthaus.
Wesley Batista Filhos Vater und seine beiden Onkel machten daraus den größten Fleischkonzern der Welt. Nun wird der 34-Jährige selbst die operative Führung bei JBS von Gilberto Tomazoni übernehmen – damit wird der Lebensmittelkonzern nach fast einem Jahrzehnt wieder von einem Familienmitglied geführt.
Er soll den Ruf des Konzerns verbessern, der durch Korruptionsskandale beschädigt wurde, und neues Wachstum generieren. Allerdings setzen zugleich Handelskonflikte, steigende Kosten und politische Risiken das globale Proteingeschäft unter Druck. Ausgerechnet im wichtigsten Markt USA steckt das Geschäft mit Rindfleisch in der Krise.
In dem Alter, in dem sein Vater und sein Großvater längst arbeiteten, ging Wesley Batista Filho auf ein Internat in der Schweiz. Er besuchte das Lyceum Alpinum in Zuoz. Bedingung seines Vaters war, dass er Deutsch lernen würde, erzählte er in einem Interview mit Swiss Learning. Seine Lieblingsfächer dort waren Wirtschaft und Erkenntnistheorie.
Doch auch Batista Filho ging später durch die harte Schule des Familienbetriebs. Mit 19 Jahren begann er ein Traineeprogramm in den nordamerikanischen Schlachthöfen, inklusive Nachtschicht in den Kühlkammern. Das parallele Studium an der Colorado State University brach er bald ab.
„Nachdem ich im Unterricht immer wieder einschlief, beschloss ich, mich auf mein Praktikum zu konzentrieren“, sagte er Swiss Learning. Sein Vater habe ihm gesagt, dass er als Erster kommen und als Letzter gehen sollte. „Du lernst mehr und die Kollegen respektieren dich.“
Mit Anfang 20 leitete er schließlich die Schlachthäuser in Uruguay und Paraguay und führte später JBS Canada sowie das US-Rindfleischgeschäft. Nach Stationen an der Spitze von JBS Brasil und der Geflügeltochter Seara wurde er 2022 zum Global President of Operations ernannt. Seit 2023 war er Chef von JBS USA, dem wichtigsten Geschäft des Konzerns.
Nun folgt der nächste Karriereschritt im Familienunternehmen: Anfang 2027 wird der 34-Jährige als Global CEO die Führung von JBS übernehmen. Beim Börsengang an der Wall Street im vergangenen Jahr war der Gründer José Batista Sobrinho, nach dessen Initialen der Konzern benannt ist, 91 Jahre alt.
Batista Filho übernimmt einen Konzern von gewaltigen Dimensionen. 280.000 Beschäftigte arbeiten dort – etwa so viele wie beim Lebensmittel- und Getränkekonzern Pepsico. Das Unternehmen beliefert 180 Märkte weltweit. Die Hälfte seines Umsatzes entsteht in den USA, danach folgt Brasilien mit einem Viertel.
Europa steht für neun Prozent des Umsatzes. Seit dem Börsengang in New York 2025 hat die Konzernholding ihren juristischen Sitz in den Niederlanden; eine Holding des US-Geschäfts sitzt in Luxemburg. Der wichtigste Wachstumsmarkt für JBS ist derzeit Südostasien.
JBS verfügt über Schlachtkapazitäten für täglich 78.000 Rinder, 150.000 Schweine und 14 Millionen Hühner und produziert täglich elf Millionen Eier. 2025 setzte JBS 86,2 Milliarden Dollar um und verdiente netto 2,2 Milliarden Dollar. Dem „Wall Street Journal“ sagte Batista Filho, dass er bereits auf dem Parkplatz erkennen könne, ob ein Schlachthaus gut laufe oder nicht. „Ist das Gras geschnitten? Gibt es Blumen? Wirken die Arbeiter zufrieden?“ Das seien wichtige Hinweise darauf, ob ein Werk gut geführt werde.
Doch der künftige Chef erbt nicht nur das Geschäft, sondern auch die skandalträchtige Vergangenheit von JBS. Der Tiefpunkt für den Konzern war 2017 erreicht, als sein Vater Wesley und sein Onkel Joesley mehrere Monate in Untersuchungshaft verbrachten. Sie hatten systematisch Politiker und Richter bestochen, um staatliche Finanzierungen zu erhalten.
Der Politikerkauf war für sie Teil des Alltagsgeschäfts. „Das funktioniert so: Du machst dein Business. Die Politiker schauen sich das an und schaffen ein Problem“, sagte Joesley Batista damals vor Gericht. „Dann bezahlst du sie, damit sie das Problem aus der Welt schaffen.“
Die Strafen von umgerechnet zwei Milliarden Dollar wurden in Brasilien inzwischen ausgesetzt. Auch in den USA akzeptierten die Batistas Strafen der Justiz wegen Bestechung und Preisabsprachen.
Joesley und Wesley zählen inzwischen wieder zu den einflussreichsten Unternehmern Brasiliens und verfügen laut „Forbes“ über ein Vermögen von jeweils 3,8 Milliarden Dollar. Und sie sind mit 54 und 56 Jahren weit davon entfernt, die Kontrolle aus der Hand zu geben. Über die an der Wall Street gelistete Holding J&F halten sie diese weiterhin über den Gesamtkonzern.
Sie werden den neuen CEO genau beobachten. Gleichzeitig muss Batista Filho zeigen, dass die dritte Generation den Konzern weiter wachsen lassen kann.
An der Börse haben die Aktien von JBS seit Mai dieses Jahres ein Fünftel an Wert verloren. Der weltweite Markt für tierisches Protein reagiert sensibel auf geopolitische Verwerfungen, Seuchen, Skandale, Kriege und politische Streitigkeiten zwischen Ländern. Märkte können über Nacht schließen.
Besonders schwierig ist derzeit ausgerechnet das Geschäft, das Batista Filho am besten kennt: die USA. Dort schrumpfen Umsatz und Marge. Der Rinderbestand ist auf den niedrigsten Stand seit 1950 gesunken, entsprechend sind die Preise für Rinder gestiegen. Die Industrie kann die höheren Einkaufskosten nicht einfach weitergeben.
Zudem hat US-Präsident Donald Trump ausländische Rindfleischimporte mit einer 25-Prozent-Steuer belegt. Die aggressiven Razzien der US-Einwanderungsbehörde ICE verschärfen den Personalmangel in den Schlachthöfen. Dort arbeiten traditionell viele Einwanderer aus der Karibik, Lateinamerika und Afrika.
Auch anderswo entstehen Probleme. China hat einzelne Schlachthäuser von JBS für Importe gesperrt. Die EU hat trotz des gerade vorläufig in Kraft getretenen Abkommens mit dem Mercosur Rindfleischimporte aus Brasilien gestoppt.
Zudem steht JBS wegen seiner Umweltbilanz unter Druck. Umweltschützer kritisieren, dass der Konzern kürzlich seine Nettoemissionsziele für 2040 kassiert hat. JBS will nicht für die Methanemissionen in seiner Wertschöpfungskette verantwortlich sein.
Während Batista Filho sich auf das Fleischgeschäft konzentrieren muss, bauen Vater und Onkel das Familienimperium immer breiter auf. Um unabhängiger von den Schwankungen des weltweiten Fleischmarktes zu werden, diversifizieren Wesley und Joesley ihre Holding J&F Investimentos. Sie ist inzwischen in Zellstoff, Energie, Finanzen, Konsumgütern, Minen, Medien, Immobilien und Bildung aktiv.
Und die Brüder sind politisch wieder bestens vernetzt. Seit sie für Trumps Amtseinführung fünf Millionen Dollar gespendet haben, haben sie einen direkten Kontakt zum US-Präsidenten. Am 20. August empfing Trump Joesley Batista im Oval Office. Batista argumentierte, zusätzliches Rindfleisch aus Brasilien könne die hohen Fleischpreise in den USA drücken, wenn Washington die Importbelastung senke.
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Wesley Batista Filho übernimmt Anfang 2027 die Position des Global CEO.
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