Finanzmärkte: IWF warnt vor Gefahren durch KI-Boom und Staatsschulden
Der Internationale Währungsfonds sieht eine gefährliche Kombination aus KI-Verschuldung und steigenden Anleiherenditen für die Finanzmärkte.
Quick Look
- Der Internationale Währungsfonds warnt vor erhöhten Risiken für die Finanzstabilität durch den KI-Boom, steigende Staatsschulden und Cyberangriffe.
- Insbesondere verschuldete Tech-Konzerne und zirkuläre Deals könnten die Märkte belasten.
AI-generated summary
Why It Matters
Der Internationale Währungsfonds hat seinen Bericht zur globalen Finanzstabilität am Rande der Jahrestagung von IWF und Weltbank in Bangkok vorgelegt.
Bangkok. Der Internationale Währungsfonds (IWF) warnt vor erhöhten Risiken für die Finanzstabilität infolge des KI-Booms und hoher Staatsschulden. Konzerne finanzieren den Ausbau von KI zunehmend mit Schulden, Anleger kaufen KI-Aktien auf Kredit.
Zugleich steigen die Renditen von Staatsanleihen. Beides könnte zu Turbulenzen an den Finanzmärkten führen, heißt es im Bericht zur globalen Finanzstabilität, den der IWF am Dienstag am Rande der Jahrestagung von IWF und Weltbank in Bangkok vorlegte. Die Gefahren hängen demnach eng zusammen.
Noch zeigten sich die Märkte zwar robust – gestützt von solidem Wachstum und hohen Unternehmensgewinnen, analysieren die IWF-Volkswirte. „Diese Widerstandsfähigkeit bedeutet aber nicht unbedingt Sicherheit“, sagte Athanasios Vamvakidis, Vizedirektor der Abteilung für Geld- und Kapitalmärkte des IWF, bei der Vorstellung des Berichts.
Besonders große Sorgen macht den Ökonomen der massive, zunehmend auf Pump finanzierte Ausbau der KI‑Infrastruktur. Die Investitionen gehen einher mit der Hoffnung auf höhere Produktivität und steigende Unternehmensgewinne.
Sollte diese Hoffnung enttäuscht werden, drohen Verwerfungen an den Finanzmärkten: „Schwächere KI-Investitionen oder eine geringere Rentabilität könnten ein Schock sein, der eine Marktkorrektur auslöst“, warnt der IWF.
Die hohen Kredite, die KI-Konzerne aufnehmen, drohten den Schock zu verstärken. In diesem Jahr entfallen dem Bericht zufolge fast zehn Prozent aller weltweit neu begebenen Unternehmensanleihen mit Investment-Grade-Rating auf Alphabet, Amazon, Meta, Microsoft und Oracle, 2024 waren es lediglich 0,5 Prozent. Die Zinskosten der Tech-Konzerne haben sich demnach im zweiten Quartal mit zusammen fast sechs Milliarden Dollar im Vergleich zum Vorjahr mehr als verdoppelt.
Besonders kritisch sieht der IWF die Verflechtungen innerhalb der Branche. So gewährt etwa der KI-Hardwarehersteller Nvidia den großen Rechenzentrumsbetreibern milliardenschwere Finanzspritzen, damit sich die sogenannten Hyperscaler KI-Chips von Nvidia leisten können.
Der IWF hat 14 solcher zirkulären Deals seit 2023 ausgewertet. Sie umfassen Eigenkapitalzuflüsse im Wert von rund 300 Milliarden Dollar und 650 Milliarden Dollar an Schulden. Im Gegenzug hätten die Empfänger zugesagt, künftig für 1,4 Billionen Dollar Cloud-Dienste oder Chips abzunehmen.
Diese Zusagen konzentrieren sich laut IWF aber auf nur wenige Firmen – mit womöglich großen Problemen, sollte eine von ihnen in Schieflage geraten. Es drohe „ein dreifacher Schlag“, sagte IWF-Ökonom Jason Wu. „Wenn Zweifel an der Monetarisierung von KI aufkommen, verlieren die Beteiligungen an Wert, die Schulden sind womöglich schwer zu bedienen, und die zugesagten Umsätze bleiben womöglich aus.“
Verbunden sind die KI-Risiken demnach auch mit den Turbulenzen am Anleihemarkt. Seit Beginn des Kriegs im Nahen Osten Ende Februar sind die Renditen von Staatsanleihen weltweit gestiegen – unter anderem wegen wachsender Inflationssorgen aufgrund teurerer Energieimporte.
Die Laufzeitprämien für langfristige Anleihen liegen laut IWF in den Industrieländern nun am oberen Ende ihrer historischen Spanne – auch wegen anhaltender Sorgen über die Haushaltsdefizite vieler Länder.
Marktbeobachter sehen laut IWF auch einen Zusammenhang der steigenden Renditen mit dem KI-Boom. Die Tech-Konzerne konkurrieren mit ihren Anleihen demnach um das gleiche Kapital wie Staaten, was deren Finanzierungskosten erhöhen kann.
Der Markt sorge sich, ob er „die riesigen Emissionen der Staaten und zunehmend auch des Privatsektors“ aufnehmen könne, sagte Vamvakidis. Ein weiterer Anstieg der Anleiherenditen könnte wiederum die Bewertung von KI-Aktien belasten, warnt der IWF.
Wie gefährlich das Zusammenspiel der Risiken durch KI und steigende Anleiherenditen sein kann, führt der IWF mit einem Stresstest für 665 Banken aus 29 Ländern vor. Im Krisenszenario lösen Zweifel am Produktivitätsschub durch KI einen Kurssturz bei Technologiewerten aus.
Die IWF-Ökonomen nehmen zudem an, dass Aktienkurse insgesamt über drei Jahre um mehr als ein Viertel fallen. Die Renditen langfristiger Anleihen steigen in dem Szenario um drei Prozentpunkte, Öl und Rohstoffe verteuern sich um mehr als die Hälfte.
Insgesamt bliebe das Bankensystem in einer solchen Situation ausreichend kapitalisiert, urteilt der IWF. Doch Banken, die für 22 Prozent der weltweiten Bilanzsumme stehen, fielen unter eine harte Kernkapitalquote von sieben Prozent. Sie würden damit als schwach gelten. Vor einem Jahr waren Banken mit 18 Prozent der weltweiten Bilanzsumme im Stresstest unter die entsprechende Kernkapitalquote gerutscht.
Institute mit sieben Prozent der Bilanzsumme würden in dem neuen Test sogar die Mindestquote von 4,5 Prozent unterschreiten und bräuchten zusammen 68 Milliarden Dollar frisches Kapital. Am meisten Kapital verlören laut IWF Asiens Banken, weil die Region stark von importiertem Öl und Gas abhängt. Dahinter folgen Europas Banken.
Als weitere Gefahr für das Finanzsystem sieht der IWF die Bedrohung durch Cyberangriffe, die er höher einstuft als noch im April. In mehr als 70 Prozent der gemeldeten Fälle hatten Softwarehersteller in diesem Jahr praktisch keine Zeit, eine Sicherheitslücke zu schließen, bevor Angreifer sie ausnutzten, warnt der Fonds. 2021 blieben dafür in der Regel noch fast 300 Tage.
„Ein schwerwiegender Vorfall könnte den Zahlungsverkehr, den Handel, den Zugriff auf Einlagen oder andere kritische Finanzdienstleistungen empfindlich stören“, schreiben die Volkswirte der Organisation. „Die Gefahr ist besonders akut, wenn ein Angriff ein großes Finanzinstitut, ein Zahlungssystem, einen Cloud-Anbieter oder eine Softwareplattform trifft, wodurch sich die Störung über ein zunehmend vernetztes Finanzsystem hinweg ausbreiten kann.“
Open Questions
- Wie stark werden die KI-Investitionen tatsächlich zurückgehen?
- Welche konkreten Banken sind von den Kapitallücken betroffen?






