
Der Meinungsforscher Jérôme Fourquet analysiert die Ursachen der Unruhen in Frankreich und zieht Parallelen zur gesellschaftlichen Entwicklung in Deutschland.
Der Meinungsforscher Jérôme Fourquet erklärt im Handelsblatt-Interview, wie wirtschaftliche Stagnation, Vertrauensverlust in den Staat und eine veränderte Einstellung zur Autorität die Schülerproteste in Frankreich radikalisiert haben.
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Frankreich erlebt eine Welle gewaltsamer Proteste, die ursprünglich als Schülerproteste begannen und sich auf Kaufkraft, Renten und öffentliche Dienste ausweiteten.
Der Meinungsforscher Jérôme Fourquet erklärt im Handelsblatt-Interview, wie aus Schülerprotesten ein gewaltsamer Aufstand werden konnte – und was Frankreich mit Deutschland verbindet.
Paris. Gewalttätige Demonstrationen erschüttern Frankreich. Aus den Schülerprotesten ist eine breite Bewegung um Kaufkraft, Spritpreise, Gehälter, Renten und den öffentlichen Dienst geworden.
Im Gespräch mit dem Handelsblatt ordnet Jérôme Fourquet, Direktor der Meinungsabteilung des Instituts Ifop, die Proteste ein. Soeben ist sein Buch „Homo occidentalis“ (Le Seuil) erschienen, das er zusammen mit dem Psychologen Ruben Rabinovitch veröffentlicht hat. Es beschäftigt sich mit der Krise der westlichen Gesellschaft.
Herr Fourquet, was sind die Faktoren, die Frankreich destabilisieren?
Unser Wirtschafts- und Sozialsystem zeigt schon seit mehr als zehn Jahren Schwächen, doch heute ist die Lage wirklich kritisch geworden. Das französische Wirtschaftsmodell stützt sich auf Konsum und öffentliche Ausgaben – beide Säulen sind erschöpft. Seit 50 Jahren ist der Haushalt nicht mehr ausgeglichen. Wir sind am Ende des Systems angelangt: Frankreichs Defizit ist gewaltig, und die Ausgaben für den öffentlichen Sektor liegen weit über dem europäischen Durchschnitt. Folglich haben wir keinerlei Spielraum mehr für die Verteilung von Geldern. Hinzu kommen die Kraftstoffkrise und die steigenden Lebenshaltungskosten. Die Franzosen, die vom Staat abhängig sind, rufen um Hilfe.
Was steckt hinter den Protesten der Schüler, mit denen alles begann?
Sie zeugen unter anderem von einer Unfähigkeit des Staates, auf die Sorgen der Franzosen einzugehen. Die politische Führung ist geschwächt. Es gibt keine Mehrheit mehr, und wir steuern auf die Präsidentschaftswahl im nächsten Jahr zu. Trotz hoher Steuerlast steckt der öffentliche Sektor in der Krise; das ist überall spürbar, insbesondere in Schulen und Krankenhäusern. Der öffentliche Dienst, der einst als vorbildlich galt, hat an Qualität eingebüßt. Deshalb stellen sich viele Franzosen die Frage: „Was macht ihr mit dem Geld?“ Sie reagieren auf die Situation mit einer Mischung aus Resignation und Wut.
Es hat in der Vergangenheit bereits zahlreiche Demonstrationen von Schülern gegeben. Doch diesmal hat der Zorn ein beispielloses Ausmaß angenommen. Wie konnte es so weit kommen? Was ist heute anders?
Die Proteste sind weitreichender und erstrecken sich auf ganz Frankreich. Es geht nicht mehr nur um eine einzelne Forderung – etwa die Rücknahme eines Gesetzes –, sondern um eine Vielzahl von Anliegen: mehr Mittel für die Gymnasien, bessere Gehälter für Lehrkräfte. Dies zeugt von einer tief sitzenden Unzufriedenheit. Es ist schwer absehbar, wie die Regierung hier noch das Ruder herumreißen kann.
Und diese scheinbar ausweglose Lage hat die Situation verschärft?
Genau! Deshalb hat die Regierung so spät reagiert, was bei den Schülern den Eindruck hinterließ, nicht gehört worden zu sein. Infolgedessen haben sich die Proteste verschärft. Noch nie gab es so viele Verletzte – sowohl unter den Sicherheitsbeamten als auch unter den Lehrern. Dies erklärt sich unter anderem dadurch, dass vielfach Einsatzkräfte geschickt werden mussten, die für derartige Situationen nicht unbedingt ausgebildet sind.
Lassen sich die aktuellen Proteste mit denen von 1968 vergleichen?
Nein, eigentlich nicht. Die damalige Situation war eine andere: Die Wirtschaft florierte und es herrschte Vollbeschäftigung. Damals ging es vor allem um das Streben nach mehr Freiheit. Die heutige Lage in Frankreich ist teilweise mit der in Deutschland vergleichbar. Die Regierung ist geschwächt, und die wirtschaftliche Lage ist weniger günstig – auch wenn Deutschland noch besser dasteht als Frankreich. In beiden Ländern hat die Jugend jedoch aufgrund der demografischen Entwicklung an Gewicht verloren, während die Rentner an Einfluss gewonnen haben. Die jungen Menschen haben daher das Gefühl, weniger berücksichtigt zu werden. Zudem funktionierte die Gesellschaft im Jahr 1968 noch nach einem alten Modell, in dem Autorität zählte. Seither haben sich die Mentalitäten gewandelt.
Wie äußert sich dieser Wandel der Mentalitäten, und hat er Auswirkungen auf die heutigen Protestbewegungen?
Dieser Wandel ist in den westlichen Gesellschaften überall spürbar. Die Gegenwart hat Vorrang vor der Zukunft gewonnen. Das Verhältnis zur Autorität hat sich verändert; das zeigt sich daran, dass heute neben der Polizei auch Lehrer oder Feuerwehrleute zur Zielscheibe werden. Früher lernte man schon als Kind in der Familie, Frustrationen zu akzeptieren. Diese Fähigkeit, den eigenen Zorn zu beherrschen, ist heute weniger verbreitet. Die Gesellschaft hat seit den 1960er-Jahren einen schleichenden Wandel durchlaufen. Zudem spielt das stetig steigende Bildungsniveau eine bedeutende Rolle bei den heutigen Protestbewegungen.
Welche Rolle genau?
Vor 40 Jahren erlangten nur 30 Prozent eines Jahrgangs das Abitur; heute liegt dieser Anteil in Frankreich bei 80 Prozent. Die heutige Jugend ist – ebenso wie die Generation ihrer Eltern – mit der Vorstellung aufgewachsen, dass sie ihre Ausbildung frei wählen kann. Sie betrachtet dies als ein Recht. Doch die Zahl der verantwortungsvollen Positionen ist nicht im gleichen Maße gewachsen, um all diese Absolventen aufzunehmen.
Es geht also auch um das Fehlen von Karrierechancen?
Der Wettbewerb hat sich daher auf eine höhere Bildungsebene verlagert und zeigt sich nun beim Zugang zur Hochschulbildung und darüber hinaus. Dieser zentralisierte Auswahlprozess erzeugt Frustrationen, die die Studierenden nicht hinnehmen wollen. Sie haben das Gefühl, einen sozialen Abstieg zu erleben und nicht das zu erhalten, was ihnen versprochen worden war. Und diese Frustration schlägt zunehmend in Wut um.

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