
Nach dem Anschlag auf den Berliner CSD wird über Instrumentalisierung, Queerfeindlichkeit und Islamismus debattiert – und oft um den heißen Brei geredet.
Ein Meinungsbeitrag über den Anschlag auf den Berliner CSD durch einen mutmaßlichen IS-Anhänger, die Reaktionen von Politik und Öffentlichkeit sowie das tabuisierte Benennen des Islamismus.
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Der Text reflektiert über den Anschlag auf den Berliner CSD durch Abdul Ballout und die gesellschaftliche sowie politische Aufarbeitung der Tat im Schatten früherer islamistischer Angriffe.
In der Zeitung gilt das Diktat der Aktualität. Etwas passiert, es wird berichtet, es gibt Newsticker, Liveblogs, ein wenig später kommen die Analysen, Kommentare. Es findet statt, was man eine Debatte nennt, bestenfalls. Und dann passiert schon wieder das nächste. Eigentlich wäre, ginge man nach der Medienlogik, jetzt der falsche Zeitpunkt, über den Anschlag auf den Berliner CSD vor drei Wochen zu schreiben. Alles wurde schon gesagt, manch Kluges, viel Dummes. Irgendwann fängt das Gesagte an, sich zu wiederholen, das Kluge wie das Dumme. Die Leute wollen endlich wieder etwas anderes hören. Man kann es ihnen nicht verübeln.
Als der Berliner Abdul Ballout einen weißen Kleinbus in die Menschenmenge um den CSD steuerte, gegen einen Baum fuhr, ausstieg, mit seiner Machete auf Passanten losging, versuchte ich gerade, zu Fuß mit meiner Freundin die Alpen zu überqueren. Ich ging früh schlafen, und am nächsten Morgen sah ich die vielen Nachrichten auf meinem Handy, ob ich in Ordnung sei. Natürlich war ich in Ordnung, ich hatte nur einen verdammten Muskelkater. Und dann fing ich selbst an, diese Nachrichten zu verschicken, an all die Freunde und Bekannten, die da waren oder gewesen sein könnten. Alle antworteten. Alle waren in Ordnung. Gleichzeitig war natürlich nichts in Ordnung.
Der CSD in Berlin war kein zufälliges Ziel
In Ordnung war eigentlich schon seit einer Weile nichts mehr. Ich dachte an den CSD vor drei Jahren in Wien, wo ich mit einer Freundin war und es noch am selben Abend hieß, der österreichische Staatsschutz hätte drei Verdächtige festgenommen, IS-Sympathisanten, bei denen Säbel, Axt, Gaspistolen und Messer sichergestellt worden waren – offenbar konnte in letzter Minute ein Anschlag auf den CSD verhindert werden. Ich dachte auch an den islamistischen Messerangriff auf das schwule Paar im Jahr 2020 in Dresden, an Thomas L., der damals getötet wurde, und Oliver L., der lebensgefährlich verletzt wurde. An die vielen IS-Videos, in denen sich Schwule von Hausdächern stürzen. An Iran, wo Homosexuelle an Baukränen gehängt werden. An die queeren Flüchtlinge, die gesondert untergebracht werden mussten, weil sie in den Gemeinschaftsunterkünften nicht sicher waren. Und daran, dass „Gegen die Regenbogenideologie“ vor dem 7. Oktober eines der Hauptthemen, wenn nicht das Thema überhaupt von islamistischen Accounts auf Instagram und Tiktok gewesen war.
Der CSD Berlin war kein zufälliges Ziel, so viel ist klar. Ein Angriff auf uns alle, wie es sofort hieß, war er also nicht, außer man versteht unter „uns alle“ die freie, offene Gesellschaft. Aber von Politikern, die vor ein paar Jahren noch von Homosexuellen als „schriller Minderheit“ sprachen, die sich damals vehement gegen die Ehe für alle stellten und kürzlich gegen das Hissen der Regenbogenflagge auf dem Reichstag mit der Begründung, der Bundestag sei kein „Zirkuszelt“, will ich solches Herumgefloskel nicht hören.
Denn wer die freie, offene Gesellschaft meint, sollte sich voll und ganz zu ihr bekennen. Und während ich noch bedauerte, dass Klöckner nach dem Anschlag Trauerbeflaggung auf halbmast anordnete, jedoch auf dem Reichstag nur die Deutschlandflagge und nicht auch die Regenbogenflagge zu sehen war, hatten sich in meiner Timeline schon jene Stimmen gesammelt, die davor warnten, den Anschlag zu instrumentalisieren.
Natürlich wurde auch dieser Anschlag – wie schon die islamistischen Anschläge zuvor – kräftig instrumentalisiert („Abschieben“, „Remigration“, „Messermigrant“ et cetera). Doch die warnenden Stimmen arbeiteten sich vor allem an der Queerfeindlichkeit der Konservativen und Rechten ab und machten dabei einen auffällig großen Bogen um das I-Wort – Islamismus. Ganz so, als handle es sich hier nicht um einen IS-Anhänger, der bewaffnet mit Kleinbus und Machete auf Menschenjagd gegangen war. Die Tat wird in dieser Betrachtung ihres ideologischen Hintergrunds bereinigt, entpolitisiert und zur Tragödie erklärt. Ein islamistischer Anschlag aber ist keine Tragödie.
Eine weitere Deutung, bei der zumindest das I-Wort genannt wurde, lautet so: Islamismus ist eine rechtsextreme Ideologie. Der Anschlag in Berlin also ein weiterer rechter Angriff auf queere Menschen. Hier baut man sich eine rhetorische Hintertür, um den Islamismus nicht klar benennen zu müssen. Und natürlich: Rechtsextreme und Islamisten haben viel gemein: das Gruppen-Denken mit Ausgrenzung all jener, die nicht zu Volk oder Umma gehören, den Antisemitismus, das Totalitäre, die Queerfeindlichkeit. Aber diese Gleichsetzung greift zu kurz.
Man kann froh sein, nicht des Rassismus bezichtigt zu werden
Auffällig ist, dass diejenigen, die beim CSD-Anschlag das I-Wort umgehen, es bei rechtsextremen Anschlägen schaffen, den Rechtsextremismus klar zu benennen. Mit allem, was dazugehört. Die Ideologie wird abgelehnt und die Ideologen ebenso – „geistige Brandstifter“, die selbst nicht zur Waffe greifen. Die AfD beispielsweise wird als das bezeichnet, was sie ist: eine rechtsextreme Partei. Niemand, der noch alle Tassen im Schrank hat, würde auf die Idee kommen, Björn Höcke als „nationalistisch-konservativ“ zu bezeichnen. Bei Islamisten ohne Sprengstoffgürtel hört man oft „islamisch-konservativ“. Den Opfern rechter Gewalt begegnet man mit Solidarität, so wie es sein sollte. Doch dieselben Stimmen, die immer so sehr Solidarität hochhalten, haben damit nie die Jesiden, Drusen, Christen und alle anderen gemeint, die schon lange unter dem Terror dieser Islamisten leiden. Und sie sind auffällig still, wenn auch hierzulande in Moscheen, auf Straßen oder im Netz gegen Queere, Juden, Drusen, Jesiden gehetzt wird. Man kann ja schon froh sein, wenn sie still sind und nicht diejenigen, die darüber sprechen, sofort des antimuslimischen Rassismus bezichtigen.
Passiert so etwas wie der Anschlag auf den CSD, findet auch in den sozialen Medien ein Run statt. Wer postet als Erstes? Wer spricht mit welcher Credibility? Alle sprechen. Viel wird gesagt. Und nach ein paar Tagen ist es wieder vorbei. Dabei müssten dann die Gespräche eigentlich erst richtig losgehen. Denn so ein Anschlag ist zwar der Ausbruch der Gewalt, begonnen hat es aber viel früher. Der Attentäter war den Sicherheitsbehörden lange bekannt, trotzdem konnte der Anschlag nicht verhindert werden. Und auch fernab dieses Anschlags: In Berlin haben sich in letzter Zeit die Berichte von schwulen Männern, die sich über Grindr zu einem Date verabreden und am Treffpunkt verprügelt werden, gehäuft. An der Carl-Bolle-Schule in Moabit wurde im vergangenen Jahr bekannt, dass ein offen schwuler Lehrer massiv von muslimischen Schülern gemobbt und beleidigt wurde. Islamismus und LGBTQI-Feindlichkeit is und war nie nicht aktuell.

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