
Im Interview spricht der B’Yachad-Kandidat über die Rückkehr von Naftali Bennett, die Krise der Hightech-Branche und eine härtere sicherheitspolitische Linie.
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Israel steht vor einer Parlamentswahl am 27. Oktober, bei der die aktuelle Regierung unter Netanjahu ihre Mehrheit verlieren könnte. Mati Gill kandidiert für das Bündnis B’Yachad unter Führung von Naftali Bennett.
Mati Gill kandidiert bei der israelischen Parlamentswahl mit Ex-Premier Bennett. Im Interview sagt er: Israel müsse Hightech stärken, sicherheitspolitisch aber „noch kämpferischer“ sein.
Tel Aviv. Als Unternehmer war Mati Gill auf eines besonders angewiesen: stabile Rahmenbedingungen, um Investoren für langfristige Forschungsprojekte zu finden. In seinem Start-up-Inkubator AION Labs engagieren sich internationale Großkonzerne wie das Pharmaunternehmen Merck. Nun will Gill als Politiker dafür sorgen, dass Israel stabile Bedingungen wieder bietet.
Im August gab der Manager überraschend bekannt, seine aktuellen Aufgaben ruhen zu lassen und gemeinsam mit dem ehemaligen Premierminister Naftali Bennett für das rechtsliberale Bündnis B’Yachad anzutreten. Behalten die Umfragen recht, dürfte Premierminister Benjamin Netanjahu am 27. Oktober seine Mehrheit verlieren. Dann könnten Bennett und seine Mitstreiter eine entscheidende Rolle bei der Bildung der nächsten Regierung spielen.
In seinem ersten Interview mit einem europäischen Medium sagt Gill, Israels Krise sei nicht nur militärischer, sondern auch wirtschaftlicher Natur. Eine neue Regierung müsse deshalb gezielte Anreize schaffen, um abgewanderte Talente wieder ins Land zu holen – sicherheitspolitisch und gegenüber den Verbündeten aber hart bleiben.
Herr Gill, warum wechseln Sie gerade jetzt wieder von der Privatwirtschaft in die Politik?
Israel befindet sich am Scheideweg. Wir sehen eine Verschlechterung der nationalen Sicherheit und der internationalen Beziehungen. Das wirkt sich unmittelbar auf die Wirtschaft aus. Die ausländischen Investitionen sind zurückgegangen. Immer mehr Israelis – darunter besonders gut ausgebildete Fachkräfte und Ärzte – gehen ins Ausland. Zum ersten Mal seit Jahrzehnten sinkt außerdem die Zahl der neu gegründeten Start-ups und der Beschäftigten in Forschung und Entwicklung.
Ist das das Ende der Start-up-Nation, als die Israel so lange galt?
Nein, Israel bleibt ein starker Technologie- und Forschungsstandort. Wir sind noch nicht an dem Punkt angelangt, an dem die israelische Hightech-Branche zusammenbricht. Aber solche Tendenzen muss man zur Kenntnis nehmen und umkehren, bevor es zu spät ist. Die jetzige Regierung tut das nicht.
Nach zehn Jahren als Leiter des Bereichs Government Affairs bei Teva Pharmaceutical Industries, Israels größtem Pharmakonzern, gründete Mati Gill 2020 AION Labs. Das Venture-Studio finanziert Start-ups, die Künstliche Intelligenz (KI) für die Medikamentenentwicklung einsetzen. Zu den Investoren gehören Großkonzerne wie Astra Zeneca, Pfizer und Amazon Web Services (AWS). Im Juli verlängerte unter anderem der Darmstädter Pharmakonzern Merck seine Vereinbarung mit AION Labs um weitere fünf Jahre.
Von 2006 bis 2009 war Mati Gill Stabschef des damaligen Ministers für öffentliche Sicherheit. Im August 2026 kündigte er an, für die Liste des früheren Ministerpräsidenten Naftali Bennett zu kandidieren. Das Land sei auf Bennetts Führung angewiesen, sagt Gill im Interview. Nach dem Hamas-Überfall vom 7. Oktober 2023 habe er ihm persönlich seine Unterstützung zugesichert: „Wenn du in die Politik zurückkehrst, bin ich ganz dabei.“
Wie Gill war auch Naftali Bennett Tech-Unternehmer. 2005 verkaufte er seine Cybersicherheitsfirma Cyota für 145 Millionen Dollar. 2013 zog er erstmals in die Knesset ein und war anschließend Minister in mehreren Regierungen unter Benjamin Netanjahu. Von Juni 2021 bis Dezember 2022 bildete er gemeinsam mit Yair Lapid eine rotierende Koalitionsregierung und unterbrach damit Netanjahus Amtszeiten. Heute treten die beiden früheren Ministerpräsidenten gemeinsam unter dem Bündnis B’Yachad, zu Deutsch „Zusammen“, bei der Parlamentswahl am 27. Oktober an.
Im Mai verabschiedete die Netanjahu-Regierung das Nationale KI-Programm: Mit einem Budget von umgerechnet fast 300 Millionen Euro will sie nationale Recheninfrastruktur aufbauen und die KI-Entwicklung stärken. Reicht das nicht aus, um Investoren zurück nach Israel zu locken?
Die Initiative ist gut, aber sie kommt zu spät. Ein solches Programm hätte vor Jahren aufgelegt werden müssen. Daran erkennt man, dass wir eine neue Regierung brauchen: Vor 20 Jahren hätte Netanjahu solche Entwicklungen antizipiert, er wäre ihnen vermutlich sogar einen Schritt voraus gewesen. Heute hinkt er ihnen hinterher.
Was wäre Ihr Anspruch?
Israel sollte bei der KI zu den drei führenden Ländern der Welt gehören. Dasselbe gilt für Quantentechnologien. Wir müssen ein Land sein, in dem die Menschen wieder an ihre Zukunft glauben.
Sie leiten mit AION Labs einen Inkubator für Pharmaunternehmen. Forschung und Entwicklung in der Medikamentenbranche brauchen aufgrund der langen Entwicklungszeiten vor allem eines: Stabilität. Ist Israel nicht ein denkbar schlechter Standort dafür?
Das stimmt. Israel ist aus dem Grund vor allem in der Forschung stark und weniger in der Entwicklung. Das ist aber nicht unbedingt ein Problem. Wir müssen nicht jede Stufe der Wertschöpfungskette im eigenen Land abbilden. Wir sollten uns auf das konzentrieren, was wir besonders gut können: bahnbrechende Forschung, neue Technologien und die Gründung innovativer Unternehmen. Entwicklung, Produktion und Vermarktung können dann mit globalen Partnern an anderen Standorten erfolgen.
Zeigen sich hier nicht auch die Grenzen des israelischen Wirtschaftsmodells?
Wir sind ein Land mit zehn Millionen Einwohnern. Wir sollten exportieren und mit befreundeten Regierungen zusammenarbeiten. Die Forderung von Netanjahu, Israel solle „Super-Sparta“ werden, ergibt aus wirtschaftlicher Sicht wenig Sinn. Wir sollten Unternehmen nach Israel locken, die Zugang zu neuen Technologien und hervorragenden Forschern suchen.
270.000 Israelis haben das Land seit dem Anschlag der Hamas am 7. Oktober 2023 verlassen. Wie will man eine Viertelmillion Menschen zurück ins Land holen?
Zunächst müssen wir ein Land sein, in dem die Menschen wieder an ihre Zukunft glauben. Dafür braucht es drei Dinge: Erstens eine verlässliche demokratische Ordnung mit klarer Gewaltenteilung. Zweitens müssen wir die Lebenshaltungskosten senken. Drittens müssen wir in Bildung, Universitäten und Forschung investieren. Menschen bleiben eher in einem Land, wenn sie ihren Kindern eine gute Ausbildung bieten können.
Und dann werden die Israelis von selbst zurückkommen?
Nein. Wir werden aktiv auf sie zugehen und je nach Berufsgruppe gezielte Anreize schaffen. Nach drei Jahren Krieg ist zum Beispiel der Bedarf an Therapeuten stark gestiegen. Warum sollte man nicht israelische Therapeuten im Ausland gezielt suchen und ihnen für einige Jahre besonders attraktive Bedingungen anbieten? Israel braucht nicht noch mehr jüdische Anwälte, sondern mehr jüdische Therapeuten. Der Staat muss seine Mittel dort einsetzen, wo der Bedarf am größten ist.
Vielleicht wäre der Bedarf an Therapieplätzen geringer, wenn das Land weniger Kriege führen würde. Könnte eine andere Diplomatie nicht auch neue Anreize schaffen?
Natürlich müssen wir Sicherheit schaffen. Aber die Probleme Israels lassen sich nicht allein mit dem Krieg erklären. Viele Israelis fragen sich eher, ob sie sich ein Leben hier überhaupt leisten können und ob ihre Kinder in einem zukunftsfähigen Land mit funktionierendem Rechtsstaat aufwachsen werden. Gleichzeitig hat die Regierung es nicht geschafft, ihre militärischen Erfolge in diplomatische Lösungen zu übersetzen. Israel verfügt über eine hervorragende Armee. Sie hat nach dem Versagen vom 7. Oktober militärisch viel erreicht. Aber die Regierung hat keinen dieser Konflikte – weder mit dem Iran noch im Libanon oder in Gaza – politisch abgeschlossen.
Sie möchten als Kandidat der B’Yachad nun dafür sorgen, dass die aktuelle Regierung abgewählt wird und Bennett wieder Premier wird. Wird seine Regierung weniger kämpferisch sein?
Nein, sie wird noch kämpferischer.
Inwiefern?
Wenn man Schwäche ausstrahlt, macht man seine Verteidigung verwundbar. Dafür haben wir am 7. Oktober einen hohen Preis gezahlt. Wenn man proaktiv handelt, frühzeitig mit mehr Streitkräften vorgeht und dabei strikte Regeln einhält, kann man echte Sicherheit gewährleisten. So hat Bennett als Premier geführt, 2021 und 2022 waren die friedlichsten Jahre, die Israel seit Jahrzehnten erlebt hat.
Wie würde sich das konkret auf Ihre Außenpolitik auswirken?
Wir werden dafür sorgen, dass Katar und die Türkei in der Region nicht das Sagen haben. So bald wie möglich nach der Regierungsbildung wollen wir Katar zum Feindstaat erklären. Wir verstehen, dass auch Verbündete von uns wie die USA enge Beziehungen zu Katar pflegen. Aber wie können wir von ihnen erwarten, dass sie ihre Haltung zu Katar ändern, wenn wir selbst das Land nicht zum Feind erklären? Wir dürfen nicht zulassen, dass Katar den Wiederaufbau des Gazastreifens überwacht. Stattdessen müssen wir mit gemäßigteren Kräften in der Region zusammenarbeiten, etwa mit Ägypten.
Israel hat viele seiner Verbündeten verprellt, allen voran die USA. Wie wollen Sie deren Vertrauen zurückgewinnen?
Indem wir sicherheitspolitisch hart bleiben, innenpolitisch aber wieder liberal, demokratisch und verlässlich werden. Israel braucht wieder eine Regierung, der man vertraut.
Großbritannien hat Sanktionen angekündigt, um den Ausbau der Siedlung E1 im Westjordanland zu verhindern, die nach internationalem Völkerrecht als illegal eingestuft wird. Andere Länder wollen sich anschließen. Wird die nächste Regierung das Projekt stoppen, um ihr Ansehen im Ausland zu retten?
Ich bin nicht gegen E1. Das Gebiet sollte Teil Israels sein. Bereits in der Vergangenheit wurden Siedlungen erweitert, ohne dass Israel eine vergleichbare internationale Krise erlebt hat. Man muss nicht jeder Forderung eines Verbündeten zustimmen. Aber man muss ehrlich, vorhersehbar und respektvoll mit ihm umgehen. Nicht der Siedlungsbau ist das Problem, sondern der Vertrauensverlust.
Seit Mai haben sich die Umfragewerte von Bennett halbiert, von rund 20 auf zehn Prozent. Vertreten Sie mit Ihrem wirtschaftsliberalen Reformkurs ein Israel, das es heute noch gibt?
Selbstverständlich. Unsere Umfragewerte haben sich stabilisiert, und insgesamt steigt der Zuspruch für den Reformblock, dem wir angehören. Ich habe vollstes Vertrauen in das israelische Volk. Und auch wenn offen ist, wer aus dem Block welche Rolle in der Regierung einnehmen wird: Nichts wird uns daran hindern, in einem Monat eine bessere Führung für das Land zu bilden und Netanjahu aus der Regierungsverantwortung abzulösen.
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