
Im Interview spricht ein IWF-Vertreter über steigende Zinsen, Haushaltsrisiken in Europa, das schwache Produktivitätswachstum und die Rolle Deutschlands.
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Die Zinsen für Staatsschulden in Industriestaaten sind auf den höchsten Stand seit der Finanzkrise gestiegen.
Herr Szczurek, die Zinsen für Schulden sind für viele Industriestaaten auf den höchsten Stand seit der Finanzkrise gestiegen. Erleben wir eine Vertrauenskrise?
Die Zinsen steigen, nicht nur in Europa, sondern überall. Dafür gibt es viele Gründe: Inflation, eine hohe Investitionsnachfrage in Teilen der Welt, Wachstumssorgen sowie eine hohe Verschuldung in einigen Ländern, auch in Europa.
Ökonomen warnen vor einer neuen Euro-Krise. Zu Recht?
Dass höher verschuldete Staaten höhere Zinsaufschläge zahlen, zeigt, dass die Märkte auf die Fundamentaldaten achten. Höhere Zinsen spiegeln die Verschuldung der einzelnen Staaten wider. Aber die europäischen Banken sind gut kapitalisiert, die Schuldenmärkte geordnet. Die Lage erinnert uns daran, wie wichtig eine Konsolidierung der Haushalte ist. Sie ist aber nicht per se eine Krise.
Das klingt beruhigend, aber die Haushaltslage vieler europäischer Staaten ist doch stark angespannt, oder nicht?
Höhere Zinsen machen fiskalische Schwachstellen deutlich. Sie schränken den finanziellen Spielraum ein, verdrängen andere Ausgaben. Sie begrenzen die Fähigkeit, auf Schocks zu reagieren, und die vergangenen Jahre haben uns viele Schocks gebracht. Für hoch verschuldete Volkswirtschaften muss eine rasche und möglichst wachstumsfreundliche Konsolidierung deshalb Priorität haben. Und wir brauchen Reformen, die das Wachstum stärken.
Muss sich Europa auf ungemütliche Zeiten mit Unruhen wie in Frankreich einstellen, wenn die Ära niedriger Zinsen vorbei ist, die Staatsverschuldung aber hoch?
Die Phase der Nullzinsen war historisch gesehen eine Ausnahme. Natürlich ist nicht garantiert, dass wir sie nie wieder erleben. Renditen von viereinhalb bis fünf Prozent in entwickelten Ländern sind aber historisch betrachtet nichts Ungewöhnliches. Problematisch ist vielmehr, dass diese Renditen mit einem niedrigen tatsächlichen und potenziellen Wachstum zusammenfallen.
In der Euro-Krise galten fünf Prozent als kritische Marke, ab der hoch verschuldete Euro-Staaten kippen können. Bei dieser Marke stehen Frankreich und Italien in etwa jetzt.
Aus meiner Erfahrung funktionieren Finanzmärkte nicht so. Entscheidend sind glaubwürdige Konsolidierungspläne, die sicherstellen, dass die Schuldendynamik nicht außer Kontrolle gerät. Höhere Renditen machen es Regierungen schwerer, die Verschuldung zu stabilisieren. Aber fünf Prozent machen es nicht unmöglich.
Wie lassen sich die Haushalte sanieren, wenn die politischen Ränder stärker werden und jede Kürzung ausschlachten?
Die grundlegenden Prioritäten sind klar: Das Potenzialwachstum in Europa muss höher sein, und durch Reformen muss die Verschuldung eingedämmt werden. Dabei spielt es keine Rolle, wer regiert.
Die Unterstützung der Ukraine erschwert die Haushaltskonsolidierung zusätzlich. Gerade populistische Parteien fordern, Geld lieber den eigenen Bürgern zu geben. Muss die Unterstützung der Ukraine stärker aus EU-Töpfen kommen?
Die EU-Staaten unterstützen die Ukraine, und dieses Engagement soll bestehen bleiben. Umso wichtiger ist es, in den Haushalten die Tragfähigkeit der Staatsfinanzen zu wahren. Die Antwort lautet also auch hier: Priorisierung.
Europa wurde beim Wachstum von den USA und anderen Regionen der Welt abgehängt. Was bremst das Wachstum am stärksten?
Die zentrale Herausforderung ist das schwache Produktivitätswachstum. Die Märkte in Europa sind nach wie vor zu fragmentiert. Dadurch werden Produktivitätsgewinne und Innovationen gebremst. Deshalb müssen Staaten nationale Reformen auf den Weg bringen, insbesondere am Arbeitsmarkt und beim Abbau von Bürokratie. Diese Reformempfehlungen des IWF richten sich auch an Deutschland.
Die EU will sich künftig stärker gegen unlautere Handelspraktiken Chinas wehren. Ist das ein überfälliger Schritt, oder tritt die EU einen Handelskrieg los, den sie nur verlieren kann?
Die eigene wirtschaftliche Sicherheit zu stärken, ist in einer Welt zunehmender geopolitischer Fragmentierung legitim. Um Lieferketten zu schützen oder zu diversifizieren, braucht man solche Instrumente manchmal. Sie müssen aber sehr gezielt auf konkrete Verwundbarkeiten zielen, denn sie haben immer Kosten, und das Risiko von Vergeltungsmaßnahmen.
Auch Kanzler Friedrich Merz kann sich mit breiten Ausgleichszöllen anfreunden, wenn China nicht fair spielt. Hat er da nicht einen Punkt?
Mehr Resilienz darf keine Begründung für breiten Protektionismus sein. Handelsschutzinstrumente dürfen auch nicht dazu dienen, eine überkommene Wirtschaftsstruktur zu konservieren. Wir brauchen Diversifizierung statt Isolation. Um geopolitische Verwundbarkeiten zu verringern, sollte Europa Handelsspannungen abbauen und neue Handelsabkommen schließen. Und wenn man zu handelspolitischen Gegenmaßnahmen greift, sollten diese konform mit internationalem Handelsrecht sein.
Zurück zum Thema Schulden: Deutschland ist zwar gering verschuldet, aber das wird sich in den nächsten Jahren stark ändern. Muss die Schuldenbremse reformiert und müssen die Verschuldungsmöglichkeiten wieder stärker eingegrenzt werden?
Unsere Chefin Kristalina Georgiewa sagt immer, unser Job beim IWF sei es, sich Sorgen zu machen. Aber ob das so weit reicht, dass ich mir heute Sorgen über eine zu hohe Verschuldung ausgerechnet Deutschlands mache … (lacht). Deutschland startet aus einer sehr starken Position. Es hat sehr niedrige Finanzierungskosten, die Verschuldung ist die mit Abstand niedrigste unter den G7‑Staaten. Deutschland hat daher den Spielraum, um Infrastruktur- und Verteidigungsausgaben über Schulden zu finanzieren. Die Lücken dort sind real, und Investitionen können das Potenzialwachstum stärken.
Deutschland gilt als Stabilitätsanker des Euro-Raums. Wenn diese Rolle verloren gehen sollte, hätte der ganze Währungsraum ein Problem. Besteht keinerlei Grund zur Sorge?
Die kurzfristige Lockerung der Staatsausgaben halten wir unter den gegenwärtigen Umständen für angemessen, zumal die Weltwirtschaft einem erheblichen Schock ausgesetzt ist. Gleichzeitig werden Deutschland höhere Ausgaben durch die Alterung der Gesellschaft, aber auch bei Verteidigung und Infrastruktur abgefordert. Deshalb sind Reformen auf der Ausgabenseite nötig, damit die Schuldenquote stabil bleibt. Dazu gehören die Reform des Rentensystems und eine Priorisierung der Ausgaben.
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Deutschland wird Spielraum für Infrastruktur- und Verteidigungsausgaben über Schulden nutzen.
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