
Im Finale besiegt sie Aryna Sabalenka in drei Sätzen und löst diese als Nummer eins der Welt ab.
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Jelena Rybakina wechselte 2019 zum kasachischen Verband. Sie gewann zuvor bereits das Turnier in Wimbledon 2022.
Wenige Augenblicke vor dem großen Erfolg zeigte Jelena Rybakina tatsächlich Anzeichen von Nervosität. Die Siebenundzwanzigjährige, der Tenniswelt als praktizierende Stoizistin bekannt, hatte sich nach 2:22 Stunden zwei Matchbälle erarbeitet bei ihrem eigenen, so effektiven Aufschlag. Doch Rybakina produzierte ihren zweiten Doppelfehler in jenem Spiel. Über die eigene Nervosität schien sie schmunzeln zu müssen. Jedenfalls lächelte sie plötzlich.
Diese für sie ungewöhnliche Gefühlsregung schien die Muskulatur sofort zu entspannen. Mit einem Ass krönte sich die Kasachin nach einem 6:4, 5:7 und 6:2 gegen Aryna Sabalenka erstmals zur Turniersiegerin der US Open. Bereits mit dem Halbfinaleinzug hatte die vermutlich ruhigste Vertreterin der Tenniszunft die ganz anders auftretende Sabalenka nach 99 Wochen als Nummer eins der Welt abgelöst.
Ob das von Dauer sein wird, bleibt abzuwarten. Rybakina ist als Anführerin des früher westlich geprägten Welttennis aber der nächste Beweis für die Dominanz der osteuropäischen Spielerinnen. 16 der vergangenen 19 Majortitel sind Spielerinnen Osteuropas zuzuordnen.
Als Rybakina mit dem zwölften Ass das Match entschieden hatte, reckte sie eine Hand gen Publikum, lächelte auf dem Weg zum Netz, umarmte Sabalenka kurz und fair. Eine nicht viel innigere Umarmung erhielten alsbald ihre drei Teammitglieder. Es gibt Spielerinnen, die über Zweitrundensiege enthusiastischer jubeln.
Das Naturell der gebürtigen Russin, die sich über 5,5 Millionen US-Dollar (rund 4,7 Millionen Euro) freuen durfte, wird sich nicht mehr grundlegend ändern. Die großen Emotionen fügte stattdessen die geschlagene Sabalenka dem Moment hinzu, die erst ihren Schläger wegschmiss und ihn dann zerstörte. Als eine der vielen TV-Kameras sie wenige Sekunden später filmte, ließ die Weißrussin sich zu einem „Verpiss dich“ in Richtung Kameramann hinreißen. Der Frust über den verpassten dritten Titel nach 19 Einzelsiegen seit 2023 in New York in Serie war groß.
Rybakina entthronte die Titelverteidigerin, ohne überhaupt in Bestform zu sein. Die Spielerin mit den meisten Assen der WTA-Tour brachte zwar weniger als die Hälfte ihrer ersten Aufschläge ins Feld, setzte Sabalenka jedoch mit einem starken Returnspiel unter ständigen Druck, erspielte sich zwölf Breakchancen und nutzte drei davon – mehr brauchte sie nicht.
„Ihr Aufschlag ist unglaublich – die Art, wie sie auf dem Platz in die Lücke stößt und dich überwältigt, und das gilt besonders auf einem US-Open-Platz, wo der Belag extrem schnell ist – das ist definitiv ein riesiger Vorteil für sie“, erklärte Sabalenka über ihre Gegnerin, die 2022 in Wimbledon auf naturgemäß „schnellem“ Untergrund ihren ersten Major-Titel gewonnen hatte.
Angesichts der Nationalität von Sabalenka und der russischen Wurzeln von Rybakina fand das Endspiel im Arthur-Ashe-Stadion in einer geopolitisch schwierigen Lage statt – vor dem Hintergrund des russischen Angriffskrieges in der Ukraine und der Rolle von Belarus als Ausgangspunkt für Moskaus Invasion seines Nachbarlandes im Jahr 2022. Sabalenka, die 2023 für ihre einstige Nähe zu Weißrusslands Präsident Lukaschenko scharf kritisiert wurde, schweigt seitdem.
Diese Taktik verfolgte Rybakina schon konsequent, als vor, während und nach ihrem Wimbledon-Sieg die Stimmung gegenüber ihr zu kippen drohte, in Australien brach sie wegen der Kritik einmal in Tränen aus. Schon 2019 war Rybakina zum kasachischen Verband gewechselt – einem der finanzstärksten in Osteuropa. Sie begründete das, ähnlich wie Alexander Bublik, mit fehlender finanzieller Förderung in Russland und dem Support im Nachbarland.
Der ist in erster Linie auf das Engagement von Tennispräsident Bulat Utemuratov zurückzuführen, der nach den Lockerungen der Sowjetunion Mitte der 90er-Jahre auch in Zusammenarbeit mit dem damaligen Präsidenten zu Geld gekommen ist, wie die „New York Times“ 2024 schrieb. Als der Tennisverband 2017 kurz vor dem Bankrott stand, rettete er ihn, indem er rund 200 Millionen Dollar – fast ein Zehntel seines geschätzten Vermögens – investierte, um 38 Tenniszentren in allen 17 Regionen des Landes zu errichten. Dabei wurden Hunderte Trainer ausgebildet und einige aus Europa hinzugezogen.
Utemuratov bot russischen Teenagern, die nicht die nötige Unterstützung erhielten, an, sie zu trainieren und zu fördern, sofern sie sich bereit erklärten, für Kasachstan anzutreten. Rybakina und Bublik sind die bekanntesten Gesichter, die von dem Tennisboom profitieren. Während die in den vergangenen 20 Jahren so starken Russinnen etwas abgebaut haben und die präsenten Ukrainerinnen trotz guter Leistungen unter dem mentalen Druck des Krieges stehen, ist Kasachstan mit Rybakina präsent.
Die schweigsame Athletin, die über solche Themen ohnehin nicht spricht, bot, für ihre Verhältnisse, sogar einige Einsichten an nach dem Erfolg. Sie habe keine Erwartungen an die US Open gehabt aufgrund einer kleinen Verletzung. „Aber irgendwie hat es klick gemacht.“ New York, mit dem unbändigen Lärm, sei in den letzten Jahren nicht gerade der beste Ort für sie gewesen, um Tennis zu spielen. „Aber das hat sich jetzt definitiv geändert, und ich hoffe, dass es bei meinem nächsten Besuch von Anfang bis zum Schluss gut läuft.“
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