
Der ehemalige Weltmeister und heutige Sportchef über Identität, Sponsorensuche und die Zukunft des Handballs in Hamburg
Johannes Bitter, Sportchef des Handball Club Hamburg (HCH), spricht über die Umbenennung des Vereins, die finanzielle Stabilisierung durch Investor Philipp Müller und die Herausforderungen, Handball als Marke in einem wettbewerbsintensiven Umfeld zu etablieren.
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Der Verein vollzog im Dezember 2025 einen Schuldenschnitt in Höhe von zehn Millionen Euro durch ein Investment von Philipp Müller. Zuvor gab es Identitätskonflikte durch die Abgrenzung zum HSV.
Aus dem Weltmeister von 2007 ist ein Mann mit viel Verantwortung geworden: Johannes Bitter, 43, soll den Handball Club Hamburg (HCH) besser und stabiler machen. Als Torwart von Weltklasse gewann er mit dem Vorgängerklub HSV alle Titel. Mit deutlich weniger Geld kämpft Sportchef Bitter um Anerkennung und Sponsoren. Für das Familienleben bleibt da wenig Zeit: Bitter hat fünf Kinder, zwei mit der früheren Handballerin Anna Loerper.
Aus HSVH wurde der HC Hamburg. Warum haben Sie sich als Verein, als Marke umbenannt vor der am Samstag beginnenden Saison 2026/27?
Als ich als Spieler vor fünf Jahren wieder herkam, waren es die gleichen Fans, die gleichen Fanklubs und die Rufe: „HSV!“ Der Verein hat sich seit zehn Jahren als etwas vorgestellt, das er nicht ist: „HSV! Ah, die mit der Raute!“ Nee, ohne die Raute. Bis 2016 gab es die Marke HSV Handball, danach den Handball Sport Verein Hamburg (HSVH) – völlig eigenständig vom HSV. Das hat außerhalb der „Handball-Bubble“ niemand richtig verstanden. Ich habe das Thema seit 2024 besetzt und jetzt seit dem Schuldenschnitt im Dezember 2025 noch mal intensiver.
Sie waren vorher von 2007 bis zur Insolvenz 2016 Torwart beim Vorgängerklub HSV Handball …
Wir mussten aufräumen, es gab eine große Unwucht in der Identität des Klubs, für Partner, Fans und Mitarbeiter. Wir haben begonnen, zu diskutieren: Es gab kein Zurück zur Raute. Das war aus vielen Gründen nicht realistisch. Als Klub brauchen wir aber Klarheit für eine Weiterentwicklung. Wir wollen aus Interessierten echte Fans machen. Das geht nur über eine klare, starke Marke und ein Logo mit Wiedererkennungswert. Auf dem Weg haben wir alle Partner, Fans und Mitarbeiter von Beginn an mitgenommen. Nun sind wir nicht mehr der HSVH. Bei den ersten Tests haben die Fans „HCH!“ gerufen: Das zeigt, der Weg ist richtig.
Welche Rolle hat Investor Philipp Müller gespielt?
Auch er hat uns beim Schärfen der Identität unterstützt. Aber er war nicht federführend.
Wie groß ist die finanzielle Abhängigkeit, nachdem er im Dezember durch sein Investment den Schuldenschnitt in Höhe von zehn Millionen Euro ermöglicht hat?
Er hat durch den Schuldenschnitt und seine Unterstützung viel ermöglicht. Er nimmt die Rolle ein, Dinge möglich zu machen, die aus Gründen, die in der Vergangenheit liegen, nicht möglich waren – dem Klub eine Sicherheit für Gegenwart und Zukunft zu geben.
Warum ist es so schwer, in Hamburg Sponsoren zu gewinnen?
Ich bin davon überzeugt, dass uns die Klarheit in der Marke nach innen und außen helfen wird, Handball in Hamburg und in der „stärksten Liga der Welt“ stark aufzustellen. Es braucht viel Leidenschaft, jeden potentiellen Partner im persönlichen Gespräch abzuholen, den Weg aufzuzeigen und zu begeistern. Wer allerdings bei uns in der Arena zu Gast war, erkennt sehr schnell den Wert und kommt gerne wieder. Das ist ein echtes Pfund! Das gesamte Team arbeitet mit enorm viel Hingabe für die Fans, für den Spitzenhandball in Hamburg. Die Hingabe ist aber in Hamburg nicht immer gewürdigt worden, und das fühlt sich schon gelegentlich unfair an.
Woher kommt die Kritik an Müllers Investition? In Kiel wurden wieder 1,5 Millionen Euro durch Geldgeber im Hintergrund ausgeglichen, in Magdeburg machen Externe Transfers möglich, in Flensburg ermöglichten Gelder aus der Rüstungsindustrie den Deal der Costa-Brüder ...
Der Gedanke, dass sich der Spitzensport – und in unserem Fall der Handball – ohne externe Gelder weiterentwickelt, ist sehr romantisch. Der Handball vereint, ist ein hochemotionaler Sport, die Entwicklung einer Mannschaft ist oft volatil und bewegt viele Menschen … All das sind Zutaten, um abseits vom Ticketing und Sponsoring Geld zu erlösen. Aber hinter erfolgreichen Klubs stehen oft auch starke Persönlichkeiten, die Planungssicherheit geben oder Wachstum möglich machen können. Um zu wachsen, unsere Relevanz zu stärken, müssen wir alle investieren. Und zwar als Gesamt-Handball, nicht nur als Vereine, die nicht nur sportlich gegeneinander kämpfen. Gattungsmarketing ist aus meiner Sicht das A und O.
Warum die Verlogenheit?
Das weiß ich nicht. Große Sponsoren schließen kleine nicht aus. Wir alle müssen Geld erlösen für unsere Budgets. Es gibt ein unteres Regal, wo ein Sponsor für 5000 Euro im Jahr Leistungen erhält. Und es gibt ein oberes Regal mit anderen Summen, anderen Leistungen.
Teilen die Ligamanager Ihre Ideen?
Wir tauschen uns aus, sprechen über Ideen, aber jeder Standort hat seine Herausforderungen. Ich kann unsere Gegebenheiten aber nicht mit denen zum Beispiel in Magdeburg vergleichen. Ich kann, anders als sie, meinen Platz nicht per se teurer anbieten, weil wir nicht immer ausverkauft sind. Aber dafür haben wir eine viel höhere Kapazität. Wir sind als Klub keine Blase, kein Silo, wir entwickeln uns als Handball zusammen – sonst nutzen wir unsere Kraft nicht. Wir müssen Wissen und Ideen teilen, hier spüre ich viel Offenheit.
Im Job-Netzwerk Linkedin war jüngst zu lesen, Handball sei der Verbrenner unter den Teamsports, Basketball im E-Motor unterwegs. Handball habe mithin die besten Jahre hinter sich.
Den Vergleich höre ich zum ersten Mal. Das sehe ich auch nicht so. Der reine sportliche Wert und alle wirtschaftlichen Kennziffern sind in der HBL viel größer als in der BBL. Aber mir geht es gar nicht um solche Vergleiche. Wir haben ein tolles Kernprodukt und müssen mehr Event mit vorher und nachher werden. In der Mitte des Events ist Handball als Highlight enthalten.
Brauchen wir den Glasboden wie im Pokal in Köln oder Anastasia wie in der Champions League, damit die Fans früher kommen, länger bleiben?
Es geht um die Begeisterung für alle und die Gewinnung von neuen Fans über Mehrwerte, die es bisher nicht gibt. Wer in die Halle kommt und Handball schaut, kommt wieder. Aber sie müssen erst mal kommen, über die Kern-Fans hinaus. Gerade da, wo das Angebot so vielfältig ist wie in Hamburg, muss das Drumherum natürlich eine große Rolle spielen.
Manche Fans wollen nur Handball pur.
Es gibt zu dem Thema sicher sehr unterschiedliche Meinungen. Die Frage an alle ist eher: Bräuchte man für diesen größeren Rahmen des Events nicht Investitionen, um das Produkt über Jahre aufzubauen?
Das ist Christian Seiferts Thema, nicht jeden Euro in den Kader zu stecken ...
Er hat das als Dyn-Chef provokativ gemeint, als er vorschlug, lieber auf den 15. Kaderspieler zu verzichten und statt dessen Geld in Social Media zu stecken.
Viele ausländische Stars kommen in die Liga. Schwächt das die europäische Konkurrenz?
Ich habe keine Angst davor. Ich habe kein Problem damit, wenn die Liga ihre Qualität steigert. Ich kann es nicht schlimm finden, wenn Spieler sagen, ich will da hin, die Bundesliga ist so geil. Das ist ein Qualitätssiegel.
Wie sollen Balingen und Bietigheim mithalten, die Aufsteiger, wenn anderswo aufgerüstet wird? Oder der HCH?
Es ist Riesenschritt zwischen zweiter und erster Liga. Du steigst ja nicht auf und hast automatisch die Hälfte des Etats durch höhere Medienerlöse gedeckt. Das ist eine Verbesserung im Promillebereich. Trotzdem können auch Aufsteiger oder wir an einem guten Tag den THW schlagen.
Was wollen Sie als junger Geschäftsführer erreichen?
Wir wollen der Klub sein, der jungen talentierten Menschen die Bühne gibt, Erfahrungen in der HBL zu sammeln und als Team zu begeistern. Dafür möchte ich die richtigen Jungs finden, das perfekte Team zusammenstellen. Diesen Goldstaub möchte ich finden.

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