Kai Liekefett: Wie Unternehmen sich gegen aktivistische Investoren verteidigen
Der Corporate-Defense-Anwalt Kai Liekefett über die Strategien von Hedgefonds, die Bedeutung der ersten Stunden bei einer Kampagne und die Situation in Deutschland.
Quick Look
- Der Anwalt Kai Liekefett berät US-Konzerne bei der Abwehr aktivistischer Investoren.
- Er erläutert, warum die ersten Stunden einer Kampagne entscheidend sind, wie Unternehmen taktisch reagieren können und warum er sich mehr Aktivismus in Deutschland wünscht.
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Why It Matters
Aktivistische Investoren üben Druck auf Unternehmen aus, um strategische Änderungen oder personelle Konsequenzen zu erzwingen. Kai Liekefett ist ein spezialisierter Anwalt, der Unternehmen in solchen Situationen verteidigt.
New York. Bei Elliotts Einstieg bei der Deutschen Telekom geht es um mehr als eine Beteiligung: Der US-Hedgefonds will offenbar verhindern, dass der Konzern mit seiner US-Tochter T-Mobile fusioniert. Stattdessen plädiert Elliott für eine Ausweitung der Aktienrückkäufe oder andere Maßnahmen zur Steigerung des Börsenwerts.
Wie Unternehmen mit solchen Forderungen umgehen, weiß Kai Liefekett ganz genau. Er gehört wohl zu den renommiertesten Corporate-Defense-Anwälten in den Vereinigten Staaten. Seine Aufgabe: Unternehmen gegen feindliche Übernahmen und aktivistische Investoren verteidigen. Seine Klientenliste liest sich wie das Who’s Who der US-Wirtschaft: AT&T, Hasbro, Blackrock, die „New York Times“.
Warum die Abwehr von aktivistischen Investoren wie ein Wahlkampf verläuft, wie Unternehmen sich vorbereiten können und warum gerade die ersten Stunden für die Verteidigung zählen, schildert der 51-Jährige im Gespräch mit dem Handelsblatt.
Das New Yorker Büro der US-Kanzlei Sidley Austin wirkt von außen unscheinbar, ein Wolkenkratzer von vielen. Wenig lässt auf die Historie der Kanzlei schließen, die 1866 in Chicago gegründet wurde und heute zur Top-Elite der Rechtsfirmen in den USA gehört. Zu den ersten Mandanten zählte Mary Todd Lincoln, die Frau von US-Präsident Abraham Lincoln. Bei Sidley Austin lernten sich Barack und Michelle Obama kennen, wo sie als Anwälte arbeiteten. Und auch der aktuelle US-Vizepräsident J.D. Vance arbeitete, wenn auch nur kurz, in der Kanzlei.
In Salzgitter aufgewachsen, ist Liekefett mittlerweile Partner der Kanzlei. Dort leitet er die Bereiche Aktionärsaktivismus und Corporate Defense sowie Public Company Advisory gemeinsam mit einem Kollegen. Sich selbst bezeichnet Liekefett als eine Mischung aus Wahlkampfrechtler, Kampagnenmanager und Geiselunterhändler.
Allein in den vergangenen fünf Jahren haben er und sein Team Unternehmen in mehr als 150 Aktivistenkampagnen, feindlichen Übernahmen und Kämpfen um Stimmen der Aktionäre, sogenannten Proxy-Fights, vertreten.
Was machen aktivistische Investoren?
Das Phänomen der aktivistischen Investoren oder des „Shareholder Activism“ gibt es schon seit den 80ern. Laut Liekefett hat das Phänomen aber in den 2010ern erst richtig Fahrt aufgenommen. Im Gegensatz zu feindlichen Übernahmen wollen Aktivisten nicht das ganze Unternehmen kaufen. Finanzinvestoren versuchen vielmehr, manchmal auch nur mit kleinen Beteiligungen, Druck auszuüben, um so strategische Veränderungen wie eine Abspaltung vorzunehmen.
Laut der Analyseplattform Diligent ist etwa die Forderung nach einem Verkauf von US-Unternehmen – oder Teilen davon – im ersten Halbjahr 2026 um fast 50 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum gestiegen.
Wie erreichen Aktivisten ihre Ziele?
Die Palette an Maßnahmen reicht von privaten Gesprächen mit dem Management bis zu medialen Kampagnen und dem Versuch, den Vorstand und Aufsichtsrat auszutauschen.
In Deutschland treten aktivistische Investoren ungleich seltener in Erscheinung. 2018 setzten der vom US-Investor Paul Singer geführte Hedgefonds Elliott und der schwedische Investor Cevian den deutschen Industrieriesen Thyssenkrupp so stark unter Druck, dass schließlich sowohl Vorstandschef Heinrich Hiesinger als auch Aufsichtsratschef Ulrich Lehner zurücktraten. Lehner warf einigen Investoren gar „Psychoterror“ vor.
Es gibt sie zwar, diese spektakulären Fälle. Doch nur in den wenigsten Fällen eskalierten die Auseinandersetzungen der aktivistischen Investoren mit den Unternehmen wirklich zu Proxy-Fights, sagt Liekefett. Laut Diligent sicherten sich Aktivisten im ersten Halbjahr 2026 84 von 85 Board-Sitzen im Rahmen eines ausgehandelten Vergleichs – ganz ohne Kampfabstimmung.
Doch kommt es dazu, wird mit harten Bandagen gekämpft. Dabei versuchen aktivistische Investoren, allen voran Hedgefonds, in Hauptversammlungen genügend Aktionäre von ihren eigenen Kandidaten für den Aufsichtsrat oder Chefposten zu überzeugen, die ihre Pläne unterstützen. Proxy-Kriege, so Liekefett, seien nur eine andere Art von Geschäftsverhandlung.
Zu diesen kommt es laut Liekefett in drei Situationen. Wenn der Investor das Unternehmen verkaufen oder den Chef feuern will und sich der Aufsichtsrat weigert – oder wenn der Aktivist selbst in den Aufsichtsrat drängt, um einen dieser Punkte durchzusetzen. „90 Prozent der Proxy-Fights gehen auf diese drei Szenarien zurück“, sagt der Experte. Die restlichen zehn Prozent lassen sich laut Liekefett auf außergewöhnliche Umstände zurückführen.
Dazu dürften auch Kampagnen von ehemaligen Insidern zählen, die sich gegen die Führung ihres früheren Unternehmens gewandt haben. Ein prominentes Beispiel dafür ist Walt Disneys Neffe Roy E. Disney. Nach dessen Ausscheiden aus dem Verwaltungsrat 2003 startete er die „Save Disney“-Kampagne, die den damaligen Disney-Chef Michael Eisner schließlich zum Rücktritt bewegte.
Wie können sich Unternehmen wappnen?
Wenn es darum geht, sich gegen die Investoren zu verteidigen, gibt es laut Liekefett einen Unterschied zwischen Friedenszeiten und dem Moment, in dem der Aktivist bereits vor der Tür steht.
In Friedenszeiten arbeite man an vorteilhaften Rechtsstrukturen für das Unternehmen. Man könne seine Satzung zwar nicht so verändern, dass sie keine Aktivisten zulasse. Es gebe dennoch Möglichkeiten, dem Unternehmen taktische Vorteile in der Auseinandersetzung zu verschaffen. Es gehe darum, vorbereitet zu sein, wenn ein Aktivist angreift, sagt Liekefett.
Die ersten Stunden seien für die betroffenen Unternehmen entscheidend, sagt Liekefett. Gerade die „Dinge, die du in den ersten Stunden einer Kampagne sagst, können wirklich zum Problem werden.“ Das Wichtigste sei deshalb, gut vorbereitet zu sein: Welches Medienstatement gibt man heraus? Was teilt man Investoren, Unternehmenskunden oder seinen eigenen Mitarbeitern mit? Die Fehler der ersten Stunden ließen sich später kaum korrigieren.
Wie plötzlich solche Angriffe kommen können, musste auch der iPhone-Hersteller Apple 2013 erfahren. Der aktivistische Investor Carl Icahn machte damals in Nachrichten auf Twitter seine Position in dem Unternehmen bekannt, verbunden mit der Forderung nach einer deutlichen Erhöhung der Aktienrückkäufe. Am Ende folgte ein Kompromiss: Apple weitete seine Aktienrückkäufe aus, wenn auch nicht in dem von Icahn geforderten Maße. Daraufhin zog sich der Investor zurück und stieg mit Milliardengewinnen aus.
Die beste Taktik, um sich gegen aktivistische Investoren zu wehren? Wege zu finden, die andere Seite zu disqualifizieren oder rechtlich unter Druck zu setzen, sagt Liekefett. „Und wenn uns die Gerichte nicht zu Hilfe kommen, müssen wir die Aktionäre überzeugen.“
Dabei geht es um Großaktionäre, aber auch um mächtige Stimmrechtsberater wie ISS und Glass Lewis, die zumindest in den USA großen Einfluss auf das Abstimmungsverhalten institutioneller Investoren haben. Im Zeitalter der sozialen Medien werden aber auch Privatanleger immer relevanter, die sich online organisieren können.
Kampagnen mit vielen Privatanlegern seien komplexer, sagt Liekefett, aber gerade aus diesem Grund auch interessanter. „Wir nutzen Callcenter, die tagein, tagaus versuchen, Kleinanleger zu erreichen.“ Man müsse sich an juristische Regeln halten, aber auch Anzeigen auf Facebook, Instagram oder Linkedin können in so einem Fall geschaltet werden.
Es gebe zwar Investoren, die mit ihren Kampagnen sofort an die Öffentlichkeit gingen. Die meisten Aktivisten suchten aber zunächst das vertrauliche Gespräch mit den Unternehmen, sagt der 51-Jährige.
„Den ersten Ratschlag, den wir immer geben, ist Constructive Delay“, also konstruktive Verzögerung. Man solle versuchen, mit den Investoren zusammenzuarbeiten, um zu sehen, wo es Gemeinsamkeiten gebe.
Häufig sei es so, sagt Liekefett, dass in 60 bis 80 Prozent der Fälle Unternehmen mit den Ansichten der Investoren übereinstimmten. Wenn ein Aktivist fordere, das Unternehmen aufzuspalten oder zu verkaufen, sei das Unternehmen oft bereits selbst dabei. „Viele Male, wenn ein Aktivist sagt, der CEO muss gehen, steht er vielleicht schon auf der Abschussliste“, fügt Liekefett hinzu.
Was suchen Aktivisten?
Für Liekefett handelt es sich bei den aktivistischen Investoren in erster Linie um „Value-Investoren“. Diese seien auf der Suche nach schwachen Unternehmen in starken Sektoren. „Sie versuchen herauszufinden, warum das so ist, und gehen mit ihren Ideen zum Unternehmen.“
Aus Sicht des Experten stehen aktuell vor allem zwei Sektoren im Fokus der aktivistischen Investoren: Technologie, insbesondere der Softwaresektor, und der Konsumgüterbereich.
Liekefett weist darauf hin, dass Aktivisten darüber hinaus Industrien bevorzugten, die nicht stark reguliert sind. Für den Anwalt ist das etwa ein Grund, warum sie ungern bei Banken oder Versicherungen einsteigen. Hinzu kommt: „Sie gehen gerne in Sektoren, die einfach zu verstehen sind“, sagt der Anwalt. Bei den meisten Aktivisten handelt es sich laut dem 51-Jährigen um Generalisten.
Wie ist die Situation in Deutschland?
Auch in Deutschland geraten Unternehmen immer wieder in den Fokus von aktivistischen Investoren. Doch insgesamt erschwerten die Strukturen der deutschen Unternehmen es ihnen, die Kontrolle zu übernehmen. Obwohl Liekefett Unternehmen hilft, Finanzinvestoren abzuwehren, vertritt er mit Blick auf Deutschland eine andere Haltung. „Ich warte schon seit 15 Jahren jeden Tag darauf, dass endlich mehr Aktivisten über Deutschland herfallen“, sagt Liekefett – gerade, weil ihm Deutschland so am Herzen liege.
Open Questions
- Welche spezifischen Rechtsstrukturen schützen Unternehmen am effektivsten?
- Wie entwickeln sich die regulatorischen Rahmenbedingungen in Deutschland?






