Kampf um Netzanschlüsse: Unternehmen fordern Reformen für die Energiewende
Dutzende Unternehmen organisieren sich in Initiativen, um bei der Bundesregierung Standards und Transparenz für Stromnetzbetreiber einzufordern.
Quick Look
- Unternehmen wie Amazon Web Services, Enpal und Voltwise fordern von der Bundesregierung gesetzliche Standards für Netzanschlüsse.
- Sie kritisieren bürokratische Hürden und intransparente Verträge bei den über 850 deutschen Netzbetreibern, die die Energiewende bremsen.
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Why It Matters
Die Bundesregierung überarbeitet derzeit das Energiewirtschaftsgesetz (EnWG) und das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG).
Düsseldorf. In der Energiebranche entsteht ein Kampf um eine knappe Ressource: das Stromnetz. Immer mehr Unternehmen und Verbraucher können ihre Energiewende-Projekte nicht umsetzen, weil sie sie nicht angeschlossen bekommen. Thorsten Klöpper, Deutschlandgeschäftsführer des Batteriespeicherentwicklers Voltwise, sagt: „Netzanschlusskapazitäten sind das neue Gold im Energiemarkt.“
Auf den positiven Bescheid eines Stromnetzbetreibers warten unter anderem Wind- und Solarparks, Ladesäulen und Batteriespeicher – aber auch private Haushalte mit einer neuen Solaranlage, Wärmepumpe oder Wallbox.
Jetzt haben sich Dutzende Unternehmen in Initiativen organisiert, um Hilfe bei der Bundesregierung einzufordern. Denn die Regierung überarbeitet gerade wichtige Energiegesetze wie das Energiewirtschaftsgesetz (EnWG) und das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG). Die Initiativen haben Vorschläge für neue Standards und für konkrete Änderungen in den Paragrafen erarbeitet, die sie an diesem Dienstag veröffentlichen und dann den zuständigen Politikern vorstellen wollen. Die Pläne lagen dem Handelsblatt vorab vor.
Bei einer Initiative handelt es sich um eine Allianz aus Betreibern von Batteriespeichern, Ladesäulen und Rechenzentren. Beteiligt sind neben den Initiatoren Voltwise und DWR Eco, einer Beratungsagentur, auch Unternehmen wie der Cloud-Computing-Anbieter Amazon Web Services und der Verband E-Mobility Deutschland mit Mitgliedern wie den Tankstellen Aral und Shell sowie dem Ladestationsbetreiber Ionity.
Alle Unternehmen in der Initiative wollen ans Stromnetz angeschlossen werden und stoßen auf Widerstände, die ihre Projekte unwirtschaftlich oder gar unmöglich zu machen drohen. In einem Schreiben der Initiative, das dem Handelsblatt vorliegt, heißt es, die aktuelle Informations- und Machtasymmetrie zugunsten von Netzbetreibern müsse dringend eingegrenzt werden.
Konkret geht es um sogenannte flexible Netzanschlussvereinbarungen. Wegen ihres englischen Namens – „flexible connection agreements“ – werden sie auch FCAs genannt. Netzbetreiber können Betreibern von Batteriespeichern und anderen Anlagen solche Vereinbarungen anbieten. Darin kann beispielsweise stehen, dass ein Speicher zwar ans Netz angeschlossen wird, aber nicht zu jeder Zeit so viel Strom aus dem Netz ziehen oder ins Netz einspeisen darf, wie er könnte.
Für Netzbetreiber sind solche Verträge eine Sicherheit, dass ihr Netz nicht überlastet wird. Den Unternehmen aber machen die strengen Bedingungen teils ihre Geschäftsgrundlage kaputt. Thorsten Klöpper von Voltwise sagt: „Wenn wir das Thema Netzanschlüsse nicht in den Griff bekommen, erschwert das Investitionen in dringend benötigte Zukunftstechnologien zulasten eines wettbewerbsfähigen Wirtschaftsstandorts Deutschland.“
Die Initiative fordert deshalb unter anderem, dass Netzbetreiber den Unternehmen nur noch Einschränkungen auferlegen dürfen, wenn es schriftliche Belege für einen Netzengpass gibt. Außerdem sollen die vereinbarten Bedingungen nicht wie bisher nur für ein paar Jahre gelten, sondern solange die Anlage genutzt wird.
Vor allem aber wünschen sich die Unternehmen, dass Rechte und Pflichten bei Netzanschlüssen für alle Netzbetreiber gesetzlich vereinheitlicht werden. Denn in Deutschland gibt es mehr als 850 Netzbetreiber. Viele davon sind zu klein, um sich schnell auf all die neuen Anforderungen der Energiewende einstellen zu können. Ihre Vertragsbedingungen sind dann übervorsichtig ausgestaltet und gegebenenfalls nachteilig für die Anlagen, die ans Netz angeschlossen werden sollen.
Till Stehr, Analyst bei dem Beratungsunternehmen Modo Energy, sagt: „Auf meinem Schreibtisch landen einige handwerklich schlecht gemachte FCAs. Oft werden darin viele Risiken auf den Batteriespeicherbetreiber geschoben, ohne dass das dem Netzbetreiber überhaupt klar ist.“
Eine weitere Initiative nennt sich „Energiewende-Digitalisierungs-Allianz“ und umfasst 17 Unternehmen, die auch viele private Verbraucher kennen. Dazu zählen Energie-Start-ups wie Enpal und 1Komma5 Grad, Ökoenergieanbieter wie Naturstrom und Lichtblick sowie das Wohnungsunternehmen LEG Immobilien und der Heizungsinstallateur Thermondo.
Auch diese Initiative fordert mehr Verpflichtungen, Standards und Transparenzpflichten für Netzbetreiber. Beispielsweise wünschen sich die Unternehmen ein deutschlandweites Portal, in dem festgehalten ist, wie ein Start-up oder Handwerker vorgehen muss, wenn er eine neue Aufdach-Solaranlage im Netz anmelden will. Benjamin Merle-Oberheide, Produktchef bei Enpal, sagt: „Manche Netzbetreiber haben eigene Onlineportale für Netzanmeldungen, andere wollen eine E-Mail mit einem analog ausgefüllten Dokument bekommen. Das erzeugt sehr viel bürokratischen Aufwand.“
Die Unternehmen beobachten auch, dass viele kleine Netzbetreiber mit den neuen Prozessen rund um Solaranlagen, Wärmepumpen und Elektroautos überfordert sind. Sie fordern deshalb, selbst einen Teil der Netzbetreiber-Aufgaben übernehmen zu dürfen, um die Vorgänge zu beschleunigen.
Außerdem verlangt die Allianz, dass die Netzbetreiber künftig Schadenersatz zahlen müssen, wenn sie beispielsweise Fristen für Netzanmeldungen oder Netzanschlüsse nicht einhalten. Die Kosten für diese Sanktionen wiederum sollen die Netzbetreiber nicht wieder auf ihre Stromnetzkunden umlegen können.
Zu den Vorschlägen der Unternehmensinitiativen hinzu kommen Forderungen von Interessenverbänden. So hat etwa der Landesverband Erneuerbare Energien NRW (LEE NRW) eine Liste mit Verbesserungsvorschlägen für Erneuerbare-Energien-Projekte und Netze entworfen.
Dazu zählt, dass Netzbetreiber ihre Pläne für den Ausbau von wichtigen Stromnetzelementen wie Umspannwerken offenlegen und zudem transparent machen müssen, welche Netzanschlusskapazitäten sie künftig schaffen wollen und wann was in Betrieb genommen werden soll. In dem Dokument heißt es: „Säumige Netzbetreiber müssen sanktioniert werden.“
Außerdem sollen die bereits vorhandenen Stromnetzkapazitäten besser ausgeschöpft werden. Digitale Technologien würden nicht ausreichend genutzt, die Statik von Freileitungen sei zu konservativ ausgelegt. Netzoptimierung solle stets Vorrang vor einem weiteren Netzausbau haben.
Der LEE NRW schlägt zudem vor, dass Solar- und Windparks selbst dann ihren Strom direkt vor Ort Verbrauchern wie Wärmespeichern oder Elektrolyseuren zur Verfügung stellen dürfen, wenn sie zum Schutz des Netzes nicht mit ihrer vollen Leistung Strom einspeisen dürfen. So könnte mit dem Überschussstrom, den das Netz nicht aufnehmen kann, zum Beispiel grüner Wasserstoff erzeugt werden.
Von Deutschlands größtem Verteilstromnetzbetreiber Eon kommt zu vielen der Ziele der Initiativen kein Widerspruch. Ein Sprecher des Konzerns sagte dem Handelsblatt: „Die breite Debatte über mögliche Anpassungen von EEG und Netzpaket zeigt, wie wichtig der Blick auf das Gesamtsystem ist.“ Neben einem beschleunigten Ausbau der Stromnetze seien auch bessere Auslastung, Digitalisierung und Flexibilität im Energiesystem wichtig.
What to Watch
AI outlook — possibilities, not facts
Veröffentlichung von Reformvorschlägen durch Unternehmensinitiativen am Dienstag.
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Open Questions
- Wie wird die Bundesregierung auf die Forderungen reagieren?
- Werden die Netzbetreiber zu Sanktionen verpflichtet?





