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Kanadisch-deutsche KI-Allianz: Cohere fusioniert mit Aleph Alpha
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FAZ2 hours agoBusiness7 min readGermany

Kanadisch-deutsche KI-Allianz: Cohere fusioniert mit Aleph Alpha

Das kanadische KI-Unternehmen Cohere schließt sich mit dem deutschen Start-up Aleph Alpha zusammen, um als europäisch-kanadischer Champion gegen die US-Übermacht zu bestehen.

Quick Look

  • Das kanadische KI-Unternehmen Cohere fusioniert mit dem deutschen Start-up Aleph Alpha.
  • Auf einer Konferenz in Montreal verkündeten die Gründer den Deal, der als Schutz vor der technologischer US-Übermacht dienen soll.

AI-generated summary

Why It Matters

Aleph Alpha galt als deutsches KI-Hoffnungsträger, verlor jedoch im internationalen Wettbewerb den Anschluss an US-Giganten.

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Auf Fotos ist Aidan Gomez meist ganz in Schwarz gekleidet. Nicht ungewöhnlich für einen jungen Gründer eines KI-Unternehmens. Aber seit einiger Zeit trägt er auffällig oft ein rot-schwarz kariertes Flanellhemd – das vielleicht kanadischste Kleidungsstück, das es gibt. Es geht auf die britische Armee zurück, die während der Kolonialzeit Mäntel für den harten Winter aus den karierten Wolldecken nähen ließ. Später wurden die Jacken und Hemden zur inoffiziellen Uniform der kanadischen Holzarbeiter.

Bei einer zweitägigen KI-Konferenz, die vor Kurzem in Montreal stattfand, trug Gomez ein solches Hemd stets auf der Bühne. Kein Zufall, sagt der Gründer von Cohere selbst: Es sei für ihn ein Weg zu zeigen, dass er Kanadier ist. „Als es damit losging, dass unsere Souveränität bedroht wird, wollte ich Kanada auf meiner Brust tragen.“

Auf der Konferenz in Montreal wird deutlich, was die Branche umtreibt. Wohl kaum zwei Worte fallen dort öfter als „Souveränität“ und „Sicherheit“. Souveränität, weil sich das KI-Rennen derzeit zwischen den amerikanischen und chinesischen Firmen entscheidet – und weil jedes andere Land, das sich auf diese Firmen verlässt, unweigerlich auch von den Regierungen dieser Staaten abhängig ist. Und Sicherheit, weil sich die KI-Entwicklung zuletzt so rasend beschleunigte, dass selbst die Chefs großer KI-Konzerne nach einer Verlangsamung rufen und führende Mitarbeiter vor der Auslöschung der Menschheit warnen. Während der Messe ziehen durch die Innenstadt Montreals vermummte Demonstranten, die den Bau von Rechenzentren ablehnen oder schlicht auf ihre Plakate schreiben: „Fuck AI“.

Montreal zeigt auch: Wer im neuen KI-Zeitalter Antworten verspricht auf die Sorgen vor einer Übermacht der Amerikaner oder einer unaufhaltsamen Superintelligenz, hat ein aussichtsreiches Geschäftsmodell. Und vielleicht bringt es Sympathiepunkte, wenn man es im kanadischen Flanellhemd erklärt.

Die Welt erlebe gerade „massive geopolitische und technologische Veränderungen“, sagt Gomez im bläulichen Scheinwerferlicht der Bühne, eingerahmt vom deutschen Digitalminister Karsten Wildberger und dessen kanadischem Amtskollegen Evan Solomon. Außen sitzt Samuel Weinbach, der Mitgründer des deutschen Start-ups Aleph Alpha. Was KI betrifft, hänge die ganze Welt an wenigen Akteuren, sagt Gomez. „Wir sind überzeugt, dass diese Technologie so folgenreich wird, dass mehrere Demokratien zu ihrer Entwicklung beitragen müssen.“ Es folgt ein Moment, auf den die vier Männer seit gut einem Jahr hingearbeitet haben: „Wir freuen uns sehr, heute bekannt zu geben, dass Cohere und Aleph Alpha die Vereinbarung über ihren Zusammenschluss unterzeichnet haben“, sagt Gomez. Das Publikum applaudiert. Man werde einen kanadisch-deutschen Champion auf der Weltbühne erschaffen.

Damit heißt Deutschlands neue KI-Hoffnung jetzt Cohere.

Die Inszenierung in Montreal ist Ausdruck der großen Bedeutung, die die deutsche und kanadische Regierung dem Geschäft beimessen, das noch vorbehaltlich behördlicher Genehmigungen ist. Bereits im April dieses Jahres, als der Deal in Berlin angekündigt wurde, waren Wildberger und Solomon dabei. Im August war Gomez dann zu Gast bei der Kabinettsklausur der Bundesregierung in Schloss Neuhardenberg, gemeinsam mit Siemens-Chef Roland Busch. Mit mehreren Absichtserklärungen und formalen Allianzen haben Deutschland und Kanada zuletzt ihren Willen zur Zusammenarbeit bei Digitalthemen im Allgemeinen und Künstlicher Intelligenz im Speziellen bekräftigt. Solomon und Wildberger stehen vor ähnlichen Herausforderungen: Sie müssen ihre Verwaltung digitalisieren und die Bürokratie bekämpfen. Und sie müssen verhindern, mit KI in die nächste große Abhängigkeit von den USA zu schlittern.

Den Deal um Aleph Alpha sieht er als großen Moment

Gomez weiß diese politischen Ambitionen für sich zu nutzen. Mit Blick auf den vereinbarten Deal mit Aleph Alpha sagt er: „Es ist wirklich das beste Beispiel dafür, wie sich Mittelmächte zusammenschließen, um eigene Fähigkeiten aufzubauen und ihre Souveränität zu schützen.“ Das sei „ein großer Moment“. Er spricht stets von einer Fusion, obgleich das Unternehmen Medienberichten zufolge zu rund 90 Prozent den Investoren von Cohere gehören wird und nur zu zehn Prozent denen von Aleph Alpha.

Das liegt auch daran, dass es bei dem einstigen Star unter den deutschen KI-Start-ups schon länger nicht mehr rundlief. Nach der Gründung 2019 hatte Aleph Alpha zunächst auch an großen Sprachmodellen gearbeitet und einen Chatbot entwickelt. Politiker konnten gar nicht genug von dem Start-up bekommen, zu schön erschien die Aussicht auf ein deutsches Open AI, das damals gerade mit ChatGPT die Welt zu erobern begann. Hunderte Millionen sammelte die Firma von Investoren ein, darunter SAP, Bosch und die Schwarz-Gruppe, hinter der Lidl-Gründer Dieter Schwarz steckt. Doch Aleph Alpha verlor im internationalen Wettbewerb den Anschluss. 2024 folgte ein Strategieschwenk, künftig wollte man sich eher auf spezifische KI-Lösungen für Geschäftskunden konzentrieren. Vom Traum eines deutschen Open AI war nicht mehr viel übrig.

Es seien vor allem die talentierten Mitarbeiter von Aleph Alpha gewesen, die das Unternehmen für Cohere interessant gemacht hätten, sagt Aidan Gomez. Mit der Übernahme sollen die Büros in Deutschland wachsen. Es dürfte auch geholfen haben, dass die Schwarz-Gruppe Investitionen in Höhe von 500 Millionen Euro in Cohere versprochen hat – auch wenn Gomez bestreitet, dass dies seine Hauptmotivation für den Deal war. Für die IT-Sparte Schwarz Digits wiederum locken gute Geschäfte, wenn Cohere seine Anwendungen über die Cloud-Infrastruktur des Unternehmens laufen lässt.

Cohere richtet sich nicht an die breite Öffentlichkeit, sondern an Geschäftskunden. Seine KI kann zwar nicht mit den neusten Modellen von Open AI und Anthropic mithalten, die sich mit ihren Fähigkeiten immer weiter überbieten. Dafür bietet Cohere diverse „Open Weight“-Modelle an, die mehr Informationen über ihre Funktionsweise offenlegen als die Modelle der großen amerikanischen Firmen und für die meisten Aufgaben ausreichend sind. Zudem lässt sich die KI von Cohere auf kundeneigener Infrastruktur betreiben und verarbeitet Daten, ohne sie an einen externen Dienst zu übertragen.

Der Deal komme für Cohere zur richtigen Zeit, sagt Stefan Heumann, Geschäftsführer des Thinktanks Agora Digitale Transformation. „Wir haben hier mit Deutschland die drittgrößte Volkswirtschaft der Welt, und die soll jetzt KI in die Breite bringen.“ Es gebe etliche Anwendungsfälle und Kunden. Die Tatsache, dass US-Konzerne wie Open AI und Anthropic in Deutschland zunehmend kritisch gesehen werden, nütze Cohere. „Das ist natürlich eine große Chance für ein solches Angebot“, sagt Heumann.

Auf der Bühne in Montreal stichelt Gomez gegen seine mächtigen Konkurrenten aus Amerika. Dass Anthropic-Chef Dario Amodei jüngst Ausnahmen vom Kartellrecht anregte, um sich in Sicherheitsfragen mit anderen KI-Unternehmen enger austauschen zu können, kritisiert er scharf. Das sei eine „red flag“, ein eindeutiges Warnzeichen. „Es ist offensichtlich, was hier passieren soll“, so Gomez. „Wir dürfen es nicht einigen wenigen Unternehmen im Silicon Valley überlassen, die Messlatte festzulegen, um anschließend die Leiter hinter sich hochzuziehen und die Regeln zu ihren Gunsten zu machen.“ Die Regulierung von KI müsse durch Regierungen erfolgen – von „den beiden hier neben mir“, sagt er und deutet in Richtung der Digitalminister.

Es war nicht absehbar, dass Aidan Gomez einmal Gründer von Kanadas wichtigstem KI-Start-up werden würde. Aufgewachsen ist er zwei Stunden östlich von Toronto – praktisch inmitten eines Waldes von Ahornbäumen, wie er im Gespräch mit der F.A.S. erzählt. Im Frühjahr habe er mit seiner Familie immer Ahornsirup selbst eingekocht. „Wir waren so abgelegen, dass es kilometerweit keine Nachbarn gab – und kein Internet, weil ein Hügel uns vom nächsten Funkmast abschnitt.“ Über das Festnetzkabel gab es Internet, aber das war kaum brauchbar. „Es war so langsam, dass man den Pixeln der Bilder beim Laden zugucken konnte, von links nach rechts, von oben nach unten.“ Das habe ihn gleichzeitig fast schon besessen vom Internet gemacht. „Es war diese eine Sache, die all meine Freunde hatten und die unerreichbar war für mich“, erinnert sich Gomez. „Das hat meine Faszination und meine Begeisterung für diese Technologie wirklich entfacht.“

Mit dabei während der Geburtsstunde der Künstlichen Intelligenz

Später studierte er Informatik und Mathematik in Toronto, arbeitete bei Google in Berlin. Er erinnert sich an einen besonders prägenden Moment aus seiner Zeit bei Google. Er bekam eine Mail von seinem damaligen Chef, darin der ausführliche Wikipedia-Eintrag einer japanischen Punkrockband: The Transformer. Während des Lesens habe er sich gefragt, was das soll. Dann sah er den Hinweis am Ende der Mail: Die Band existierte gar nicht, sein Chef hatte nur den Namen eingegeben. Den Rest hatte sich die KI ausgedacht.

Während die KI vorher kaum einen geraden Satz rausbekam, konnte sie über Nacht plötzlich wie ein Mensch schreiben, erinnert sich Gomez. „Da wurde mir klar, wie folgenreich diese Technologie sein würde.“ In der Branche bekannt wurde Gomez kurze Zeit später als Ko-Autor von „Attention is all you need“, einem 2017 erschienenen Forschungspapier von mehreren Google-Mitarbeitern, das heute als Grundlage der modernen KI-Sprachmodelle gilt. Im Zentrum steht eine bestimmte Architektur maschinellen Lernens, von den Forschern getauft auf den Namen: „Transformer“.

Im Jahr 2019 schließlich gründete Gomez mit zwei weiteren jungen KI-Forschern Cohere. Zu den Kunden gehören kanadische Banken oder der amerikanische Softwarekonzern Oracle. Vor allem hat Cohere auch den Staat als Kunden im Visier – denn gerade dort kommt es auf Datenschutz und Sicherheit an. Aleph Alpha bringt bereits Erfahrung aus Deutschland mit: Das Unternehmen arbeitet laut eigenen Angaben mit der Bundesagentur für Arbeit zusammen, mit dem Digitalministerium von Karsten Wildberger, mit dem IT-Dienstleister der Bundeswehr und Kommunen im Saarland.

Doch die öffentliche Verwaltung ist als Kunde auch besonders schwierig, sagt Digitalexperte Heumann. „Das Problem ist weniger, dass man nicht auf Digitalisierung setzt in Deutschland, sondern dass es nach wie vor so kleinteilig ist.“ Schon die Bundesbehörden hätten eigene Systeme, und das setze sich fort über die Bundesländer bis in die Kommunen, von denen Tausende ihre individuelle IT-Infrastruktur pflegten. „Der Staat als Ankerkunde“ – das höre sich immer so toll an. „Aber es ist nicht so, als könnten Sie einmal zu Herrn Wildberger gehen und dann die ganze Republik mit Ihrer KI beliefern.“

Für Cohere hänge viel davon ab, wann Deutschlands Verwaltung mit dem „Deutschland-Stack“, einem Projekt aus Wildbergers Digitalministerium, einen einheitlichen Werkzeugkasten für IT-Infrastruktur und Software bekommt. „Ansonsten tingeln Sie durchs ganze Land und müssen immer wieder Überzeugungsarbeit leisten, das ist ein großer Aufwand.“ Für Cohere dürfte einiges daran hängen, sich als Dienstleister für den deutschen Staat zu etablieren, sagt Heumann. Denn dann seien sie gewissermaßen geadelt für andere Bereiche kritischer Infrastruktur – von Gesundheits- bis Energiesektor. Dort wartet ein riesiger Markt.

Cohere hat das Argument technologischer Souveränität auf seiner Seite. In den letzten 25 Jahren seien die großen Techunternehmen zu den bedeutendsten kulturellen und wirtschaftlichen Mächten der Welt geworden, sagt Gomez – und keines von ihnen kommt aus Deutschland oder Kanada. „Wenn wir in Zukunft irgendeine Bedeutung haben wollen, dann müssen wir selbst solche Champions erschaffen.“

What to Watch

AI outlook — possibilities, not facts

  • Vollzug der Fusion vorbehaltlich behördlicher Genehmigungen

    Likely · Within months

Open Questions

  • Wann wird die Behördenfreigabe für die Fusion erteilt?
  • Wie wird sich die kleinteilige deutsche Verwaltungs-IT auf den Erfolg auswirken?

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This article was originally published by FAZ.

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