
Bundesgesundheitsminister deutet Reform der Krankenkassenstrukturen an
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Anfang 2026 gab es nach Angaben des GKV-Spitzenverbands knapp 93 gesetzliche Krankenkassen in Deutschland. Vor rund 30 Jahren gab es mehr als 1000 Krankenkassen. Linnemann hatte bereits im April 2026 vorgeschlagen, die Zahl der Krankenkassen zu senken, und im August eine maximale Anzahl von 20 in die Debatte gebracht.
Berlin. Bundesgesundheitsminister Carsten Linnemann (CDU) hatte bereits im April 2026, damals noch als CDU-Generalsekretär, vorgeschlagen, die Zahl der gesetzlichen Krankenkassen zu senken. Im August brachte er die Anzahl von maximal 20 in die Debatte ein.
Im Interview mit dem Handelsblatt erklärte er nun, dass er den Bericht der Finanzkommission abwarten will, die ihre Vorschläge für eine Reform Ende Dezember vorlegen möchte. Linnemann deutete aber schon an: „Mir geht es nicht allein um die Größe, sondern darum, was eine Krankenkasse leisten muss, etwa im digitalen Zeitalter.“ Entscheidend seien aus seiner Sicht also auch die Datenverarbeitung und Künstliche Intelligenz (KI). „Deswegen müssen sich auch die Strukturen der Krankenkassen verändern“, sagte der Minister.
Anfang 2026 gab es nach Angaben des GKV-Spitzenverbands knapp 93 gesetzliche Krankenkassen in Deutschland. Von weniger Kassen erhofft sich Linnemann vor allem weniger Verwaltungsaufwand und geringere Kosten. Doch macht die Größe einer Krankenkasse tatsächlich einen messbaren Unterschied bei Digitalisierung und KI? Und würden Fusionen das Gesundheitssystem günstiger machen?
Zahlen des IT-Dienstleisters Bitmarck zeigen, wie viele Krankenkassen betroffen sein könnten. Nach Angaben des Unternehmens haben von 68 Betriebskrankenkassen, die Bitmarck mit IT-Dienstleistungen versorgt, 55 höchstens 250.000 Versicherte. Eine solche Mindestgröße hatte Linnemann früher ins Spiel gebracht. Verbindlich ist sie nicht.
Für eine gesetzlich vorgeschriebene Mindestgröße oder eine allgemeine Reduzierung der Kassenzahl wären neue rechtliche Vorgaben nötig. Einen konkreten Gesetzentwurf dazu gibt es bislang nicht. Der Minister will zwar den zweiten Bericht der Finanzkommission Gesundheit abwarten. Für kleinere Kassen könnten seine Überlegungen trotzdem Folgen haben, denn die Empfehlungen der Kommission sind nicht bindend. Ob und wie Linnemann sie in Reformen umsetzt, ist offen.
„Ein Vorteil ist plausibel, aber vor allem in der Verwaltung“, sagt Annika Herr, Gesundheitsökonomin an der Leibniz Universität Hannover. Entwicklung, Einführung und Wartung digitaler Anwendungen sind teuer. Große Kassen können diese Ausgaben auf mehr Versicherte verteilen und verfügen über größere Datenbestände für KI-Modelle.
Das macht sie aber nicht automatisch leistungsfähiger. „Die Zahl der Versicherten allein ist kein verlässlicher Indikator für digitale Leistungsfähigkeit“, sagt Herr. Auch eine bessere medizinische Versorgung durch größere Kassen sei wissenschaftlich nicht eindeutig belegt.
Digitale Leistungsfähigkeit lasse sich etwa daran messen, wie viele Verwaltungsprozesse automatisiert sind, wie zuverlässig digitale Dienste funktionieren und wie schnell Anträge bearbeitet werden. Einen allgemein anerkannten Gesamtwert, der die Kassen anhand solcher Kriterien vergleichbar macht, gibt es jedoch nicht.
Kleinere Versicherer können die Kosten über gemeinsame IT-Dienstleister teilen. Bei Bitmarck entwickeln und testen Kassen über einen KI-Marktplatz gemeinsam Anwendungen, von denen anschließend rund 80 Kunden profitieren können. Zu diesen Kunden zählen Betriebs- und Innungskrankenkassen sowie Ersatzkassen wie die DAK-Gesundheit. Bitmarck stellt ihnen unter anderem Software für die Verwaltung und digitale Angebote für Versicherte bereit.
Auch die AOK Bayern und die AOK PLUS nutzen über kubus IT mehrere Hundert Anwendungen gemeinsam, darunter KI-gestützte Systeme und die Verwaltungssoftware oscare. Beide bleiben rechtlich eigenständig und können regionale Angebote unterschiedlich gestalten.
„Das Zauberwort lautet Kooperation hinter den Kulissen und Bündelung der Infrastruktur bei zentralen Dienstleistern“, sagt Anne-Kathrin Klemm vom BKK Dachverband. Allerdings würden gesetzliche Grenzen für Verwaltungskosten Investitionen in neue Technik erschweren. Für das Training eigener KI-Modelle fordert sie zudem einfachere Regeln, um Daten verschiedener Kassen gemeinsam und datenschutzkonform nutzen zu können.
Herr sieht Vorteile bei freiwilligen Zusammenschlüssen, wenn Technik und Strategien zusammenpassen. Politisch erzwungene Fusionen beurteilt sie skeptisch: „Weil schon die Größenvorteile der Digitalisierung empirisch nicht eindeutig belegt sind, lässt sich wissenschaftlich kaum seriös vorhersagen, ob erzwungene Fusionen hier etwas bringen.“
Beim BKK Dachverband stößt Linnemanns Vorstoß auf Kritik. „Davon halte ich nichts“, sagt Klemm. Aufsichtsbehörden prüften bereits heute die IT-Sicherheit und die Umsetzung gesetzlicher Vorgaben. Zudem müssten sich die Kassen im Wettbewerb behaupten.
Auch GKV-Spitzenverbandschef Oliver Blatt lehnt eine politische Zielzahl ab. „Ich bin fest davon überzeugt, dass eine zwanghafte Reduzierung auf eine bestimmte Zahl von Krankenkassen nichts dazu beiträgt, das Gesundheitssystem effizienter aufzustellen.“
Die Zahl der Kassen sei zudem bereits stark gesunken, erklärt der Verbandschef. Vor rund 30 Jahren habe es mehr als 1000 gegeben, zu Beginn des kommenden Jahres seien es voraussichtlich weniger als 90. Wirtschaftlich sinnvolle Fusionen befürwortet Blatt. „Aber warum sollten es politisch genau 20 Kassen sein – und nicht 50 oder zehn? Das sollte der Wettbewerb regeln."
AI outlook — possibilities, not facts
Die Finanzkommission Gesundheit legt Ende Dezember 2026 ihre Reformvorschläge vor.
Very likely · Within weeks
Es wird keinen konkreten Gesetzentwurf zur Reduzierung der Krankenkassenzahl geben, bevor die Finanzkommission berichtet.
Likely · Within weeks

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