KI-gestützte Anträge und Widersprüche nehmen bundesweit zu
Jobcenter, Schlichtungsstellen und Sozialgerichte verzeichnen einen deutlichen Anstieg an KI-generierten Schriftsätzen und Verfahren.
Quick Look
- In Deutschland steigt die Zahl der Widersprüche und Schlichtungsanträge bei Jobcentern, Versicherungsombudsmännern und Sozialgerichten.
- Experten führen dies auf den zunehmenden Einsatz von KI-Anwendungen zurück, die bei der Formulierung von Schriftsätzen unterstützen.
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Why It Matters
Die zunehmende Nutzung von KI-Tools ermöglicht es Bürgern, ohne anwaltliche Hilfe komplexe Schriftsätze zu erstellen. Dies führt zu einer höheren Arbeitsbelastung bei Schlichtungsstellen und Gerichten.
Auch die Jobcenter in Schleswig-Holstein verzeichnen eine zunehmende Zahl von Widersprüchen. Die „Kieler Nachrichten“ berichteten unter Berufung auf die Regionaldirektion Nord der Bundesagentur für Arbeit, es sei wahrscheinlich, dass ein nicht unerheblicher Teil dieser Widersprüche mithilfe von KI erzeugt worden sei.
Ähnliche Beobachtungen werden inzwischen auch aus anderen Bereichen gemeldet. Das Bundesamt für Justiz hält in seinem Verbraucherschlichtungsbericht 2026 fest, dass die Zahl der Schlichtungsanträge insbesondere im Jahr 2025 erneut deutlich gestiegen sei. Einige Verbraucherschlichtungsstellen führten diese Entwicklung auch darauf zurück, dass Verbraucher bei der Suche nach Lösungen für Streitigkeiten mit Unternehmen vermehrt KI-gestützte Anwendungen nutzten.
Nach Einschätzung der Stellen weisen solche Anwendungen Verbraucher offenbar auf die Möglichkeit eines Schlichtungsverfahrens hin und unterstützen sie anschließend dabei, den Antrag zu formulieren. KI könnte damit nicht nur den Umfang einzelner Schreiben erhöhen, sondern auch die Schwelle senken, überhaupt ein Verfahren einzuleiten.
Beim Versicherungsombudsmann gingen in den ersten fünf Monaten dieses Jahres rund 50 Prozent mehr Beschwerden ein als im entsprechenden Vorjahreszeitraum. Geschäftsführer Constantin Graf von Rex berichtete, die Juristen der Schlichtungsstelle sähen zunehmend Anträge, die sehr ähnlich oder teilweise sogar gleich aufgebaut seien.
Auffällig sei zudem, dass sich die Art des Schriftverkehrs im Verlauf eines Verfahrens mitunter plötzlich ändere. Auf zunächst kurze und knapp formulierte Schreiben folgten umfangreiche Ausführungen mit detaillierten Verweisen auf die Rechtsprechung. Ein abrupter Wechsel von Stil, Umfang und juristischer Argumentation könne auf den Einsatz von KI hindeuten.
Auch die Schlichtungsstelle Reise und Verkehr registrierte im ersten Halbjahr einen Antragsrekord. Nach Angaben ihrer Geschäftsführerin Sabine Cofalla berichteten die Juristen der Stelle ebenfalls von mehr umfangreichen Schreiben, in denen ausführlich auf Paragrafen und gesetzliche Regelungen verwiesen werde.
Besonders deutlich äußerte sich der Präsident des Landessozialgerichts Nordrhein-Westfalen, Jens Blüggel. Die Zahl der Eilverfahren an den acht nordrhein-westfälischen Sozialgerichten stieg 2025 nach Angaben des Gerichts um mehr als 55 Prozent auf 7615. Betroffen waren demnach vor allem Verfahren zum Bürgergeld und zur Arbeitslosenversicherung.
Blüggel führte den Anstieg teilweise auf die konjunkturelle Entwicklung zurück. Eine weitere Ursache sei aber auch, dass Kläger und Antragsteller ohne anwaltliche Vertretung ihre Schriftsätze mithilfe von KI erstellten. Diese Schreiben seien häufig sehr lang und enthielten eine Vielzahl nicht zielführender Anträge. Teilweise werde darin auch auf Gerichtsentscheidungen verwiesen, die gar nicht existierten.
Nach Blüggels Einschätzung handelt es sich nicht allein um ein nordrhein-westfälisches Phänomen, sondern um einen bundesweiten Trend. Ein Grund für die Entwicklung könne zudem die seit Jahren sinkende Zahl von Anwälten sein, die sich auf das vergleichsweise gering vergütete Sozialrecht spezialisierten. Bürger versuchten deshalb zunehmend, sich mithilfe von KI selbst zu helfen.
Open Questions
- Wie reagieren Gesetzgeber auf die Zunahme fehlerhafter KI-Schriftsätze?
- Welche Maßnahmen ergreifen Gerichte zur Filterung von KI-generierten Inhalten?




