
Künstliche Intelligenz: Warnungen vor den eigenen Produkten als perfektes Verkaufsargument und Verdrängungswettbewerb.
AI-generated summary
KI-Unternehmen wie OpenAI und Anthropic stehen im harten Wettbewerb um Marktanteile und kommende Börsengänge.
Die Entwickler Künstlicher Intelligenz warnen vor dem eigenen Produkt. Was paradox klingt, dürfte sich auszahlen. Welches Risiko real ist, spielt dabei gar keine Rolle.
In wenigen Wochen steht bei den Zwischenwahlen in den USA Donald Trumps Politik zur Abstimmung. Im Anschluss wird ein Börsengang der Superlative des KI-Riesen Anthropic erwartet. Rivale OpenAI dagegen hat seinen Börsengang gerade verschoben, begründet mit der scharfen Debatte um die Sicherheitsrisiken Künstlicher Intelligenz (KI). Doch sind die Fähigkeiten bis hin zur Auslöschung der gesamten Menscheit nicht das perfekte Verkaufsargument an Investoren?
Derzeit entscheidet sich, welcher Anbieter von KI-Modellen das Rennen machen wird. Markenexperten sehen in den Sicherheitswarnungen einen Verdrängungswettbewerb. Wie groß die Risiken der Technologie tatsächlich sind, ist offen. Eines hingegen scheint sicher: Während zu Beginn einer Entwicklung neuer Produkte hunderte Unternehmen dazu gegründet werden, bleiben am Ende nur ein, zwei übrig.
"Wir erleben gerade etwas, das wir von der Suchmaschine kennen: Google hat seinerzeit die anderen Anbieter verdrängt, bis googeln zum Verb wurde", sagt Markenexperte Oliver Errichiello ntv.de. "In einem vergleichbaren Kampf um die Gewohnheit befinden sich nun die KI-Unternehmen, und gewinnen wird vermutlich, wer uns als erster alternativlos erscheint", prognostiziert der Berater und Professor für Markensoziologe an der Hochschule Mittweida.
Mit den Warnungen vor sich selbst schaden sich die Techriesen nicht, sondern machen markentechnisch alles richtig, wie Markenexperte und Berater Jon Christoph Berndt im Gespräch mit ntv.de erläutert. Zwar hatte der KI-Experte Jacob Coxon, der die aktuelle Sicherheitsdebatte ausgelöst hat, betont, "das ist kein Marketing-Gag". Doch ob beabsichtigt oder nicht, handelt es sich um die ideale Werbung. Die "eigentliche Botschaft lautet, dass dieses Produkt mächtig genug ist, die Welt zu verändern", sagt Errichiello.
So werde diese "zur raffiniertesten Form des Leistungsversprechens". Trotz ihres ambivalenten Images - "unheimlich und unverzichtbar zugleich" - liege der Wert dieser Marken darin, "daß uns zu ihnen kaum noch eine Alternative einfällt".
Märchen im "perversen" Kampf um Aufmerksamkeit?
Berndt zufolge liegt im Unheimlichen gerade der Reiz der KI-Modelle. Horrorszenarien regten die Menschen an: "Wir waren schon immer auf Kante unterwegs, wollen uns am Stammtisch fürchten und dann insgeheim diebisch darüber freuen, dass es uns so gut geht - aber für die anderen soll es ruhig ganz schön gefährlich werden." Aufmerksamkeit sei ohnehin nur mit negativen Nachrichten zu erreichen.
Ob die Prognosen, dass KI beispielsweise eine Milliarde Menschen auslöschen könnte, seriös sind, spielt nach Einschätzung des Markenexperten gar keine Rolle. Denn im rasanten Tempo der heutigen Gesellschaft interessiere das die Menschen später gar nicht mehr. "Dann wird eine andere digitale Sau durchs Dorf getrieben."
Die Bevölkerung wie auch Investoren bräuchten eine neue Fantasie, "neuen heißen Scheiß", sagt Berndt. Für Kleinanleger ist in seinen Augen durchaus Vorsicht geboten. Deuten doch verdächtige Börsenwetten auf Insiderhandel unter US-Präsident Trump hin - theoretisch auch vor einem Börsengang der KI-Riesen denkbar. Für private Aktienkäufer bliebe dann nach Insidern und insitutionellen Anlegern womöglich nur noch, "was unsere Omas vor 30 Jahren bekamen, als sie dachten, sie bräuchten auch Telekom-Aktien". Diese verloren nach ihrem Rekordhoch 90 Prozent ihres Werts.
Im "pervers gewordenen Kampf um die Aufmerksamkeit" erhalte ebenjene nur noch, wer als Marke stark sei und seine Botschaft so überhöhe wie einst die Brüder Grimm, also Märchenerzähler. Hinter den Sicherheitswarnungen samt dem Ruf nach Regulierung und einem Bremsen des Entwicklungstempos könnte andererseits auch die Strategie stecken, Konkurrenz etwa aus China auszuschalten, wie Kritiker warnen. In Berndts Augen ist allerdings entscheidender, wer hier am Ende regulieren würde.
Trump lehnt eine Aufsicht bisher ab und will diese den Entwicklern selbst überlassen. Falls er seine Meinung eines Tages ändert, erwartet Berndt Regulierungsbehörden, die nicht nur Trumps, sondern auch die Interessen von Elon Musk oder dem umstrittenen Investor und Tech-Milliardär Peter Thiel verfolgen.
"Dass die Warnungen die Entwicklung bremsen, sollte man nicht erwarten", sagt Errichiello. "Aus der Atomforschung wissen wir, dass gemacht wird, was möglich ist." Den KI-Unternehmen sei "etwas wahrhaft Revolutionäres" gelungen: innerhalb weniger Jahre groß zu werden, während selbst digitale Marken wie Amazon oder Airbnb noch rund zehn Jahre dafür brauchten. "Worum es jetzt geht, ist die politische und gesellschaftliche Deutungshoheit, also die Frage, wer die Grenzen des Machbaren absteckt und wer darüber spricht."
AI outlook — possibilities, not facts
Börsengang des KI-Riesen Anthropic nach den Zwischenwahlen in den USA
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