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BackKlima: Rekord-Störung des Polarwirbels: Droht Deutschland jetzt ein Eiswinter?
Klima: Rekord-Störung des Polarwirbels: Droht Deutschland jetzt ein Eiswinter?
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Handelsblatt7 minutes agoEnvironment4 min readGermanyView translation

Klima: Rekord-Störung des Polarwirbels: Droht Deutschland jetzt ein Eiswinter?

Experten erklären, was die Stratosphärenerwärmung für den Winter in Europa bedeuten könnte und welche Rolle El Niño spielt.

Quick Look

  • Der Polarwirbel über dem Nordpol könnte Anfang November 2026 so früh gestört werden wie seit Messbeginn nicht mehr.
  • Experten sehen ein Zeitfenster für Kaltlufteinbrüche in Europa von Ende November bis Dezember, eine Garantie für Winterkälte gibt es nicht.
  • Auch der Einfluss des Klimawandels und des starken El Niño ist wissenschaftlich noch nicht geklärt.

AI-generated summary

Why It Matters

Der Polarwirbel ist ein riesiges Tiefdruckgebiet in der Stratosphäre rund 30 Kilometer über dem Nordpol, das im Herbst und Winter entsteht und kalte Luft über der Arktis festhält. Störungen können sich mit zehn bis 20 Tagen Verzögerung auf das Wetter in der Troposphäre auswirken. Ein „Sudden Stratospheric Warming“ (SSW) kann zu Kaltlufteinbrüchen in Europa, Nordamerika oder Russland führen. Die bislang frühesten Major Warmings gab es am 28. November 1968 und im November 2025.

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Der Polarwirbel über dem Nordpol gerät so früh unter Druck wie nie. Experten ordnen ein, was das für unseren Winter heißt, wie El Niño mitmischt und ob der Klimawandel eine Rolle spielt.

Eisberge im Polarmeer: Stratosphärenerwärmung in der Nordpolarregion kommt drei Wochen vor dem bisher frühesten gemessenen Zeitpunkt. Foto: IMAGO/Cavan Images

Berlin. Über dem Nordpol kündigt sich ein Rekord an: Der Polarwirbel könnte schon Anfang November gestört werden, so früh wie nie seit Messbeginn. Das riesige System aus kalter, rotierender Luft hat großen Einfluss auf das Wetter in Europa.

Prognosen deuten nun darauf hin, dass die Winde in der Stratosphäre abflauen und sich möglicherweise sogar umkehren. Warmluft hoch über Sibirien drängt den Wirbel dann aus seiner üblichen Position über dem Nordpol nach Südwesten, in eine Lage zwischen Nordamerika und Nordeuropa. Experten sprechen von einer raschen und deutlichen Störung und Verlangsamung des stratosphärischen Polarwirbels.

Aktuell ist der Wirbel nahezu in zwei Teile aufgeteilt, die aber noch zusammenhängen. Der Meteorologe Kai Zorn beschrieb es treffend: „Der Polarwirbel macht komische Sachen“, sagte er in seiner YouTube-Prognose. Die Stratosphärenerwärmung in der Nordpolarregion komme volle drei Wochen vor dem bisher frühesten gemessenen Zeitpunkt.

Wann der Polarwirbel unser Wetter erreicht

Der Polarwirbel ist ein riesiges Tiefdruckgebiet in der Stratosphäre, rund 30 Kilometer über dem Nordpol. Er bildet sich im Herbst und Winter und hält, solange er intakt ist, extrem kalte Luft über der Arktis fest. Für das Wetter in Deutschland hat er zunächst keine direkten Folgen.

Doch Veränderungen der Strömung können sich mit einiger Verzögerung in die darunterliegende Troposphäre übertragen, die unterste Schicht der Atmosphäre, in der sich unser Wetter abspielt. Meteorologen rechnen dabei meist mit zehn bis 20 Tagen. Wird der Wirbel stark geschwächt, kann das Kaltlufteinbrüche in Europa, Nordamerika oder Russland begünstigen.

Major Warming

Bei einer Störung des Polarwirbels kann sich die Stratosphäre innerhalb kurzer Zeit stark erwärmen. Fachleute sprechen von einem „Sudden Stratospheric Warming“ (SSW). Kehren sich dabei die Westwinde in rund 30 Kilometern Höhe vollständig um und werden zu Ostwinden, heißt das „Major Warming“. Mehrere Wettermodelle sehen eine solche Umkehr für Anfang November 2026. Sie wäre außergewöhnlich früh. Ob sie eintritt, ist aber offen. Die bislang frühesten Major Warmings seit Beginn der systematischen Beobachtung Ende der 1950er-Jahre gab es am 28. November 1968 und im November 2025. Dabei kann sich der Wirbel auch in zwei Zentren spalten. Ob ein solcher Split mehr Kaltluft in die mittleren Breiten bringt als eine bloße Verlagerung, ist wissenschaftlich nicht geklärt. Die Folgen schwanken von Fall zu Fall stark.

„Alle Augen richten sich nun auf eine deutlich stärkere Störung des Polarwirbels, die voraussichtlich von Ende November bis Dezember einen erheblichen Einfluss auf das Wetter auf der Nordhalbkugel haben wird“, schreibt der Klimaforscher Judah Cohen vom US-Forschungsunternehmen AER auf seinem Polarwirbel-Blog.

Für die kommenden zehn Tage zeichnet sich in Deutschland noch kein Wintereinbruch ab. Von Ende November bis in den Dezember hinein sehen Meteorologen dagegen ein Zeitfenster für Wintereinbrüche, die auf die Polarwirbel-Störung zurückgehen könnten.

Kaltlufteinbruch möglich, aber keine Garantie

Ob die Folgen so deutlich ausfallen, wie Cohen es erwartet, ist nicht ausgemacht. Statistisch spricht allerdings einiges für Kälte: Forschenden zufolge dreht nach rund zwei Dritteln der großen Stratosphärenerwärmungen die Nordatlantische Oszillation ins Negative. Dieses Druckmuster über dem Atlantik schwächt die milden Westwinde und macht Kaltlufteinbrüche und winterliches Wetter in Europa deutlich wahrscheinlicher.

Eine Garantie für Winterkälte ist das allerdings nicht: Ob tatsächlich kalte Luft nach Deutschland strömt, hängt von der Lage der Hochs und Tiefs über Atlantik und Europa in den Wochen nach dem Polarwirbel-Ereignis ab. Und die wird durch viele unterschiedliche Faktoren bestimmt. Das Wetter ist ein chaotisches System: Konkrete Wetterlagen lassen sich nur wenige Tage bis Wochen im Voraus berechnen, die Stratosphäre gibt allenfalls Tendenzen vor.

Störungen des Polarwirbels kommen immer wieder vor. Meist erholt sich das Tiefdruckgebiet im Verlauf des Winters wieder, bevor es sich im Frühjahr wie jedes Jahr ganz auflöst. Es ist bereits das zweite Jahr in Folge, in dem der Wirbel sehr früh gestört wird. Ende November 2025 war er ebenfalls betroffen.

Schwächt der Klimawandel den Polarwirbel?

Manche Meteorologen sprechen bereits von einer Häufung von Störungen in den vergangenen Jahren und halten daher auch einen Einfluss des Klimawandels für möglich. Ob die Erderwärmung den Polarwirbel allerdings schwächt, ist wissenschaftlich gesehen noch offen. „Ein so frühes Ereignis ist Neuland“, heißt es auf der meteorologischen Prognoseplattform Severe Weather Europe.

Beobachtungsstudien finden häufigere Schwächephasen in den vergangenen Jahrzehnten, die meisten Klimamodelle dagegen gehen eher von einem schwachen oder auch gar keinem Zusammenhang aus. Ein Einfluss des aktuell sehr starken El Niño im Südpazifik auf die Schwächephase des Polartiefs gilt dagegen als denkbar.

Da es in den Aufzeichnungen kein vergleichbares Ereignis des Zusammenkommens der beiden Wetterereignisse gibt, haben die Wetterexperten von Severe Weather in Klimamodellen nach Wintern gesucht, in denen ein solcher früher Zusammenbruch des Polarwirbels während eines starken El Niño auftrat.

„Die untersuchten Winter deuten auf deutliche Kälte und Schneefälle in Teilen der USA, Kanadas und Europas im Dezember und Januar hin.“ Allerdings wirkt dagegen der aktuelle Super-El-Niño, der ein völlig anderes Muster durchsetzen will: „Beide Effekte überlagern sich: Die Kälte aus dem Polarwirbel könnte dadurch abgeschwächt oder sogar unsichtbar werden.“

Die renommierte Schweizer Atmosphärenwissenschaftlerin Daniela Domeisen von der Universität Lausanne (UNIL) bestätigte dem Tagesspiegel, dass sich eine Stratosphärenerwärmung abzeichne, wenn auch noch nicht mit letzter Sicherheit. Nach ihrer Einschätzung dürfte sie aber eher schwach ausfallen. Ähnlich war es im Vorjahr: Die ebenfalls sehr frühe Erwärmung Ende November 2025 blieb schwach, entsprechend begrenzt waren die Folgen für das Winterwetter am Boden.

Die Stratosphäre hält immer wieder Überraschungen für uns bereit. Daniela DomeisenAtmosphärenwissenschaftlerin von der Universität Lausanne

„Auf jeden Fall wäre ein solches Ereignis aber ein Rekord, wenn es so früh im Winter passiert“, sagt auch Domeisen. Da solche Fälle im November bisher kaum vorkamen, lasse sich daraus aber nur schwer ein Mechanismus ableiten, erst recht kein Trend.

Den Zusammenhang mit dem aktuell extremen El Niño im tropischen Pazifik hält auch Domeisen für plausibel, auch wenn die genaueren Zusammenhänge erst noch erforscht werden müssten.

Folgt eine stärkere Polarwirbel-Störung?

Die aktuelle Störung des Polarwirbels könnte ein Vorzeichen für weitere Entwicklungen in diesem Winter sein: Es sei durchaus möglich, dass nach einem schwachen Frühwinter-Ereignis ein stärkeres mitten im Winter folge. „Die Stratosphäre hält immer wieder Überraschungen für uns bereit“, sagte Domeisen.

Die Experten von Severe Weather Europe halten eine solche Entwicklung ebenfalls für möglich. Dort heißt es, dass Langzeitdaten sogar auf eine noch stärkere Störung in der Mitte des Winters 2026/27 hindeuten.

Verwandte Themen

DeutschlandEuropaKlimawandel

Ein gestörter Polarwirbel kann auch bis über den Winter hinaus Folgen haben. Störungen im Februar können starke und lange Kaltlufteinbrüche bis ins Frühjahr bringen. 2013 erlebte Deutschland einen solchen Märzwinter, es war einer der kältesten seit Langem. Auch 2018 war das Frühjahr lange eisig: In beiden Fällen war eine starke Störung des Polarwirbels vorausgegangen.

Dieser Text ist zuerst im Tagesspiegel erschienen.

What to Watch

AI outlook — possibilities, not facts

  • Von Ende November bis Dezember 2026 könnten Kaltlufteinbrüche in Europa auftreten, die auf die Polarwirbel-Störung zurückgehen.

    Possible · Within weeks

  • Es könnte im weiteren Verlauf des Winters 2026/27 zu einer stärkeren Polarwirbel-Störung kommen.

    Possible · Within months

Open Questions

  • Ob die vorhergesagte Umkehr der Westwinde zu Ostwinden (Major Warming) Anfang November 2026 tatsächlich eintritt
  • Ob die Polarwirbel-Störung zu spürbaren Kaltlufteinbrüchen in Deutschland führt
  • Ob der Klimawandel den Polarwirbel schwächt und zu häufigeren Störungen beiträgt
  • Wie stark der aktuelle El Niño die Auswirkungen der Polarwirbel-Störung überlagert oder abschwächt

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This article was originally published by Handelsblatt.

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