Kota: Indiens Coaching-Hochburg zwischen Ehrgeiz und psychischer Belastung
Quick Look
In Kota, Indien, bereiten sich Zehntausende Schüler auf die Aufnahmeprüfungen für Eliteuniversitäten vor, wobei der intensive Lernstress zu psychischen Problemen und Suiziden führt; Eltern investieren oft ihr gesamtes Einkommen in die Ausbildung ihrer Kinder, während Institute wie Saral Gurukul und Career Point vom Boom profitieren, obwohl die Belastung für Schüler und Familien zunimmt.
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Why It Matters
Kota ist bekannt als Zentrum für Vorbereitungskurse auf die indischen Aufnahmeprüfungen für Medizin und Technik, wobei Schüler aus ganz Indien dorthin kommen, um sich auf JEE und NEET vorzubereiten.
Die Pausenklingel ertönt, aber der Lehrer redet noch etwas weiter. Mehr als 70 Schüler in schwarzen Polohemden sitzen in den Stuhlreihen. Eifrig haben sie die komplexen chemischen Formeln von der digitalen Tafel in ihre Notizblöcke notiert. Zum Schluss nimmt der Lehrer das Buch einer Schülerin in die Hand. „Ich gebe noch ein paar zusätzliche Hausaufgaben“, sagt er, und nennt etwa ein Dutzend Nummern. Dann stutzt er, weil einige Aufgaben markiert sind. „Hast du die schon gemacht?“, fragt er. Die Schülerin nickt. „Ach, das sagtest du ja“, antwortet der Lehrer.
Die Schüler verlassen den Klassenraum. Unter ihnen ist auch die 18 Jahre alte Alisha Amber, die dem Lehrer ihr Buch geliehen hatte. Sie berichtet der F.A.Z. in der Pause, dass sie vor fünf Monaten zum sogenannten Coaching nach Kota gekommen sei. Sie brauchte eine Zeit, um sich an die neue Umgebung zu gewöhnen – immerhin liegen zwischen ihrer Heimatstadt Ranchi im Bundesstaat Jharkhand und Kota rund 1300 Kilometer. „Ich dachte, endlich bin ich unabhängig“, sagt Amber, „doch dann bekam ich Panikattacken.“ Sie merkte, wie sie ihre Eltern, ihren Bruder und die gemeinsamen „wundervollen Filmabende“ vermisste.
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Nun dreht sich alles nur um das Lernen. Dabei findet Amber es gut, dass sie sich hier in Kota voll darauf konzentrieren kann. In der nordindischen Stadt bereiten sich jedes Jahr Zigtausende Schüler auf die nationalen Aufnahmeprüfungen für die besten medizinischen und technischen Hochschulen des Landes vor. Ein Abschluss einer der Eliteuniversitäten gilt als Eintrittskarte in eine lukrative und sichere Laufbahn. Ein Ausbildungsjahr hier in Kota im Bundesstaat Rajasthan kostet die Eltern alles in allem umgerechnet etwa 3000 bis 5000 Euro – für viele ein durchschnittliches Jahresgehalt. Viele Eltern verkaufen ihr Land und ihre Häuser oder verschulden sich.
Fast alle in Kota sind „ehrgeizige“ Schüler
Wie die meisten anderen hier verbringt Amber jeden Tag sechs Stunden im Klassenraum. Dazu kommen täglich sechs bis sieben weitere Stunden mit Hausaufgaben und Selbststudium. „Ich würde noch mehr machen, aber ich bin zu erschöpft, zu müde“, sagt sie. Ihre Mutter und ihren Vater wolle sie nicht mit ihren Problemen „belasten“. Druck bekomme sie von ihnen aber nicht. „Wenn es nicht klappt, ist das auch nicht das Ende der Welt“, hätten die Eltern gesagt. Doch das schlechte Gewissen ist immer da – bei Amber wie bei vielen anderen in Kota.
Alisha Amber besucht das Coachinginstitut Saral Gurukul, weil sie sich hier die beste Vorbereitung für die sogenannten JEE-Tests für angehende Ingenieure erhofft. Bei der Prüfung werden Kenntnisse in Physik, Chemie und Mathe abgefragt. Nur ein Bruchteil der Teilnehmer besteht. Im Fall der technischen Hochschulen erreichen von 1,2 bis 1,4 Millionen Bewerbern nur 250.000 die zweite Stufe des Verfahrens. Bereits Monate vor dem Aufnahmetest mache sich die Anspannung breit, sagt Chemielehrer Abhinandan Bhandari in der Pause. Amber ist ihm zufolge eine „ehrgeizige“ Schülerin. Allerdings gelte das für so gut wie alle hier in Kota.
Formal sind die meisten noch an einer regulären Schule eingeschrieben. Sie nehmen aber nicht am Unterricht teil, sondern nur an den Prüfungen – parallel zu ihren Vorbereitungskursen für die Aufnahmeprüfung an den Universitäten. Das Geschäftsmodell der „Kota Factory“ (so der Titel einer Netflix-Serie über den Lerndruck in der Stadt) beruht darauf, den Schülern die Hoffnung zu machen, dass sie einen der begehrten Studienplätze ergattern können. „Einen Traum verkaufen – das ist die Philosophie des Coachings“, sagt Pramod Maheshwari, Gründer des Nachhilfeinstituts Career Point, das direkt neben der Saral Gurukul liegt.
Der Boom der Coachingstadt begann am Esstisch eines Ingenieurs
Maheshwari gehört zu den Pionieren der Branche. Der Wandel des ehemaligen Industriestandorts zur indischen Coachinghauptstadt begann mit dem Ingenieur Vinod Kumar Bansal, der Anfang der Achtzigerjahre erstmals Schüler an seinem Esstisch auf die Aufnahmeprüfung vorbereitete. Maheshwari unterrichtete damals einige der Schüler, die bei Bansal Mathe lernten, in Physik. Dann gründete er sein eigenes Institut. Heute soll es rund 150 Coachinginstitute in Kota geben, darunter sind Allen, Resonance, Vibrant und Motion die bekanntesten. Dazu kamen zahlreiche Wohnheime, Lernzentren und Kantinen, die sich speziell an die Schüler richten.
Wenn die Schüler nicht im Klassenraum sitzen, verbringen sie ihre Zeit in den sogenannten Bibliotheken. Das sind kleinere und größere Lernräume, in denen die Schüler gemeinsam konzentriert lernen können. In Kota kann man in viele dieser Räume hineinschauen, in denen die Schüler in Tischreihen nebeneinandersitzen. Einer liegt in einem hell erleuchteten Kellerraum in einem der privaten Wohnheime. Vor der Eingangstür stehen Schuhe. Mit Trennwänden voneinander abgeschottet, sitzen die Schüler an den Tischen. Das einzige Geräusch, das die konzentrierte Stille unterbricht, ist das Surren der Klimaanlage.
Die jungen Inder pauken Formeln, lösen Aufgaben und wiederholen Rechenschritte. An einem der Tische sitzt der 18 Jahre alte Rishabh Sharma. Vor der Tür des Lernzentrums berichtet er, dass er schon vor eineinhalb Jahren aus Gwalior in Madhya Pradesh nach Kota gekommen sei. „Hier in der Bibliothek sind alle Schüler konzentriert bei der Sache, es herrschen Disziplin und Engagement. So motivieren wir uns gegenseitig, und wenn wir etwas nicht verstehen, können wir es einander erklären“, sagt er. Für ihn sei besonders Mathe ein Problem, da es dabei nicht nur auf das Auswendiglernen, sondern auch das Verständnis ankomme. Biologie falle ihm leichter.
Krafttraining und Joggen um fünf, Lernen ab halb sieben
Sharma bereitet sich auf die Aufnahmeprüfung für das Medizinstudium vor, die in Indien unter dem Kürzel NEET bekannt ist. Der junge Inder steht jeden Tag um fünf Uhr morgens auf, um zunächst Krafttraining zu machen und zu joggen. Von 6.30 Uhr, morgens, an verbringt er den Vormittag in der Bibliothek. Den Nachmittag über sitzt er dann im Unterricht. An den meisten Instituten werden zwei Unterrichtsschichten am Tag angeboten, eine am Morgen und eine am Nachmittag. Monatlich schreiben die Schüler Tests, mit denen sie ihren Leistungsstand prüfen. Für Sharma stehen im Februar die Schulprüfungen an, und dann im Mai der NEET-Test.
Die Aufnahmeprüfung für das Medizinstudium, bei der rund 140.000 Plätze vergeben werden, ist in Indien derzeit besonders berüchtigt. In diesem Sommer mussten bis zu 2,3 Millionen Bewerber den Test wiederholen, nachdem einige Aufgaben an die Öffentlichkeit gelangt waren. Nachdem sich mehr als 20 junge Leute darauf das Leben genommen hatten, stellte auch die jüngste Gen-Z-Protestbewegung Indiens zunehmend das als korrupt empfundene Prüfungssystem in das Zentrum ihrer Kampagne – und erzwang sogar den Rücktritt des Bildungsministers.
Der Schüler Sharma, der im Kellerraum des Wohnheims lernt, lebt nur ein paar Stockwerke höher mit seiner Mutter in einer kleinen Einzimmerwohnung. Weil nicht alle Eltern ihre Kinder allein lassen wollen, bietet die Veewandeep Residency in ihrem Haus Unterkünfte mit Kleinwohnungen an, in denen Platz für einen Elternteil ist. „Wir hatten das Gefühl, dass sich nicht nur das Kind auf die Prüfung vorbereitet, sondern auch die ganze Familie“, sagt Shubham Malpani, dessen Familie die Herberge gehört, in seinem Büro im Erdgeschoss des Gebäudes.
Eine Stunde je Tag für Videospiele
Insgesamt gibt es in dem Wohnheim 70 kleine Wohnungen, in denen derzeit 55 Mütter mit ihren Kindern leben. „Einige der Schüler stehen ja gerade erst am Anfang ihrer Teenagerzeit“, sagt Malpani. Der Hauptgrund, warum einige Mütter ihre Kinder nach Kota begleiteten, sei die Sorge vor psychischen Problemen. Der zweite Faktor sei, dass die Eltern befürchteten, dass sich die Schüler ohne ihre Aufsicht ablenken ließen. Und der dritte Punkt sei „zweifellos“ das Essen, sagt Malpani. Die Schüler kämen aus dem ganzen Land und brächten unterschiedliche Ernährungsgewohnheiten mit.
Von dem Büro geht es mit dem Fahrstuhl in eine Wohnung in einem Obergeschoss des Gebäudes. Dort kocht eine Frau auf einem mobilen Gasherd in der kleinen Kochnische ihrer Wohnung ein Currygericht. Madhu Choudhary bereitet das Essen für ihre beiden Söhne vor, während diese noch im Unterricht sitzen. Die beiden bereiteten sich ebenfalls auf die JEE-Prüfungen vor, erklärt die Inderin. „Meine Söhne spielen gern Videospiele und sind nicht immer bei der Sache.“ Deshalb sei es besser, wenn sie ein Auge auf sie habe. „Sie wissen ja, wie Teenager sind.“
Unter anderem hat Choudhary einen Wochenplan aufgestellt, in dem sie ihren Söhnen je Tag immerhin eine Stunde für ihre Videospiele zugesteht. Da ihr Jüngerer erst in der neunten Klasse ist, rechnet sie damit, dass sie bis zu vier Jahre in Kota bleiben wird. Sie selbst hat einst in Neu Delhi als Softwareentwicklerin für Siemens gearbeitet. Zuletzt habe sie mit ihrem Mann eine Privatschule im Bundesstaat Bihar geleitet. All das habe sie für ihre Söhne „geopfert“, sagt sie. Aber sie sei glücklich mit der Entscheidung. „Unsere Kinder sind unser Leben, so ist das für Eltern in Indien.“
Manche Schüler essen oder schlafen nicht
Hohe Erwartungen der Eltern an ihre Kinder seien in vielen indischen Familien tief verwurzelt, sagt die Psychiaterin Neena Vijyavargiya, die in ihrer Praxis auch viele Schüler mit psychischen Problemen behandelt. „Das bisschen, was die Mittelklasse verdient, gibt sie für ihre Kinder aus. Deshalb will sie Resultate sehen“, sagt sie. Der Anspruch der meisten Eltern sei, dass ihre Kinder auf den Ranglisten der besten Schüler landen. „Aber sie bringen ihren Kindern nicht bei, dass Scheitern normal ist.“ Wegen der geringen Zahl der Bewerber, die die Prüfungen bestehen, kommt das aber deutlich häufiger vor.
Allein im Jahr 2023 wurde in Kota eine Rekordzahl von 26 Suiziden unter Schülern gezählt. In ihrer Praxis behandelt Vijyavargiya auch Schüler mit Suizidgedanken. Manchmal bringen die Wächter der Wohnheime oder die Lehrer der Coachinginstitute sie zu ihr. Sie waren ein paar Tage lang nicht im Unterricht, haben nicht gegessen und geschlafen oder die ganze Nacht in ihrem Zimmer das Licht brennen lassen. Viele Lerninstitute haben Vertrauenspersonen ernannt, an die sich Schüler wenden können. Es wurde eine Hotline eingerichtet, an die sich die Jugendlichen mit ihren Problemen wenden können.
Die Zahl der Suizide hat den Behörden zufolge aufgrund der Maßnahmen abgenommen. Allerdings kommen heute auch weniger Schüler nach Kota. Während es vor ein paar Jahren noch 200.000 Schüler im Jahr waren, seien es nun noch etwa 60.000, sagen Branchenvertreter. Als Gründe dafür gelten ein angeschlagenes Image, vermehrter Onlineunterricht und die Expansion der Institute in andere Städte. Der Coachingpionier Maheshwari sieht Kota auch zunehmend kritisch: Die Institute wählten ihre Schüler nicht mehr aus, die Klassen würden immer größer, der Wettbewerb immer schärfer und die Lehrergehälter immer unerschwinglicher.
Er hat einen Traum – wie viele Kinder auf der Welt
Wenn am Abend die Sonne untergeht, sind die Straßen mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen in den Polohemden ihrer jeweiligen Institute bevölkert. Sie schlendern an Kopier-, Schreibwaren und Mobiltelefonläden vorbei, holen sich an Imbissständen Momos, in Indien beliebte Teigtaschen. Der 18 Jahre alte Yash Vardhan Singh hat gerade fünf Stunden in einem Lernraum seines Coachinginstituts gearbeitet. Jetzt steht er an einem Saftstand und bestellt sich einen Bananen-Shake. Bevor er das Getränk mit seinem Handy bezahlt, ruft er seinen Vater an, damit er ihm den Betrag auf einer App freigibt.
Singh ist erst vor einem Monat aus seiner Heimat Mainpuri in Uttar Pradesh nach Kota gekommen. Sein Körper habe sich erst an das tägliche Lernen über viele Stunden hinweg gewöhnen müssen. „Jetzt fühle ich mich wohl. Es hat etwa zwei, drei Wochen gedauert“, sagt er. Nachdem er den Shake entgegengenommen hat, wandert er langsam die Straße hinab. Seine Mutter sei Hausfrau, sein Vater habe einen kleinen Laden – „untere Mittelklasse“, sagt Singh. „Sie haben in mich investiert. Ich werde ihnen ein viel besseres Leben ermöglichen, als sie es derzeit haben.“
In seiner Heimat war er stets der Klassenbeste, sagt Singh weiter. Sein Ziel war eigentlich, später einmal als Softwareentwickler zu arbeiten. Mittlerweile könnte er sich aber auch eine Laufbahn im boomenden KI-Sektor vorstellen. Da er die Aufnahmeprüfung der Uni womöglich nicht bestehen wird, bewirbt er sich gleichzeitig bei der indischen Luftwaffe. Dort strebt er eine Laufbahn als Pilot an. Sein eigentlicher Traum ist aber der vieler Kinder: „Seit meiner Kindheit wollte ich Astronaut werden“, sagt er. In der aufstrebenden Raumfahrtnation Indien führt ein Weg dahin über die Luftwaffe.
Eine Liste mit denjenigen, die er immer anrufen kann
In der Straße seines Wohnheims trifft er eine Bekannte aus seiner Heimatstadt, der er ein ausgeliehenes Mathebuch zurückgibt. Dann geht er in seine eigene Herberge. Gerade als er das Gebäude betritt, fällt der Strom aus und das Licht geht aus. Mit seinem Handy leuchtet Singh den Weg durch das dunkle Treppenhaus. Als der Strom zurückkommt, zeigt er in seinem Zimmer den kleinen Schreibtisch mit Bücherregal, das Bett, den Spind, die Klimaanlage und das kleine Badezimmer. Auf dem Bett liegen Kopfhörer, mit denen er am Abend Musik und Motivationsreden hört.
Neben seinem Schreibtisch hat Singh ein paar Blätter mit Sprüchen an die Wand geklebt, die ihm in Momenten des Zweifels helfen, wie er sagt. Darunter befindet sich eine Liste der Menschen, die er anrufen kann, wenn es ihm schlecht geht. „Hier meine Verwandten, mein Papaji, meine Mutter“, liest er vom Zettel vor. Dabei spricht er ohnehin täglich mit seinen Eltern. Auch an diesem Abend tut er das noch einmal, bevor er sich an seinen Schreibtisch setzt, um ein paar Chemieaufgaben zu wiederholen. Erst als in Kota etwas später langsam Ruhe einkehrt, geht auch er ins Bett. Um 6.30 Uhr morgens beginnt für ihn wieder der Unterricht.
What to Watch
AI outlook — possibilities, not facts
Die Zahl der Schüler in Kota wird weiter sinken, wenn Online-Alternativen attraktiver werden und das Image der Stadt weiter leidet.
Likely · Within months
Es wird weiter Druck auf die Behörden ausgeübt werden, das Prüfungssystem zu reformieren, nachdem Suizide und Proteste auf Missstände aufmerksam gemacht haben.
Possible · Within months
Open Questions
- Wie effektiv sind die psychologischen Unterstützungsangebote in Kota tatsächlich?
- Welche langfristigen Folgen hat der intensive Lernstress auf die ehemaligen Schüler?
- Wie wird sich die Expansion der Coachinginstitute in andere Städte auf Kota auswirken?




