
Der Autor kritisiert den Song „Dounana“ der Sängerin Siba wegen seiner vereinfachenden Dichotomie zwischen West als Täter und Globaler Süden als Opfer, weist auf historische Komplexität hin und kritisiert ähnliche ideologische Kollektivbezeichnungen wie SWANA, die Minderheiten wie Kurden, Jesiden oder Drusen ausblenden.
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Der Song „Dounana“ der in Berlin lebenden syrischstämmigen Sängerin Siba wurde vor einigen Monaten viral und wurde als Hymne gegen westlichen Kolonialismus gefeiert. Der Autor kritisiert dessen vereinfachende Dichotomie zwischen West als Täter und Globaler Süden als Opfer.
Vor ein paar Monaten ging ein Video der aus Damaskus stammenden und in Berlin lebenden Sängerin Siba viral. Es zeigte eine sehr entschlossene, sehr wütende Frau, die an in einer Reihe stehenden Menschen entlangschritt, ebenso entschlossen und ebenso wütend dreinblickend, manche mit Kufiye, und dabei rappte: „Ihr rottet unsere Wurzeln aus, zerstört unsere Häuser, kriminalisiert unsere Existenz.“ Als Hymne gegen den westlichen Kolonialismus, gegen den Imperialismus wurde dieser Song „Dounana“ – „Ohne uns“ – gefeiert. „Siba singt aus der Perspektive des Globalen Südens, der Ausgebeuteten dieser Welt“, hieß es im Bayrischen Rundfunk.
Wir, die Opfer, und ihr, die Täter
Mir war dieses Lied damals nicht ganz geheuer und ist es bis heute nicht. „Wir“ – „Ihr“, hieß es immer wieder. Zwei sich diametral gegenüberstehende kollektive Identitäten. Wir, der Globale Süden, ihr, der imperialistische Westen. Wir, die Opfer, und ihr, die Täter. Die Geschlossenheit, die da demonstriert wurde, fand ich beklemmend.
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Und vor allem fand ich sie verlogen. Ich dachte an die Geschlossenheit der Syrischen Arabischen Republik, in der Kurden ausgebürgert und zwangsumgesiedelt wurden und in der Schule für jedes kurdische Wort Prügel bekamen. An die Ummah, die Gemeinschaft der Muslime, in deren Namen Islamisten alle, die nicht dazugehörten, ausgrenzen, verfolgten, ermordeten. Ich dachte daran, dass der Genozid an den Jesiden 2014 nicht zu einer breiten Solidarisierung mit dieser seit Jahrhunderten verfolgten Religionsgemeinschaft führte, und dass sich heute kaum jemand mehr daran erinnert, außer die Jesiden selbst.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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Ich dachte auch an die über 150.000 unter Saddam Hussein ermordeten Kurden und daran, dass Saddam Hussein, zwanzig Jahre nach seinem Tod, in der arabischen Welt noch zahlreiche Verehrer hat. Ich dachte an die Saddam-Statue im Westjordanland, den Saddam-Merch in den Souvenirshops in der Altstadt von Amman, die Saddam-Konterfeis auf den Heckscheiben der Autos in Idlib und Damaskus. Und außerdem, dachte ich, als ich Siba von „zerbombten Dächern“, „niedergebrannten Bäumen“, „abgeschlachteten Kindern“ rappen hörte: Wer hat Aleppo, Hama und Homs in Schutt und Asche gebombt? Wer hat in Sednaya gefoltert und gemordet? In Mossul, in Raqqa? Und jüngst an der alawitischen Küste, im drusischen Suwaida? Der Westen war es nicht.
Wer gehört zu dieser kollektiven Identität?
Diese Dichotomie – Täter (Westen) versus Opfer (Osten) – ist zu einfach und war es eigentlich schon immer. Ich muss an eine Geschichte denken, die sich vor über hundert Jahren abgespielt hat. Damals, 1914 bis 1918, kämpften die Osmanen gegen die Briten in Basra, Bagdad, Ramadi, Samarra. Eine osmanische Truppe griff auch die jesidischen Dörfer im Shingal an und wurde dann von den Briten zurückgedrängt. Und als das Osmanische Reich endgültig zerfiel, richteten sich die Jesiden aus den Bezirken Diyarbakir und Mossul mit einer Erklärung an die Briten, sie würden gerne Bürger Großbritanniens werden. Die seit Jahrhunderten verfolgten Jesiden lehnten es ab, unter der Herrschaft von König Faisal, einem Sunniten, zu leben. Und sie lehnten es auch ab, unter türkischer Herrschaft zu leben, die Nachfolger der Osmanen, unter denen sie so sehr gelitten hatten.
Die Musikerin Siba ist natürlich nicht die Einzige, die in diesen Vereinfachungen verharrt. Solche Positionen finden sich heute zuhauf in der Kunst, in der Popkultur, in großen Teilen der Linken. Vor ein paar Wochen erschien im „New York Magazine“ ein Artikel, der eine kollektive Identität aufruft, wie sie auch Siba in ihrem Song beschwört. In diesem Artikel wird sie SWANA genannt. SWANA ist ein Akronym für „Southwest Asia und North Asia“ und wurde in den 1990er-Jahren eingeführt, als Alternative zu den eurozentrischen Begriffen „Orient“, „Naher und Mittlerer Osten“, und „MENA“ (Middle East and North Africa).
Aber SWANA ist im „New York Magazine“ keine geographische oder kulturelle Bezeichnung, sondern eine ideologisch-identitäre. Sie definiert sich vor allem in der Identifikation mit den Palästinensern und in der geteilten Feindschaft gegenüber Israel. Juden und Israelis können – wenn überhaupt – nur Teil davon sein, wenn sie den Loyalitätstest bestanden und sich als lupenreine Antizionisten erwiesen haben. Der New Yorker Bürgermeister Zohran Mamdani, Sohn einer indischen Mutter und eines ugandischen Vaters, dessen Eltern wiederum aus Indien nach Uganda eingewandert waren, gehört selbstverständlich dazu.
Von den rund 40 bis 50 Millionen Kurden, eine der größten Volksgruppen ohne eigenen Staat, deren politische, sprachliche und kulturelle Rechte in der Türkei, in Syrien, im Irak und in Iran bis heute beschnitten werden, liest man in dieser Kollektiv-Beschwörung kein Wort. Auch nicht von den verfolgten Religionsgemeinschaften wie den Jesiden, Drusen, Alawiten, Christen. Man tut gerade so, als gebe es sie nicht. Genauso wenig wie zahlreiche Diktaturen, islamistische Gruppen, korrupte Politiker, die es in SWANA ja gibt wie Sand am Meer. Natürlich, denn das würde dieses ideologisch-identitäre Kollektiv, die Opfergemeinschaft, dieses globale-Süden-Wir ja grundlegend infrage stellen.
AI outlook — possibilities, not facts
Die Debatte um SWANA und ähnliche Kollektivbezeichnungen wird in akademischen und linken Kreisen weitergehen.
Likely · Within months
Kritik an der Ausblendung von Minderheiten wie Jesiden, Kurden oder Drusen in antiimperialistischen Narrativen wird lauter werden.
Possible · Within months
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