Kritische Rohstoffe: Deutsche Industrie unterschätzt Milliardenrisiken
Eine Analyse der Boston Consulting Group warnt vor Produktionsstillständen durch Lieferengpässe bei Rohstoffen wie Wolfram und Gallium.
Quick Look
- Die deutsche Industrie unterschätzt laut einer BCG-Analyse ihre Abhängigkeit von kritischen Rohstoffen.
- Exportbeschränkungen Chinas und steigender Bedarf gefährden Produktionslinien, während staatliche Förderprogramme wie der KfW-Rohstofffonds nur schleppend anlaufen.
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Why It Matters
Die deutsche Industrie ist für Schlüsseltechnologien wie Halbleiter und Batterien auf kritische Rohstoffe angewiesen, deren Verarbeitung stark in China konzentriert ist.
Lieferausfälle eines Rohstoffs können ganze Produktionslinien lahmlegen. Eine aktuelle Studie zeigt, wie die deutsche Industrie ihre Abhängigkeiten trotzdem verharmlost.
Laut einer Analyse der Boston Consulting Group unterschätzt die deutsche Industrie Risiken durch fehlende Rohstoffe. Engpässe werden sowohl wegen Exportbeschränkungen durch China als auch wegen des steigenden Bedarfs mancher Branchen verursacht. China kontrolliert einen großen Teil der Verarbeitungskapazitäten kritischer Rohstoffe, was es umso schwieriger macht, Abhängigkeiten zu reduzieren.
Der Rohstoffhändler tk accelis sieht erhebliche Versorgungsrisiken und warnt vor den Auswirkungen auf ganze Produktionslinien. Unterstützung aus der Politik kommt nur unzureichend: Finanzierungszusagen der Förderbank KfW für Rohstoffprojekte wurden 2025 etwa nur zu einem Fünftel umgesetzt.
Düsseldorf. 500 Prozent Preissteigerung – bei einem Rohstoff, ohne den in der deutschen Industrie zahlreiche Maschinen stillstehen könnten. Seitdem China die Ausfuhr von Wolfram beschränkt, sind die Kosten für ein wichtiges Vorprodukt zeitweise drastisch gestiegen.
Der Preisschock bei Wolfram steht beispielhaft für ein Problem, das weite Teile der deutschen Industrie betrifft. Trotzdem unterschätzen Industrieunternehmen ihre Abhängigkeit von kritischen Rohstoffen. Das ergab eine neue Analyse der Unternehmensberatung Boston Consulting Group (BCG), die dem Handelsblatt exklusiv vorliegt.
Die Gefahren reichen demnach weit über steigende Einkaufspreise hinaus. Im schlimmsten Fall könnten fehlende Materialien die Produktion ganzer Industriezweige zum Stillstand bringen. Im Fokus stehen nicht nur bekannte Rohstoffe wie Lithium oder seltene Erden. Besonders große Risiken bergen nach Einschätzung der Berater Materialien, deren weltweiter Markt vergleichsweise klein ist, die aber für die Herstellung hochwertiger Industrieprodukte unverzichtbar sind.
Ein Beispiel ist Gallium. Der gesamte Weltmarkt hat laut BCG einen jährlichen Wert von weniger als 350 Millionen US-Dollar. Gleichzeitig hängen davon Endprodukte im geschätzten Wert von 3,5 Billionen Dollar ab. Gallium wird unter anderem für leistungsfähige Halbleiter, Kommunikationstechnik und Komponenten der Künstlichen Intelligenz benötigt.
Auch bei anderen Rohstoffen ist die Dimension der drohenden Engpässe erheblich. Nach Berechnungen von BCG könnte die Nachfrage nach ausgewählten kritischen Rohstoffen bis 2040 auf 120 bis 250 Prozent des prognostizierten Angebots steigen. Grund für die drohenden Engpässe ist auch das Nachfrageplus bei den kritischen Rohstoffen. Weil sie in Batterien und Halbleitern stecken, wächst der Bedarf durch Elektromobilität, Künstliche Intelligenz und Rüstungsprojekte.
Dass deutsche Unternehmen die daraus entstehenden Risiken systematisch unterschätzen, liegt laut BCG daran, dass sie Rohstoffrisiken vor allem anhand unmittelbarer Lieferanten und Einkaufskosten kalkulieren. Das reiche aber nicht aus. Denn kritische Rohstoffe stecken nicht nur in direkt eingekauften Materialien, sondern auch in Motoren, Sensoren, Halbleitern und Werkzeugen, die für deren Herstellung verwendet werden. Selbst Unternehmen, die bestimmte Rohstoffe gar nicht selbst beschaffen, können deshalb von Lieferengpässen betroffen sein.
Wie schnell daraus ein Problem werden kann, zeigt die Preissteigerung bei Wolfram. Die aktuelle Lage bei dem Industriemetall sei „besonders kritisch“, erklärt Markus Heseding vom Fachbereich Präzisionswerkzeuge des Verbands Deutscher Maschinen- und Anlagenbauer (VDMA). Die gesamte Branche der Zerspanwerkzeughersteller leide unter der Preisentwicklung – auch bei dem Wolfram-Vorprodukt Ammoniumparawolframat, kurz APT. Für die Hersteller der Werkzeuge ist das eine erhebliche Belastung. Denn Wolfram steckt in Hartmetallwerkzeugen, die in der industriellen Fertigung unverzichtbar sind. Ohne sie können Unternehmen zahlreiche Bauteile nicht bearbeiten.
Zudem beobachtet der Verband die Versorgung mit Kobalt aufmerksam. Auch synthetische Diamanten, Diamantpulver und Diamantschleifscheiben könnten zum Problem werden. China hatte Ende 2025 entsprechende Exportkontrollen erlassen, deren Anwendung bis Januar 2027 ausgesetzt wurde. Sollten die Beschränkungen dann greifen, warnt der VDMA vor ähnlich drastischen Auswirkungen auf Liefermengen und Preise wie bei Wolfram.
Die Unternehmen reagierten bereits mit Lagerhaltung, Recycling, Beteiligungen an Rohstoffprojekten und der Suche nach alternativen Lieferanten. Allerdings seien diese Möglichkeiten begrenzt, wenn Staaten durch Exportkontrollen und Subventionen in die Märkte eingriffen, so Heseding. Damit meint der Experte Chinas Industriepolitik. In den vergangenen Monaten hatte die Volksrepublik mehrmals den Export kritischer Rohstoffe in einzelne Märkte verknappt. Über die staatliche Stützung bestimmter Industriesektoren greift die Staatsführung zudem in den Wettbewerb ein.
Wie groß der Einfluss Chinas tatsächlich ist, zeigen weitere Ergebnisse der BCG-Analyse. Dafür müsse man den Blick von der Förderung auf die Verarbeitung richten. So befinden sich lediglich zwei Prozent der weltweiten Kobaltförderkapazitäten in China. Nach den Berechnungen der BCG entfallen jedoch 47 Prozent der weltweiten Verarbeitungskapazitäten des Rohstoffs auf chinesische Eigentümer. Noch deutlicher ist das Bild bei der Nickelverarbeitung. Während 31 Prozent der Raffinationskapazitäten in China liegen, stehen nach der Analyse weltweit 76 Prozent unter chinesischer Eigentumskontrolle. Für die Industrie bedeutet das: Selbst der Wechsel zu einem Rohstofflieferanten außerhalb Chinas verringert nicht zwangsläufig die Abhängigkeit von chinesischen Unternehmen.
Wie ernst die Lage ist, bestätigt der Rohstoffhändler tk accelis, die kürzlich an die Börse gebrachte ehemalige Werkstoffsparte von Thyssenkrupp. „Besonders hohe Versorgungsrisiken sehen wir bei bestimmten seltenen Erden, darunter Yttrium, Dysprosium und Terbium, sowie bei Gallium, Germanium, Antimon und Wolfram“, sagt Sebastian Kihm, Chief Operating Officer im Bereich Trading bei tk accelis. Entscheidend sei die Konzentration der Förderung, Verarbeitung und Raffination bei wenigen Anbietern. Hinzu kämen Exportkontrollen und Genehmigungsverfahren, die den Zugang zu den Materialien kurzfristig einschränken könnten. „Wenige Kilogramm eines kritischen Rohstoffs können darüber entscheiden, ob eine ganze Produktionslinie läuft“, sagt Kihm.
Besonders bei Yttrium habe Tk accelis erhebliche Preissprünge und eingeschränkte Verfügbarkeiten beobachtet. Auch bei Germanium habe es deutliche Marktverwerfungen gegeben. Die Nachfrage nach einer besseren Absicherung steigt deswegen. Nach Angaben von Tk accelis interessieren sich immer mehr Industrieunternehmen und Staaten für zusätzliche Bezugsquellen und strategische Rohstoffvorräte. Der Händler selbst setzt unter anderem auf langfristige Abnahmeverträge mit Rohstoffproduzenten. Beispiele sind Vereinbarungen mit NioCorp für Ferroniobium, Hastings für seltene Erden und EcoGraf für Grafit.
Solche Verträge sind auch für neue Förderprojekte von Bedeutung. Ohne verlässliche Abnahmevereinbarungen und Möglichkeiten zur Preisabsicherung wird es nach Angaben von Kihm für neue Minenprojekte schwieriger, Eigen- und Fremdkapital zu erhalten. Denn damit Investoren Geld bereitstellen, brauchen sie wirtschaftlich tragfähige Geschäftsmodelle und möglichst langfristig gesicherte Abnehmer. Für die Industrie entsteht daraus ein Zielkonflikt: Wer seine Versorgung unabhängig von dominierenden Anbietern absichern will, muss schon frühzeitig langfristige Verpflichtungen eingehen und höhere Kosten akzeptieren.
Genau an dieser Stelle soll auch die Politik helfen. Weltweit stellen Industrieländer Milliardenbeträge bereit, um neue Rohstoffprojekte zu finanzieren und ihre Abhängigkeit von einzelnen Lieferländern zu verringern. Allein 2025 erreichten die öffentlichen Finanzierungszusagen für kritische Rohstoffe in den Industrieländern laut BCG rund 65 Milliarden US-Dollar. Das war mehr als viermal so viel wie 2023. Doch die Umsetzung kommt vielerorts nur schleppend voran. Nach der Analyse ist ein Großteil der angekündigten Mittel bislang nicht eingesetzt worden.
In Deutschland soll der Rohstofffonds der Förderbank KfW Projekte fördern, die zur sicheren Versorgung der deutschen und europäischen Industrie mit kritischen Rohstoffen beitragen. Von dem ursprünglich mit rund einer Milliarde US-Dollar bezifferten Fondsvolumen waren jedoch nach BCG-Angaben bis Ende September lediglich rund 224 Millionen Dollar für zwei Projekte zugesagt. Das entspricht etwa einem Fünftel. Konkret handelt es sich um eine Finanzierung für das Lithiumprojekt des deutsch-australischen Energieunternehmens Vulcan in Höhe von umgerechnet 168 Millionen Dollar und eine weitere für das Seltene-Erden-Projekt des australischen Bergbauunternehmens Arafura über 56 Millionen Dollar.
Open Questions
- Wie effektiv können alternative Lieferketten kurzfristig aufgebaut werden?
- Wann werden die restlichen Mittel des KfW-Rohstofffonds abgerufen?







