Leiharbeiter: Nordkoreas Geldquelle in Russland
Trotz UN-Sanktionen arbeiten zehntausende Nordkoreaner unter strenger Überwachung in Russland, um das Regime in Pjöngjang zu finanzieren.
Quick Look
- In Russland arbeiten schätzungsweise 50.000 Nordkoreaner unter prekären Bedingungen.
- Experten und Menschenrechtsorganisationen wie GRC bezeichnen dies als staatlich organisierte Zwangsarbeit, die das nordkoreanische Nuklearprogramm mitfinanziert.
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Why It Matters
Der UN-Sicherheitsrat forderte 2017 die Rückführung aller nordkoreanischen Arbeitskräfte, um die Finanzierung des Nuklearprogramms zu stoppen. Russland nutzt nun Studentenvisa, um diese Sanktionen zu umgehen.
Im Restaurant "Pjöngjang" ist nicht viel los, jedenfalls nicht an diesem Abend. Es liegt in einem Moskauer Randbezirk, etwas versteckt, aber außen festlich beleuchtet und innen mit einer freundlichen jungen Nordkoreanerin am Empfang.
Oben, im Hauptspeisesaal, herrscht wenig Betrieb. Die Speisekarte ist fleischlastig, die Kommunikation mit der Bedienung mager und beschränkt auf die Menükarte. Wer hierher kommt, weiß für gewöhnlich, wie weit er im Gespräch gehen darf. Besser keine kritische Fragen zum Großen Führer Kim Jong-Un oder auch nur zu den Verdienstmöglichkeiten des Personals. Filmaufnahmen sind erst recht unerwünscht.
"Ich denke, die russischen Behörden wären darüber nicht glücklich und die nordkoreanischen Behörden wären sehr unglücklich", glaubt der russische Korea-Experte Andrei Lankow, der an der südkoreanischen Kunmin-Universität in Seoul lehrt. "Das Personal hat seine Anweisungen. Der Ausländer könnte ein bösartiger Reaktionär sein und von Provokation träumen. Wenn sie zu redselig sind, könnte man sie zurückschicken." Und dort weiter bestrafen.
Nur ein Bruchteil des Geldes bleibt
Schon der dadurch entstehende Verdienstausfall allein sei eine Strafe. Zwar würden sie in Russland nur einen kleinen Bruchteil ihres Lohnes behalten, aber das sei immer noch mehr als die durchschnittlich umgerechnet 140 Euro, die es in der Heimat gäbe. Dass ein Fehlverhalten nicht auffiele, könnten die jungen Frauen kaum hoffen: Jede Arbeitsgruppe in Russland hat einen "Vorgesetzen", der in der Hauptstadt Pjöngjang ausgesucht wurde.
Inzwischen ist die Kellnerin mit dem Essen und dem nordkoreanischen Bier gekommen. Vier junge Musikerinnen haben begonnen, eine nordkoreanische Version von K-Pop zu spielen. Zum Sound der E-Gitarren wechseln die Videomotive auf der großen LED-Leinwand dahinter: die Blumen der Berge, die Seen und Wälder.
Ein Idyll, so soll es wirken - und doch eines, an dem offensichtlich nicht viele Russen interessiert sind. Neben einer nordkoreanischen Familie, die Kindergeburtstag feiert, hat es nur eine kleine Geburtstagsgesellschaft junger Russen hierher geschafft. Dabei sind die inzwischen fünf Restaurants dieser Art in Moskau wohl der einzige Ort, an dem man Nordkoreanern begegnen kann.
Zahl der Leiharbeiter steigt rasch
Ihre Zahl schätzt Lankow auf inzwischen 50.000, verteilt im Land. "Die Zahlen steigen sehr schnell. Flüge in russische Städte sind voll mit Nordkoreanern. Gemessen am Arbeitskräftepotential und der politischen Situation könnte Nordkorea bis zu 150.000 Arbeiter nach Russland schicken."
Verstößt der Kreml damit gegen eine Resolution, für die Russland selbst im UN-Sicherheitsrat gestimmt hat? Der hatte 2017 festgestellt, dass Nordkorea mit den Einnahmen durch die Leiharbeiter auch in Russland sein Nuklear- und Raketenprogramm mitfinanziert. Alle Arbeitskräfte müssten bis 2019 zurückgeführt werden, forderte die UN damals.
Erlaubt blieben unter anderem Studentenvisa. Die stellt Russland nun aus. Aber studieren jetzt 50.000 Nordkoreaner in Russland? "Im vergangenen Jahr waren es rund 150. Dieses Jahr sind es vielleicht etwas mehr, die wirklich studieren", sagt Lankow.
Streng abgeschottet arbeiten und leben
Wo und wie sie arbeiten, ist selbst der russischen Gesellschaft unbekannt. Im Internet taucht schon mal ein Video mit einer fröhlichen Betriebsfeier auf, das war's. Über die Arbeitsbedingungen einer Gruppe, die kontrolliert und in firmeneigenen Unterkünften abgeschottet arbeiten muss, gibt es nur Berichte von Experten und Menschenrechtsorganisationen, darunter die in London ansässige Global Rights Compliance (GRC), die diese Woche einen neuen Bericht zum Thema vorstellte.
"Der durchschnittliche Lohn für Nordkoreaner in Russland beträgt etwa 7.000 Euro im Jahr", sagt Yeji Kim, Forscherin und Beraterin bei GRC. Das meiste davon werde von Kim Jong-Uns Regime abgezweigt. Unterkunft und Essen würden auch abgezogen.
Gerade im ersten Jahren falle noch die Rückzahlung der Schulden an, für den Flug und die Bezahlung des russischen Arbeitsvermittlers. Von den mehr als 20 durch GRC-Mittelsleute verdeckt Befragten hätten einige erklärt, ihnen blieben nur etwa zehn Euro übrig - im Monat. Damit hätten sie manchmal weniger als zu Hause. Sie träten ihre Reise freiwillig in der Hoffnung an, Erspartes nach Hause zu bringen. Was sie tatsächlich erwarte, werde ihnen nicht gesagt - sie hätten sonst die Reise gar nicht erst angetreten, so Nordkoreaner gegenüber GRC.
Verwandte als Druckmittel
Fliehen sei praktisch unmöglich, nicht nur, weil die Pässe bei den Aufseher liegen. "Nordkorea setzt dabei auch auf die Familien der betroffenen Personen, die im Land zurückbleiben", sagt Yeji Kim. Diese könnten "als Druckmittel dienen".
Eines von vielen Druckmitteln in einem System, das die UN-Untersuchungskommission zu Nordkorea als eine Form staatlich organisierter Zwangsarbeit bezeichnet hat. Es widerspricht insbesondere den Übereinkommen gegen Zwangsarbeit der ILO, der UN-Sonderorganisation für Arbeit.
Das Schicksal der Einzelnen interessiert die Nutznießer natürlich nicht: Die kriegsgebeutelte Wirtschaft Russlands und der Staat brauchen Nordkorea, weil es Arbeitskräfte und Soldaten liefern kann sowie Militärausrüstung, die mit der russischen kompatibel ist, wie zum Beispiel Artilleriegranaten.
Nordkorea wiederum brauche den Arbeiterexport, weil es chronisch klamm bei Kasse ist und, sagt Yeji Kim, das Regime durch die Zusammenarbeit mit Russland an "militärische Geheimdienstinformationen, Satellitentechnik und Mercedes-Benz-Autos für Kim Jong-Un" komme.
Die russischen Arbeitsvermittler wiederum hätten mafiöse Strukturen entwickelt und kassierten oft doppelt ab: beim nordkoreanischen Staat und den Arbeitern.
"Nordkoreaner sind ein kapitalistischer Traum"
Die Arbeiter werden meist nur in Gruppen an Firmen übergeben, oft zu 50 Personen. Die meist russischen Vermittler werben mit Slogans wie "Mindestlohn vier Euro pro Stunde", "Zwölf-Stunden Arbeitstag - sechs Tage die Woche". Er sei zynisch, nicht politisch korrekt, sagt Lankow von sich selbst, und fasst den "Nutzen" eines Nordkoreaners für die russischen Unternehmen so zusammen:
Im Restaurant "Pjöngjang" ist die Flasche "Tumangang"-Bier gerade geleert, da präsentiert die Playback-Band aus den drei jungen Nordkoreanerinnen ihr musikalisches Highlight: ein rockiges Loblied auf die heldenhafte Volksarmee, die auf der Videowand im PR-Clip von Sieg zu Sieg rollt. Siege für ein Land, in dem ein Mensch nicht viel zählt - nicht an der Front, nicht am Fließband und wohl auch nicht an der Gitarre.
Open Questions
- Wie viele Nordkoreaner halten sich aktuell mit Studentenvisa in Russland auf?
- Welche konkreten Sanktionen drohen Russland durch die UN?







