Leipzig dominiert Gladbach: Reitz trifft gegen Ex-Klub
Rocco Reitz erzielt Treffer bei Leipzigs Sieg gegen Borussia Mönchengladbach, während Trainer Demichelis sein Debüt feiert.
Quick Look
- RB Leipzig besiegt Borussia Mönchengladbach deutlich.
- Rocco Reitz trifft gegen seinen ehemaligen Verein, während Trainer Martín Demichelis einen erfolgreichen Einstand feiert.
- Gladbach zeigt Schwächen im Mittelfeld und bei der defensiven Struktur.
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Why It Matters
Rocco Reitz wechselte von Borussia Mönchengladbach zu RB Leipzig. Trainer Martín Demichelis übernahm zur neuen Saison das Traineramt bei Leipzig.
Kaum, dass der Ball im Tor lag, hatte Reitz schon wie jemand, der im Rücken den kalten Lauf einer Smith & Wesson spürt, die Hände hochgerissen. Doch das war mitnichten einer Bedrohung geschuldet; Beleidigungen waren das Einzige, was er zu ertragen hatte. Reitz, 23, wollte bloß signalisieren, dass er um Vergebung bitte (was ihn nicht davon abhielt, feixend die Zunge auszustrecken). Dass er „happy“ sei, dem Keeper den Ball durch die Beine geschoben zu haben, verriet er gern. Aber eigentlich wollte er nur schnell weg, als er bei den Journalisten stand, ab in die Kabine der Gladbacher, den alten Kollegen Hallo sagen, ehe sie wieder gen Niederrhein aufbrachen. Wie weit er sein neues Team wähnt, behielt Reitz für sich: „Jetzt eine Prognose für die ganze Saison abgeben? Schwierig“, sagte er.
Wobei: Eine Weissagung, die schon vor dem Spiel auf der Hand lag, ließ sich auch hernach gefahrlos tätigen: dass Borussia Mönchengladbach nach 34 Spieltagen hinter Leipzig liegen wird, und zwar weit. Das liegt nicht am Abschied von Reitz. Sondern daran, dass am Samstag nicht zu erkennen war, wie die Borussia das Vakuum füllen will, das Reitz (und der nach Freiburg weitergereichte Yannick Engelhardt) verursacht haben.
Am Samstag sah sich Trainer Eugen Polanski gezwungen, wie im Vorjahr im Mittelfeld auf Philipp Sander und Kevin Stöger zu vertrauen; Zugang Enzo Leopold (Hannover 96) blieb ohne Einsatz, Zento Uno (Shimizu S-Pulse/Japan) laboriert noch an muskulären Problemen. Umso stärker waren die Déjà-vu-Gefühle, die die Gladbacher hervorriefen. Sie fingen, wie in so manchem Spiel der Vorsaison, gegen Leipzig ansprechend an, schienen sich sogar gewahr zu werden, Leipzig Schaden zufügen zu können, bauten dann aber massiv ab. Und das lange, bevor Daiki Hashioka nach einem Zusammenprall mit Antonio Nusa wegen einer Nackenverletzung mit Halskrause in eine Klinik gefahren werden musste.
Als ihm genau das unter die Nase gerieben wurde, atmete Sportchef Rouven Schröder tief durch. „Auf die Frage habe ich ein bisschen gewartet“, entgegnete Schröder, als ihn die Erkundigung ereilte, ob ihm die Rückkehr alter Verhaltensmuster Sorgen bereite. Sorgen? Nach 90 Minuten? Wäre dem so, würde man eine Strecke von insgesamt 34 Spieltagen nicht überleben; insofern: „Keine Sorgen“, brummte Schröder. Eugen Polanski ging mit gutem Beispiel voran und trug nicht nur offen und transparent seine schlechte Laune zur Schau. Sondern offenbarte auch in Auszügen, was er der Mannschaft in der Halbzeitpause gesagt hatte. „Keine Sorge“, versicherte er, „wir haben nicht gesagt, dass wir schlechter Fußball spielen müssen.“
Was die Frage aufwirft, ob die Unterlassung ein Ansatz für die Erhöhung der fußballerischen Qualität wäre, im Sinne von: weniger ist mehr. Denn ohne ausdrückliche Anweisung schaffte Borussia es ausgezeichnet, schlechter zu spielen, zur Freude der Leipziger. Diese wiederum schlossen nicht nur Reitz in die Arme. Sondern feierten auch den leihweise zurückgekehrten Stürmer Christopher Nkunku, 28, sowie Trainer Martín Demichelis, 45, der in diesem Sommer den Erfolgstrainer Ole Werner, 38, ersetzt hat.
Demichelis ist noch immer regelrecht ergriffen davon, der erste richtige argentinische Cheftrainer einer Bundesligamannschaft zu sein; sein Landsmann Rodolfo Esteban Cardoso, 57, war es beim Hamburger SV vor Jahren nur aushilfsweise. „Es ist eine Ehre für mich, ich werde diesen Tag nicht vergessen“, beteuerte Demichelis. Beeindruckt war er erklärtermaßen von der Stadionchoreografie, mit der dem 70-jährigen Bestehen des Stadions gedacht wurde und die wahrscheinlich die größte Inszenierung ihrer Art war seit den Schmuckbildern beim VIII. Turn- und Sportfest der DDR im Jahre 1987. Die Erinnerung an jenes monumentale Propagandawerk, das an gleicher Stelle fabriziert wurde, weckte allein schon das Zitat der DDR-Hymne („Auferstanden aus Ruinen“), das am Spielfeldrand zu lesen war. Ob sich die zweite Zeile aus dem Text von Johannes R. Becher („und der Zukunft zugewandt“) auf Leipzig münzen lässt – in einem fußballerischen, nicht in einem marxistisch-dialektischen Sinne –, wird sich noch zeigen.
Anfangs waren Zweifel angebracht. Dass Gladbach in der ersten Halbzeit Druck erzeugen konnte und sogar zu einer Großchance kam, die am Ende Torwart Maarten Vandevoordt vereitelte, hatte auch mit Leipzigs Flattrigkeit bei Spielbeginn zu tun. Ehe aber auf den Rängen die Frage gerinnen konnte, ob der Abschied von Werner wirklich Not tat, traf Leipzig zur Führung (26.). Positiv gewendet konnte man es auf einen schönen Doppelpass zwischen dem spielfreudigen Tidiam Gomis und dem Schützen Ridle Baku zurückführen; negativ gewendet stellte sich die Frage, welche Art der Defensivkultur bei Gladbach herrscht. Nach dem ersten Tor übernahm Leipzig den wahrheitsgetreuen Äußerungen von Trainer Demichelis zufolge die Kontrolle über die Partie und zeigte nicht nur eine bessere Struktur, sondern auch eine höhere Aggressivität.
Das mündete in zwei weitere Tore, erst durch Antonio Nusa (49.), dann durch Rocco Reitz (66.), der dann von den Leipziger Fans in Chören gefeiert wurde. „Man sieht, dass er sich hier in Leipzig wohlfühlt, er ist akzeptiert in der Gruppe“, sagte Gladbachs Rouven Schröder und sprach dann einen Satz, der auf unbekannte Weise klang, als spielte ihm die eigenen Leipziger Vergangenheit einen Streich: „Das ist für uns einfach dann auch wichtig.“
Open Questions
- Wie schwer ist die Verletzung von Daiki Hashioka?
- Wie wird sich Gladbach nach dem Abgang von Leistungsträgern stabilisieren?




