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Malteser-Präsident Schelleis: Deutschland muss krisenfester werden
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Malteser-Präsident Schelleis: Deutschland muss krisenfester werden

Der Präsident des Malteser Hilfsdiensts warnt vor hybriden Bedrohungen und fordert mehr Eigenverantwortung der Bürger sowie eine bessere staatliche Finanzierung des Zivilschutzes.

Quick Look

  • Martin Schelleis, Präsident der Malteser, warnt vor einer neuen Qualität hybrider Bedrohungen in Deutschland.
  • Er fordert eine stärkere Eigenvorsorge der Bevölkerung und kritisiert die unzureichende staatliche Finanzierung von Hilfsorganisationen im Zivilschutz.

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Why It Matters

Die Bedrohungslage durch hybride Angriffe wie Drohnen und Blackouts wird als zunehmend kritisch eingestuft. Deutschland plant Investitionen in den Bevölkerungsschutz, während Hilfsorganisationen die Finanzierung kritisieren.

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Mit Sprengstoff bestückte Drohnen, Blackouts – die Bedrohung habe eine „neue Qualität“, sagt Malteser-Präsident Schelleis. Die Bürger müssten vorbeugen, damit Deutschland krisenfest werde.

Berlin. Drohnen, Anschläge und Blackouts – in Deutschland hat sich die Bedrohungslage verschärft. Am Donnerstag warnte Bundeskanzler Friedrich Merz vor einer wachsenden Gefahr durch Russland und weiteren hybriden Angriffen.

Martin Schelleis ist seit dem Sommer Präsident der katholischen Hilfsorganisation Malteser Hilfsdienst und blickt auf eine 46‑jährige Bundeswehrkarriere zurück. Als Generalleutnant der Bundeswehr war er immer in Alarmbereitschaft, hat aber auch als Zivilist heute stets einen 80-Liter-Rucksack gepackt zu Hause.

Nur ein Viertel der Deutschen sorgt für den Katastrophenfall vor. Dabei sollte jeder Einzelne darauf vorbereitet sein, dass die „Feuerwehr nachts um drei“ klingeln könnte, sagt Schelleis, der auch die Amtshilfeeinsätze der Bundeswehr in der Coronapandemie sowie bei der Flutkatastrophe 2021 verantwortete. Wie gut ist Deutschland auf den Ernstfall vorbereitet, und was muss noch geschehen?

Mit Sprengstoff bestückte Drohnen an Flughäfen, Anschläge auf Umspannwerke, großflächige Blackouts wie zu Jahresbeginn in Berlin – ist das die neue Bedrohungsrealität, an die wir uns gewöhnen müssen?

Die Bedrohung hat definitiv eine neue Qualität, auch wenn ich hoffe, dass wir uns nicht dauerhaft daran gewöhnen müssen. Und ich halte es für problematisch, wenn Vorfälle wie der mit der Sprengstoffdrohne in Leipzig lächerlich gemacht oder verharmlost werden.

Ein Ereignis wie der Stromausfall im Südwesten Berlins im Januar – könnte das überall passieren?

Mich hat eher verblüfft, dass es nur ein punktueller Angriff war. Hätten die Täter kritische Infrastruktur auf beiden Seiten der Landesgrenze von Berlin und Brandenburg lahmgelegt, wären die Rettungskräfte schnell an Kapazitätsgrenzen gestoßen – sowohl beim Personal als auch bei kritischem Material wie Stromgeneratoren.

In Fällen wie dem Blackout in Berlin kommt es auf den staatlichen Bevölkerungsschutz an. Doch nach einer Malteser-Umfrage halten ihn zwei Drittel der Deutschen für nicht ausreichend krisenfest. Wie alarmierend ist dieser Befund?

Der Vertrauensverlust ist erheblich und hat sich seit Corona noch einmal verschärft. Je nach Erhebung glauben nur noch 20 bis 40 Prozent der Bürgerinnen und Bürger, dass der Staat seine Aufgaben bewältigen kann. Das ist alarmierend. Aber wir müssen auch stärker an die Eigenverantwortung appellieren.

Die Bürger sollen sich selbst helfen?

Sie sollten jedenfalls nicht allein auf die Rettungskräfte setzen. Beim Berliner Blackout hatten viele Menschen keine stromunabhängige Licht- oder Wärmequelle in ihrer Wohnung. Bei niedrigen Außentemperaturen waren sie deshalb sofort auf externe Hilfe angewiesen. Und ohne ein batteriebetriebenes oder mit Kurbel versehenes Radio wissen Sie im Zweifel nicht mal, was los ist. Wenn die eigene Wohnung nicht mehr nutzbar ist, sollte man zudem wissen, zu welchen Freunden oder Verwandten man ausweichen kann.

Seit August 2024 engagiert sich Schelleis als ehrenamtlicher Bundesbeauftragter für Krisenresilienz, Sicherheitspolitik und zivil-militärische Zusammenarbeit der Malteser. Im Juni 2026 wurde er zum Präsidenten der katholischen Hilfsorganisation mit ihren 41.000 hauptamtlichen und fast 60.000 ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern gewählt.

2016 wurde der damalige Bundesinnenminister Thomas de Maizière noch heftig kritisiert, als er den Bürgern riet, Vorräte anzulegen. Sind wir bei der Eigenvorsorge inzwischen weiter?

Thomas de Maizière hat damals einen schlimmen Shitstorm erlebt, ihm wurde Kriegstreiberei vorgeworfen. Heute ist die Bereitschaft der Bevölkerung aus meiner Sicht größer. Viele Menschen erwarten geradezu, dass der Staat sagt, was sie machen sollen. Deshalb wären Informationskampagnen sinnvoll – etwa nach dem Vorbild der schwedischen Katastrophenschutzbroschüre, die regelmäßig an alle Haushalte verschickt wird.

Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenschutz hat Checklisten auf seiner Internetseite. Sollte es auch Broschüren verschicken?

Warum nicht? Die Stadt Essen hat eine an die örtlichen Bedingungen angepasste Vorsorgebroschüre an alle rund 300.000 Haushalte verschickt und kein negatives Feedback erhalten. Das ist bemerkenswert. Auch kleinere Gemeinden haben ähnliche Initiativen gestartet.

Wie bereiten Sie sich persönlich vor?

Wir haben Wasser und Konserven zu Hause, aber zum Glück auch einen Keller mit viel Platz. Außerdem steht bei mir immer ein gepackter 80-Liter-Rucksack mit den wichtigsten Sachen bereit. Kleidung, Wasser, ein Handy, eine Powerbank, ein Kurbelradio und Lebensmittel für zwei Tage.

Sie waren als Soldat Alarmierungen gewohnt. Aber ist ein 80-Liter-Rucksack nicht übertrieben?

Jeder muss für sich selbst entscheiden, was er benötigt, wenn die Feuerwehr nachts um drei Uhr klingelt. Wichtig ist nur, auf solche Fälle vorbereitet zu sein. Einer Umfrage zufolge wissen 75 Prozent der Deutschen, dass sie selbst vorsorgen müssen. Nur etwa ein Viertel tut es tatsächlich. Ein weiteres Viertel sagt, sich irgendwann darum kümmern zu wollen. Und rund die Hälfte macht nichts.

Seit der verheerenden Ahrtal-Flut sind fünf Jahre vergangen. Haben wir aus den Fehlern von damals gelernt?

Bei der baulichen Vorsorge wird aus meiner Sicht nicht konsequent genug gehandelt. Manche Menschen bauen erneut in unsicheren Zonen und argumentieren, dass sie kein anderes Grundstück hätten. Das kann man tun, man darf sich dann aber nicht wundern, wenn man erneut betroffen ist. Beim konkreten Katastrophenmanagement hat Rheinland-Pfalz gelernt und ein Landesamt für Brand- und Katastrophenschutz geschaffen, das die überörtliche Führung verbessern soll.

Eine neue Behörde allein reicht aber nicht, oder?

Das stimmt. Während der Pandemie habe ich erlebt, dass manche Krisenstäbe nur auf dem Papier existierten und nie eingeübt worden waren.

Die Malteser stützen sich auf rund 60.000 ehrenamtliche Helfer. Macht sich der Staat hier nicht einen schlanken Fuß, weil er so hoheitliche Aufgaben abtreten kann?

Das Ehrenamt ist ein großer Schatz unseres Landes, und dieses System sollte grundsätzlich erhalten bleiben. Aber wer seine Freizeit im Dienst als Ehrenamtlicher verbringt, sollte dann wenigstens ein funktionierendes Fahrzeug haben, eine Halle, in die es nicht hereinregnet, und zumutbare Sanitäranlagen.

Der Bund hat doch im Mai mit dem Pakt für den Bevölkerungsschutz zehn Milliarden Euro bis 2029 in Aussicht gestellt …

Das ist gut und richtig. Unter anderem sollen drei Milliarden Euro in das Technische Hilfswerk investiert werden. Das wird damit begründet, dass der Bevölkerungsschutz zu 90 Prozent von Ehrenamtlichen getragen wird und diese eine angemessene Infrastruktur benötigen.

Das gilt aber doch für die Hilfsorganisationen genauso, die ebenfalls Kräfte und Mittel für den Zivilschutz bereitstellen, oder?

Genau. Aber der Bund verweist die Feuerwehren und Hilfsorganisationen, die im Auftrag von Ländern und Kommunen tätig sind, auf deren Finanzierung. Vom Pakt haben wir Malteser so gut wie nichts. Und zu allem Überfluss müssen wir weiter Spendengelder für hoheitliche Aufgaben verwenden.

Wieso das?

Beispielsweise werden die Kosten, die uns für die Bereitstellung eines Zivilschutzfahrzeugs entstehen, nur teilweise erstattet, der Rest muss aus Spenden gedeckt werden. Für unsere Organisation macht das einen einstelligen Millionenbetrag pro Jahr aus. Das ist vielleicht nicht viel Geld, aber ich empfinde es dennoch als skandalös, dass Kernfunktionen staatlicher Daseinsvorsorge seit Jahren nicht vollständig aus staatlichen Mitteln finanziert werden.

Zurück zum Ausgangspunkt – würde aus einer hybriden Bedrohung der Ernstfall, wäre Deutschland eine Drehscheibe für den Durchzug alliierter Truppen. Bundeswehr, Blaulichtorganisationen und Privatwirtschaft müssten dann gut zusammenwirken, so, wie es der Operationsplan Deutschland vorsieht. Wie weit sind wir damit?

Als ich mich vor einigen Jahren bei der Bundeswehr selbst mit diesem Thema beschäftigt habe, gab es starke Vorbehalte – andere Themen waren wichtiger. Inzwischen reist Generalleutnant André Bodemann intensiv durchs Land, um den Operationsplan bei der Wirtschaft und anderswo bekannt zu machen. Aber es gibt auch originär zivile Verantwortlichkeiten, die im Operationsplan nicht abgedeckt sind.

Woran denken Sie?

Medizinische Versorgung, logistische Unterstützung, Aufrechterhaltung der Lebensmittelversorgung. Im Juni hat die Innenministerkonferenz der Länder den Bund aufgefordert, einen Fahrplan für die zivile Verteidigungsfähigkeit zu erstellen und zu definieren, worauf wir uns überhaupt vorbereiten sollen. Wir brauchen dringend einen konzeptionellen Neuansatz, weil das bestehende Konzept im Wesentlichen aus den 1960er-Jahren stammt.

Wäre das nicht eine Aufgabe für den neuen Nationalen Sicherheitsrat?

Die zivile Verteidigung liegt aktuell beim Bundesinnenminister. Aber dem kann man schlecht die Gesundheitsversorgung überlassen. Auch Fragen der Lieferketten, der Versorgung oder der Personalbereitstellung fallen in die Zuständigkeit anderer Ressorts. Insofern wäre es gut, den Nationalen Sicherheitsrat ein Konzept entwickeln zu lassen und danach regelmäßig einen Soll-Ist-Vergleich anzustellen.

What to Watch

AI outlook — possibilities, not facts

  • Erstellung eines Fahrplans für zivile Verteidigungsfähigkeit durch den Bund.

    Likely · Within months

Open Questions

  • Wie wird die zivile Verteidigung langfristig finanziert?
  • Wann wird ein Nationaler Sicherheitsrat ein neues Konzept vorlegen?

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This article was originally published by Handelsblatt.

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