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BackMaxim Billers „Schwarze Samstage“: Eine existenzielle Auseinandersetzung mit Antisemitismus
Maxim Billers „Schwarze Samstage“: Eine existenzielle Auseinandersetzung mit Antisemitismus
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FAZ9/5/2026Opinion5 min readGermanyView translation

Maxim Billers „Schwarze Samstage“: Eine existenzielle Auseinandersetzung mit Antisemitismus

In seinem neuen Buch verwebt Maxim Biller autofiktionale Erzählungen mit historischer Analyse, um die Wiederkehr antisemitischer Gewalt und die Krise jüdischer Identität in der Gegenwart zu beleuchten.

Quick Look

  • Maxim Billers Roman „Schwarze Samstage“ verarbeitet die Erschütterungen nach dem 7.
  • Durch eine Mischung aus Autofiktion, Historie und Polemik reflektiert der Autor über die Beständigkeit des Antisemitismus und die existenzielle Lage jüdischer Identität heute.

AI-generated summary

Why It Matters

Das Buch setzt sich mit den Folgen des 7. Oktobers und der historischen Kontinuität des Antisemitismus auseinander. Es verknüpft persönliche Erfahrungen mit jüdischer Geschichte.

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Was tun, wenn man an Fortschritt glauben möchte, die ganze Chose sich aber stets nur zwei Schritte nach vorne und dann wieder einen zurück bewegt? Dann ist der Fortschritt immerhin noch einen Schritt voraus. Aber was, wenn einem die Geschichte trotzdem immer wieder und sogar zunehmend wie eine ewige Fernsehwiederholung vorkommt? Ari, Maxim Billers Ich-Erzähler und Alter Ego in seinem neuen Buch „Schwarze Samstage“, glaubt irgendwie beides. Je nach Tagesverfassung. Als atheistischer Kulturjude und Salonzionist hat er keinen religiösen Überbau, der Trost spendet oder Sinn stiftet, sondern muss sich an den eigenen Haaren aus dem Sumpf ziehen.

Dabei hilft ihm sein Selbstverständnis als widerständiger Jude ebenso wie, zumindest sekundenweise, der rabbinische Gedanke des Tikkun Olam, hebräisch für die Reparatur der sozialen Welt. In der Kabbala erhält der Gedanke eine kosmische Dimension und bezeichnet die Aufgabe des Menschen, die nach der Schöpfung verstreuten göttlichen Lichtfunken wieder zusammenzuführen. Tikkun Olam ist so sehr in Mode gekommen, dass es schon jüdische Witze darüber gibt: „Kommt eine amerikanische Jüdin nach Israel und fragt: ‚Was heißt Tikkun Olam auf Hebräisch?‘“ Fertig.

Die Reparatur der Welt sei weiter in vollem Gange, denkt Ari eines Morgens glücklich, nur merke es nicht jeder. Biller wäre nicht Biller, gäbe es keine Widersprüche und keinen Sarkasmus. Dass ausgerechnet ein Jude an die Reparatur der Welt glauben soll, könnte angesichts der Verfolgungsgeschichte und ihrer fortdauernden, völlig abgründigen Zumutungen ziemlich abwegig erscheinen. Vor allem, weil in Billers und Aris Welt Wahrheit und Moral, wie in jeder anderen Welt, zwar auch große Worte sind, aber nicht groß genug, um den unzeitgemäß zeitgemäßen Kampf zwischen Gut und Böse zu verstehen, in dem weder Gott noch Vernunft weiterhelfen.

„Konnten sich wirklich Menschen allein ein Blutbad von dieser Wucht ausdenken?“, fragt Ari angesichts der Massaker vom 7. Oktober, des titelgebenden „Schwarzen Samstags“. Und warum haben sie „die größte antisemitische Welle der Geschichte ausgelöst, globaler und unerbittlicher als in den Dreißigerjahren des 20. Jahrhunderts?“ Das goldene Zeitalter für die Juden sei zu Ende und alles wieder ganz normal: „Ab jetzt leben wir wieder im Fadenkreuz. Überall.“

Biller montiert in kurzen Kapiteln beeindruckend kunstvoll historische Skizzen mit kolumnenartigen Texten und autofiktionalen Erzählungen, um die Frage zu beantworten, die ihn und seinen Ich-Erzähler seit jenem schwarzen Samstag wieder mehr umtreibt als jede andere, auf die es jedoch keine Antwort geben kann, weil ihr nur ein Gerücht zugrunde liegt: Woher kommt der Wunsch der anderen nach der Vernichtung der Juden?

Dafür blickt er nicht nur in die hässlichen Fratzen verbrämter oder offener Antisemiten und allzu obsessiver Israelkritiker, die nach dem größten Pogrom an Juden seit der Schoa aus allen Löchern kriechen. Auch eifrige Bedenkenträger kriegen ihr Fett weg: Zum Beispiel Carolin Emcke als deutsche Hannah Arendt (kein Kompliment!), Jan Assmann als unfreiwilliger Pressesprecher der antisemitischen Weltverschwörung (lustig und gut hergeleitet), Deborah Feldman als selbsthassende Jüdin aus der Szatmar-Sekte (kann man so sehen).

Im zweiten Strang des Buches vergegenwärtigt Biller zugespitzt die Schlüsselmomente aus dreieinhalbtausend Jahren jüdischer Geschichte und perspektiviert sie in der longue durée als eine lange Gegenwart. Er dringt bis in die Antike vor und erzählt von der babylonischen Diaspora und von Haman im Persischen Reich, vom antijüdischen Pogrom in Alexandria und von den widerständigen Makkabäern, um wiederkehrende jüdische Erfahrungen sichtbar zu machen, die von Verfolgung, Vertreibung, Diaspora und Widerstand geprägt sind.

Die Gegenwartsbeobachtungen und historischen Splitter wechseln dabei mit Kapiteln ab, in denen Ari erzählt. Das ist die dritte, romanhafteste Ebene des Buches. In den Siebzigerjahren mit seiner Familie aus der Tschechoslowakei ins Hamburger Grindelviertel gekommen, trifft er auf antisemitische Nachbarn, antiimperialistisch bewegte Hippie-Lehrer oder Leute wie Erich Fried, der Ulrike Meinhof verehrt. Dann der Umzug nach München, Einsamkeit, Freiheit und die ersten jüdischen Freunde, sogar ein bisschen gesellschaftlicher Fortschritt, die Frage, ob ein guter Jude Alija machen muss, und schließlich die existenzielle Erfahrung des Zurückgestoßenseins in die Hölle des Jetzt.

„Wir leben in biblischen Zeiten“

Majdanek war bei seiner Geburt gerade mal fünfzehn Jahre geschlossen, heißt es. Biller ist 1960 geboren. Jetzt leidet er an einer Depression namens „Morbus Gaza“. Nicht immer ist klar, was Realität und Fiktion ist, Biller verdichtet und übertreibt, die drei Stränge sind nicht deutlich voneinander getrennt – das gehört zu seinem autofiktionalen Spiel dazu. Ständig ist man versucht, die Widersprüche aufzulösen oder eine Haltung herauszulesen, das Buch sogar verärgert wegzulegen, um dann wieder überrascht zu werden von einem anderen Blickwinkel oder von sanfteren Tönen.

So auch, wenn von einem anderen schwarzen Samstag die Rede ist, dem 9. April 1948, an dem eine Irgun- und eine Lechi-Einheit etwa 120 palästinensisch-arabische Bewohner im Dorf Deir Yassin töteten. Das Massaker während des Unabhängigkeitskrieges ist vielfach dokumentiert. Oder wenn Ari sich nicht wirklich für den Freund Omar interessiert, der in einem palästinensischen Flüchtlingslager geboren wurde, und nach einem sehr missglückten Gespräch mit ihm das hebräische Volkslied Hava Nagila – „Lasst uns fröhlich sein“ – spielt.

Die Radikalität der zionistischen Untergrundorganisation Irgun und Menachem Begins oder der extreme Zionismus Chaim Weizmanns („voller Getto-Ängste“) sind dem Ich-Erzähler genauso fremd wie die Idee eines Rückkehrrechts für palästinensische Flüchtlinge, das den Staat Israel wohl aus den Fugen heben würde. Dass das gerade dennoch geschieht, weil „das selbstzersetzende Virus von Angst und Rechtsradikalität“ immer giftiger wird, weiß Biller. Wie könnte er das übersehen?

„Wir leben in biblischen Zeiten, immer“, schreibt er, und da ist sie wieder, die Wiederholung der Erfahrung der Barbarei, der nie endende Kampf. Warum also nicht gleich bei Abraham beginnen, der aus Hunderten Göttern einen machte und schon mal ins versprochene Land Kanaan vorauszog. „So begann vor dreieinhalbtausend Jahren der Nahostkonflikt“, fasst Biller zusammen.

Verfolgung, Pogrome und Widerstand

Ein bisschen wie in einem Selbstexperiment bringt er seine „atheistische Talmudistik“ immer wieder mit einer biblischen Codierung politischer Konflikte zusammen, die Auseinandersetzungen in religiös-mythologischen Begriffen (inklusive Götzen, Heiden, Feueropfern und Satanisten) deutet und damit oft überzeichnet. Was natürlich Absicht und manchmal ein wenig eine Schwarz-Weiß-Darstellung ist. Denn, als Beispiel, zur Purim-Geschichte im Buch Ester gehört neben Hamans Versuch, die Juden im Persischen Reich auszulöschen, auch die Fortsetzung der Erzählung: Nach Hamans Tod wird von der Rache berichtet und wie man an den „Feinden nach Herzenslust“ „Schläge des Schwertes“ schlug. Was allerdings in Anbetracht der unzähligen Pogrome an Juden auch beinah schon als erbauliche Randnotiz gelesen werden könnte.

Vom Pogrom in Alexandria, das Biller etwas freihändig als das erste Pogrom der Weltgeschichte bezeichnet, bis zu den Pogromen im Reich des russischen Zaren, vom deutschen Auschwitz bis zu den arabischen Barbaren des 7. Oktober: Die „Gesetze des Sinai“ und „ein Leben im strahlenden Licht einer zivilisatorischen Ethik“ waren für die Judenhasser keine Option. Vielleicht, so eine seiner an Freud angelehnten Mutmaßungen, wollten Christen und Muslime als Epigonen einer Religion das Original verschwinden lassen?

Und natürlich wäre Biller nicht Biller, wäre die jüdische Geschichte nicht auch eine Heldengeschichte: „Es waren die Juden, die als erste Menschen die Furcht vor der Natur und dem Geheimlabor, aus dem sie kam, verloren hatten, obwohl sie im Winter weiter froren und im Sommer genauso schwitzten wie alle anderen.“

Und dann wieder eine Wendung. „Wie konnten israelische Generäle aus Gaza ein modernes Hiroshima machen?“ „Wir müssen jetzt auch zu Barbaren werden“, sagt Ari zu seiner Freundin Nika und fragt sich am nächsten Morgen, wie er auf die irre Idee kam, dass wir wieder in biblischen Zeiten lebten.

Universelle Gesetze

Biller sucht nicht nach einem Weg, die widersprüchliche Gegenwart weiterzudenken. Das ist so wenig die Aufgabe eines Romans, wie es die Aufgabe der Juden ist, den Antisemitismus aus der Welt zu schaffen, der einzig und allein ein Problem der Antisemiten ist. Daran muss man leider dauernd erinnern. Dieses Buch ist, ohne allzu sehr psychologisieren zu wollen, vielmehr das Zeugnis eines existenziellen Schmerzes und vielleicht auch der Versuch, ihn ein bisschen besser auszuhalten. Wie virtuos Maxim Biller die verschiedenen Erzählstränge und Erzählformen zusammenhält und eine Vielstimmigkeit erzeugt, ist große Kunst, die kaum einer so beherrscht wie er.

Es gibt im Roman eine implizite Verzweiflung darüber, dass die universellen Gesetze der Vernunft und der Menschenrechte noch immer nicht für alle gleichermaßen gelten. Und es gibt die vielen anderen zwischen den Zeilen gestellten Fragen: Wird die Idee der messianischen Erlösung in politische Souveränität übersetzt? Wie ist das Verhältnis zwischen dem Universellen und dem Partikularen und wie das Verhältnis der Diaspora zum israelischen Staat als Teil jüdischer Identität? Billers tieftrauriges und verstörendes Buch bringt in seiner ganzen beabsichtigten Unstimmigkeit eine tiefe Krise Israels, vielleicht sogar des Judentums, zum Ausdruck.

„‚Weißt du noch‘, sagte er noch, ‚früher kamen wir uns wie die Makkabäer vor.‘ ‚Und jetzt?‘ ‚Jetzt hocken wir oben auf dem Berg von Masada und planen die Flucht oder den Selbstmord.‘“

Open Questions

  • Woher kommt der Wunsch nach der Vernichtung der Juden?
  • Wie lässt sich das Verhältnis zwischen Diaspora und Israel definieren?

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This article was originally published by FAZ.

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