Mercedes-Benz verschärft Nachhaltigkeitsstrategie mit Fokus auf Fahrzeug und Materialien
Quick Look
- Mercedes-Benz will seine Nachhaltigkeitsstrategie stärker am Fahrzeug ausrichten, mehr in CO2-reduziertes Aluminium und grüne Batterien investieren und die Margenparität mit E-Autos erst bis Ende des Jahrzehnts erreichen.
- Der Konzern setzt auf Partnerschaften, Rohstofftransparenz und taktische Flexibilität beim Übergang zur E-Mobilität, während Verbrenner weiterhin eine Rolle spielen sollen.
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Why It Matters
Mercedes-Benz passt seine Nachhaltigkeitsstrategie an, indem es den Fokus stärker auf das Fahrzeug legt, Investitionen in CO2-reduzierte Materialien erhöht und die Margenparität mit E-Autos erst bis Ende des Jahrzehnts anvisiert. Dabei sollen Verbrenner weiterhin eine Rolle spielen, um den Übergang zur E-Mobilität taktisch flexibel zu gestalten.
Düsseldorf. Mercedes-Benz will seine Nachhaltigkeitsstrategie stärker am Fahrzeug ausrichten. „Wir haben mit unseren Autos den größten Hebel, um die Dekarbonisierung voranzutreiben“, sagte Olaf Schick, der im Mercedes-Vorstand für Integrität, Governance und Nachhaltigkeit verantwortlich ist, im Gespräch mit dem Handelsblatt.
Schick hat im ersten Jahr im Amt die Nachhaltigkeitsstrategie des Konzerns aus seiner Sicht geschärft und vereinfacht. Er will einen stärkeren Fokus auf das Auto legen, mehr Partnerschaften eingehen, gezielter investieren und die Nachhaltigkeitsgremien effizienter gestalten.
„Wir können und wollen uns auch in diesen Zeiten Nachhaltigkeit leisten“, sagt Schick. Aber: „Wir müssen die richtige Balance zwischen Nachhaltigkeit und wirtschaftlichem Erfolg finden.“ Innovationskraft und Dekarbonisierung beruhten auf der Finanzkraft des Unternehmens. „Die Gewinne der Verbrenner finanzieren unsere Investitionen in Nachhaltigkeit“, sagt Schick.
Mercedes vergrößert derzeit sein Angebot an Elektroautos deutlich. Das drückt allerdings zusätzlich auf die Marge, denn der Konzern verdient mit E-Autos aufgrund der hohen Batteriekosten noch immer weniger als mit Verbrennern. Erst zum Ende der Dekade soll eine Margenparität erreicht sein.
„In der künftigen Generation unserer Fahrzeuge setzen wir einen noch stärkeren Fokus auf die Vermeidung und Reduzierung von Emissionen“, sagt Schick. Schon die aktuellen Baureihen sind nach Konzernangaben nachhaltiger:
Aluminium ist ein wichtiger Stellhebel, da dessen Produktion hohe Emissionen des klimaschädlichen CO2 verursacht. Mercedes hat seine Kooperation mit der Firma Hydro vertieft. Die Norweger liefern CO2-reduziertes Aluminium, das zu mindestens 75 Prozent Aluminiumschrott enthält.
Die Batterie ist das Einzelbauteil eines E-Autos mit dem größten CO2-Abdruck. Gemeinsam mit Partnern setzt Mercedes bei der Fertigung der Zellen und des Zellmaterials auf Strom aus erneuerbaren Energien.
Die Anstrengungen bei Aluminium und Batterien zeigen sich exemplarisch an der elektrischen C-Klasse: Beim Aluminium kann Mercedes nach eigenen Angaben etwa 30 Prozent der CO2-Emissionen sparen. Der CO2-Fußabdruck der Batteriezellen soll um 40 Prozent reduziert worden sein.
„Wenn wir ein nachhaltigeres Bauteil in Serie bringen, muss es den Mercedes-Qualitätsanforderungen entsprechen“, sagt Schick. Gleichzeitig müsse es sich finanziell rechnen. „Wir wollen kein Geld drauflegen.“ Der Konzern will seine Materialkosten bis 2027 um acht Prozent im Vergleich zu 2024 reduzieren.
Für seine neuen Fahrzeuge veröffentlicht Mercedes einen Rohstoffbericht. Kunden können einsehen, welche Rohstoffe wo im Fahrzeug verbaut sind und woher sie stammen. „Damit wollen wir ein neues Maß an Nachvollziehbarkeit schaffen“, sagt Schick.
Mit dem Hochlauf der Elektromobilität gebe es zunehmend Risiken bei der Einhaltung von Menschenrechten, sagt der Manager. Beispiel Kobalt: Der wichtige Rohstoff für die Akkus von E-Autos wird hauptsächlich im afrikanischen Kongo abgebaut. Mercedes wägt laut Schick in Zusammenarbeit mit Nichtregierungsorganisationen ab, wie die Arbeitsbedingungen vor Ort verbessert werden können, und finanziert etwa Schutzkleidung.
In der Produktion hält Mercedes an dem Ziel fest, seine eigenen CO2-Emissionen bis 2030 um 80 Prozent im Vergleich zu 2018 zu reduzieren. Bislang sind davon laut Schick schon mehr als 50 Prozentpunkte erreicht. Ein Stellhebel ist der Einsatz von grünem Strom. Mercedes investiert mit einem Partner einen dreistelligen Millionenbetrag in einen Windpark auf dem Mercedes-Testgelände in Papenburg. Ab Mitte 2027 soll dadurch etwa ein Fünftel des deutschen Strombedarfs von Mercedes in Deutschland abgedeckt werden.
Im Vertrieb geht es darum, mehr Elektroautos zu verkaufen. Mercedes hat den Absatz von Stromern dieses Jahr zwar deutlich gesteigert. Allerdings machten reine E-Autos im ersten Halbjahr weniger als zwölf Prozent der weltweit verkauften Neuwagen aus. Rechnet man Hybridfahrzeuge hinzu, in denen Verbrennungsmotor und Batterie verbaut sind, liegt der Anteil bei 20 Prozent. Diesen will Mercedes bis 2028/29 auf 40 Prozent verdoppeln.
Ursprünglich hatte Konzernchef Ola Källenius das Ziel, bis Ende der Dekade die gesamte Neuwagenflotte unter Strom zu setzen. Längst ist er von dieser Strategie abgerückt. Stattdessen will er bis weit in die 2030er-Jahre auch Verbrenner verkaufen.
„Dekarbonisierung ist unser Zielbahnhof, da sind wir uns bei Mercedes einig“, sagt Schick. „Aber wir brauchen taktische Flexibilität und müssen technologieoffen bleiben, damit wir Kunden nicht etwas aufdrängen.“ Mercedes müsse überzeugende E-Autos bauen, um Käufer vom Wechsel zur E-Mobilität zu überzeugen.
Aus Sicht von Mercedes sind auch die Verbrenner nachhaltiger geworden. Bei den neuen Baureihen ist eine 48-Volt-Batterie verbaut, die den klassischen Motor etwa bei niedrigen Drehzahlen unterstützt und so die Emissionen reduziert.
Das reicht aber nicht aus, um die Vorgaben der Europäischen Union zu erreichen. Autobauer müssen als Zwischenziel ihren CO2-Ausstoß im Dreijahreszeitraum zwischen 2025 und 2027 um 15 Prozent zum Jahr 2021 senken. Schaffen sie das nicht, werden Ende 2027 Milliardenstrafen fällig.
Die zwischen Januar 2025 und August 2026 neu in der EU zugelassenen Fahrzeuge von Mercedes stoßen 103 Gramm CO₂ pro Kilometer aus. Das zeigen Zahlen des Thinktanks ICCT. Die Marke muss allerdings ein Ziel von 90 Gramm erreichen.
Bußgelder lassen sich über einen sogenannten Pool mit besser abschneidenden Konkurrenten vermeiden. Für die Gruppe gilt dann ein gemeinsamer Grenzwert. Mercedes bildet einen Pool mit Smart, Volvo und Polestar. Gemeinsam schaffen sie den Zielwert.
Allerdings muss Mercedes seinen Partnern Ausgleichszahlungen leisten. Zu den Konditionen will sich Schick nicht äußern. Rivale BMW hingegen schafft das CO2-Ziel schon jetzt aus eigener Kraft, verkauft anders als Mercedes aber keine Vans, die mehr CO2-Emissionen ausstoßen.
Aus Sicht von Kritikern hat Mercedes auch wegen zu hoher CO2-Emissionen seit Jahresbeginn die Kriterien bei der Vergütung seiner Top-Manager angepasst. Früher spielten Kohlendioxid-Emissionen beim Jahresbonus eine entscheidende Rolle. Diese Transformationsziele hat Mercedes mit Genehmigung der Hauptversammlung gestrichen.
Stattdessen berechnen sich die Bonuszahlungen nun stärker anhand der verkauften Elektroautos und Hybride. Schick verteidigt die Umstellung: „Der Anteil elektrifizierter Fahrzeuge in unserer Neuwagenflotte ist für uns als Autohersteller einfacher zu greifen und hilft dabei, die Organisation voranzutreiben.“
Im Zuge der angepassten Nachhaltigkeitsstrategie überprüft Mercedes auch seine Gremien. Der Konzern verkleinert den Beirat für Integrität und Nachhaltigkeit von elf auf fünf Mitglieder. Dem Gremium gehören führende Klimawissenschaftler wie Johan Rockström, Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung, an. Der Beirat gilt als Impulsgeber für den Vorstand. Das Gremium trifft sich viermal im Jahr und diskutiert Trends in der Wissenschaft und wie sie sich auf die Fahrzeugentwicklung übertragen lassen.
Schick sitzt seit einem Jahr im Mercedes-Vorstand. Er bereitet etwa die strategischen Diskussionen zum Thema Nachhaltigkeit mit seinen Vorstandskollegen aus Entwicklung und Produktion vor. Der Jurist begann seine Karriere in verschiedenen Kanzleien, bevor er 2004 zum Mercedes-Vorgänger Daimler wechselte. 2023 ging er zum Autozulieferer Continental und war dort als Finanzvorstand tätig.
What to Watch
AI outlook — possibilities, not facts
Mercedes-Benz wird die Margenparität zwischen E-Autos und Verbrennern bis Ende des Jahrzehnts erreichen.
Likely · Within years
Der Anteil elektrifizierter Fahrzeuge (E-Autos und Hybride) an der Neuwagenflotte von Mercedes-Benz wird bis 2028/29 auf 40 Prozent steigen.
Likely · Within years
Mercedes-Benz wird seine eigenen CO2-Emissionen bis 2030 um 80 Prozent gegenüber 2018 reduzieren.
Possible · Within years
Open Questions
- Wie hoch sind die genauen Kosten für den Ausbau der Windenergieanlage in Papenburg?
- Welche konkreten Maßnahmen plant Mercedes-Benz zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen im Kongo?
- Wie wird die Ausgleichszahlung an die Pool-Partner Smart, Volvo und Polestar genau berechnet?



