Midterms: Beleidigungen, Grenzüberschreitungen, KI‑Einsatz – „Die aktuelle Wahl ist eine Generalprobe für 2028“
Die Ergebnisse der Midterms werden das Rennen um die Trump-Nachfolge entscheiden
Quick Look
- Experten bewerten den US-Wahlkampf der Zwischenwahlen als ungewöhnlich hart und persönlich.
- Eine Analyse des Wesleyan Media Project erfasste 220 KI-generierte Werbeanzeigen mit Ausgaben von über 137 Millionen US-Dollar, überwiegend von Republikanern finanziert.
- Der Wahlkampfforscher Erik Nisbet sieht die aktuelle Wahl als Generalprobe für 2028.
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Why It Matters
Der Artikel berichtet über den US-Wahlkampf der Zwischenwahlen (Midterms), der durch besonders persönliche und heftige Attacken gegen Kandidaten geprägt war. Experten des Wesleyan Media Project analysierten 220 KI-generierte Werbeanzeigen mit Ausgaben von über 137 Millionen US-Dollar. Der Wahlkampfforscher Erik Nisbet sieht die aktuelle Wahl als Generalprobe für die Präsidentschaftswahl 2028.
Experten registrieren eine ungewohnte Härte im zurückliegenden US-Wahlkampf. Die Ergebnisse der Midterms werden auch das Rennen um die Trump-Nachfolge entscheiden.
US-Präsident Donald Trump: Der US-Wahlkampf war von einer bislang ungekannten Schärfe geprägt. Foto: Jacquelyn Martin/AP/dpa
Der Wahlkampf in den US-Zwischenwahlen zeichnet sich durch besonders persönliche und heftigere Attacken gegen Kandidaten aus, die Experten als neue Qualität einstufen.
Eine Analyse des Wesleyan Media Project weist für diesen Wahlkampf 220 Werbeanzeigen aus, die zumindest teilweise mithilfe von künstlicher Intelligenz erstellt wurden.
Die Unterstützer republikanischer Kandidaten nutzen der Analyse zufolge KI im Wahlkampf deutlich häufiger als demokratische.
Der Wahlkampfforscher Erik Nisbet sieht in der aktuellen Wahl eine Generalprobe für 2028 und warnt vor zunehmender KI-Nutzung.
Die Zusammenfassung wurde mithilfe von KI erstellt und redaktionell geprüft.
Washington. „Freak“, „Dschihadist“, „Dummokraten“, „Perverser“ – die Liste der Beleidigungen, mit denen US-Präsident Donald Trump und seine Mitstreiter die politischen Gegner seiner republikanischen Kandidaten bei den US-Zwischenwahlen in den vergangenen Monaten überzogen haben, ist lang. Und auch sonst ist der diesjährige Wahlkampf selbst für amerikanische Verhältnisse voller Tiefpunkte.
Zuletzt sorgte ein Werbespot des republikanischen Kandidaten für die Gouverneurswahl in Ohio, Vivek Ramaswamy, landesweit für Empörung. In dem TV-Clip behauptet die Mutter seiner demokratischen Wettbewerberin Amy Acton, dass ihre Tochter eine notorische Lügnerin sei. Was darin nicht erwähnt wird: Acton hat seit ihrem zwölften Lebensjahr keinen Kontakt mehr zu ihrer Mutter.
Diese hatte das Sorgerecht für sie und ihren Bruder verloren, nachdem ihr Ehemann, der nicht der leibliche Vater der Kinder war, wegen Vergewaltigung der damals zwölfjährigen Acton angeklagt worden war. Actons Mutter blieb mit dem Mann bis zu dessen Tod auf der Flucht.
Selbst der amtierende republikanische Gouverneur von Ohio, Mike DeWine, zeigte sich in einem langen, emotionalen Statement erschüttert über den Wahlspot und forderte Ramaswamy auf, ihn zurückzuziehen. Doch der dachte gar nicht daran. Sowohl Trump als auch Vizepräsident J.D. Vance unterstützten ihn sogar ausdrücklich.
Persönliche Angriffe
In US-Wahlkämpfen wurden schon immer Grenzen überschritten und extreme Botschaften verbreitet. Einer der bekanntesten TV-Spots aller Zeiten ist ein Kampagnenbeitrag von Lyndon B. Johnson aus dem Jahr 1964. Darin zählt ein kleines Mädchen die Blätter eines Gänseblümchens – als sie bei „zehn“ ankommt, sieht der Zuschauer in ihren Augen sekundenlang die Explosion einer Atombombe. Die Botschaft: Wer nicht für den Demokraten stimmt, riskiert den Atomkrieg.
Amy Acton: Die demokratische Gouverneurskandidatin von Ohio wurde von ihrem Wettbewerber Vivek Ramaswamy verunglimpft. Foto: Carolyn Kaster/AP/dpa
Doch Experten sehen in dem zurückliegenden Wahlkampf eine neue Qualität – die Attacken sind persönlicher geworden. „Es ist wahrscheinlich einer der hässlichsten Wahlkämpfe, wenn es darum geht, über bestimmte Kandidaten zu sprechen und sie auf verschiedene Weise anzugreifen“, sagt Erik Nisbet, Professor für politische Kommunikation an der Northwestern University im US-Bundesstaat Illinois, im Gespräch mit dem Handelsblatt. Der Spot der Ramaswamy-Kampagne sei „einer der hässlichsten Wahlkampfspots, die jemals in der TV-Geschichte ausgestrahlt wurden“.
Ein weiteres Beispiel, wie persönlich und heftig die Angriffe geworden sind: Der republikanische Senator aus Kansas, Roger Marshall, warf seinem demokratischen Herausforderer Adam Hamilton bei einer Wahlkampfveranstaltung „Grooming“ von Kindern vor, also das geplante Anbahnen einer Beziehung zu Kindern mit dem Zweck, diese sexuell zu missbrauchen.
Strategisch entscheidend
Wie die Kandidaten und ihre jeweiligen Kampagnen bei den Wahlen abschneiden, wird über die Strategie der Parteien bei den Präsidentschaftskampagnen entscheiden – und darüber, welche Kandidaten sie aufstellen. „Wenn Vivek Ramaswamy gewinnt, könnte das solche Niederträchtigkeiten rechtfertigen“, sagt Wahlkampfexperte Nisbet. „Auch wenn die Werbung vielleicht gar nichts damit zu tun hat – aber er würde sagen: ‚Seht her, unsere Strategie hat funktioniert.‘“
Beobachter wie Nisbet weisen auch auf den massiven Einsatz von mit Künstlicher Intelligenz (KI) hergestellten Werbevideos in diesem Wahlkampf hin.
Das Wesleyan Media Project hat in einer Analyse des Wahlkampfs für die Midterms 220 Werbeanzeigen gefunden, die – zumindest teilweise – mithilfe von KI-Tools erstellt wurden. Die Organisation schätzt, dass dafür mehr als 137 Millionen US-Dollar ausgegeben wurden. „Zum Vergleich: Wir haben im Wahlzyklus 2024 Ausgaben für KI-generierte Anzeigen in Höhe von weniger als 50.000 Dollar ermittelt“, sagt Erika Franklin Fowler, Co-Direktorin des Wesleyan Media Project. Ein Großteil der KI-Nutzung werde zudem nicht gekennzeichnet.
Die Unterstützer republikanischer Kandidaten nutzen KI demnach deutlich häufiger als die der demokratischen. Laut der Analyse wurden 81 Prozent der KI-generierten Anzeigen von republikanischen Kandidaten oder Gruppen finanziert, aber nur zwölf Prozent von demokratischen.
So verbreitete Ken Paxton, republikanischer Kandidat für den texanischen Senatssitz, ein KI-generiertes Video von seinem demokratischen Gegner James Talarico. Darin schreibt der künstlich generierte Talarico die Bibel um, sodass es „sechs Geschlechter“ gebe.
Ein anderes KI-generiertes Video zeigt die demokratische Gouverneurin von New York, Kathy Hochul, die ihr Amt gegen den republikanischen Kandidaten Bruce Blakeman verteidigt, bei einem Spaziergang mit New Yorks Bürgermeister Zohran Mamdani. Sie sprechen über eine frei erfundene „Kathy-Pille“, nach deren Einnahmen dem Konsumenten alles egal sei, etwa die hohen Lebenshaltungskosten.
Und noch etwas war in diesem Maße neu im zurückliegenden Wahlkampf: die Generierung von Informationen über Kandidaten oder ihre Gegner rein zu dem Zweck, die Ergebnisse von Chatprogrammen zu manipulieren. Dabei gehe es, so Wahlkampfforscher Nisbet, um „KI-generierte Artikel oder Informationen, die im Grunde genommen dazu dienen, in das KI-Internet einzudringen, sodass die KI-Zusammenfassung bei Suchanfragen auf falschen oder irreführenden Informationen basiert“.
Die Organisation Newsguard hat festgestellt, dass führende KI-Chatbots wie ChatGPT oder Claude im Durchschnitt in 48,2 Prozent der Fälle auf parteiische Websites verweisen, die sich als unabhängige lokale Nachrichtenportale ausgeben, wenn sie zu Kandidaten und Themen im Zusammenhang mit den Zwischenwahlen befragt werden, über die diese Websites berichtet hatten.
Experten rechnen damit, dass diese Art von „Pink Slime“, wie die Methode genannt wird, im Jahr 2028 um ein Vielfaches häufiger eingesetzt wird. Die Zahl der Menschen, die sich derzeit auf KI verließen, sei noch relativ gering, sagt Nisbet. Bei der nächsten Wahl werde sie größer sein, einfach weil der Einsatz von KI dann noch umfangreicher sein werde. „Die aktuelle Wahl ist eine Generalprobe für 2028“, sagt er.
What to Watch
AI outlook — possibilities, not facts
Der Einsatz von KI-generierten Inhalten im US-Wahlkampf wird bis 2028 erheblich zunehmen.
Very likely · Within years
Die Midterm-Ergebnisse werden die Strategie und Kandidatenaufstellung der Parteien für die Präsidentschaftskampagnen 2028 beeinflussen.
Very likely · Within months
Open Questions
- Welche konkreten Auswirkungen werden die Midterm-Ergebnisse auf die Strategie der Präsidentschaftskampagnen 2028 haben?
- Welche rechtlichen Konsequenzen könnten aus dem massiven, oft ungekennzeichneten Einsatz von KI im Wahlkampf resultieren?
- Wie werden die Wähler auf die dokumentierten persönlichen Attacken und KI-generierten Inhalte reagieren?







