Midterms: Entscheidende Wahl in Michigan: Wird El-Sayed der erste muslimische Senator der US-Geschichte?
Trump diffamiert den Kandidaten als „radikalen Islamisten“, während die eigene Partei in Michigan über dessen Haltung zu Israel zerstritten ist.
Quick Look
- Abdul El-Sayed kandidiert für die Demokraten um einen Sitz im US-Senat in Michigan.
- Donald Trump diffamiert ihn als „radikalen Islamisten“.
- Gleichzeitig brach Haley Stevens mit der Partei und unterstützt den Republikaner Mike Rogers, nachdem der Streit um El-Sayeds Haltung zu Israel eskalierte.
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Why It Matters
Abdul El-Sayed ist 42 Jahre alt und kandidiert für die Demokraten um einen Sitz im US-Senat in Michigan. Er wurde in Rochester Hills geboren, seine Eltern wanderten aus Ägypten ein. Er war Direktor des Gesundheitsamtes in Detroit und später in Wayne County. Trump diffamiert ihn als „radikalen Islamisten“ und behauptet Verbindungen zur Muslimbruderschaft. Haley Stevens, die in der Vorwahl gegen ihn verlor, unterstützt nun den Republikaner Mike Rogers. Der Streit dreht sich um El-Sayeds Haltung zu Israel, einschließlich der Forderung nach Stopp der Waffenlieferungen und der Bezeichnung des Gaza-Kriegs als „Genozid“.
Abdul El-Sayed ist charismatisch – und Muslim. Von Trump wird der Kandidat der Demokraten diffamiert. Doch auch in der eigenen Partei ist er umstritten. Kurz vor der Wahl kommt es zum Eklat.
Washington. Eines weiß Abdul El-Sayed sicher: Weder sein Name noch sein Glaube sind daran schuld, dass es den US-Amerikanern gerade schlecht geht. Der 42-Jährige tritt im Bundesstaat Michigan bei den Zwischenwahlen am Dienstag an. Sollte er diese gewinnen, wäre er der erste muslimische US-Senator in der Geschichte der Vereinigten Staaten.
Für Donald Trump und seine Partei bietet das Angriffsfläche. Die Republikaner versuchen, El-Sayed als Gefahr fürs Land hinzustellen. Der US-Präsident selbst diffamiert ihn als einen „radikalen Islamisten“, der alles dafür tue, um Amerika zu zerstören.
Trump behauptet, dass El-Sayed Verbindungen zur islamistischen Muslimbruderschaft hätte – ein Vorwurf, der bereits widerlegt worden ist. Und um das alles hervorzuheben und die vermeintliche Angst vor radikalem Islam im Land zu schüren, nennt er El-Sayed mehr oder weniger konsequent bei dessen zweitem Vornamen „Mohamed“.
Von Trump beschimpft und diffamiert
El-Sayeds Antwort darauf: Sein Name ist nicht schuld daran, dass die Benzinpreise derzeit so hoch sind. Das sagte er im Oktober auf einer Veranstaltung vor seinen Anhängern. Sein Name und sein Glaube seien auch nicht der Grund dafür, dass sich die Leute die Lebensmittel nicht mehr leisten können. „Und mein Name ist auch nicht der Grund, warum sich die Leute Sorgen um die Zukunft unserer Demokratie machen.“
Wer aus seiner Sicht daran schuld ist, ist klar: Donald Trump und die Republikaner. Um all das aber zu ändern, benötigen die Demokraten einen großen Erfolg bei den Zwischenwahlen. Vor allem den Senat müssen sie gewinnen. Und dafür muss El-Sayed im Rennen in Michigan siegen.
Wer ist der Mann, den Donald Trump versucht, als muslimischen Terroristen hinzustellen?
Eine sehr amerikanische Lebensgeschichte
El-Sayed selbst ist in Michigan geboren, genauer gesagt in Rochester Hills, einem Vorort der Autostadt Detroit. Seine Eltern wanderten aus Ägypten in die USA ein – und trennten sich, als er noch ein Kleinkind war. Er wuchs bei seinem Vater und seiner Stiefmutter auf, einer Nachfahrin von Abigail Adams, der Frau des zweiten US-Präsidenten John Adams. Insofern ist El-Sayeds Geschichte auch eine uramerikanische.
In der High School war er Kapitän der Ringer, des Football- und des Lacrosse-Teams – es ist die körperliche Betätigung, die dem immer noch muskulösen, kantigen Politiker laut eigener Aussage auch im späteren Berufsleben half. „Vieles von dem, was ich über Führung gelernt habe, habe ich beim Sport gelernt“, sagt er in einem Interview im Jahr 2021 mit einer Schülerzeitung. Und: „Oft spielt man mit Leuten, die man eigentlich nicht besonders mag, aber man muss trotzdem einen Weg finden, zusammenzuarbeiten, um ein gemeinsames Ziel zu erreichen – und das ist wirklich wichtig.“
Doch für El-Sayed funktioniert das nicht immer. Zwei Tage vor den Zwischenwahlen kam es zum offenen Bruch mit Haley Stevens. Zuvor scheiterte die moderate Demokratin im Sommer bei einer parteiinternen Vorwahl gegen den linken El-Sayed. Am Wochenende kündigte sie dann überraschend an, bei den Zwischenwahlen für den Republikaner Mike Rogers zu stimmen.
„Unser demokratischer Kandidat für den US-Senat, Abdul, [hat] gesagt, dass ich in seinem Wahlkampf nicht mehr willkommen sei und mich fernhalten solle“, sagte sie in einem Video am Sonntag. „Und er hat recht, und deshalb spreche ich mich heute für Mike Rogers als Kandidaten für den US-Senat aus. Ich gehöre nicht in Abduls Wahlkampf.“
Es ist eine Art Tabubruch, den Stevens damit begeht. Nicht nur ihre Stabsleitung trat daraufhin zurück, auch wurde Stevens am späten Sonntagabend aus der Partei in dem Bundesstaat ausgeschlossen. „Die Kongressabgeordnete Stevens ist kein aktuelles Mitglied der Demokraten in Michigan, und sie wird es auch in Zukunft nicht sein“, schrieb der Vorsitzende der Demokraten in Michigan, Curtis Hertel, auf dem Kurznachrichtendienst X.
Im Kern drehte sich der Streit um das Thema, das El-Sayed und Stevens schon im Vorwahlkampf erbitterte Wortgefechte ausfechten ließ: Israel.
Stevens kritisierte ihren Konkurrenten immer wieder scharf für seine Haltung zu Israel. Dieser fordert unter anderem, die US-Waffenlieferungen komplett einzustellen, und nannte den Krieg Israels in Gaza einen „Genozid“. In einem Interview mit CNN im April bezeichnete er sowohl die Hamas als auch die israelische Regierung als „bösartig“.
Stevens wiederum musste sich den Vorwurf gefallen lassen, von der jüdischen Lobbyorganisation AIPAC viele Millionen für ihren Wahlkampf bekommen zu haben.
Ob die Kongressabgeordnete sich zur Unterstützung von Trumps Partei entschied, weil sie persönlich beleidigt ist oder aus inhaltlichen Gründen, ist unklar.
Kopf-an-Kopf-Rennen in Michigan
In jedem Fall könnte der offene Bruch den Demokraten – nicht nur in Michigan – enorm schaden. Das Rennen im Bundesstaat gehört neben Texas wohl zu den wichtigsten Entscheidungen bei dieser Wahl, obwohl Michigan bei Präsidentschaftswahlen regelmäßig die Seiten wechselt, ist es mehr als 30 Jahre her, dass ein republikanischer Senator für den Bundesstaat in den Kongress einzog.
Doch das Rennen zwischen El-Sayed und Mike Rogers, einem ehemaligen FBI-Agenten, ist eng. Viele Umfragen sehen den Demokraten zwar leicht vorn, doch es bleibt ein Kopf-an-Kopf-Rennen.
Dass Abdul El-Sayed mit seiner Haltung zu Israel jüdische Wähler verprellen könnte, ist die große Sorge. Zwar machen sie weniger als zwei Prozent der Wählerschaft in Michigan aus. Doch ein paar Tausend Stimmen können hier über Sieg und Niederlage entscheiden.
Auch deswegen hätte die demokratische Parteiführung lieber Stevens als Kandidatin gesehen. Sie gilt als vermittelbarer.
El-Sayed will die Reichen höher besteuern
El-Sayed steht am linken Rand seiner Partei, doch zu den „Democratic Socialists of America“ (DSA), der größten sozialistischen Vereinigung in der Geschichte der USA, gehört er offiziell nicht. Mitglieder sind unter anderem die demokratische Abgeordnete Alexandria Ocasio-Cortez und der Bürgermeister von New York City, Zohran Mamdani.
Aber obwohl er nicht Mitglied in der DSA ist, ist auch El-Sayed für eine kostenlose Krankenversicherung, will die Lebenshaltungskosten senken und die Migrationsbehörde ICE abschaffen sowie die Reichen höher besteuern – und Geld aus der Politik fernhalten.
„Money out of politics, money in your pocket and Medicare for all“ – Geld raus aus der Politik, Geld in eure Taschen und Krankenversicherung für alle. Auf diesen Slogan bricht El-Sayed sein Programm herunter.
Ein für US-amerikanische Verhältnisse derart linkes Programm ist in Michigan riskant. Der Bundesstaat gilt als „lila“, also als Bundesstaat, der zwischen Republikanern, deren Farbe rot ist, und den „blauen“ Demokraten hin und her wechselt. So stimmte der Staat bei den vergangenen drei Präsidentschaftswahlen zweimal für Donald Trump.
Er hat sich ganz bewusst an enttäuschte ehemalige Trump-Wähler gewandt. Peter Trumbore, Politikwissenschaftler an der Oakland University in Michigan
Doch genau das hat er erkannt, sagt Peter Trumbore, Politikwissenschaftler an der Oakland University in Michigan. „El-Sayed hat intensiv Wahlkampf in ländlichen und konservativeren Teilen des Bundesstaates betrieben, wo seine Veranstaltungen auf großen Zuspruch gestoßen sind“, sagt Trumbore dem Tagesspiegel. „Er hat sich ganz bewusst an enttäuschte ehemalige Trump-Wähler gewandt.“
Natürlich profitiert El-Sayeds Wahlkampf derzeit von den enorm gestiegenen Preisen für Lebensmittel und Benzin sowie den Kürzungen bei der Krankenversicherung. Doch die Verbesserung des Gesundheitswesens ist das zentrale Motiv von El-Sayeds Kampagne.
Es ist gleichzeitig auch der Bereich, in dem er sich am besten auskennt. Ursprünglich wollte er Arzt werden, studierte Medizin in New York – entschied sich dann aber doch für eine Karriere im Gesundheitswesen. Er war von 2015 bis 2017 Direktor des Gesundheitsamtes in Detroit und von 2023 bis 2025 übte er das gleiche Amt in Wayne County aus.
Der Mann, der bei seinen Wahlkampfauftritten fast immer ein schwarzes Shirt mit V-Ausschnitt trägt, wollte etwas am System ändern. „Ich habe Medizin studiert, weil ich Arzt werden wollte“, sagte El-Sayed im August in einem Interview mit dem Magazin „The New Yorker“. Nur musste er dann feststellen, „dass unser Gesundheitssystem genau die Menschen, um die ich mich kümmern wollte, aktiv aus dem System drängte“.
Am Dienstag nun können sich die Wähler in Michigan entscheiden, wen sie in den US-Senat schicken. Bleibt der Bundesstaat „blau“ und wird Abdul El-Sayed US-Senator, stehen die Chancen gut, dass die Demokraten beide Kongresskammern übernehmen – und der präsidialen Macht Donald Trumps in den kommenden zwei Jahren Grenzen setzen.
Sollte El-Sayed es schaffen, hier zu gewinnen, könnte das zudem Auswirkungen auf die gesamte Partei haben. Denn die Demokraten stehen vor einer Grundsatzfrage: Mit welchem Kurs gehen sie in den Präsidentschaftswahlkampf 2028?
What to Watch
AI outlook — possibilities, not facts
El-Sayed wird die Wahl in Michigan gewinnen oder verlieren, das Rennen bleibt ein Kopf-an-Kopf-Rennen.
Possible · Within days
Die Demokraten könnten beide Kongresskammern übernehmen, wenn El-Sayed in Michigan gewinnt.
Possible · Within days
Open Questions
- Wird El-Sayed die Wahl in Michigan gewinnen?
- Welche Auswirkungen hat Stevens' Austritt auf das Wahlergebnis?
- Wie wird sich der Streit um Israel auf die jüdische Wählerschaft auswirken?
- Welche Konsequenzen hat der Bruch für die Demokratische Partei bei der Präsidentschaftswahl 2028?






