
Vor dem Duell gegen den FC Bayern München prägt Trainer Miron Muslić den FC Schalke 04 durch eine Mischung aus fachlicher Kompetenz und emotionaler Identifikation.
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Der FC Schalke 04 befindet sich nach Jahren des sportlichen Niedergangs unter der neuen sportlichen Leitung im Umbruch. Miron Muslić übernahm das Traineramt, um die Mannschaft emotional und taktisch neu auszurichten.
Die Zeit der Provokationen ist für den FC Schalke eher noch nicht gekommen vor diesem zweiten Spieltag nach der Rückkehr in die Bundesliga, an dem der FC Bayern München in Gelsenkirchen zu Gast sein wird. Zwölfmal am Stück hat Schalke zuletzt gegen den Rekordmeister verloren, 2:42 lautet das Torverhältnis dieser Serie. Der bis hierher letzte Sieg gelang im Jahr 2011. Ehrfurcht wäre also angebracht, aber als Miron Muslić nach dem 0:3 beim FC Augsburg zum Saisonauftakt nach einem Ausblick auf das nächste Spiel gefragt wird, sagt er mit einem Lächeln auf den Lippen: „Ich bin Sechziger-Fan.“
Der Schalker Trainer liebt diese Art der Hintergründigkeit. Seine Worte sind positiv, zugleich lodert ab diesem Moment aber ein kleiner Konflikt, der am Samstag in der Arena zu einem energiespendenden Großbrand werden soll. Dass die Bayern Muslićs Sympathien für ihren Lokalrivalen interessieren, ist zwar unwahrscheinlich, aber der Prozess der emotionalen Aufladung hat begonnen.
Die Schalker werden rennen, bis die Mägen krampfen, so viel ist sicher. „Schnallt euch an, es geht los“, waren der Legende zufolge vor gut einem Jahr Muslićs erste Worte in der Kabine. Seither befindet sich Schalke 04 auf einer wilden Fahrt nach oben. Beflügelt von einem an diesem Standort unerschöpflichen Treibstoff, den Miron Muslić fördert wie die Bergleute einst das Grubengold: Emotionen.
Vor der vergangenen Saison sagte der damals 42 Jahre alte Trainer in einem F.A.Z.-Interview einen schönen Satz: „Gefühlt ist bei Schalke 04 nahezu alles Emotion.“ Dann erklärte der damals gerade mit Plymouth Argyle in die dritte englische Liga abgestiegene Bosnier seine ganz persönliche Trainerstrategie: „Mein Ansatz ist, diese Emotionen zu spüren, zu verstehen und einzuordnen. So kann ich als Cheftrainer in die Situation kommen, die Emotionen zu lenken. Fußball ist ein Spiel der Emotionen, und ich lasse mich gerne in diese Welt der Emotionen fallen.“
Mit dieser Vorgehensweise hat er eine verunsicherte Mannschaft stabilisiert, er hat Schwächephasen überwunden, eine zutiefst gedemütigte Fangemeinde mit neuem Stolz ausgestattet, Spieler wie Edin Džeko angelockt, die ein Jahr zuvor niemals hierhergekommen wären, und den Aufstieg geschafft. „Miron hat die Leidenschaft und das Leben für den Verein wieder zurückgebracht mit seiner Art“, sagt Timo Becker.
Der Verteidiger muss es wissen, er ist Schalker seit Geburt. Als Kind wundert er sich, wie sein Vater im Anschluss an die Spiele nach „ein, zwei Bier zu viel“ noch den richtigen Eingang in der heimischen Bergarbeitersiedlung findet, wo alle Häuser gleich aussehen. Becker kennt noch den Alltag der Bergleute, die nach der Schicht mit geschwärzten Gesichtern aus der Zeche kommen. Und Muslić sagt in der gerade erschienenen Doku „Mythos Schalke“, er verstehe die Menschen in der teilweise verarmten Arbeiterstadt Gelsenkirchen, weil er selbst einst zu den weniger Privilegierten zählte.
Im Alter von neun Jahren ist der ganze Stolz seiner glücklichen Kindheit in dem bosnischen Städtchen Bihać ein BMX-Rad. Die Familie hat dort ein kleines Haus, einen Garten und Freunde, doch als die Eltern den Ort eines Tages aufgrund des Krieges überstürzt verlassen müssen, bleibt all das zurück. Auch das Rad. Es folgen Jahre in Österreich, in denen sich Mirons Mutter als Putzhilfe durchschlägt, während der Vater als Servierkellner in einem Hotel arbeitet.
In der Anfangszeit wohnt der kleine Miron mit den Eltern und der Schwester in einem Zimmer. Die Eltern schlafen abwechselnd auf dem Boden, die Toilette ist draußen auf dem Flur. „Es hält mich mit beiden Füßen auf dem Boden“, sagt Muslić heute über diese Erfahrungen. „Eine Stärke von mir ist, dass ich die Gabe und die Kraft habe, dass ich zwischen der Bubble Fußball und dem echten Leben unterscheiden kann“, sagt er während der vergangenen Saison in einem Interview bei Sky.
Aber auch als Fußballer bleibt seine Lage kompliziert. Zwar schafft es der junge Stürmer bis in den Profikader des Erstligaklubs SV Ried in Österreich, aber er setzt sich nicht durch. Dafür trifft er hier erstmals den Trainer Thomas Weissenböck, den Muslić heute als „Mentor“ auf seinem Weg in den Trainerberuf bezeichnet. Mit dem Fußballer Muslić kann Weissenböck beim SV Ried wenig anfangen, aber als der Freizeittrainer Muslić Jahre später in einem Kurs der von Weissenböck geleiteten Trainerausbildung auftaucht, ändert sich die Perspektive.
„Mir ist sofort aufgefallen, dass er Talent mitbringt“, erzählt der Ausbilder am Telefon. „Sein Ehrgeiz, sein Zugang zu anderen Menschen, sein Gespür für Trainingsübungen und die Bereitschaft, das Trainergeschäft in all seinen Facetten zu lernen, waren von Beginn an außergewöhnlich.“ Hinzu komme, dass „Miron die Schärfe hat, um Dinge mit einer großen Klarheit herauszuarbeiten“.
Eigentlich ist Muslić da längst in einem anderen Berufsleben angekommen, arbeitet als Schulassistent in Interventionsklassen mit Kindern mit Migrationshintergrund oder mit Beeinträchtigungen. Aber der Fußballehrgeiz brennt, und so holt Weissenböck den talentierten Trainer in die Akademie des SV Ried, besorgt Muslić einen Vollzeitjob im Fußball, ermöglicht die nächsten Ausbildungsschritte.
„Oft steht in Gesprächen über eine mögliche Zusammenarbeit das Geld im Vordergrund, aber Miron wollte einfach lernen. Das hat mir gefallen“, erinnert sich der Österreicher und erzählt: „In der Kabine wurde er geliebt. Er findet zu jedem Spieler einen Zugang durch Wertschätzung, Offenheit und Ehrlichkeit. Das ist eine seiner größten Stärken. Die Spieler glauben ihm.“ Offenbar bis heute.
Als auf Schalke während des Ramadans im Winter sechs muslimische Schalker Spieler vor dem Sonnenuntergang weder trinken noch essen, spricht Muslić nicht von einer Schwächung, er hebt die spirituellen Kräfte der Fastenzeit hervor, die auch beflügeln könnten. Er selbst fastet mit, Schalke bleibt ungeschlagen und schafft wichtige Schritte in Richtung Aufstieg. Irgendwie scheinen diesem Trainer immer alle zu glauben.
„Miron kommt in einen Raum und erreicht sofort bei allen Anwesenden eine emotionale Ebene“, sagt Youri Mulder, Schalkes Direktor Profifußball, der gemeinsam mit Sportvorstand Frank Baumann, mit Kaderplaner Max Lüftl und mit Muslić die sportliche Leitung der Profiabteilung bildet. Auch menschlich sei hier etwas zusammengewachsen, ist zu hören. In der Kabine beherrscht Muslić überdies die Sprache der Straße, was bekannt ist, weil immer wieder Teile seiner Reden veröffentlicht werden. Englisches mischt sich mit Sätzen auf Deutsch, das Energielevel ist oft am Anschlag.
Wenn er eine Aussage verstärken möchte, stattet er diese mit einem lustvoll herausgepressten „fucking“ aus. Die Wucht dieser Momente ist gewaltig, unklar ist jedoch, wie Muslićs Emotionalität und seine Rhetorik in Misserfolgsphasen funktionieren. Abgesehen von einer ersten, sehr kurzen Cheftrainerstation in Ried hat er nämlich immer alle Erwartungen erfüllt. Cercle Brügge führte er in den Europapokal, mit Plymouth stieg er zwar ab, nachdem er die Mannschaft allerdings in einer fast aussichtslosen Situation mitten in der Saison übernommen hatte.
Und im FA-Cup besiegte er seinerzeit den großen FC Liverpool. „Meine Entwicklung als Trainer war wie eine Rakete“, sagt Muslić, der mitunter Grenzen sucht. So setzt er sich vor Weihnachten mal mit der Kleidung der äußerst umstrittenen Ultras GE in eine Pressekonferenz und sagt, dass er das Shirt „mit einem großen Stolz“ trage. Er erzählt Geschichten von „Blut, Schweiß und Tränen“ und behauptet: „Ich bin der glücklichste Trainer in Deutschland, weil ich jeden Tag für Schalke arbeiten darf.“
Aber was sagt er dann, wenn er irgendwann nach Stuttgart oder gar München wechseln sollte? Schon jetzt finden manche Beobachter Muslić manchmal zu pathetisch, wenn er sich nach Siegen vor der Nordkurve auf die Brust haut wie ein Wikinger nach einer gewonnenen Schlacht.
Aber die Mehrheit der Schalker liegt dem Trainer auch in solchen Momenten zu Füßen, und Mulder sagt: „Ich empfinde es als absolut echt bei ihm. Schalke nimmt einen eben mit, ich habe das auch erlebt. Mein Eindruck ist, Miron fühlt sich wirklich mit diesem Verein verbunden. Das weiß ich auch aus unseren Gesprächen.“
Leicht übersehen wird im Kontext dieser emotionalen Wucht aber noch eine andere Facette: die fachliche Kompetenz. Was Muslić während der vergangenen Saison schaffte, ist nämlich ein kleines Meisterwerk. Die Mannschaft stand am Ende der ersten Saisonhälfte auf dem ersten Tabellenplatz und hatte in 17 Partien einerseits relativ wenige eigene Tore geschossen, andererseits aber nur zehn Gegentreffer zugelassen.
„Ich habe noch gedacht, wir stehen oben, wir kriegen kaum Tore, die Offensive gewinnt Spiele, und die Defensive gewinnt Meisterschaften“, erinnert sich Mulder, der höchst zufrieden war.
Schließlich kommt Schalke aus einer ganz, ganz tiefen Krise, niemand hat diesen Erfolg erwartet. „Aber Miron hat gesagt, wir müssen das ändern“, sagt Mulder. Also werden mit Dejan Ljubičić, Adil Aouchiche, Moussa Ndiaye und Edin Džeko vier spielstarke Leute dazu geholt, die umgehend vier zuvor gesetzte Kollegen aus der erfolgreichen Startelf verdrängen. Spätestens als auch dieser Plan trotz anfänglicher Schwierigkeiten aufgeht, dürfen sich Sportchef Baumann und sein Vorstandskollege Matthias Tillmann zu einem sensationellen Trainercoup gratulieren.
Wenige Monate zuvor gleichen die beiden nämlich ihre Liste mit Trainerkandidaten ab. Schalke hat gerade die erfolgloseste Saison der Vereinsgeschichte zu Ende gebracht, die Mannschaft wird verspottet, in der Nordkurve hängt das berühmte „Ihr Versager“-Transparent. Es ist klar, dass ein neuer Trainer kommen muss – der einzige Name, den beide aufgeschrieben hatten: Muslić.
Baumann war das Talent aufgefallen, als er für Werder Bremen den unter dem Bosnier bei Cercle Brügge spielenden Olivier Deman beobachtet. Und Tillmann hatte von Muslić gehört, weil dieser in Plymouth auf beeindruckende Art und Weise eine am Boden liegende Mannschaft aufgerichtet hatte.
Jetzt scheint er das auch mit dem FC Schalke 04 zu schaffen, der nach Jahren des Niedergangs an der Schwelle zu einer stabilen Zukunft steht. „Das Besondere ist, dass die Extreme da sind“, sagt der sehr zurückhaltende Sportvorstand Frank Baumann, der zuvor in Bremen arbeitete und der mit Muslić, Mulder, Tillmann und Lüftl eine Konstellation bildet, die diese Extreme so geschickt beherrscht, dass mancher Schalker sogar das Undenkbare für möglich hält: den ersten Sieg gegen Bayern München seit 25 Jahren.
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