
Steigende Krankenstände belasten den deutschen Mittelstand. Mit flexiblen Sport- und Gesundheitsangeboten sowie gezielter Prävention versuchen Unternehmen gegenzusteuern.
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Der Krankenstand in Deutschland ist in den letzten Jahren gestiegen. Kleine und mittlere Unternehmen stehen vor Herausforderungen durch Arbeitsverdichtung und Fachkräftemangel.
Hamburg. Als die Mitarbeitenden von i3 Membrane 2020 in einem Workshop herausarbeiten sollten, was sie sich für die Zukunft wünschen, war das Ergebnis eindeutig: ein stärkerer Fokus auf Work-Life-Balance. „Es gab ein großes Bedürfnis nach mentalem und körperlichem Ausgleich zum zeitweise hohen Arbeitsaufkommen“, sagt Kathrin Hahn, Chief Marketing Officer bei dem Hamburger Medizinproduktehersteller.
Ähnliches erleben derzeit viele deutsche Mittelständler: In Zeiten von Arbeitsverdichtung, Digitalisierung und wachsendem Gesundheitsbewusstsein steigt der Wunsch von Arbeitnehmern nach mehr Vitalität und Wohlbefinden. Dass es damit nicht zum Besten steht, zeigen auch die Krankheitszahlen: Durchschnittlich 14,6 Tage meldeten sich Arbeitnehmer in Deutschland 2025 krank – 4,6 Tage mehr als noch vor zehn Jahren.
Ein Wert mit Sprengkraft: Bei insgesamt 250 Arbeitstagen im Jahr gehen der Wirtschaft durch krankheitsbedingte Ausfälle mehr als fünf Prozent der produktiven Arbeitszeit verloren. Kleine und mittlere Unternehmen, in denen einzelne Aufgaben oft von nur einer Person verantwortet werden, treffen solche Fehlzeiten besonders hart. In einer Umfrage im Auftrag der Krankenkasse Barmer unter 550 Entscheidungsträgern aus dem Mittelstand nannten 94 Prozent die Gesundheit der Angestellten als wichtige Voraussetzung für unternehmerischen Erfolg – noch vor Betriebsklima, Innovation und Digitalisierung.
Umgekehrt wird an hoher Krankenstand zum betrieblichen Risiko, das viele Mittelständler unterschätzen. Angesichts geopolitischer Konflikte, steigender Energiekosten und einer rasanten technologischen Entwicklung erscheinen andere Themen drängender, auch was die finanziellen Ressourcen betrifft. Dabei lässt sich schon mit geringen Mitteln viel erreichen. Nicht nur für die Gesundheit der Beschäftigten, sondern auch für die Attraktivität des eigenen Unternehmens am Arbeitsmarkt.
Viele Mittelständler sähen beim Thema Mitarbeitergesundheit ein großes Projekt für ein betriebliches Gesundheitsmanagement auf sich zukommen, sagt Carolin Chung, Kompetenzfeldleiterin Psychologie bei der Ias-Gruppe. „Das ist aber oft gar nicht notwendig.“ Wer Belastungen früh erkenne, offen darüber spreche und Mitarbeiter unterstütze, schaffe oft mehr Wirkung als mit einer Vielzahl einzelner Gesundheitsangebote.
Schon eine Mitarbeiterbefragung kann helfen, die richtigen Ansätze aufzuzeigen – wie bei i3-Membrane. Dort stellte sich heraus, dass die Mitarbeitenden in der Hamburger Zentrale andere Angebote nutzen wollten als die in der Produktion in Radeberg. Statt unterschiedliche Lösungen für die Standorte zu entwickeln, entschied sich die Geschäftsführung, mit einem großen Sportanbieter zusammenzuarbeiten, der über viele lokale Kooperationspartner verfügt. „Damit können unsere Mitarbeitenden unabhängig von Wohn- und Arbeitsort aus einer Vielzahl von Ausgleichsangeboten wählen“, sagt Hahn.
Ein Vertrag mit einem großen Netzwerkanbieter wie Egym Wellpass, Epassi oder Urban Sports Club kann für Mittelständler interessant sein, weil darüber diverse Berufsgruppen angesprochen werden. Kleine Gruppenlizenzen können oft über die Homepage gebucht werden, größere Firmen sollten ein individuelles Angebot einholen.
Dabei geht es nicht darum, dass möglichst alle im Betrieb mitmachen. „Mittelständler sollten versuchen, vor allem diejenigen zu erreichen, die bisher noch nicht viel für ihre Gesundheit getan haben“, sagt Johannes Füß, Vice President bei Egym Wellpass.
Über eine App können Nutzer deutschlandweit aus Tausenden Angeboten lokaler Partner auswählen, egal ob sie am Standort oder im Homeoffice arbeiten oder gerade auf Dienstreise sind. Vor dem Vertragsabschluss sollten insbesondere Unternehmen abseits der Großstädte prüfen, welche Auswahl die Anbieter für sie bereithalten. So nützt das Fitnessstudio direkt neben dem Büro Mitarbeitern nichts, die nach Dienstschluss 40 Kilometer nach Hause zur Familie fahren und erst am Abend Zeit für Sport finden.
Viele Unternehmen setzen die Mitgliedschaft bei einer Fitnessplattform auch aktiv im Recruiting ein. „Ein vielfältiges Sportangebot kann für Bewerber ein Argument für einen Mittelständler sein“, sagt Epassi-Deutschlandchef Roland Reinheimer. Um möglichst alle Mitarbeitenden zu erreichen, hat der Bremer Anbieter ein zusätzliches Modul entwickelt: Wer lieber joggt oder Fahrrad fährt, als ins Fitnessstudio zu gehen, kann darüber Punkte sammeln, mit denen er dann bei verschiedenen Einzelhändlern einkaufen kann.
Je nach Anbieter kostet eine Lizenz pro Mitarbeiter um die 50 Euro. Übernimmt der Arbeitgeber die Mitgliedschaft, bleibt sie als Sachbezug steuer- und sozialabgabenfrei – falls der Mittelständler die Freigrenze nicht schon durch andere Sachleistungen wie Tank- oder Einkaufsgutscheine überschritten hat. Viele Unternehmen übernehmen die Hälfte der Kosten. „Manchmal ist der Anreiz, die Mitgliedschaft zu nutzen höher, wenn Mitarbeiter einen Teil selbst zahlen“, sagt Egym-Wellpass-Manager Füß.
Damit ein betriebliches Gesundheitskonzept passgenau ist, rät Dario Zaremba Mittelständlern, die interne Analyse nicht nur auf die Entwicklung der Fehlzeiten zu reduzieren. „Entscheidend ist vielmehr, welche Erkrankungen hinter den Fehlzeiten stehen“, sagt der Teamleiter Gesundheitsmanagement beim Institut für Betriebliche Gesundheitsförderung der AOK.
Viele Ausfalltage verursachen vor allem Muskel-Skelett-Beschwerden sowie psychische Erkrankungen. Und obwohl Langzeitpatienten nur 3,3 Prozent aller Krankheitsfälle in Deutschland ausmachen, sorgen sie laut AOK für 40 Prozent aller Krankentage.
Es lohnt sich daher, genau hinzuschauen, wo die Gründe für Krankschreibungen im eigenen Unternehmen liegen. Zwar wirkt regelmäßiger Sport chronischen Erkrankungen entgegen, trotzdem müsse eine Sportkooperationen nicht für jeden Betrieb die richtige Lösung sein, so Zaremba.
So zeigen Zahlen der AOK, dass die Belastung der Arbeitnehmer durch Stress, die Digitalisierung und die zunehmende Verdichtung der Arbeit zugenommen hat. Seit 2014 seien die Arbeitsunfähigkeitstage aufgrund psychischer Erkrankungen um rund 47 Prozent gestiegen.
Auch auf diese Entwicklung können Unternehmen reagieren, ohne gleich ein Mental-Health-Programm aufzulegen. Schon vierteljährliche Treffen mit der Belegschaft mit Fokus auf Belastungsthemen helfen aufzuzeigen, wie es um die mentale Gesundheit steht. Die Einstellung einer Telefonanlage, die dafür sorgt, dass es bei jedem Anruf stets bei allen im Team klingelt, kann geändert werden. Die durch einen Großauftrag ausgelöste Mehrbelastung kann aufgeteilt werden, bevor der zuständige Mitarbeiter auf einen Burn-out zusteuert.
Positiv auf das Wohlbefinden wirkt sich auch die Schulung von Führungskräften und Vertrauenspersonen im Umgang mit sensiblen Themen aus. „Das Privatleben gilt in vielen Betrieben noch als Tabuthema“, sagt Zaremba. Dabei könne ein familiärer Pflegefall oder eine Trennung die Psyche und Leistung genauso gefährden wie Stress am Arbeitsplatz.

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