München wird deutscher Kandidat für Olympische Spiele
Der DOSB hat sich in Baden-Baden für München als Bewerberstadt für die Sommerspiele 2036, 2040 oder 2044 entschieden.
Quick Look
- Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) hat München mit dem Segel-Partner Kiel als offiziellen deutschen Kandidaten für künftige Olympische Sommerspiele ausgewählt.
- Das Votum fiel mit 91 zu 50 Stimmen gegen die Konkurrenz aus Köln/Rhein-Ruhr aus.
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Why It Matters
Der DOSB hat nach vier Jahren Vorbereitung und sieben erfolglosen Versuchen in der Vergangenheit eine neue Olympia-Bewerbung gestartet. München setzte sich in einer internen Wahl gegen Köln/Rhein-Ruhr durch.
Nachdem so viel Spannung aufgebaut worden war, über Stunden, Wochen, Monate, rutschte das Ergebnis im entscheidenden Augenblick zu früh heraus. Als Thomas Weikert, der Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB), den Umschlag an Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier übergeben wollte, konnte man im Saal des Kurhauses Baden-Baden schon lesen, was sich darin verbarg.
Der Bundespräsident nahm es locker und rief all jenen, die es noch nicht gesehen hätten, das Ergebnis der olympischen Kür zu: München wird der deutsche Kandidat für Olympische und Paralympische Sommerspiele im Jahr 2036, 2040 oder 2044 sein.
In diesem Moment ballte Markus Söder, der bayerische Ministerpräsident, linksaußen in der ersten Reihe des Saals kurz die linke Faust, gleich danach nahm er die rechte, um mit dem Münchner Oberbürgermeister Dominik Krause einzuschlagen. Kurz darauf kamen die Gratulanten von allen Seiten, allen voran die unterlegenen Bewerber vom Team Köln/Rhein-Ruhr mit dem nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten Hendrik Wüst und dem Kölner Oberbürgermeister Torsten Burmester an der Spitze.
Es war ein überraschend deutliches Ergebnis: 91:50 Stimmen für München mit seinem Segel-Partner Kiel. Damit fand ein Prozess ein Ende, der vor vier Jahren in Baden-Baden begonnen hatte, der aber jetzt erst so richtig losgeht. Nach Lage der Dinge wird das Internationale Olympische Komitee (IOC) im Sommer 2029 eine Entscheidung über den Ausrichter für 2036 treffen, ob Europa dann zum Zug kommen wird, ist ebenso ungewiss wie die deutschen Aussichten in einer internationalen Konkurrenz. Der nächste Schritt ist der Eintritt in den „strategischen Dialog“ mit dem IOC im kommenden Jahr.
Die Erleichterung, dass der Name aus dem Umschlag ist, dass der aufwendige Prozess ein wichtiges Zwischenziel erreicht hat, war überall im Saal zu spüren, nicht nur inmitten der bunten, nach oben strebenden Balken auf der Bühne. Am größten freilich war die bayerische Freude, auch wenn Söder versicherte, dass sie nicht an Landesgrenzen stoßen soll. „Wir denken deutsch“, sagte er und gab sich im Kreis der Sportfamilie staatsmännisch. „Es ist etwas Historisches, und wir wollen alles geben, damit wir uns als Partner für Nord und Süd, für Ost und West präsentieren.“
Auch Bundespräsident Steinmeier hatte zuvor von einem „historischen Ziel“ gesprochen. Er nutzte die Bühne für ein Statement, das weit über den Sport hinausreichte. Die Spiele seien eine „Riesenchance für ganz Deutschland“, sagte er und verband das mit einem umfassenden Appell: „Nutzen wir den Schwung der Bewerbung, um unser Land nach vorn zu bringen, (...) zeigen wir, dass wir ein Land der Möglichkeiten sind. Nutzen wir den Schwung der Bewerbung aber auch, um zu bekräftigen, wer wir sind und was wir bleiben wollen: ein weltoffenes, liberales und demokratisches Land.“
Das Signal, das der DOSB von Baden-Baden unter dem Motto „stronGER together“ gesendet werden sollte, war ein doppeltes. Nach innen, damit die in den Referenden von München und Köln/Rhein-Ruhr sowie in den Umfragen des DOSB dokumentierte Unterstützung weiter das ganze Land erreicht – Thomas Weikert nannte die Zahl von 70 Prozent.
Und nach draußen, nach Lausanne, wo man beim IOC genau draufschauen wird, ob Deutschland aus seinen Fehlern der vergangenen Bewerbungen, von denen Weikert auch sprach, gelernt hat. „Wir können stolz sein auf das, was wir in den vergangenen vier Jahren erreicht haben“, sagte der DOSB-Präsident.
141 Stimmen waren auf der Grundlage von Paragraph 16 der DOSB-Satzung in der geheimen Wahl zu vergeben: jeder der 42 olympischen Fachverbände mit jeweils drei Voten, dazu zehn Mitglieder des Präsidiums und acht persönlichen Mitglieder des DOSB, früheren aktiven Mitgliedern des Team-D. Von denen hatten allerdings drei im Vorfeld aus persönlichen Gründen abgesagt, Elena Gilles, Leon Goretzka und Anna Schaffelhuber. Durch den Rückzug Berlins am Donnerstag hatte sich auch der eigentlich vorgesehene zweite Wahlgang erübrigt – eine Pattsituation einmal ausgenommen.
Das Ergebnis stand schon um 11.18 Uhr fest, allerdings endete der erste Teil der Veranstaltung mit dem ersten von einigen olympischen Cliffhangern. „Wir haben bereits jetzt einen Gewinner...“, sagte der DOSB-Vorstandschef und Versammlungsleiter Otto Fricke, „...und das ist Deutschland.“ Zwischen der Stimmabgabe und der Bekanntgabe am Nachmittag lagen schließlich noch rund dreieinhalb Stunden, in denen nur zwei Personen das Ergebnis kannten, eine Notarin und ein Techniker. Sie wurden abgeschottet.
Am Morgen hatte Weikert in seiner Eröffnungsrede einerseits den olympischen Genius Loci beschworen. Baden-Baden sei „ein guter Ort, um Sportgeschichte zu schreiben“, sagte er und schlug einen Bogen vom 11. olympischen Kongress vor 45 Jahren mit weitreichenden Richtungsentscheidungen zum einstimmigen Beschluss des DOSB 2022, eine abermalige Bewerbung zu wagen – nach zuvor sieben erfolglosen Versuchen.
Vor allem aber hob Weikert den Weg der vergangenen Jahre hervor und als vielleicht größten Erfolg, die Menschen im Land wieder von Olympischen Spielen überzeugt zu haben. Der Auswahlprozess sei vielleicht „typisch deutsch“ gewesen, aber in einem positiven Sinne. Weikerts eigentliche Botschaft war die Hoffnung, dass die Bewerbung eine negative deutsche Eigenschaft überwindet: ein Land, das sich mitunter „selbst lähmt“ und sich „seiner Möglichkeiten beraubt“. Olympische Spiele seien „ein positiver Endpunkt für viele Prozesse, die wir in unserem Land umsetzen müssen“, sagte er.
Ähnlich klang später auch Ronald Rauhe, der neue Staatsminister für Sport und Ehrenamt. Mit seiner persönlichen Olympia-Geschichte, die 1992 vor dem Fernseher begann und mit zwei Goldmedaillen endete, verband er nicht nur die Hoffnung auf eine neue olympische Generation, sondern auch die auf eine neue Erzählung für das Land, das „gemeinsam Großes schaffen“ könne. Vorangehen wird nun München.
Die Bayern werden allerdings zeigen müssen, dass sie ihre Versprechen aus Baden-Baden einlösen und nicht nur ein Revival von 1972 mit dem schon von damals vertrauten Segel-Revier Kiel zelebrieren. Ihre Bewerbung war trotz der Einbindung Schleswig-Holsteins die regional am engsten gefasste – was zugleich aber auch ein Wunsch des IOC ist, wie Söder betonte.
Schon am Vorabend, beim Empfang im Kongresshaus, hatte München die Nase vorn. Die Delegationen, fast sahen sie aus wie Prozessionen, näherten sich fast gleichzeitig aus verschiedenen Richtungen, aber zuerst war es Söder, der Weikerts Hand schüttelte, kurz darauf war Wüst aus Nordrhein-Westfalen an der Reihe. Daniel Günther aus Schleswig-Holstein folgte als potentieller Mitspieler Münchens.
Am längsten gewartet wurde auf die politische Führungskraft mit der weitesten Anreise, Manuela Schwesig aus Mecklenburg-Vorpommern traf deutlich später ein. Aber erwartet worden war sie gleichwohl mit Spannung, vor allem vom Team NRW. Schließlich galt es, die eventuell für Berlin vorgesehenen Stimmen zu erobern, und da hatte Köln/Rhein-Ruhr am Montag Rostock-Warnemünde als Segelrevier benannt, mit dem Kanupark in Markkleeberg bei Leipzig ein zartes Zeichen für den Osten.
Einigkeit in der Sache wollten auch die ausgeschiedenen Bewerber aus Hamburg und Berlin demonstrieren, indem sie trotzdem nach Baden-Baden reisten und dort außerhalb des vorgesehenen Protokolls ums Wort baten. Der Hamburger Staatsrat Christoph Holstein sprach davon, dass die Bewerbung „unsere Demokratie stärken und fördern“ könne. Berlins Regierender Bürgermeister schlug mit Blick auf „Hass und Hetze“ in Deutschland ähnliche Töne an. Was das Konzept angehe, werde es nun wichtig sein, den Gewinner auch mit den Ideen der anderen Bewerber noch besser zu machen.
Für eine Objektivierung hatte der DOSB eine aufwendige Bewertungsmatrix entwickelt, die allerdings nur als Handreichung zu verstehen war. Abgeschnitten hatten München und Rhein-Ruhr darin beinahe gleichauf. Weil manches im finalen Zuschnitt der Kriterien darin eher dem Westen entgegenzukommen schien, wurde viel über den Einfluss des NRW-Netzwerks in die DOSB-Spitze hinein gemutmaßt, es fiel auch auf, dass NRW in den Bewertungen des DOSB selbst besser abschnitt, während die Spitzenverbände eher die Vorzüge von München bepunkteten. Was es bei all den Zahlen nicht gab: solche zu den möglichen Kosten, hier wurde lediglich pauschal ein Haken gesetzt.
In der näheren Zukunft wird nun auch spannend sein, inwiefern die Kür sportpolitisch, aber auch politisch ausstrahlt. Anfang Dezember kommt der DOSB schon wieder zusammen, dann steht die Wahl des Präsidenten auf der Tagesordnung. Hier gilt Michael Mronz, das deutsche IOC-Mitglied, das in der Vergangenheit für NRW lobbyierte und am Samstag mit abstimmte, als interessiert. Eine Ebene höher wird auch diskutiert, ob das Olympia-Duell zwischen Söder und Wüst auch für einen ersten Platz im Kanzleramt qualifiziert.
Aus diesem, konkret von Sport-Staatsminister Rauhe, kam am Samstag noch die Aufforderung, den Blick weit nach vorn zu richten – um Antworten auf essentielle Fragen für die weitere Bewerbung zu finden: „Welche Geschichte wollen wir international über Deutschland erzählen? Welches Zukunftsbild wollen wir zeigen?“ Das, könnte man hinzufügen, wird längst nicht nur im Sport entschieden.
What to Watch
AI outlook — possibilities, not facts
Eintritt in den strategischen Dialog mit dem IOC im kommenden Jahr.
Very likely · Within months
Open Questions
- Wird Europa den Zuschlag für 2036 erhalten?
- Wie hoch sind die tatsächlichen Kosten der Bewerbung?


