Die israelische Gedenkstätte Yad Vashem veröffentlicht erstmals auf Deutsch eine Sammlung von Briefen, die Überlebende der Konzentrationslager unmittelbar nach ihrer Befreiung verfassten.
Yad Vashem veröffentlicht eine Sammlung von Briefen, die Holocaust-Überlebende unmittelbar nach der Befreiung an ihre Angehörigen schrieben und in denen sie ungefiltert von den Gräueln berichten.
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Die israelische Gedenkstätte Yad Vashem veröffentlicht erstmals auf Deutsch Briefe, in denen Holocaust-Überlebende unmittelbar nach der Befreiung Kontakt zu ihren Familien aufnahmen.
Zum kollektiven Gedächtnis über den Holocaust gehört der Befund, dass und wie Überlebende oft noch Jahrzehnte später mit sich ringen, um das Erlittene zu schildern. Die Schreiben, die Historiker der israelischen Gedenkstätte Yad Vashem jetzt erstmals auf Deutsch in einem Sammelband veröffentlichen, erweitern diese Perspektive: „Nach so viel Schmerz und Pein. Erste Briefe nach dem Holocaust“ ist eine Sammlung von Schriftstücken, mit denen Überlebende der nationalsozialistischen Konzentrationslager unmittelbar nach der Befreiung Kontakt zu ihren Liebsten – Verwandten, Bekannten, Freunden – aufnehmen. Und dabei ungefiltert auf die erlebten Gräuel zu sprechen kommen.
„Es tut weh, aber man muss es schreiben und man muss es wissen“, notiert Zipora Schapira, im Jahr 1946 noch Teenager, stellvertretend für viele. Im Unterschied zu den Erinnerungen von Zeitzeugen, die Jahrzehnte nach dem Geschehen (etwa durch Befragung von Zeitzeugenorganisationen) eingeholt wurden, handelt es sich bei den ersten Briefen um Dokumente, aus denen Trauer spricht. Erleichterung. Und Hoffnung auf ein neues Leben nach der Katastrophe.
Nachstehend veröffentlichen wir fünf Briefauszüge. Die Buchausgabe mit mehr als 50 Briefen aus dem Yad-Vashem-Archiv ist ein facettenreiches internationales Quellenwerk und erscheint in deutscher Übersetzung im Herder-Verlag.
Bernard Zucker, Linz, 2.6.1945
Liebe Nesia!
Ich, welcher noch vor vier Wochen nur als Nr. 87292 im Konzentrationslager Mathausen [sic!] existierte, und – wie alle anderen Leidensgenossen – für das Krematorium bestimmt war, bin gerettet und lebe! Das ist wahrlich etwas außergewöhnliches! Ich lebe und bin gesund! Ein neugeborener Mensch, Dein Bruder Benek!
Ich habe die Möglichkeit, einen Brief zu schreiben – den ersten seit sechs Jahren – an Dich und an B[r]onka. Die Gedanken überschlagen sich, es ist schwer, sich zu sammeln. So vieles gäbe es zu sagen, aber aus der Ferne irgendwie schwer.
Schmerz schnürt das Herz zusammen, die Hand zittert! Die Verbrecher, die Europa in Brand gesteckt haben, konnten ihr teuflisches Programm zwar nicht vollständig umsetzen, beschlossen aber, zumindest im Hinblick auf uns Juden konsequent zu sein, was ihnen leider gelang. Das europäische Judentum, und besonders das polnische, wurde vernichtet und unsere Familien zerrissen. Das war schrecklich – und ich musste es leider selbst durchleben.
Ich war der Letzte aus unserer Familie, der Rzeszów verließ. Ich war nacheinander in mehreren Lagern in Polen, bis ich schließlich in der fürchterlichen „Todesfabrik“ Mathausen [sic] in Österreich landete. Am fünften Mai wurde ich zusammen mit dem Einmarsch der amerikanischen Armee gerettet! (…)
Bernard Zucker aus dem polnischen Rzeszów schreibt einer seiner beiden Schwestern, die 1935 ins Mandatsgebiet Palästina eingewandert waren. Parallel nutzte er auch diese Vordruck-Postkarte für eine Statusmeldung:
Hirschel Rabinowitz, Modena, 20.7.1945
Es gibt nur noch alte Freunde, neue Freunde erwirbt man jetzt nicht mehr. Das Leben im KZ hat dafür gesorgt, dass die Menschen verroht und ganz schrecklich egoistisch geworden sind. Um selbst zu überleben, tritt man auf die Leichen anderer. Wie Ihr seht, gehöre auch ich zu den wenigen überlebenden litauischen Juden. Es ist alles eine Kette von Zufällen und Wendungen ohne Ende. Es ist schwer in Worte zu fassen. Inzwischen bin ich allein, ohne meine Frau, ohne meine Kinder und ohne ein Zuhause. Wohin hat das Schicksal meine Allerliebsten verschlagen? Werde ich sie jemals wieder sehen oder nie wieder?
Als ich im Arbeitslager arbeitete, war das Selbstgefühl stärker als jetzt nach der Befreiung. Früher hoffte man, dass man uns nach unserer Befreiung als Menschen, als gequälte, leidende Juden anerkennen würde, deren Leid nun wenigstens wiedergutgemacht werden müsste. Jetzt irren wir verzweifelt in Lager umher, schlafen auf der Erde, stehen Schlange für das karge Essen, das uns zugeteilt wird, und ein Ende ist nicht in Sicht.
Hirschel Rabinowitz aus Litauen hat überlebt und meldet sich aus einem Flüchtlingslager in Italien bei alten Freunden.
Syme Zosim Rysav, Brno, 13.10.1945
Mein innigstgeliebter Ned – ich würde alles dafür geben Dich sehen zu können – aber nur Dich ganz nah haben – Deine Hände fühlen – u. nichts sprechen müssen – denn alles was ich in den letzten 4 Jahren erlebt u. gelitten habe kann man weder erzählen noch schreiben. Dafür reicht keine Phantasie – Der jemals Oswenczin (Auschwitz) erlebt hat – dieses Konzentrationslager – der kann sein ganzes Leben nicht mehr Mensch sein – der kann dieses Grauen – nie – niemals vergessen – 5000 Menschen wurden täglich verbrandt [sic!] – alle Mütter u. Kinder bis 12 Jahren – egal – ob gesund od. krank – alles war reine Willkür – wer d. S.S. nicht gefallen hat – kam einfach in’s [sic!] Gas. Du wirst Dir das nicht vorstellen können – auch wenn Du im Leben stehst – Krieg u. all das mitgemacht hast, aber diesen Sadismus kannte nicht die Welt! (…)
Nadénko wir haben keine Mutter – sie ist vergast – das herrlichste u. göttlichste ist uns auf so bestialische Art genommen worden. Dann ging ich mit Fritz ab – u. zw. [und zwar] nach Auschwitz. Bei d. Ankunft wurden wir separiert – u. Fritz, der Mann den ich so unendlich liebte – lebt nicht mehr – vergast – – – (…)
Ich kam auf d. lebende Seite – von Auschwitz wo man uns ganz kahl den Kopf abrasierte – Holzpantoffeln ohne Strümpfe, ohne Wäsche, nur in Häftlingskleidung, ohne Taschentuch – ohne Seife u. Handtuch, kurz nackt wie das Vieh wurden wir verschickt.
Ich durfte mir nicht einmal eine kleine Photo lassen – von Fritz – nichts – u. so kam ich nach Kurzbach (Deutschland). Dort mussten wir in der ärgsten Kälte – im grössten Frost nackt – Schanzen graben. Wir bekamen 15 dkg (150 Gramm, Anm. d. Red.) Brot u. eine Suppe (Schmutzwasser war es!) täglich – Du kannst Dir vorstellen diese furchtbar schwere Arbeit – mittags ¼ Stunde-Pause sonst von 7h früh – bis 5h nachm. unter dauernder Aufsicht d. SS wo man selbstverständlich geprügelt wurde – und – nein – das will ich Dir gar nicht erzählen. Kurz – es war qualvoll u. täglich baten wir d. lieben Gott um Erlösung – Wir waren 2000 Frauen – u. täglich starben so viele an Hunger u. Lungenentzündungen. Ich selbst hatte 2x Lungenentzündung. Wenn man nicht in d. Arbeit ging wurde man in’s [sic!] Gas gebracht.
Als dann die Deutschen sahen – daß sich d. Russen näherten – dass alles verloren ist – kam der Auftrag, dass wir alle – die noch leben – vergast werden müssen – u. zwar Abmarsch von Kurzbach – in’s Vernichtungslager nach Groß-Rosen. Und auf diesem Weg – ich konnte u. wollte nicht mehr leben – bin ich durchgebrandt – ich wollte erschossen werden – wir gingen 7 Frauen durch – 5 wurden sofort erschossen u. 2 ich u. eine Kollegin blieben am Leben. Wir 2 haben bis zur Befreiung noch grauenhaftes erlebt – u. merkwürdig – sogar überlebt – total entkräftet ich wog 32 od. 34 kg ich weiß es nicht mehr – nahmen uns die Russen (wir kamen auf unserer Flucht bis an die Front) in Obhut. Auf langen Umwegen über, Deutschland, Russland, Polen, Ungarn – Slowakei landete ich im Mai in Brno.
Syme und ihr Mann Fritz waren im April 1942 nach Theresienstadt verschleppt und im Oktober 1944 weiter nach Auschwitz-Birkenau deportiert worden. Im Februar 1945, beim Todesmarsch von Auschwitz nach Groß-Rosen, gelang ihr die Flucht. Hier schreibt sie ihrem Bruder Ned Spindel. Der Brief wurde im Original auf Deutsch und mit allen Abkürzungen verfasst. Im August 1950 wanderte Syme nach Kanada aus und ließ sich in Toronto nieder.
Mendel (Menachem) Segal, München, 8.11.1945
Ich möchte das blutgetränkte Deutschland unbedingt verlassen. Wenn Ihr mir dabei helfen könntet, bitte ich Euch inständig es zu tun, und unternehmt etwas für ein Zertifikat, damit ich nach Eretz Israel kommen kann. Ich würde mich sehr über eine Antwort von Euch freuen. Schreibt mir an folgende Adresse:
Jewish Captain
HQ Spec. Troops 9th Inf. Div
APO 9 U.S. Army
Für Mendel Segal, München
Mendel (Menachem) Segal aus Litauen überlebte das Ghetto Kaunas und das KZ Dachau.
Zipora Schapira, Selino, 15.2.1946
Meine Lieben!
Nach langem Bitten habe ich nun endlich Eure Adresse erhalten und beeile mich, Euch mit einem ersten Lebenszeichen aus der ausgestorbenen Welt zu grüßen. (…) Es tut weh, aber man muss es schreiben und man muss es wissen. Das ist das Einzige, was wir tun können, um unsere heiligen Opfer zu ehren.
Und ich weiß nicht, was ich Euch von mir erzählen soll, wie ich Euch erklären soll, dass ich unversehrt überstanden habe. Dass ich brennende Öfen und roten Schein am Himmel gesehen habe, dass ich täglich Tausende Menschen auf dem Weg in die Gaskammer gesehen habe, die nicht wussten, was in zehn Minuten mit ihnen geschehen würde. Ich sah Funkenbündel, Flammen und manchmal sogar das Stück einer verkohlten Hand, die aus dem riesigen Schornstein schossen. Und ich stand jeden Tag nackt bei der Selektion, und der SS-Mann schickte mich jeden Tag, als wolle er mich ärgern, zurück ins Lager und nicht in den Ofen.
Und wieder Hiebe, schlimmer als Hunger, als Durst, als Brom, das in die Suppe geschüttet wurde, schlimmer als Abstumpfen und Erstarren, und das große, beharrliche Gebet um die höchste Gnade, den Tod. (…) Bis zum letzten Moment dachte ich, das die Hölle nun endlich ein Ende hätte. Aber vergebliche Hoffnung!
Zipora Schapira wurde als 17-Jährige nach Auschwitz-Birkenau verschleppt. Sie verlor beide Eltern. Nach der Befreiung schrieb sie aus Italien an ihre Cousinen. 1948 zog sie nach Israel. Die Veröffentlichung des Briefes (der im Original auf Polnisch verfasst wurde) erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Familie.
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